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Plakatmotiv: Atemlos vor Angst (1977)
Fiebriger Blick auf eine archaische
Welt ohne Freunde, ohne Vertrauen
Titel Atemlos vor Angst
(Sorcerer)
Drehbuch Walon Green
nach dem roman „Lohn der Angst“ („Le Salaire de la peur“) von Henri Georges Girard (alias Georges Arnaud)
Regie William Friedkin, USA 1977
Darsteller Roy Scheider, Bruno Cremer, Francisco Rabal, Amidou, Ramon Bieri, Peter Capell, Karl John, Friedrich von Ledebur, Chico Martínez, Joe Spinell, Rosario Almontes, Richard Holley, Anne-Marie Deschodt, Jean-Luc Bideau, Jacques François u.a.
Genre Abenteuer, Drama
Filmlänge 121 Minuten
Deutschlandstart
13. April 1978
Inhalt

Nicaragua. Tief im Urwald. Im Volksmund heißt die Gegend „Teufels Arschloch“. Auf einem Erdölfeld explodiert eine Bohrstation. Den Brand mit Wasser löschen geht nicht. Der Leiter des Ölfeldes beauftragt einen Sprengexperten, das Feuer mit einer Explosion auszublasen. Aber das im alten Dynamit-Lager gestapelte Sprengmaterial wurde falsch gelagert, die Kisten nicht regelmäßig gewendet, dadurch ist das Nitroglyzerin aus den Sprengstäben in die Verpackung ausgelaufen. Damit fällt ein Transport mit dem Hubschrauber aus – die kleinste Erschütterungen kann zur Explosion führen.

Plakatmotiv (US): Sorcerer – Atemlos vor Angst (1977)Der Leiter sucht vier mutige Männer, die das Nitroglyzerin 218 Kilometer quer durch den Dschungel auf zwei LKW bis zur brennenden Ölquelle transportieren sollen, von deren Weiterbetrieb die gesamte Infrastruktur, das ganze Leben in der Region abhängt. Der Leiter bietet viel Geld und einen echten Ausweis, um dem armseligen Leben in dem Drecksloch entfliehen zu können.

Nach Fahrtests fällt die Wahl auf Jackie Scanlon, der sich vor Auftragsmördern eines Gangsterbosses versteckt, Serrano, der nach einem Millionenbetrug hier gelandet ist, Nilo, ein Palästinenser, der in Jerusalem ein tödliches Attentat verübt hat. Und auf Marquez, der aber schon vor der Abfahrt erschossen wird; an seiner statt bietet sich Nilo an, ein Auftragskiller. Das Vorleben der jeweils anderen kennt keiner der Männer. Wozu auch?

Auf der waghalsigen Fahrt müssen Jackie und die anderen mehrere lebensgefährliche Hindernisse meistern, darunter die zentimeterweise Fahrt über eine modrige Hanfseilbrücke. Oder diesen gigantischen Baum, der umgestürzt ist und wie eine Betonwand den Weg blockiert.

Kurz vor dem Ziel platzt bei einem der beiden Wagen ein Reifen …

Was zu sagen wäre

Wenn Du nichts hast, hast du auch nichts zu erwarten. Wenn Du in „Teufels Arschloch“ bist, hast Du gar nichts. Von hier aus gesehen kann es entweder aufwärts gehen, oder du endest als Furunkel im Arsch.

Der Kampf der vier Männer ist eine Allegorie auf das Leben selbst: If You make it there, You can make it anywhere. Die vier Männer sind Flüchtlinge. Einer hat Millionensummen seines Schwiegervaters an der Pariser Börse verzockt, einer den Bruder eines New Yorker Dons ausgeraubt, einer in Jerusalem eine Bombe gelegt und einer hat einen Mord begangen. Sie können alle nicht zurück. Zurück in die Heimat ohnehin nicht, zurück in das nicaraguanische Kaff, in das sie aus ihren verschiedenen Heimaten geflohen sind, auch nicht mehr. Vorwärts in den möglichen Tod. Oder auf der Stelle sterben.

