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Plakatmotiv: Denen man nicht vergibt (1960)
Rassismus in der Familie
Drama in Western-Gewand
Titel Denen man nicht vergibt
(The Unforgiven)
Drehbuch Ben Maddow
nach dem Roman „The Unforgiven“ von Alan Le May
Regie John Huston, USA 1960
Darsteller Burt Lancaster, Audrey Hepburn, Audie Murphy, John Saxon, Charles Bickford, Lillian Gish, Albert Salmi, Joseph Wiseman, June Walker, Kipp Hamilton, Arnold Merritt, Doug McClure, Carlos Rivas u.a.
Genre Western
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
30. September 1960
Inhalt

Der Norden von Texas nach Ende des Bürgerkriegs: Während der für die Ranch verantwortliche Ben Zachary aus geschäftlichen Gründen in Wichita weilt und dessen jüngere Brüder Cash sowie Andy ihrer Cowboy-Arbeit nachgehen, hat Schwester Rachel beim Ausritt eine merkwürdige Begegnung: Ein geheimnisvoller Alter, einen Säbel tragend und biblische Sprüche klopfend, weiß, dass sie keine Zachary ist – was kein Geheimnis ist, aber gewissermaßen nur die halbe Wahrheit umreißt.

Ihrer Mutter Mattilda ist, dass mehr hinter dem Fremden steckt: Es ist Abe Kelsey, der einst mit ihrem Mann William Zachary ein Vergeltungs-Massaker an den Kiowas verübt hatte und nur ein kleines Baby verschont ließ; dieses wurde dann von den Zacharys adoptiert und großgezogen – Rachel. Niemand außer Mattilda, auch nicht Rachel, weiß um diesen Fakt, und er sollte auch besser nicht bekanntwerden, da die im Laufe der Jahre die Kiowas äußerst unpopulär bei den weißen Rinderzüchtern sind, weil ihnen immer neue Überfälle angelastet werden.

Zunächst aber geht alles seinen gewohnten Gang. Ben kehrt zufrieden aus Wichita zurück und überrascht seine beiden Frauen mit einem bei einer gewonnenen Wette erstandenen Klavier; wenig später kommen ihre Nachbarn, die Rawlins, zu Besuch, bei dem es auch um eventuelle Vermählungen geht: Die rothaarige Rawlins-Tochter Georgia zeigt immerhin einiges Interesse an dem trinkfreudigen und großmäuligen Cash, doch ernsthafter in Erwägung gezogen wird eine Liaison zwischen Rachel und dem schüchternen Charlie Rawlins. Als das Gespräch auf den seltsamen Fremden kommt, ist die bis dahin gute Stimmung dahin, Mattilda will ihr Wissen um den Alten auf keinen Fall preisgeben.

Ben indes schöpft gleich Verdacht und macht sich in der darauffolgenden Nacht mit Cash auf die Suche; tatsächlich finden sie Kelsey in der von Kakteen überwucherten Wildnis und können sein Pferd töten, verlieren aber seine Spur in einem heftigen Sandsturm wieder. An einem anderen Tag kommt es beim Zureiten eines Wildpferdes zu Spannungen zwischen Cash – durch den Tod seines Vaters während einer Kiowa-Attacke zum Indianerhasser geworden – und Johnny Portugal, einem rothäutigen Pferde-Experten, den Ben in Wichita angeheuert hatte. Dieser wird dann auch von Ben zurechtgestutzt, weil er Kletten in Rachels Haar entdeckt und – schlimmer noch – ungefragt entfernt, sie also angefasst hat. Derweil stiehlt Kelsey unbemerkt Rachels Vierbeiner, sodass sie mit Ben, für den sie mehr als geschwisterliche Gefühle hegt, den Rückweg antreten muss; auch er erscheint nicht nur als ihr Beschützer, gibt aber überraschend sein „Okay“ zu einem vermutlich unmittelbar bevorstehenden Antrag Charlies.

Während die Zacharys beim Abendbrot versammelt sind, erscheinen plötzlich drei Kiowas auf dem Ranchgelände; ihr Anführer namens Lost Bird verlangt, offensichtlich von Kelsey informiert, vom verdutzten Ben die Herausgabe Rachels, was dieser entschieden verweigert. Das Auftauchen der Indianer nach langer Abwesenheit sorgt für Unruhe, auch unter den Angestellten von Zeb Rawlins, dem Patriarch der Nachbarfamilie. Derweil macht sich Charlie auf den Weg zu den Zacharys, um seinen Heiratsantrag offiziell zu formulieren. Nach Rachels Einwilligung tritt er beschwingt den Rückweg an, wird jedoch von einem Kiowa-Pfeil getötet. Als die gesamte Zachary-Familie ihr Beileid bekunden will, kommt es zum Eklat: Die Mutter des Toten beschimpft Rachel als „Kiowa-Squaw“ und „rothäutige Niggerin“, und Ben kann den Bruch mit seinem Geschäftspartner Zeb vorerst nur verhindern, weil er einen Suchtrupp formiert, um Jagd auf Kelsey zu machen, damit sämtliche Anschuldigungen widerlegt werden. Ben ist arglos, denn er kennt nur die Version, dass Rachel ein Findelkind massakrierter Weißer ist …

