IMDB
Kinoplakat: Mein Bruder Kain (1992)
Der Film des John Lithgow
Titel Mein Bruder Kain
(Raising Caine)
Drehbuch Brian De Palma
Regie Brian De Palma, USA 1992
Darsteller John Lithgow, Lolita Davidovich, Steven Bauer, Frances Sternhagen, Gregg Henry, Tom Bower, Mel Harris, Teri Austin, Gabrielle Carteris, Barton Heyman, Amanda Pombo, Kathleen Callan, Ed Hooks, Jim Johnson, Karen Kahn u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 91 Minuten
Deutschlandstart
17. Dezember 1992
Inhalt

Der Psychologe Carter Nix hat sich beurlauben lassen, um sich ganz seiner kleinen Tochter widmen zu können. Seit zwei Jahren, seit ihrer Geburt, ist er stets um sie, zu Irritation seiner Frau, der Ärztin Jenny Nix. Carter ist Sohn eines berühmten Kinderpsychologen, unter dem er selbst als Kind sehr zu leiden hatte. Ganz selbstlos kümmert er sich freilich nicht um seine Tochter Amy. Zusammen mit weiteren Kindern will er sie an die schwedische Klinik seines Vaters geben, wo Entwicklung und konditioniertes Verhalten der Kinder in direktem Vergleich untereinander erforscht werden sollen. Fünf Kinder sollen es sein, vier sind erst dabei. Als eine mit den Nix' befreundete Mutter, sich weigert, ihren Sohn für die Untersuchungen zur Verfügung zu stellen, bringt carter sie kurzerhand um – und entführt deren Sohn; genauer gesagt: Cartes diabolischer Zwillingsbruder Kain übernimmt die Entführung, Carter selbst ist für solche Dinge zu … brav.

Kinoplakat (US): Mein Bruder Kain (1992)Carters Ehefrau Jenny beginnt eine Affäre mit ihrem früheren Freund Jack Dante, was Carter nicht verborgen bleibt. Wieder übernimmt Kain die Sache, der augenscheinlich nicht Carters Zwillingsbruder ist sondern Teil Carters multipler Persönlichkeiten. Zu seinen Identitäten gehört der kleine Junge Josh, der gewissenlose Kain sowie die Kinderbetreuerin Margo.

Carter/Kain steut nun geschickt Indizien, dass Jack Dante der Mörder verschiedener Frauen sei, deren Kinder verschwunden sind.

Aus Rache für den Seitensprung versucht Carter Jenny zu töten, indem er ihr Auto in einem See versenkt. Sie überlebt, kehrt in ihr Haus zurück und fragt nach ihrer Tochter Amy. Carter sagt, Amy sei bei seinem Vater, worauf Jenny erwidert, sein Vater sei tot …

Was zu sagen wäre

Auftritt Dr. Waldheim. Frances Sternhagen spielt sie als unabhängigen Geist, nicht korrumpierbar, stolz dem Krebs trotzend – eine typische Sternhagen-Rolle (Doc Hollywood – 1991; Misery – 1990; „Die Besucher“ – 1989; Outland – Planet der Verdammten – 1981; „Fedora“ – 1978). Sie soll den Cops das Phänomen gespaltener Persönlichkeiten erklären; im Film eine blöde Situation: viel wissenschaftliches BlaBla, schwer verständlich und visuell gibt es auch nicht viel her, es sei denn, die Regie greift auf eingeblendete Bilder zurück, die das Gesagte unterstreichen – also ein Bilderteppich.

Sowas ist Brian De Palma zuwider und deshalb macht er daraus eine seiner großartigen Plansequenzen. De Palmas Kameramann Stephen H. Burum erfasst Dr. Waldheim, als sie die beiden Cops trifft. Und während sie all das Wissenschaftliche über Multiple Persönlichkeiten – in beeindruckend einfachen Sätzen – erklärt, begleitet sie eine fast schwebende Kamera über Stockwerke hinunter ins Erdgeschoss – es geht über Rolltreppen, in Fahrstühle und wieder heraus, immer wieder laufen Menschen durchs Bild, die einander etwas zurufen, die Dinge durch die Gegend schieben, Verdächtige abführen. Es ist eine Sequenz ähnlich der, mit der De Palma vor zwei Jahren in seinen Fegefeuer der Eitelkeiten einstieg, als sein Kameramann Vilmos Zsigmond Bruce Willis minutenlang durch die unteren Geschosse eines New Yorker Hochhauses verfolgte bis hinauf in eine glitzende Pressekonferenz.

De Palma rettet sich und seinen Stoff in gewohnt visueller Ekstase. Natürlich weiß er selbst am besten, dass, sobald in einem Thriller ein Zwillingsbruder auftaucht, der Zuschauer anfängt zu fragen, ob es diesen Zwilling wirklich gibt oder, ob der Mensch, den er auf der Leinwand sieht, der behauptete oder dessen Zwilling ist. Also macht er, was gerne macht und verdammt gut beherrscht: Er verzaubert seine Zuschauer. Wie der Magier auf der Bühne lenkt de Palma von Widrigkeiten seiner Geschichte um multiple Persönlichkeiten, Ärzte, Psychologen, bräsige Cops und elegante Liebhaber ab mit eleganten Bildern, spektakulärer Kamerabewegung und präzisem Bildschnitt.

Im Mittelpunkt steht De Palmas Entdeckung: John Lithgow, der unter De Palmas Regie 1976 mit Schwarzer Engel seine Karriere im Kino startete („Ricochet – Der Aufprall“ – 1991; „Memphis Belle“ – 1990; „Bigfoot und die Hendersons“ – 1987; „Manhattan Project“ – 1986; „2010 – Das Jahr, in dem wir Kontakt aufnehmen“ – 1984; Buckaroo Banzai – Die 8. Dimension – 1984; „Footloose“ – 1984; „Zeit der Zärtlichkeit“ – 1983; Unheimliche Schattenlichter – 1983; „Garp und wie er die Welt sah“ – 1982; „Blow Out – Der Tod löscht alle Spuren“ – 1981). Hier gibt er De Palma zurück, was er ihm zu schulden glaubt – seine Performance als die multiplen Persönlichkeiten Carter, Kain, Dr. Nix, Josh und Margo ist Ausdruck größter Spielfreude; Lithgow geht auf in diesem Universum charakterlicher Möglichkeiten. Er ist einer der besten Tricks, die der Kinozauberer De Palma diesmal im Köcher hat.

Wie schon in früheren Filmen ist nämlich die nackte Story eher dünn, schwer nachvollziehbar, weil von so vielen Zufällen abhängig. Das soll man im Kino, schon gar nicht in so gut erzähltem Kino, nicht zu hoch hängen, dieses Schielen auf die nicht funktionierende Alltagslogik. Bezahlen tue ich für das 90-minütige Erleben im Kino – und da funktioniert der Film mit seiner visuellen Extravaganza hervorragend; da erreicht der Zauberer sein Publikum.

Aber draußen vor dem Kino sind die Figuren meinem Herzen fern, die Wendungen im Plot mehr Erzähltechnik als menschlich anrührendes Schicksal – wieder am Tageslicht, diffundiert die Multiple-Choice-Extravaganza De Palmas wie ein Vanilleeis, das im Sonnenschein dahinschmilzt.

Wertung: 8 von 10 D-Mark
IMDB