Es ist eine archaische Welt, in die William Friedkin uns führt (Der Exorzist – 1973; French Connection – Brennpunkt Brooklyn– 1971). Keine Freunde. Nur Misstrauen. Und andere Fremde. Darin erinnert er an John Hustons Klassiker Der Schatz der Sierra Madre, in dem sich ein paar Gestrandete ohne Vorgeschichte – unter ihnen Humphrey Bogart – zusammentun, um einen Goldschatz zu heben. Wer die Typen eigentlich sind, ist im Prinzip gar Plakatmotiv (US): Sorcerer – Atemlos vor Angst (1977)nicht so wichtig. Von dem Vorleben der anderen weiß niemand was. Bei Huston nicht. Und bei Friedkin auch nicht. Außer dem Zuschauer – im Prinzip. Bei dem kommt es darauf an, welche Fassung des Films er sieht.

Die außerhalb Amerikas veröffentlichte Fassung wurde um eine halbe Stunde gekürzt, von 121 auf 92 Minuten. Gleichzeitig wurde die Abfolge der Ereignisse verändert: In der Original-US-Version wird der Film ganz chronologisch erzählt, die Gründe also, aus denen die einzelnen Personen in den Dschungelort kommen, am Anfang des Films erzählt. In der kürzen Fassung für den internationalen Markt wird das Vorleben in Rückblenden gezeigt, die an unterschiedlichen Stellen in den Film montiert wird – was sich als die zweitbeste Lösung erweist.

Die chronologische Version vergrößert die Fallhöhe der Figuren, was besonders deutlich bei Serrano wird, der in Paris ein Leben unter den Reichen und Schönen geführt, in eine reiche Familie hineingeheiratet hat – und jetzt in diesem Drecksloch vegetiert. Scanlon, dem Roy Scheider (Der Marathon-Mann – 1976; Der weiße Hai – 1975; French Connection – Brennpunkt Brooklyn– 1971; „Klute“ – 1971) mit seinem treuen Hundeblick das Gesicht eines Mannes gibt, der schon als Verlierer auf die Welt kam, war ein kleines Licht in einem Gagnsterclan, ist durch einen blöden Unfall hier gelandet und hat außerhalb dieses Lochs keine Zukunft – jedenfalls nicht ohne viel Geld, wie es zum Beispiel der Job der Ölfirma verspricht.

Dies alles zu wissen, vertieft das Verständnis für die Motivation der Charaktere und intensiviert in der Folge die Spannung des Nitro-Transports.

Die Vorgeschichten umreißen mit grobem Strich die einzelnen Charaktere: der Amerikaner, der Franzose, der Palästinenser; und der Killer. In der zweiten Hälfte lässt uns der Film dann nicht mehr aus seinen Klauen, wenn sich geradezu groteske Hindernisse (ohne Rückblenden) zu einem komplexen Thriller verdichten, in dem der Score eine eigene Rolle spielt. Tangerine Dream, 1967 von Edgar Froese in Berlin gegründet, variiert auf dem Syntheziser verschiedene Elemente, experimenteller Minimalismus zwischen Trance und Dance. Für „Sorcerer“ hat die Band kühle Tonfolgen auf ihren Tastengeräten komponiert, die die Kälte des inneren Horrors der Figuren symbolisiert und gleichzeitig in so auffälligem Kontrast zu der überwuchernden äußeren Natur dieser Welt steht, dass er den Film in die Sphären eines fiebrigen Albtraums hebt.

Friedkins archaischer Thriller ist eine Neuverfilmung des Films „Lohn der Angst“ von Henri-Georges Clouzot aus dem Jahr 1953 und basiert wie dieser auf dem Kriminalroman „Lohn der Angst“ (Le Salaire de la peur) von Henri Georges Girard (alias Georges Arnaud).

Wertung: 7 von 9 D-Mark
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