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Kinoplakat: Das Reich der Sonne
Anything Goes
bei Wasser und Brot
Titel Das Reich der Sonne
(Empire of the Sun)
Drehbuch Tom Stoppard
nach dem semi-autobiografischen Roman des englischen Schriftstellers J. G. Ballard
Regie Steven Spielberg, USA 1987
Darsteller

Christian Bale, John Malkovich, Miranda Richardson, Nigel Havers, Joe Pantoliano, Leslie Phillips, Masatô Ibu, Emily Richard, Rupert Frazer, Peter Gale, Takatarô Kataoka, Ben Stiller, David Neidorf, Ralph Seymour, Robert Stephens u.a.

Genre Drama
Filmlänge 152 Minuten
Deutschlandstart
10. März 1988
Inhalt

Shanghai 1941: Der 11-jährige Jim führt mit seinen Eltern ein bequemes, abgeschirmtes Leben im britischen Viertel der chinesischen Hafenstadt, die zu den wichtigsten Marktplätzen Ostasiens zählt. Die Idylle aber ist trügerisch.

Als sich Flugzeuge am Himmel über Shanghai mehren, ist Jim fasziniert von den japanischen „Zeros”, deren Piloten als äußerst tapfer gelten. Der Junge interessiert sich sehr für die Fliegerei und ist in der Lage, jeden Flugzeugtyp anhand seiner Silhouette am Himmel zu erkennen, doch für seine Eltern sind die japanischen Flugzeuge ein böses Omen, dass eine japanische Invasion bevorsteht. China befindet sich seit mehreren Jahren im so genannten Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg und als der Krieg Shanghai erreicht, gerät die wohlgeordnete und perfekte Welt von Jim aus den Fugen. Als die Japaner angreifen, wird Jim in der ausbrechenden Panik von seinen Eltern getrennt; er muss versuchen, allein zu überleben.

Auf seiner Odyssee trifft er auf die Amerikaner Basie und Frank, die ihn vor dem Verhungern retten. Aber bald geraten sie in die Gewalt der Japaner. Und werden in ein Lager gesperrt.

Hier wird Jim lernen, was „Krieg” wirklich bedeutet …

Was zu sagen wäre

Der Film beginnt mit Särgen, die im Wasser treiben und von japanischen Schiffen unterpflügt werden – hier wird schon in der ersten Einstellung über Leichen gegangen. Und der Film endet mit einer weiteren Kiste, die im Wasser treibt. Es ist Jims Koffer mit den toten Begleitern seines Kreuzweges, von denen er sich trennte, als er flügge wurde.

„Nanu?“, staunten die Zuschauer, „ein Kriegsdrama von Steven Spielberg“, dem man nachsagte, er verhalte sich am Set, wie in einem überdimensionalen Sandkasten.

Ein Meister der Bilder kommt ohne Worte aus

Tatsächlich hatte Steven Spielberg bereits mehrfach angekündigt, nicht der Kinderzimmer-Märchen-Onkel zu sein, für den man ihn halte, auch er werde reifer. Schon zu E.T.-Zeiten hatte er ein Buch in der Schublade über einen deutschen Unternehmer und Lebemann, der im Nazi-Regime über 1.100 Juden vor der Gaskammer bewahrt. Hierfür sei er aber noch nicht reif. „Empire of the Sun“ füllt in der Spielbergschen Filmografie also nach Die Farbe Lila die zweite Regie-Übung auf dem Weg zu Schindlers Liste.

Spielberg steigt ein in diesen Film, indem er die Völker einander entfremdet und auseinandertreibt. Da fahren die britischen Geschäftsleute durch die enge, stinkende, überfüllte Innenstadt Shanghais zu einem Kostümball. In ihren Louis XIV-Kostümen zwischen den verlumpten Kindern sehen sie aus wie Außerirdische. Die Briten haben den Absprung verpasst; sie haben es nur noch nicht gemerkt. Auf dem anschließenden Bankett macht Mr. Chang, ein Chinese einer offenbar offiziellen Stelle in Shanghai, klar, dass es hier in dem aufkommenden Konflikt um China und Japan geht, nicht etwa um England: „Wir sind schon viele hundert Jahre hier, die Japaner erst vier und wir werden auch in hundert Jahren noch hier sein". Zur gleichen Zeit macht Jim, der Junge, hinter einem Graswall Bekanntschaft mit einer Fliegerstaffel der Japaner, die sich hier offenbar auf etwas vorbereiten; seine Eltern holen ihn da weg. Die Briten verstehen immer noch nicht. Es ist faszinierend, Spielberg dabei zuzusehen, wieviel Information er mit Bildern ohne Worte transportiert. Das hilft dem Film über manche dramaturgische Länge.

