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Kinoplakat: Bridge of Spies – Der Unterhändler
Spielberg verzichtet
auf die große Oper
Titel Bridge of Spies – Der Unterhändler
(Bridge of Spies)
Drehbuch Matt Charman + Ethan Coen + Joel Coen
Regie Steven Spielberg, USA, Deutschland, Indien 2015
Darsteller
Tom Hanks, Mark Rylance, Scott Shepherd, Amy Ryan, Sebastian Koch, Alan Alda, Austin Stowell, Michail Gorewoi, Will Rogers, Eve Hewson, Peter McRobbie, Billy Magnussen, Domenick Lombardozzi, Michael Gaston, Dakin Matthews, Edward James Hyland, Noah Schnapp, Petra Marie Cammin, Michael Schenk, Burghart Klaußner, Max Mauff u.a.
Genre Drama
Filmlänge 142 Minuten
Deutschlandstart
26. November 2015
Website ownbridgeofspies.com
Inhalt

1957, als der Kalte Krieg auf einem Höhepunkt ist, gelingt den USA die Verhaftung des Sowjetagenten Rudolf Abel. Er wird vernommen, verweigert aber die Zusammenarbeit.

Als Pflichtverteidiger bekommt er jemanden zur Seite gestellt, dessen Fähigkeiten außer Frage stehen, der jedoch als Versicherungsanwalt wenig Expertise für seinen neuen Auftrag mitbringt: James Donovan. Der Jurist ist skeptisch, zumal die Verteidigung eines feindlichen Agenten von vielen als Landesverrat angesehen wird und damit sein Leben und vor allem das seiner Frau Mary und das seiner Tochter Jan bedrohen kann.

Donovans persönliche Lage spitzt sich zu, als ihn der CIA-Beamte Hoffman, beindruckt von Donovans Auftritten im Gerichtssaal, mit einer neuen Mission betraut. Das U-2-Spionage-Flugzeug des US-Piloten Francis Gary Powers wurde über der Sowjetunion abgeschossen.

Donovan soll nach Ost-Berlin, um mit den Sowjets die Freilassung zu verhandeln – und einen Gefangenenaustausch zu initiieren …

Was zu sagen wäre

Am Ende fährt der Anwalt mit der Subway nach Manhattan und sieht, wie Kinder beim Spielen spielend über Gartenzäune klettern. Etwa eine halbe Filmstunde vorher fuhr der Anwalt mit der Berliner S-Bahn über den jüngst errichteten Todesstreifen und erlebt, wie Menschen von DDR-Grenzern erschossen werden, die versuchen, die Mauer von Ost nach West zu überwinden. Diese naive Scheinheiligkeit auf die Welt möchte ich Steven Spielberg gerne um die Ohren hauen. Diese Übersetung des Good American Lifestyle ist menschenverachtend; das kann ich bei dem Mann, der Schindlers Liste gemacht hat, nicht tolerieren.

Im Osten ist es immer grau und kalt

Und prompt stolpere ich darüber, dass es natürlich ein kalter, dunkler Winter ist, in dem wir Ost-Deutschland und die Sowjets im Schneetreiben erleben und natürlich wird der Anwalt von marodierenden Ost-Berlin-Gangs in diesem Schneetreiben seines Mantels („Saks, Fifth Avenue“) beraubt – während die Szenen in Manhatten im milden Licht des Frühlings und des Herbstes leuchten. Immerhin: Während sowjetische und ost-deutsche Beamte als offen diabolisch gemeine Folterknechte gezeigt werden, sind die US-Beamten heuchlerische Zyniker, die den Geist der freiheitlichen US-Verfassung vor sich her und die Verschlagenheit und Verachtung für die anderen dafür im Herzen tragen: „Sie sollen ihn verteidigen, der Welt unsere Werte zeigen. Und dann sprechen wir ihn schuldig!“ // „Es darf nicht so aussehen, als würde die amerikanische Justiz Menschen auf die Müllhalde werfen.“ An den Gartenzaun kletterndern Kindern scheitert Spielbergs ambitioniertes und ansonsten großartig erzähltes Werk.

