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Plakatmotiv: Geschichte einer Nonne (1959)
Ein zwiespältiges Potrait.
Ein mitreißendes Drama.
Titel Geschichte einer Nonne
(The Nun's Story)
Drehbuch Robert Anderson
nach dem gleichnamigen Roman von Kathryn Hulme
Regie Fred Zinnemann, USA 1959
Darsteller Audrey Hepburn, Peter Finch, Edith Evans, Peggy Ashcroft, Dean Jagger, Mildred Dunnock, Beatrice Straight, Patricia Collinge, Rosalie Crutchley, Ruth White, Barbara O'Neil, Margaret Phillips, Patricia Bosworth, Colleen Dewhurst, Stephen Murray u.a.
Genre Drama
Filmlänge 159 Minuten
Deutschlandstart
3. November 1959
Inhalt

Die belgische Arzttochter Gabrielle van der Mal tritt Ende der 1920er Jahre in ein Kloster ein. Die strengen Regeln der klösterlichen Gemeinschaft, insbesondere der Gehorsam, machen Gabrielle bereits als Novizin große Probleme.

Plakatmotiv (US): The Nun's Story – Geschichte einer Nonne (1959)Sie legt die Gelübde ab und beginnt als Schwester Lukas eine Ausbildung in der Tropenmedizin. Nach der Ausbildung muss Schwester Lukas zunächst in einer Nervenheilanstalt arbeiten, darf aber nach einiger Zeit in die Tropen. Ihr Vorgesetzter wird dort der Atheist Dr. Fortunati, ein Chirurg, der ihr Bemühen um die klösterliche Demut nicht verstehen kann. Trotzdem ist er ihr sehr zugeneigt. 1939 begleitet Schwester Lukas einen Patienten zurück nach Belgien.

Der Ausbruch des Krieges verhindert die eigentlich geplante Rückkehr in den Kongo. Im belgischen Mutterhaus fällt ihr das Leben in der klösterlichen Gemeinschaft zunehmend schwer …

Was zu sagen wäre

Nonne wird man nicht von heute auf morgen. Eine Frau, die allen weltlichen Gütern entsagt, gibt mehr auf, als einfach nur ein paar Partykleider.

Fred Zinnemann (12 Uhr Mittags – 1952) investiert über eine Stunde Filmzeit, um Gabrielle van der Mal in Schwester Lukas zu verwandeln, Mitglied einer strengen klösterlichen Ordnung – und mit ihr uns Zuschauer. Lange, bevor die eigentliche Geschichte beginnt, die Auseinandersetzung der Humanistin Gabrielle mit den strengen Regeln der Ordensschwester Lukas, soll allen klar sein, worauf wir uns im Kinosessel da einlassen – wir und Audrey Hepburn, bei der diese Rolle in besten Händen ist. Wir kennen Hepburn als neugierige, liebeslustige Ariane oder als Chauffeurstochter Sabrina, die einem Millionär den Kopf verdreht, oder als „Süßen Fratz“.

Und jetzt geht Hepburn ins Kloster! Von ihrer burschikosen Spritzigkeit kann sie hier nicht zehren, ist auf ihr stärkstes Pfund reduziert, auf ihr Gesicht, das streng umrahmt ist vom Schleier, auf die ausdrucksstarken Augen in ihrem weichen Gesicht. „Erst, wenn der Stolz gebrochen ist, werdet Ihr wahre Demut spüren“, sagt die Mutter Oberin ihr – und uns. „Vergessen Sie nicht, dass Sie nur ein Werkzeug sind. Sie selbst sind nichts. Wenn Gott Sie nicht erhebt.“ Erst, nachdem diese Fallhöhe erreicht ist, beginnt das eigentliche Abenteuer, was der Kauf einer Kinokarte eben auch immer fordert: Die Geschichte einer (schönen) Frau, die sich den Regeln eines Ordens unterwirft, ist einer guter Romanstoff. Das Preis fürs Kinoticket aber will immer auch Eskapismus. Fremde, aber reale Welten müssen schon drin sein, der kleine Ausflug in die weite Welt bis der Abspann beginnt. Die Geschichte verbindet beide Elemente – persönliches Drama und Abenteuerbegehren im Kinosessel – durch das mdizinische Talent Gabriellas, das ihr alle Türen öffnet.