Spuren im Puder - Die Schönheit der Verwüstung

Während seiner Odyssee kehrt Jim in sein Elternhaus zurück in der Hoffnung, hier seine Eltern wiederzufinden. Statt dessen findet er im elterlichen Schlafzimmer Chaos und Puder, das quer über den Boden verteilt ist. In diesem weißen Puder zeigt Spielberg Fuß– und Fingerspuren. Mehr braucht er nicht, um das ganze Drama der Enteignung zu erzählen, das sich hier – offenbar gewaltsam – abgespielt hat. Den zerfall der britischen Ordnung zeigt Spielberg, indem der Junge mehr Spielfläche bekommt - irgendwann fährt er mit dem Fahrrad durch die Räume des Elternhauses. Der Pool trocknet aus, Verfall. In der ersten halben Stunde braucht Spielberg wenig Dialog, nutzt die Kraft der Bilder. Und als der Kühlschrank leer, die Vorräte aufgebraucht sind, muss der Junge raus in die Fremde, das unfreiwillige Abenteuer beginnt.

Dabei zeigt Spielberg immer wieder große Schönheit in der Verwüstung. Zweieinhalb Stunden erzählt der Film ein furchtbares Schicksal, bleibt dabei aber immer im FeelGood-Modus – die Spielfläche des Jungen wird immer noch größer, der Film nie depressiv. Eigentlich ist es eher Eher Fantasy statt harter Realität. Das unterstreicht der Soundtrack von John Williams, der wie immer etwas zu breit gegossen ist.

Ein Kassenflop und hämische Kritiken

An den Kinokassen war „Empire of the Sun”, gemessen an früheren Spielbergfilmen, ein Flop - 22,2 Millionen Dollar kamen in den US-Kinos zur zusammen. Beobachter vertraten die Auffassung, Spielberg habe sich von seiner Oscar-Schlappe bei „Die Farbe Lila” nicht erholt und wolle gleich nochmal nachlegen. Man sah dem Film sein Bemühen um Ernsthaftigkeit an, allerdings führte im vorliegenden Film seine große Fähigkeit, in großen Bildern zu erzählen, nirgends so recht hin. Ein Film, dem man gut zusehen konnte, der am Ende aber – darin einem McDonalds-Hamburger nicht unähnlich – weder nahrhaft war noch satt machte. Die Washington Post forderte nach dem Filmstart: „Könnte Steven Spielberg bitte folgende Dinge in seinem nächsten Film vermeiden: Jungen auf Fahrrädern, Wiedergeburt, einen erleuchteten Himmel wie am 4. Juli und einen weiteren zehn- bis zwölfjährigen der sich in einer Erwachsenenwelt abmüht?”

Insgesamt gesehen ist „Empire of the sun“ kein Jahrhundert-Werk geworden. Ein mitreißender Film ist es allemal.

Die Dreharbeiten dauerten 16 Wochen an Originalschauplätzen in Shanghai. Mehr als 15.000 Komparsen wurden benötigt, und insgesamt arbeiteten beinahe 500 Mitarbeiter an Drehorten in China, Großbritannien und Spanien, wobei dies die erste große Hollywoodproduktion ist, die je in der Volksrepublik China entstand. Das Drehbuch zum Film schrieb der Dramatiker Tom Stoppard nach J.G. Ballards gleichnamigen Bestseller.

In „Empire of the Sun“ hatte Christian Bale (American Psycho - USA 2000; BATMAN begins - USA 2005) seinen ersten Auftritt - damals noch als Teenager.

Wertung: 7 von 10 D-Mark
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