Spielberg macht hier etwas Neues: Er verzichtet großzügig auf Musik. Waren seine bisherigen Filme häufig halbe Opern, in denen nicht immer klar war, ob wir nicht einem bebilderten John-Williams-Konzert beiwohnen, erklingen die ersten Noten vom Soundtrack, den erstmals bei einem Spielberg-Film nicht Williams komponiert (sondern Thomas Newman – James Bond 007 – Spectre, Skyfall, WALL·E), erst nach gut einer halben Stunde. Die Musikspur bleibt auch in den kommenden zwei Stunden sehr frei. Damit ermöglicht Spielberg den unverstellten Blick auf seine Inszenierung – und die ist brillant. Es gibt eine Szene, da muss der Anwalt seiner Frau klar machen, dass er diesen Fall übernehmen wird, der ihn und seine Familie in große gesellschaftliche Bedrängnis bringen könnte (und wird).

Brillantes Handwerk

Das ist in der Struktur dieses Films eine für die familiäre Verortung des Helden notwenidge Szene – und das klingt so langweilig, wie es normalerweise ist. Spielberg nutzt diese Szene also, um auch die moralischen Aspekte des Spionage-Justiz-Dramas zu diskutieren – auch das ist in einem großen Publikumsfilm ein schwieriges Unterfangen und also erzählt Spielberg da – ganz nebenbei – auch noch vom Innenleben der Familie, die sich balgt, kratzt und aber respektiert, und von der geheimen Liebschaft seiner Tochter, die eigentlich mit des Anwaltes Assistenten verabredet war, der sie versetzt hat, weil der (in dieser Hinsicht offensichtlich ahnungslose) Anwalt seinen Assistenten kurzfristig mit Arbeit eingedeckt hat. Diese komplexe Szene während eines schlichten Abendessens zeigt Spielbergs ganze Kunst.

Um etwa die zunehmende Bedrängnis seines Helden zu illustrieren, setzt er ihn (wieder) in die Metro, in der lauter Menschen stehen, die in Zeitungen über den Spionagefall lessen und ihn, den Anwalt darauf finster anblicken; dass die Szene sich am Ende (mit den erwähnten Kindern am Gartenzaun) wiederholt, diesmal mit Menschen, die die freundlichen Schlagzeilen lesen und den Anwalt prompt demonstrativ anlächeln, ist ärgerliches Pathos, das selbst Spielberg mittlerweile den Controllern des Filmstudios zugestehen muss – die Zeiten, in denen er Dinosaurier auch mal artig bellende Golden Retriever aus dem Vorgarten verspeisen lassen durfte, sind vorbei; seinen Ruf als garantierter Blockbuster-Lieferant hat Spielberg abgelegt, seine Filme wurden ambitionierter, die Gewinne schmäler, die Controller also einflussreicher – so funktioniert Hollywood.

Tom Hanks, der mehrheitsfähige gute Amerikaner

In seinem Erbauungsfilm aus dem (eis)kalten Krieg arbeitet Spielberg zum vierten Mal mit Tom Hanks zusammen, dem perfekten (bei den US-Bürgern) mehrheitsfähigen Wunsch-Amerikaner – so wie Hanks in diesem Film argumentiert und handelt, sehen sich die USA besonders gerne. Und tatsächlich macht Hanks (Saving Mr. Banks – 2013; Captain Phillips – 2013; Cloud Atlas – 2012; Extrem laut & unglaublich nah – 2011; Larry Crowne – 2011; The Da Vinci Code – 2006; Forrest Gump – 1994; Philadelphia – 1993; big – 1987; Schlappe Bullen beißen nicht – 1987; Nothing in Common – 1986; Splash: Jungfrau am Haken – 1984) diesen West-Ost-Verhandlungspoker zu einem Feel-Good-Cold-War, in dem Vernunft und Menschlichkeit siegen.

Spielberg kann seine Vergangenheit selten so ganz leugnen; manchmal gehen ihm in der Inszenierung die Pferde durch. Als der Spionagepilot Powers abgeschossen wird, inszeniert Spielberg das, wie eine Szene aus Indiana Jones nach dem guten alten Spielberg-Prinzip, immer noch einen drauf zu setzen. Der Pilot, der eingebläut bekommen hat, sein hochmodernes Flugzeug im Falle eines Abschusses unter gar keinen Umständen den Russen in die Hände fallen zu lassen wird aus dem Cockpit geschleudert und kämpft sich im Absturz zurück ins zerstörte Cockpit, um den Selbstzerstörungsmechanismus des Fliegers scharf zu schalten. Für den Film ein überflüssiger Stunt, aber Spielberg hat es bestimmt Spaß gemacht. Vielleicht probiert er sich doch noch mal an einem anarchischen Action-Comic …

Wertung: 6 von 8 €uro
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