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Plakatmotiv: Avanti, Avanti! (1972)
Billy Wilder macht Sommerferien
und feiert the Italian Way of Life
Titel Avanti, Avanti!
(Avanti!)
Drehbuch Billy Wilder + I.A.L. Diamond
nach dem gleichnamigen Theaterstück von Samuel A. Taylor
Regie Billy Wilder, USA, Italien 1972
Darsteller Jack Lemmon, Juliet Mills, Clive Revill, Edward Andrews, Gianfranco Barra, Franco Angrisano, Pippo Franco, Franco Acampora, Giselda Castrini, Raffaele Mottola, Lino Coletta, Harry Ray, Guidarino Guidi, Giacomo Rizzo, Antonino Faà di Bruno u.a.
Genre Komödie, Romantik
Filmlänge 144 Minuten
Deutschlandstart
20. Dezember 1973
Inhalt

Wendell Armbruster, ein spießiger US-amerikanischer Industrieller und Familienvater, reist am Wochenende auf die italienische Insel Ischia, weil sein Vater dort bei einem Autounfall tödlich verunglückt ist. Er muss die sterblichen Überreste umgehend in die Heimat überführen, denn das pompöse Begräbnis des Multimillionärs soll schon kommenden Dienstag stattfinden. Auch der einflussreiche Politiker Henry Kissinger hat seine Teilnahme zugesagt.

Unterwegs begegnet Wendell der englischen Verkäuferin Pamela Piggott, die das gleiche Reiseziel hat wie er. Die beiden steigen auf Ischia im selben Hotel ab, und bald erfährt Wendell, dass Pamelas Mutter im selben Auto wie sein Vater ums Leben kam. Entsetzt muss er feststellen, dass sein Vater und Pamelas Mutter ein Verhältnis hatten und seit zehn Jahren während der Sommerferien das Hotelzimmer teilten.

Vor Ort sind eine Fülle von Formalitäten zu erledigen. Wendell wird dabei mit den Tücken der italienischen Bürokratie und einer ihm völlig fremden Lebensart konfrontiert. Trotz der tatkräftigen Unterstützung des Hoteldirektors Carlucci tauchen immer neue Hindernisse auf.

Plakatmotiv (US): Avanti! (1972)Etwas anderes, Unvorhergesehenes, erschwert die rasche Abwickung der Formalitäten: Der ungeduldige und arrogante Wendell, der Pamela bisher rüde behandelt hatte – er hatte sie gar Fettarsch genannt – erliegt zunehmend dem Charme der mediterranen Lebensart. Er und Pamela verlieben sich ineinander. Wie zuvor die Verstorbenen genießen jetzt auch sie die Zweisamkeit unter der südlichen Sonne …

Was zu sagen wäre

Eine Sommerfrische in Italien, die Billy Wilder nutzt, um die gesprengten Ketten der amerikanischen Filmzensur zu feiern. Seine Zutaten sind der verklemmte Amerikaner, der sein Land für die Speerspitze der Entwicklung hält, die lebensfrohe Britin, an der Welt interessiert und daran, ein paar Pfunde zu verlieren; und Bella Italia, die italienische Art zu leben – jedenfalls so, wie Amerikaner sie sich vorstellen.

Billy Wilder, der Zyniker aus Wien und Berlin, serviert alles, was US-Amerikaner von Italienern erwarten: die süditalienische Inselidylle in Ischia mit Pferdekutschen, Motorrollern und rasanten Fiat-500-Rennern, Kirchenglocken und gleitende Nonnen und schließlich der mit allen charmanten Wassern gewaschener Hoteldirektor. Als Zuckerguss liefert Wilder Mord, Erpressung, ein paar Nackszenen – und, dass die Nonnen auf dem Weg ins Kino sind, wo sie sich dann „Love Story“ anschauen wollen.

Wilder hält seine moribunde Erzählung mit leichter Hand zusammen, mit viel Witz und Herz für seine Figuren. Als Wendell zu Beginn in den Flieger nach Rom steigt, sitzt neben ihm  – natürlich, möchte man bei Wilder meinen – ein Kardinal, dessen Gottvertrauen in die Fliegerei begrenzt ist; schwitzend betet er hektische Rosenkränze.

Mit dem Flieger schwebt Wilder in den Clash of Cultures mit einem Land, in dem Caldo „Heiß“ und Freddo „Kalt“ bedeutet. Es braucht seine Zeit, bis der hektisch ans Erledigen gewöhnte Amerikaner auf italienische Betriebstemperatur herunter dimmt. Es dauert eben alles etwas länger in einem Land, das drei Stunden Mittagspause macht: „Drei Stunden Lunch?“ „Ja, äh, wir essen, ruhen, lieben.“ „Was machen Sie nach Feierabend?“ „Wir gehen heim zu unseren Frauen.“ Und als der überkorrekte Leichenbeschauer zu spät aus der Mittagspause kommt, heißt es entschuldigend: „Er isst sehr ausführlich. Er kennt alle Witwen.

Schon am Flughafen verheddert sich der hektische Amerikaner, weil ein vorgeblich prinzipienfester Grenzbeamter ihn scharf befragt über Sinn und Zweck seiner Reise. Sofort geht der Reisende an die Decke, bis er feststellt, dass sein Pass vertauscht wurde – wegen eines Kleidertauschs an Bord, der etwas konstruiert ins Opening einbaut wurde, in dem Wilder seine Kunst vorführt, kleine Geschichten auch ohne Dialog, nur mit Geräuschen erzählen zu können.

Die berüchtigte italienische Bürokratie verkörpert wunderbar der Leichenbeschauer, der im schwarzen Anzug ein wandelndes Büro ist – mit Stempeln in der linken Jackethälfte, Lineal in der rechten, Schwämmchen zum Briefmarken anfeuchten in der Hosen-, Stempelkissen in der Westen-, und Briefmarken in der Jackentasche. Das zweifache Ausfüllen von Leichenüberführungsformularen in je dreifacher Ausfertigung – die Kopien unterscheiden sich durch die Farben grün, weiß und rot (den italienischen Landesfarben) – ist für den geübten Beamten eine Kür, die an Ballett erinnert – und in wenigen Minuten erledigt, gestempelt und verpackt ist.

Der Film mit seinem wunderbaren Wortwitz und Charme ist langsam erzählt, passt sich da ganz an seine Umgebung an; manches Mal ist sogar der behäbige Zuschauer schneller als Jack Lemmon (Ein seltsames Paar – 1968; Der Glückspilz – 1966; Das Mädchen Irma La Douce – 1963; Das Appartement – 1960; Manche mögen's heiß – 1959), der sich mit Verve auf seinen spießigen US-Tycoon Wendell stürzt, um ihn vom Macher zum Schwätzer und schließlich zu einem echten Menschen zu formen. Das hätte man sicher auch schneller erzählen können als in 140 Minuten. Die Geschichte mit den verschwundenen Leichen, oder der Zimmerkellner, der wegen seiner US-Sehnsucht zur Erpressung greift, nehmen viel Raum im Film ein, der eigentlich eine romantische Boy-meets-Girl-Geschichte erzählt.

Aber, hey … das ist das schöne Italien – das sich durch Luigi Kuveillers Kamera in Pastell von seiner allerschönsten Seite zeigt. Da dauern die Dinge manchmal etwas länger. Hier sind sogar Wendells strenger Tycoon-Vater und Pamelas romantische Mutter nie vor dem Nachmittag aus dem Bett gestiegen. „Warum sollten sie auch? Vorher ist hier ja alles geschlossen!

Wertung: 5 von 8 D-Mark
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