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Plakatmotiv: Papillon (1973)
Großes Abenteuerkino mit
gesellschaftskritischer Note
Titel Papillon
(Papillon)
Drehbuch Dalton Trumbo + Lorenzo Semple Jr.
nach dem biografischen Roman von Henri Charrière
Regie Franklin J. Schaffner, Frankreich, USA 1973
Darsteller Steve McQueen, Dustin Hoffman, Victor Jory, Don Gordon, Anthony Zerbe, Robert Deman, Woodrow Parfrey, Bill Mumy, George Coulouris, Ratna Assan, William Smithers, Val Avery, Gregory Sierra, Vic Tayback, Mills Watson u.a.
Genre Drama, Abenteuer
Filmlänge 151 Minuten
Deutschlandstart
20. Dezember 1973
Inhalt

Anfang der 1930er Jahre wird Henri Charrière, den wegen eines Tattoos alle Papillon nennen, als Gefangener nach Französisch-Guayana deportiert. Er wurde für einen Mord an einem Zuhälter, den er bestreitet, zu lebenslanger Haft verurteilt.

Schon während der Überfahrt hat Papillon erste Fluchtgedanken und bespricht sich mit anderen Gefangenen, die die Teufelsinsel bereits kennen. Er befreundet sich mit Louis Dega, einem Fälscher, der in einer Kapsel, die er im Enddarm trägt, größere Geldmengen mit sich führt. Der kräftige Papillon dient sich dem schmächtigen Dega gegen entsprechende Bezahlung als Leibwächter an und rettet ihm das Leben, als dieser nachts von zwei Mithäftlingen attackiert wird, die an sein Geld wollen. Papillon schlitzt einem ohne zu zögern das Gesicht auf und wird zur Strafe dafür in einer äußerst unbequemen Körperposition im lauten Maschinenraum angekettet.

In Saint-Laurent angekommen, werden die Häftlinge in ein Durchgangslager verbracht. Dega und Papillon werden zum schweren Arbeitsdienst eingeteilt, da einer der Lagerleiter durch Degas gefälschte Kriegsanleihen viel Geld verloren hat. Das brutale, sadistische Wachpersonal behandelt die Gefangenen mit mitleidloser Härte. Tod und Gewalt sind in der Strafkolonie allgegenwärtig. Von ihrem Mithäftling Clusiot erfahren Papillon und Dega, dass mehrmals im Monat ein Mann namens „Richter“ in das Lager kommt, um von den Sträflingen Schmetterlinge fangen zu lassen. Papillon kauft von Richter für einen völlig überhöhten Preis ein Boot und kann nach einem waghalsigen Sprung in den Fluss in den Dschungel flüchten. Er hat mit „Richter“ vereinbart, dass dieser ihm im Dschungel das Boot übergibt.

Stattdessen wird er bei der Übergabe von Kopfjägern festgenommen und in Einzelhaft auf die Insel Saint-Joseph verbracht, wo man ihn in einer verdreckten, beengten Zelle unterbringt. Sprechen ist verboten, die Verpflegung schmeckt scheußlich. Nach einiger Zeit gelingt es Dega, Papillon Kokosnüsse in die Zelle zu schmuggeln, doch die Wärter kommen dahinter und ordnen ein halbes Jahr Dunkelhaft für ihn an. Da Papillon Dega nicht verrät, wird seine Verpflegungsration halbiert, was ihn fast umbringt. Halb wahnsinnig vor Hunger, jagt er in seiner Zelle Ungeziefer, um es zu verspeisen.

Nach Verbüßung seiner zweijährigen Einzelhaft wird Papillon auf die Krankenstation verlegt, wo er langsam wieder zu Kräften kommt und erneut auf Clusiot trifft. Dieser hat über den Radiologen des Lagers erneut ein Fluchtboot für Papillon organisiert. Mit Hilfe des Röntgenarztes organisieren Papillon, Clusiot und Maturette die Flucht. Clusiot wird jedoch von einer Wache gestellt und verletzt. In letzter Sekunde entschließt sich Dega ebenfalls zur Flucht und überwältigt die Wache. Zusammen mit der Kontaktperson fliehen die drei in die küstennahen Sümpfe. Das gekaufte Boot ist jedoch völlig morsch. Außerdem hat sich Dega, als er bei der Flucht von einer hohen Mauer sprang, den Knöchel gebrochen.

