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Plakatmotiv: Sully
Clint Eastwood bläst 208 reale Sekunden
souverän zu einem abendfüllenden Film auf
Titel Sully
(Sully)
Drehbuch Todd Komarnicki
nach dem Buch „Highest Duty“ von Chesley Sullenberger + Jeffrey Zaslow
Regie Clint Eastwood, USA 2016
Darsteller Tom Hanks, Aaron Eckhart, Valerie Mahaffey, Delphi Harrington, Mike O'Malley, Jamey Sheridan, Anna Gunn, Holt McCallany, Ahmed Lucan, Laura Linney, Laura Lundy, Onira Tares, Gary Weeks, Katie Couric, Jeff Kober U.A.
Genre Biografie, Drama
Filmlänge 96 Minuten
Deutschlandstart
1. Dezember 2016
Inhalt

Ein großes Passagierflugzeug fliegt durch die Häuserschluchten von New York und stürzt ab. Aus diesem Albtraum erwacht der Pilot Chesley „Sully“ Sullenberger, der sich zusammen mit seinem Co-Piloten Jeff Skiles vor der amerikanischen Flugsicherheitsbehörde National Transportation Safety Board (NTSB) verantworten muss.

Die beiden hatten wenige Minuten nach dem Start vom New Yorker Flughafen LaGuardia aufgrund von Problemen mit den Triebwerken nach Vogelschlag eine Notwasserung auf dem Hudson River durchgeführt. Alle 155 Personen an Bord hatten überlebt. Der Fluglotse hatte zuvor vorgeschlagen, nach La Guardia zurückzukehren oder auf dem nahen Flughafen Teterboro notzulanden. Sullenberger schätzte die Zeit hierfür wegen der geringen Flughöhe der Maschine als zu knapp ein. Die Behörde ist dagegen der Meinung, dass eine Landung auf den beiden Flughäfen möglich gewesen wäre, und sieht sich durch Computersimulationen des Flugzeugherstellers Airbus bestätigt.

Die Untersuchung soll nun aufklären, ob Sullenberger die Passagiere womöglich unnötig in Gefahr gebracht und das Flugzeug zum Totalschaden ruiniert hat. Für die Öffentlichkeit ist „Sully“ dagegen ein Held. Er hat Mühe, sich des Ansturms auf seine Person zu erwehren. Die beiden in einem Hotel einquartierten Piloten verschaffen sich durch Joggen und einem Auftritt bei Talkmaster David Letterman Abwechslung. Derweil sorgt sich Sullenbergers Frau um die Zukunft, als er ihr telefonisch von der Untersuchung berichtet, da die Familie wegen einer nicht vermietbaren Immobilie finanzielle Probleme hat …

Was zu sagen wäre
Wenn der Held abgefeiert ist, beginnt die Schadensberechnung und die Suche nach dem, der die Schäden des Heldentums bezahlt. Versicherungen sind da unempfindlich gegenüber Schadensverursachern, selbst wenn Medien sie zu Helden machen. Und was ist schon ein Held. Unter Clint Eastwoods Regie ist es ein weißhaariger Pilot, der kühl seine 40 Jahre Berufserfahrung in die Waagschale der Anhörung wirft, als ihm ein paar Behörden-Schnösel menschliches Versage unterstellen. Ob Held oder Mensch – sie werden gefeiert meist dafür, dass etwas kaputt gegangen ist, ohne dass allzuviele Menschen zu Schaden gekommen sind. Das Hollywood-Kino schickt für sowas gerne seine kostümierten Superhelden in die Schlacht.

Clint Eastwoods Film zeigt: Kostüme braucht es gar nicht. Nur gesunden Menschenverstand und die Professionalität, die sich aus Lebenserfahrung speist. Das MARVEL Cinematic Universe braucht für die Erkenntnis, dass Helden Schäden verursachen und Leben retten, einen Film wie Avengers und dann diverse TV-Serien, die die Schäden in New York aufarbeiten. Clint Eastwood ist da trockener. Nüchtern protokolliert er die Ereignisse nach der Landung in einer Welt, die auf Heller und Pfennig durchdekliniert ist.