Öffnen könnte.

An dieser Stelle beginnt der große Konflikt: Eine andere Schwester, die schon im Kongo gearbeitet hat, soll dorthin zurück kehren, ist aber kaum halb so gut in allen medizinisxchen Belangen, wie Schwester Lukas. Deshalb legt Mutter Oberin der talentierteren Schwester Lukaas nahe, beim Examen durchzufallen, um ihre Demut zu beweisen, damit die andere zurück in den Kongo kann – als wäre Gott daran interessiert, mittelbegabte Schwestern in Krisengebiete zu entsenden. Nonnen sollen zwar nicht Gott herausfordern, aber dumm sollte ein Orden nicht sein. Oder ist das die Hürde, die Gabriella nehmen muss?

Plakatmotiv: Geschichte einer Nonne (1959)Wem bin ich Gehorsam schuldig? Dem Herrn? Oder der Schwester Oberin und dem Orden? Und als dann der Zweite Weltkrieg ausbricht: Vwrhalten sich die Schwestern da nach Rot-Kreuz-Mentalität, als „Allen wird gleichermaßen geholfen?“, oder hängen nicht auch sie ihr Fähnlein nach dem Wind, um nicht von den Nazis platt gemacht zu werden? Hier streift der Film die kontroverse Debatte über die Rolle der Kirche im zweiten Weltkrieg vor dem Portrait der unermüdlichen Ordensschwester Lukas: Wer bestimmt letztlich Gottes Wege? Zinnemanns Film lässt mich mit dem Eindruck zurück, dass die Pflicht des klösterlichen Gehorsams mit dem Gebot der Nächstenliebe nicht vereinbar sei. Hier beginnt die Auseinandersetzung, die ein kreatives, ein Kunst-Werk auslösen sollte – mit sich selbst und mit dem Gezeigten. „Sie sind ins Kloster gegangen, um Ordensfrau zu werden. Und dann erst Krankenschwester. Das religiöse Leben muss Ihnen wichtiger sein, als Ihre Liebe zur Medizin.

Kann ich nicht helfen, wenn ich der Kirche angehöre? Die Regeln des klösterlichen Alltags dämonisiert der Film nicht, Regeln sind in der Wildnis des Dschungels wichtig, will man dort reüssieren. Aber wann reüssiert man? Wenn man die Regeln des Gebets einhält? Oder wenn man ein Menschenleben rettet? „Sie fürchten sich davor, wieder im Kloster leben zu müssen. Wissen Sie, was Sie sind: Sie sind das, was man eine weltliche Nonne nennt. Ideal für die Kranken. Sie sehen die Dinge auf Ihre Art. Aber Sie werden nie das sein, was Ihr Orden von Ihnen erwartet. Das ist Ihre Krankheit.

Im Kongo in ihrem weißen Outfit war Schwester Lukas eine Respektsperson, eine – in aller abscheulichen Eitelkeit - große Nummer. Im Weltkrieg II wird sie einfach eine Krankenschwester irgendwo sein – denkt sich der Zuschauer und stolpert genau in die Falle des Stolzes und der Eitelkeiten, an der Gabriella gescheitert ist: Wo Du ein Leben rettest, ist letztlich nicht wichtig, solange Du dort zuhause bist.

Aber während wir noch darüber nachsinnen, kommt inszeniert Fred Zinnemann diese fulminante Schlussszene, in der Gabriella das Kloster verlässt – und endlich die Musik mal schweigt.

Wir sehen sie durch die geöffnete Tür in einen strahlend schönen Vormittag in Brüssel treten – und verschwinden. Die Hoffnung, der Glaube stirbt zuletzt.

Wertung: 6 von 7 D-Mark
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