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Plakatmotiv: Alamo (1960)
Ein historisches Kriegs-Epos.
Von Männern. Für Männer.
Titel Alamo
(The Alamo)
Drehbuch James Edward Grant
Regie John Wayne, USA 1960
Darsteller John Wayne, Richard Widmark, Laurence Harvey, Frankie Avalon, Patrick Wayne, Linda Cristal, Joan O'Brien, Chill Wills, Joseph Calleia, Ken Curtis, Carlos Arruza, Jester Hairston, Veda Ann Borg, John Dierkes, Denver Pyle u.a.
Genre Western, Krieg
Filmlänge 167 Minuten
Deutschlandstart
26. Januar 1961
Inhalt

Die Geschichte spielt in San Antonio im Jahre 1836. Texas hat gerade seine Unabhängigkeit von Mexiko erklärt. Doch der mexikanische Generalissimo Santa Anna will in der neuen Republik die Herrschaft erlangen. Dazu hat er rund 7.000 Soldaten zur Verfügung.

General Sam Houston stellt in aller Eile Truppen gegen ihn auf. Um mehr Zeit für die Rekrutierung zu bekommen, sollen die mexikanischen Truppen aufgehalten werden. Colonel William Travis und Colonel James Bowie mit ihren Leuten übernehmen diese Aufgabe und verschanzen sich in der notdürftig zur Verteidigung hergerichteten ehemaligen Missionsstation Alamo.

Auch einige Dutzend Männer aus Tennessee unter Colonel Davy Crockett treten der anrückenden mexikanischen Armee entgegen. Sie werden von Santa Anna belagert und überstehen zunächst einige Angriffe. Schließlich wird Alamo jedoch gestürmt und alle männlichen Verteidiger werden getötet.

Plakatmotiv: Alamo (1960)

Was zu sagen wäre

Die Schlacht um Alamo gehört zu den Gründungsmythen des US-Stolzes, ist das blutige Vorbild für die Never give up-Philosophie, die die Männer des 30er-bis-70er-Jahre-Kinos ebenso durchweht, wie die Sonntagsreden mancher US-Präsidenten, wenn sie zum Krieg rufen. Dass ausgerechnet der republikanische Haudegen John Wayne aus dieser fragwürdigen Episode der US-Geschichte einen Film macht, ist bemerkenswert – oder gefährlich. Es besteht die Gefahr, im deutschen Kinosessel einem plumpen Heldengesang beiwohnen zu müssen, bei dem der Durchschnitts-Europäer schon nicht kapiert, was die Mexikaner in Texas gemacht haben, wie das war, so rein historisch, dass es zu einer aussichtslosen, aber notwendigen Schlacht wie der in Alamo kam, ja kommen musste.

Die Schlacht von Alamo gilt als Symbol des Unabhängigkeitskrieges und mobilisierte die Texaner. Sie wird – meist unter Übergehung der Tatsache, dass sich angloamerikanische Siedler gewaltsam mexikanisches Gebiet aneignen wollten – als Freiheitskampf betrachtet; ursprünglich hatte Mexiko Siedlern, die sich Mitte der 1820er Jashren in der mexikanischen Provinz Tejas niederlassen wollten, Land und je 30 Dollar zugesprochen.

„Das Sterben beginnt schon bei der Geburt!“, raunt Davy Crockett, Kongressabgeordneter aus Tennessee und kerniger Kämpfer. Unter John Waynes Regie wird dauernd für „die Freiheit“ gekämpft. Die war in der Tat eingeschränkt, seit Antonio López de Santa Anna Präsident Mexikos wurde und sich für einen zentralistischen Staat einsetzte. Mit seiner Machtübernahme 1833 verschlechterten sich die Bedingungen für die föderalistisch gesinnten Einwanderer in Tejas (Texas); die Immigration wurde stärker beschränkt, die Rechte der Siedler beschnitten, was schließlich dazu führte, dass die Siedler sich zusammenschlossen und die „Republik Texas“ ausriefen. In diesem Texanische Unabhängigkeitskrieg, in dem die Siedler nun mexikanisches Territorium annektierten, besiegten die Texaner zunächst mehrere Heeresverbände der Mexikaner und vertrieben schließlich im Dezember 1835 die Truppen von Martín Perfecto de Cos, dem Schwager Santa Annas, aus San Antonio und Alamo. Um die Besatzer wieder zurückzudrängen, sammelte Santa Anna eine Armee von bis zu 7.000 Mann um sich.