Was zu sagen wäre

Die Plakatmotive deuten ein Drama größeren Ausmaßes an: Burt Lancaster verstößt Audrey Hepburn. Das trifft im Film nicht zu, verdeutlicht aber den Stimmungswandel, den die Gesellschaft in diesem Film von John Huston (Moby Dick – 1956; „Schach dem Teufel“ – 1953; African Queen – 1951; „Asphalt-Dschungel“ – 1950; Gangster in Key Largo – 1948; Der Schatz der Sierra Madre – 1948; Abenteuer in Panama – 1942; Die Spur des Falken – 1941) vollzieht. „Du bist sehr dunkel. Dunkler als die meisten von uns“, sagt die Nachbarin, die einen Sohn durch die Kiowa verloren hat. „Aber dass könnte von der Sonne sein. Wir müssen uns auch Deinen Körper ansehen.“ „Gar nichts werdet Ihr!“ „Zieht sie doch aus! Runter mit den Sachen!

John Huston blickt in die Frühzeit der Besiedlung, als Siedler und Ureinwohner, Indianer genannt, sich noch fremd waren. Es ist eine Studie über Rassismus und Fremdenhass und wie er in jenen schicksalshaften Tagen, in denen der gewaltsame Tod häufig näher war als das nächste Frühstück, in die Welt der Siedler kam. Siedler und Kiowa standen sich misstrauisch, ja feindselig gegenüber und schossen aufeinander bevor sie fragten. Aber sie waren auch Menschen – „Wir müssen an unsere Familien denken. An unsere Frauen und Kinder.“ –  also nahmen sie nach dem Töten aus Nächstenliebeschon mal fremde Babies in ihre Obhut – „Heute wird niemand mehr getötet, lass gut sein, sagte er und nahm das Kind an sich.“ –, was dann eine Generation später zu Konflikten führen konnte, wie Huston sie in diesem Film zeigt, der mehr Drama als Breitwand-Western ist. Natürlich gibt es den traditionellen Angriff von Indianern in gestrecktem Galopp, die dabei aber lediglich einen alten Flügel zu Klump hauen und ansonsten von den Brüdern einer nach dem anderen vom Pferd geschossen werden.

Burt Lancaster steht als Ben Zachary im Zentrum des Geschehens, großer Bruder des Findelkinds und schon lange – und heimlich – in sie verliebt, ein Held für die Farmer, denen er durch dürre Jahre geholfen hat und die ihn jetzt, weil er zu seiner Stiefschwester auch noch hält – „Wenn einer von Euch sie auch nur anrührt, bekommt er eine Kugel von mir in seinen gottesfürchtigen Schädel!“ –, als klar ist, dass sie eine Kiowa ist, verstoßen. Lancaster personifiziert das moderne Amerika an dieser Schwelle zwischen jenem kriegerischen und dem aufkommenden zivilisierten Zeitalter. Mit ihm müht sich der Zuschauer durch diese neue Welt – „Du hast ihre Hautfarbe. Aber sonst sind es Fremde für Dich.“ –, in der Rot und Weiß – nicht mehr so klar zu trennen sind – „Du roter Nigger. Was anderes bist Du doch nicht!“, faucht die Nachbarin heute, die bis gestern noch die freundliche alte Dame war.

Doug McClure und Audie Murphy spielen Lancasters jüngeren Brüder als noch nicht zugerittene junge Hengste, die das mit dem Erst-Fragen-dann-Schießen noch lernen müssen und die beiden Pole des Fremdenhasses verkörpern – Audie Murphy, höchstdekorierter US-Soldat des Zweiten Weltkriegs, der dann Filmschauspieler wurde, gibt den Rassisten – „Indianer sind die alle! Ich will nichts mehr zu tun haben mit denen. Das kann mir keiner zumuten!“ – McClure als blonder Gut-Erzogener, der auf das hört, was der große Bruder sagt – „Schade, dass ich niemals in Wichita gewesen bin und ein Bier getrunken habe.“

Audrey Hepburn als Indianerin ist schwer zu glauben (Geschichte einer Nonne – 1959; Ariane – Liebe am Nachmittag – 1957; „Ein süßer Fratz“ – 1957; Sabrina – 1954; Ein Herz und eine Krone – 1953), im rauen Westen zu dürr und prinzesschenhaft in der Prairie unterwegs, um glaubhaft zu sein, aber mit ihren großen Augen eine schöne Hinguckerin. Spätestens, wenn Hepburn ihren echten Bruder tötet, gerät John Huston Familienfilm zum Gegen-Falken, zur Antithese zu John Fords großem Epos aus 1956, in dem John Wayne ein als Kind von Comanchen entführtes, weißes Mädchen wohlbehalten zurück in den Schoß der Familie holt.

Wertung: 4 von 7 D-Mark
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