Plakatmotiv: Papillon (1973)Trotz aller widrigen Umstände gelingt die Flucht zunächst, endet dann aber an einem Strand in Honduras, wo die Flüchtenden von Soldaten aufgegriffen werden. Nur Papillon kann entkommen und findet Unterschlupf bei Ureinwohnern in deren kleinen Dorf – bis diese eines Morgens verschwunden sind und Papillon lediglich sechs Perlen zurückgelassen haben. Mit diesen perlen versucht er in einem Kloster sein Glück …

Was zu sagen wäre

Zweieinhalb stunden Gefängnis. Zweieinhalb stunden Unterdrückung, Folter und lebenswidrigste Umstände, die auch im Kinosessel nur schwer zu ertragen sind. Es ist eEine Geschichte aus der Zeit, als Gefängnis noch nicht für Resozialisierung stand. Franklin J. Shaffner („Patton“ – 1970; Planet der Affen – 1968) verbreitet vom ersten Frame an Aussichtslosigkeit. Für die Verurteilten besteht keine Hoffnung mehr auf ein Leben in Freiheit, sie tauchen ein in eine Gesellschaft, in der der Stärkere gewinnt und der Aufseher Gott ist. Es ist unerheblich für die Dramaturgie des Films, ob Papillon schuldig oder unschuldig ist. Shaffner und sein Autor Donald Trumbo zielen auf etwas anderes ab. In einem wirren Albtraum steht Papillon noch einmal vor Gericht. Und der Richter erklärt ihm, sein, Papillons, wahres Verbrechen sei nicht ein möglicher Mord. „Ich beschuldige Sie, Ihr Leben vertan zu haben. Und darauf steht der Tod!“ Anders gesagt: Die Männer in diesem grausigen Lager haben so oder so ihr Leben verwirkt, nützliche Mitglieder der Gesellschaft waren sie nicht – Papillon gibt unumwunden zu, mit Trickbetrügereien sein Leben finanziert zu haben. Du hast nichts aus Deinem Leben für die Gemeinschaft gemacht; nun stirb einfach.

Der Film erzählt eine wahre Begebenheit, einigermaßen jedenfalls. Henri „Papillon“ Charriere hat es wirklich gegeben, seine Verurteilung nach franz. Guyana auch. Er hat seine Erlebnisse aufgeschrieben, einen Bestseller verfasst, der Vorlage für diesen Film wurde. Inwieweit was dramaturgisch ausgeschmückt worden ist, ist nicht bekannt. Aber das ist unwesentlich: Dass der Aufenthalt in diesem Lager kaum angenehmer gewesen sein wird, als im Film gezeigt, möchte ich gerne glauben. „Wir streben keine Umerziehung an, sondern eine totale Umwandlung. Ein Fleischer macht aus lebenden Tieren essbares Fleisch. Wir machen aus gefährlichen Menschen harmlose Menschen. Das erreichen wir, indem wir sie brechen.

Mit Steve McQueen und Dustin Hoffman präsentiert der Film zwei der angesagten Topstars des amerikanischen Kinos. Steve McQueen, „Mr. Cool“, der nach seinen zahllosen physischen Rollen (Le Mans – 1971; Bullitt – 1968; Thomas Crowne ist nicht zu fassen – 1968; „Kanonenboot am Yangtse-Kiang“ – 1966; „Cincinnati Kid“ – 1965; Gesprengte Ketten – 1963; Die glorreichen Sieben – 1960) hier in großen Teilen des Films auf die wenigen Quadratmeter einer Dunkelzelle eingeschränkt wird verkörpert dennoch grandios den nicht zu bändigenden Freiheitsdrang. An seiner Seite spielt Dustin Hoffman, der seit Die Reifeprüfung (1967) zu den großen Hoffnungen des amerikanischen Erzählkino gehört (Wer Gewalt sät – 1971; Little Big Man – 1970; „Asphalt Cowboy“ – 1969). Sein reicher, aber körperlich unterlegener Louis Dega ist wie geschaffen als Gegenpart zum nicht unterzukriegenden McQueen.

Hoffman verkörpert hier die amerikanische Seele, die sich den herrschenden Gegebenheiten anzupassen weiß und gegebenenfalls mit geld nachzuhelfen weiß. McQueen ist der Freigeist, der auf die Mittelmäßigen mit dem Geld angewiesen bleibt, quasi die Arbeitklasse, die ihr Überleben mit vollem Körpereinsatz sichern müssen. In diesen Momenten ist das Drehbuch von Dalton Trumbo eine hintergündige Metapher auuf die Gesellschaft im Kapitalismus. Am menschlichsten erweisen sich die Bewohner einer Leprakolonie, die wenig noch zu verlieren haben, viel bekommen könnten, aber den Humanismus wählen. So weit, so schon häufig erzählt bekommen im Kino.

„Papillon“ verlegt die Metapher in eine Fish-out-of-Water-Situation: zwei Städter im Dschungel, in einer Welt, die so fremd wie eben möglich ist. Franklin J. Shaffner holt hier das große Besteck raus. Die Fluchten durch den Dschungel, das Überleben unter widrigsten Umständen, die dauernde Lebensgefahr greift auf den wohltemperierten Kinosessel über. Großes Abenteuerkino, das auf pathetischen Donnerhall, auf funkeinsprühendes Spektakel verzichten kann. Im letzten Drittel verstummt der Film, kommt nahezu ganz ohne Dialog aus.

Vor einem Fluchtversuch fragt Louis Dega „Und Du bist sicher, dass das funktioniert?“ Und Papillon antwortet: „Ist das wichtig?“ In diesem Dialog steckt die Seele dieser grausamen Geschichte, der Wille zu überleben, in Freiheit.

Wertung: 8 von 8 D-Mark
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