Die Schlacht von Alamo erzählt die Verteidigung der Mission durch etwa 185 Männer gegen jene 7.000. Nach dem Fall von Alamo erhielt die texanische Armee starken Zulauf und konnte letztlich den Unabhängigkeitskrieg für sich entscheiden. Die Mission von Alamo liegt heute mitten in San Antonio im heutigen Texas.

Für John Wayne ist diese Helden-Erzählung wichtiger als bündiges Erzählen mit der Kamera. Was die Bilder angeht, vertraut er seinem Kameramann und dessen Beleuchtern, und in der Montage vertraut er seinem Cutter, dass der aus dem Heldenepos, das ihm – Wayne – vorschwebt, schon einen goutierbaren Film machen werde. Wayne erzählt eine Geschichte, in der die Mexikaner verlieren, obwohl – oder weil – sie diese Schlacht gewonnen haben. Nackt werfen sich die tapferen Helden den bunt Uniformierten mit ihren Bajonetten entgegen, wissend, dass sie sterben werden … aber da ist längst nicht mehr klar, wofür eigentlich. Obwohl Wayne so viele Brücken zum Greater Good gebaut hat.

Schon im Vorspann zu diesem Film heißt es: „Anno 1836. Texas, das schon viele Machthaber erlebt hatte, stand damals unter der Hoheit von Mexiko. Obgleich seine Einwohner aus allen Teilen der Vereinigten Staaten und aus aller Herren Länder stammten, mussten  sie mexikanische Bürger werden. Generalissimo Santa Ana stieß mit seinen. Truppen nordwärts durch Mexiko gegen Texas vor und zermalmte alles, was sich ihm entgegenstellte. So standen sie vor der Entscheidung, die Menschen zu allen Zeiten treffen müssen – vor der ewigen Schicksalsfrage – sich zu unterwerfen oder Widerstand zu leisten.“ Denn darum geht es Wayne: Dem von zwei Weltkriegen, Koreakrieg ermatteten und vom frisch gestarteten Krieg in Vietnam nicht begeisterten US-Bürger nochmal klar zu machen, wofür man(n) Kriege führt. Da hat er mit diesem Introtext gleich den rechten Ton für diesen Film gesetzt!

Eine Geschichte, in der Laurence Harvey die Rolle des steifen Colonel William Travis übernimmt, gegen den die bärbeißigen John Wayne als Colonel Davy Crockett und Richard Widmark als Colonel James Bowie aufbegehren können. („Wenn's los geht, sind sie alle dabei. Aber von Ansprachen vorher halten sie nicht viel. Was wollen Sie Ihnen den erzählen?“ „Ich will ihnen die Not schildern, die durch die Ausbeutung der Bevölkerung bei uns entstanden ist. Und dass diese Menschen hier unter dem Regime des Diktators Santa Ana zu leiden haben. Wir haben keinerlei Rechte in der Regierung. Keinen Markt für unsere Produkte. Und den Handel mit dem Norden hat man uns verboten!“) und Richard Widmark als Colonel James Bowie („Sie sind ein verdammter Narr, Travis!“) aufbegehren können. John Wayne auf dem Regiestuhl inszeniert das historisch verbürgte Drama mit viel Testosteron – seine Helden, John Wayne und Richard Widmark, zwei Haudegen des 50er-Jahre Kinos inszeniert er wie zwei rauflustige Saufkumpane, die in den Krieg ziehen, weil sie gerade nichts besseres zu tun haben. Natürlich lernen sich die beiden Dinosaurier während einer Schlägerei kennen „Vielen Dank für die Hilfe. Wenn Sie den einen selbst fertig machen wollen, dann kann ich Ihnen den anderen ja abnehmen!“ „Einverstanden!“ Das atmet den Charme eines kleinen gallischen Dorfes mit den Helden Asterix und Obelix, die 1959 in Comicform den Kampf gegen die Römer aufgenommen haben.

