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Plakatmotiv: Charade (1963)
Als würde Hitchcock
ein Ballett tanzen
Titel Charade
(Charade)
Drehbuch Peter Stone + Marc Behm
Regie Stanley Donen, USA 1963
Darsteller Cary Grant, Audrey Hepburn, Walter Matthau, James Coburn, George Kennedy, Dominique Minot, Ned Glass, Jacques Marin, Paul Bonifas, Thomas Chelimsky, Marc Arian, Claudine Berg, Marcel Bernier, Georges Billy, Albert Daumergue, Raoul Delfosse, Lucien Desagneaux, Stanley Donen, Colin Drake u.a.
Genre Comedy, Romantik
Filmlänge 113 Minuten
Deutschlandstart
13. Dezember 1963
Inhalt

Die US-amerikanische Simultandolmetscherin Regina Lampert beschließt in ihrem Skiurlaub, sich von ihrem Mann Charles zu trennen. Als sie nach Paris zurückkehrt, ist ihre große Wohnung völlig leergeräumt.

Die französische Polizei teilt ihr mit, dass ihr Mann, offenbar auf der Flucht, getötet wurde, und übergibt ihr eine Tasche, die bei dem Toten sichergestellt wurde, mit einigen wenigen Habseligkeiten, darunter ein Notizbuch, mehrere Pässe auf seinen Namen und ein frankierter, unverschlossener Brief an seine Frau. Die 250.000 Dollar, die ihm die Versteigerung der gesamten Wohnungseinrichtung eingebracht habe, hätte man allerdings nicht finden können.

In der Folge wird Regina in eine undurchsichtige Kriminalgeschichte verwickelt, die sich um eine Episode aus dem Zweiten Weltkrieg dreht. Drei ehemalige Kriegskameraden ihres Mannes bedrohen sie. Sie fordern von ihr 250.000 Dollar, die aus einem gemeinsamen Golddiebstahl stammen sollen. Lampert habe seine OSS-Kameraden betrogen und das Gold vor ihnen versteckt, das aber nun spurlos verschwunden sei. Ein Mister Bartholomew von der CIA fordert Regina auf, für ihn zu spionieren.

Plakatmotiv: Charade (1963)Im Skiurlaub hatte sie zudem den US-Amerikaner Peter Joshua kennengelernt, der in der Folge ihre Gefühlswelt durcheinanderwirbelt. Joshua gibt sich anfangs als charmanter Helfer aus. Als seine Verbindung zu den Gangstern auffliegt, behauptet er, der Bruder von Carson Dyle zu sein. Carson Dyle war ebenfalls an dem Golddiebstahl beteiligt, ist aber im Krieg getötet worden. Als Regina herausfindet, dass Carson Dyle keinen Bruder hatte, behauptet Joshua, er sei ein Meisterdieb.

Immer wieder wird von den Beteiligten der Inhalt der Tasche, die Lampert zuletzt bei sich hatte, erfolglos durchsucht. Jeder misstraut jedem, und einer nach dem anderen werden die Kriegskameraden auf mysteriöse Weise ermordet. Endlich jedoch haben die Verbliebenen fast gleichzeitig die entscheidende Idee …

Was zu sagen wäre

Eine Witwe gerät in die Fänge skrupelloser Killer. Die Hauptfiguren sprechen elegante Drehbuch-Dialoge („Seien Sie vorsichtig.“ ”Das sagte ich mir auch gerade. Sie nehmen mir das Wort aus dem Mund.“) Ein Kasperltheater gerät zur Allegorie des bisher Gesehenen. Cary Grant steht im Zentrum des Geschehens („Hausboot“ – 1958; Liebling, ich werde jünger – 1952; Ich war eine männliche Kriegsbraut – 1949; Berüchtigt – 1946; Verdacht – 1941; Die Nacht vor der Hochzeit – 1940; „His Girl Friday – Sein Mädchen für besondere Fälle“ – 1940; Leoparden küsst man nicht – 1938). Das klingt, als hätten Alfred Hitchcock und Billy Wilder gemeinsam an einem Film gearbeitet. Aber Hitchcock und Wilder haben mit diesem Film ebensowenig zu tun, wie Cary Grant nicht im Zentrum des Gerschehens steht.