Dabei ist zweierlei bemerkenswert: Dass Clint Eastwood in Hollywood offenkundig Carte Blanche besitzt, um auch schwierige Stoffe produziert zu bekommen (auch Oscar-Preisträger werden in Tinseltown jedes mal aufs Neue einer Prüfung auf Heller und Pfennig unterzogen). Und dass er eine Geschichte erzählt, deren Verlauf und – vor allem – Ausgang jeder kennt. Richtig viel zu erzählen gibt es da nicht und es läge nahe, die Heldentat einzubetten in so eine Dramaturgie, wie sie vor vierzig Jahren die Airportfilme genutzt haben, und tatsächlich führt Eastwood einige der Passagiere mit Namen ein, aber ohne großes Drama. Er braucht sie – einen Vater und seine zwei erwachsenen Söhne – um den 155 Überlebenden ein Gesicht, eine Geschichte zu geben, die an Seidenem Faden hing. Aber „Heldentat“ eignet sich insgesamt nicht für Action à la Airport. – dafür ist sie zu kurz: Vogelschlag, 208 Sekunden Lage einschätzen, Entscheidungen treffen, auf dem Hudson aufsetzen. Das „Leute aus dem Flugzeug holen“ gehört in solchen Filmen schon zur Pre-Crediit-Scene.

Plakatmotiv (US): SullyViel Plot ist da also nicht. Deswegen schaut sich Eastwood die Story aus der Rückschau an, spielt mit Raum, Zeit, bricht die Chronik der Ereignisse auf, macht zusammenhänge deutlich – und schwelgt in GreenScreen-Technologie, wie noch nie in seinen Filmen. Die „Heldentat“ zeigt Eastwood erst nach 45 Minuten; da wird wie nebenbei die Dimension deutlich, die diese Landung hatte. Und die Coolness, die die Kapitäne der wenige Sekunden später heranrauschenden Hudson-Ferrys hatten: Ein Funkspruch ging „Flugzeug im Wasser. Passagiere auf den Tragflächen. Vorsichtig nähern.“ Trockene Funksignale nach einer solchen Landung.

Der Film als solcher ist nicht spektakulär. Die mehrfach in Szene gesetzte Landung ist zu sauber getrickst; das sieht ordentlich aus, aber leblos. Seine Machart macht mich an. Tom Hanks schüttelt diesen abgeklärten Kapitän heutzutage souverän aus dem Ärmel seiner reichhaltigen Erfahrung aus unterschiedlichen Rollen (Ein Hologramm für den König – 2016; Bridge of Spies: Der Unterhändler – 2015; Saving Mr. Banks – 2013; Captain Phillips – 2013; Cloud Atlas – 2012; Extrem laut & unglaublich nah – 2011; Larry Crowne – 2011; The Da Vinci Code - Sakrileg – 2006; Terminal – 2004; Forrest Gump – 1994; Philadelphia – 1993; Schlaflos in Seattle – 1993; Meine teuflischen Nachbarn – 1989; big – 1988; Bachelor Party – 1984; Splash: Jungfrau am Haken – 1984).

Aaron Eckhart (Olympus Has Fallen – 2013; The Dark Knight – 2008; Black Dahlia – 2006; „Thank You for Smoking“ – 2005; Paycheck – 2003; Das Versprechen – 2001; Erin Brockovich – 2000; An jedem verdammten Sonntag – 1999) klebt sich einen breiten Schnauzer an und ist eine für den Zuschauer psychologisch wertvolle Stütze in der Handlung. Kamera und Montage arbeiten schnörkellos und – schon gesagt – durch die aufgebrochene Chronologie schaft Eastwood Spannungsbögen, die beim zweiten Hinschauen schon diffundieren.

Die spezifische Erzählweise des Plots lädt zu wilden Interpretationen ein: Mehrfach lässt Eastwood, der große alte und wirtschaftlich erfolgreiche Mann des analogen Heldenkinos vergangener Zeiten (s.u.), Sullys A320 – in Traumsequenzen – in ein Haus in Manhattan rasen und explodieren. Seine Hauptfigur lässt die zahlenfixierten Paragraphenreiter an seiner praktischen Erfahrung abblitzen – und gewinnt. Man könnte also übersetzen: Clint Eastwood sagt den Hollywoodbuchhaltern den Kampf an, macht ihnen deutlich, dass sie wieder auf Kreative, auf Künstler zugehen müssen, wenn sie sich mit ihren „Erfolgsmodellen“ aus dem Computer nicht selbst abwickeln wollen – und die Geheimdienste hätten, wenn denn Praktiker und Politiker an deren Spitze säßen und nicht Aktenvollschreiber, die Katastrophe vom 11. September 2001 verhindern können.

Aber das ist, wie gesagt, wilde Interpretation.

Wertung: 6 von 8 €uro
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