Plakatmotiv (US): Alamo (1960)Richard Boone ist der beklagenswerte General Sam Houston: „Man hat mir das Kommando über die Armee von Texas gegeben. Aber das Haar in der Suppe ist, dass es in ganz Texas überhaupt noch keine Armee gibt. Ich habe nur ein paar Freunde und Freiwillige. Mit ihrer Hilfe muss ich erstmal eine Armee aufstellen. Aber dazu benötige ich vor allen Dingen Zeit. Und Ihr am Rio Grande werdet mir die Zeit, die ich dafür brauche verschaffen.“

Wayne lässt sich viel Zeit, um dem Zuschauer die in der Tat nicht unkomplizierte Gemengelage aus Mexikanern und Texanern, Republikanern und Tennessee-Männern und deren Interessen deutlich zu machen. Er füllt die Zeit, die er dazu braucht, mit viel Verbrüderungs-Folklore – trinken, rauchen, auf den Tischen tanzen und eine sehr schöne, milchkaffeefarbige Mexikanierin, die nicht auf den Mund gefallen ist – „Würden Sie mir Ihre Hilfe ebenso schnell anbieten, wenn ich schon eine Frau von 60 wäre und Runzeln hätte? Oder tun Sie das nur, wie ich jung bin und Witwe; und weil Sie so weit weg von Ihrer Familie sind?

All diese Folklore gibt dem abstrakten Kriegsgeschehen, das da heraufzieht, allerlei Menschelndes, bei dem ich im Kinosessel trotz diverser Vorbehalte (siehe oben) gerne mitfiebere. „Der Colonel mit der Senora, das gefällt mir. In letzter Zeit habe ich mir schon Sorgen um ihn gemacht. Da hat er für weibliche Reize keine Augen mehr gehabt.“ „Ja ja, die Politik hat schon Manchem den Spaß verdorben!“ Dann klingen Violinen im Score und Wayne flaniert mit der feurig sanft-schönen Mexikanerin durch einen lichten grünen Wald – „Ich hab' immer gedacht, dieses Land besteht nur aus verbrannter Erde. Aber es ist grün und fruchtbar. Ich bin immer wieder überrascht, wie herrlich es hier ist. Dieser Baum da, was ist das für ein prächtiger Bursche!“ Diese Schönheit veranlasst Davy Crockett, John Wayne, dann zum zentralen Monolog dieses Films: „Ich will jetzt nicht nur von mir sprechen, denn es betrifft Dich genau so gut wie mich oder besser gesagt: Es betrifft die Menschen überall auf der Welt! Als ich hierher nach Texas kam, da habe ich etwas gesucht. Nur habe ich nicht gewusst, was. Durch Dich, Flaca, ist mir klar geworden, was für ein Leben ich führe. Es bestand darin, die anderen immer zu übertrumpfen. Oder manchmal auch von ihnen übertrumpft zu werden. Ich hab' mir ein paar Orden und ein bisschen Geld verdient. Aber das wiegt die Schmerzen nicht auf, die die Mutter bei meiner Geburt gehabt hat. Ich kam mir so leer vor. Das Empfinden habe ich jetzt nicht mehr. Jetzt weiß ich, was wichtig ist. Das Leben muss einen Zweck haben: Sich gegen die Unterdrückung zur Wehr setzen und für dass Recht kämpfen, das lohnt sich schon! Auch wenn man dafür Prügel bekommt. Das mag sich vielleicht anhören wie der Vortrag eines Bibelforschers, der auf der Straße zu den Leuten spricht, aber das ändert nichts daran, dass es wahr ist. Hier ist das Recht und dort das Unrecht. Für eins muss man sich entscheiden! Wenn man für das Recht kämpft, lebt man. Wenn man dem Unrecht Vorschub leistet, läuft man zwar noch herum, aber ist eigentlich schon gestorben.“ Währenddessen lauscht die bebend schöne Linda Crystal in der Rolle der Flaca mit vibrierender Brust stumm diesen Worten des wei(s)sen Mannes und man kann das als furchtbaren Kitsch abtun, als Kriegsrhetorik – aber andererseits muss Wayne diese schwer glaubliche Alamo-Motivation (s.o.) ja dem Popcorn knurpselnden Zuschauer in seinem bequemen Kinosessel erklären.