Er steht leicht daneben. Im Zentrum steht Audrey Hepburn (Frühstück bei Tiffany – 1961; Denen man nicht vergibt – 1960; Geschichte einer Nonne – 1959; Ariane – Liebe am Nachmittag – 1957; „Ein süßer Fratz“ – 1957; Sabrina – 1954; Ein Herz und eine Krone – 1953). Und auf dem Regiestuhl sitzt Stanley Donen, ein versierter Musical-Regisseur, der mit Hepburn in „Ein süßer Fratz“ 1957 große Erfolge feierte. Stanley Donen kennt sich aus mit Rhythmus – auch wenn kein Score den Takt vorgibt. Er bringt die Figuren auch in Gleichklang, wenn die Musik schweigt.

Sein Film „Charade“ ist ein elegantes Ballett, aufgeführt von ungelenken Killern mit, wahlweise, Stahlklauen oder dicken Brillen.

Plakatmotiv: Charade (1963)Alle jagen einer viertel Million Dollar hinterher. Aber das ist – streng genommen, jedenfalls für den Film als solchen – völlig unwichtig; die 250.000 Dollar sind blanker MacGuffin. Wirklich spannend sind die Figuren in diesem Tanz – „Wir benutzen in diesem Lande immer noch die Guillotine. Ich bin zwar der Meinung, dass die scharfe Klinge des Fallbeils, wenn es herunterkommt, nur ein angenehm prickelndes Kitzeln im Nacken verursacht. Aber das ist, wie gesagt, lediglich eine Annahme.

Donen wechselt dauernd die Loyalität des Zuschauers; nie kann der sich sicher sein – so wenig, wie Reggie, die Audrey Hepburn mit jederzeit entflammbarer Libido und großen Augen spielt. Dass das Subjekt ihrer Begierde der um Zweifel fördernd viele Tarnidentitäten reichere und 25 Jahre ältere Cary Grant ist, spielt Hepburn locker weg; in Billy Wilders Ariane – Liebe am Nachmittag (1957) hatte sie es mit Gary Cooper zu tun, der nochmal drei Jahre älter ist als Grant. Cooper wirkte damals eher weitere fünf Jahre älter; Cary Grant wirkt unter Donens Regie zehn Jahre jünger.

Grant hatte sich Anfang der 50er Jahre ja eigentlich aus dem Filmgeschäft zurückgezogen. Alfred Hitchcock aber überzeugte ihn, die Hauptrolle in Über den Dächern von Nizza (1955) zu übernehmen. Seitdem arbeitet Grant weiter als Darsteller seines eigenen Images und seine Rolle in Stanley Donens „Charade“ erinnert frappierend an eine Kreuzung der Grant-Charaktere aus Der unsichtbare Dritte (1959) und dem Gentleman-Dieb John Robie von 1955 („Jetzt habe ich Ihren Anzug nass geweint.“ „Das macht nichts. Er ist imprägniert.“).

Kurz: In Stanley Donens Film ist keine Figur real. Jede ist entsprechend ihrer Funktion besetzt – wie auf dem Tanzparkett; und wenn man bedenkt, dass Donen sich mit Musicals wie „Ein süßer Fratz“ (1957 – ebenfalls mit Audrey Hepburn), „Eine Braut für sieben Brüder“ (1954) oder „Singin' in the Rain“ (1952) einen Namen gemacht hat, wundert es nicht, dass dieser Film über seinen Rhythmus in Schwingung versetzt wird; die Handlung hält einem Realitäts-Check keine zwei Minuten stand.

Darauf aber, den Realitäts-Check, hat schon Alfred Hitchcock nie Wert gelegt, ebenso wenig wie Donen in seiner Charade, die – wortwörtlich – ein Silbenrätsel bedeutet, das mit den Mitteln des Durchschnitts-Denkens kaum zu lösen ist. <Nachtrag2010>WIKIPEDIA zitiert als Beispiel eine Scharade von Gustav Theodor Fechner: „Die erste Silbe frisst, / die andre Silbe isst, / die dritte wird gefressen, das Ganze wird gegessen.“ (Lösung: Sau – er – kraut → Sauerkraut).</Nachtrag2010> Bei aller auf der Hand liegenden Vergleicherei mit Hitchcock sei auch gesagt: Hitchcock inszenierte, anders als Donen, mehr Suspense.

Stattdessen füllt Donen seine ballettartige Charade mit spritzigen Dialogen, die den Irrealis des Ganzen unterstreichen und dem Film damit eine luftige Eleganz verleihen.

Wertung: 6 von 7 D-Mark
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