Dann schickt Davy die Frau, die er liebt hinfort, weil er ahnt, wie diese Geschichte ausgehen wird. Im Folgenden dann schauen wir zu, wie die Hoffnungslosen ihre Strategie des Zeitgewinns in mal launigen, mal spannenden Kommandounternehmen umsetzen, Nadelstiche gegen den übermächtigen Feind setzen: Proviantrinder stehlen, schwere Kanonen zerstören – inklusive natürlich einer großen Rinder-Stampede und kerniger Männerfreundschaftsbestätigungen; das lockert die Zeit bis zum unvermeidlichen Finale auf. Im Verlaufe der Handlung nimmt das Pathos unwirkliche, schwer ertragbare Züge an; eine blinde Frau und Mutter etwa schickt ihren tapferen Mann in den Heldentod, der wichtiger für das Ansehen ist, als ein Leben als rechtschaffener Farmer.

Bei historisch verbürgten Schlachten wie dieser, sofern man sie denn verfilmen möchte, muss man Zeit aufwenden, um Empathie zu entwickeln für die einzelnen (historischen) Figuren, weil John Wayne oder Richard Widmark in einem Zweieinhalbstundenfilm als Identifikationsanker nicht ausreichen. Das ergibt am Ende einen actionreichen Abenteuerfilm, getrieben von Testosteron gesteuerter Motivation. Aber wie historisch verbürgt das Ganze tatsächlich ist, ist dann doch eher zweitrangig. Da gilt: Held vor Historie, Wayne/Widmark vor Weltgeschichte. Das geht so weit, dass die hoffnungslos unterlegenen Weißen (Vorfahren derer im Kinosessel) Zeit bekommen, die Aggressoren zu bedauern: „Sicher habe ich manchen braven Mann getötet.“ „Es sind unsere Feinde. Und jedesmal, wenn ich einen getroffen habe, war ich stolz darauf. Aber jetzt bewundere ich sie auch. Weil sie ohne Angst in den Tod gingen. Weil sie dachten, das Recht Wäre auf ihrer Seite. Das spricht für sie!“ – und rechtfertigt dann jede Kriegshandlung (wenn man nur den Gegner als solchen respektiert, darf man ihn moralisch abgesichert abknallen). Aber es gab eben damals auch jede Menge Menschen, die nichts anderes kannten, als Schlachten und Kriege – schon damals bekam nicht jeder Mann eine Frau, also auch eine Familie.

Waynes Epos hat durchaus Elemente eines großen historischen Dramas. Aber dann heben die Choräle an und Frauen entschuldigen sich bei ihren Offiziersmännern dafür, „dass ich Dir früher manchmal Unrecht getan habe. Das ist mir jetzt klar geworden. (…) Es ist vielleicht egoistisch von mir gewesen, aber: Ein Leben ohne Dich, das könnte ich mir gar nicht mehr vorstellen.

Wayne hat sehr von der Hilfe John Fords profitiert, der ihm ein guter Lehrmeister gewesen ist, und von der des Second-Unit-Regisseurs Cliff Lyons. Neben Ford aber atmet der Film auch den weißen, chauvinistischen Geist solcher Regiekerle wie Howard Hawks oder Andrew V. McLaglen oder Henry Hathaway.

Woran denkst Du jetzt, Davy?“ „Nicht an die Zukunft!“ Echte Helden … Kinohelden!

Wertung: 4 von 7 D-Mark
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