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Kinoplakat: Avengers – Age of Ultron
Ein Sommerblockbuster
mit menschlichem Antlitz
Titel The Avengers – Age of Ultron
(The Avengers – Age of Ultron)
Drehbuch Joss Whedon
nach Charakteren von Stan Lee + Jack Kirby
Regie Joss Whedon, USA 2015
Darsteller Robert Downey Jr., Chris Evans, Scarlett Johansson, Mark Ruffalo, Chris Hemsworth, Jeremy Renner, Paul Bettany, Elizabeth Olsen, Aaron Taylor-Johnson, Samuel L. Jackson, Cobie Smulders, James Spader, Stellan Skarsgård, Don Cheadle, Anthony Mackie, Hayley Atwell, Idris Elba, Claudia Kim, Thomas Kretschmann, Andy Serkis, Julie Delpy, Stan Lee, Henry Goodman, Chris Luca, Brian Schaeffer, Dominique Provost-Chalkley u.a.
Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 141 Minuten
Deutschlandstart
23. April 2015
Website Marvel.com/Avengers
Inhalt

Die Avengers belagern in Sokovia – einem Kleinstaat in Osteuropa – die schwer gesicherte Burg von Baron Strucker, um Lokis Zepter zu bergen, welches Hydra nach Auflösung von S.H.I.E.L.D. in die Hände gefallen ist. Strucker wird von den Avengers gefangen genommen; im Keller seiner Festung entdeckt Tony Stark eine versteckte Roboterfabrik.

Die Zwillinge Pietro und Wanda Maximoff, die beide durch von Strucker mit Superkräften ausgestattet wurden, halten sich ebenfalls im Gebäude auf. Wanda gelingt es unbemerkt, ihre psychischen Kräfte bei Stark spielen zu lassen, woraufhin er eine Vision hat, in der er hilflos den Tod seiner Teamgefährten und die Zerstörung der Erde durch außerirdische Invasoren miterleben muss.

Nachdem die Avengers das Zepter geborgen haben, analysieren Stark und Bruce Banner das Artefakt. Stark nutzt Erkenntnisse aus der Kraft des Zepters, um ein Friedensprogramm zu vollenden, das bisher stets unvollendet geblieben war und als Jarvis Dienst tut.

Etwas geht schief: Während Stark und die Avengers eine Party geben, erwacht Ultron in einem von Stark erschaffenen Hilfsroboter zu vollem Bewusstsein, vernichtet Jarvis und zeigt sich den Avengers, um ihnen seine Pläne zu verkünden, „Frieden für unsere Zeit“ herbeizuführen. Bevor sein Roboterkörper zerstört wird, kann Ultrons Bewusstsein eine Verbindung ins Cybernetz herstellen und so der Vernichtung entgehen; außerdem können die Hilfsdrohnen, die Ultron unter seine Kontrolle bringen konnte, das Zepter stehlen.

Wenige Stunden nach seiner Erschaffung ist er überall – verteilt sich selbst über das Internet, erschafft tausende Drohnen, die für ihn in die Schlacht ziehen, die Avengers aufzuhalten. Und er hat Wanda und Pietro bei sich, die Zwillinge, die ihre Eltern durch eine Waffe von Stark Industries verloren, und nutzt sie für seine Zwecke. In Südafrika suchen sie den Waffenhändler Ulysses Klaw auf, um an eine große Menge des Metalls Vibranium zu kommen – jenes Material, aus dem auch der unzerstörbare Schild Captain Americas geschmiedet ist.

Bei Claw spüren die Avengers das Trio auf, es kommt zum Kampf. Die Avengers haben keine Chance: Wanda lässt mehrere von ihnen mittels ihrer Hexenkraft ihre tiefsten Ängste durchleben. Banner verwandelt sich daraufhin in den Hulk und wütet durch die nahe Stadt, ehe er von Stark und seiner Hulkbuster-Rüstung ruhiggestellt werden kann. Durch diesen Vorfall ist das Team traumatisiert. Hawkeye ist es, der sie retten kann: Er fliegt sie … zu sich nach Hause, auf eine Farm, wo er mit Frau und Kindern lebt. Hier, in der in keiner Akte verzeichneten Idylle, treffen die Avengers Nick Fury wieder. Gemeinsam planen sie ihre nächsten Schritte.

In Seoul bringt Ultron die Wissenschaftlerin Helen Cho, eine Kollegin von Banner und eine Expertin in der Entwicklung von künstlichem organischen Gewebe, in seine Gewalt und zwingt sie dazu, ihm einen neuen Körper zu verschaffen, in den er den Stein aus dem Zepter (die Quelle der künstlichen Intelligenz) und damit sein Bewusstsein hineinladen will. Bei diesem Vorgang kann Wanda per Telepathie Ultrons Gedanken lesen und erfährt dadurch von seinen wahren Plänen – der vollständigen Auslöschung der Menschheit. Dann treffen die Avengers ein – diesmal tragen die Helden einen Teilsieg davon, können den neuen Androidenkörper in Gewahrsam nehmen, Black Widow aber wird von Ultron gefangen genommen und in der Festung in Sokovia eingesperrt. Aber: Nachdem Wanda Ultrons wahre Pläne erkannt hat, haben die Avengers zwei neu – vielleicht zwei neue – Verbündete.

Nächster Schritt: Starks Hauptquartier, zu Jarvis, das von Ultron vermeintlich zerstörte Haus-und-Hof-Programm Starks, welches – in Einzelteile zerlegt – im world wide web versteckt lag und nun in den jenen neuen Prototyp verpflanzt werden soll, den die Avengers in Seoul erbeutet haben. Es entsteht: Vision.

Währenddessen hat Ultron in Osteuropa alles für die Auslöschung der Menschheit vorbereitet: Mithilfe eines künstlich herbeigeführten Meteoriteneinschlags beabsicht er, die Menschheit auszuradieren und Roboter als höher entwickelte Spezies die Erde beherrschen zu lassen …

Was zu sagen wäre

In seiner Hybris schuf der Mensch eine Maschine, die – ausgestattet mit künstlicher Intelligenz – die Menscheit vor Gefahr schützen sollte, auf dass er selbst sich den schönen Dingen hingeben kann. Es gehört wahrscheinlich nicht erst seit Colussus (1970) zum Einmaleins der Science Fiction, dass die Künstliche Intelligenz erkennt, dass der Mensch vor allem vor sich selbst geschützt werden und also eliminiert werden muss.

Schlussbild aus dem MARVEL-Comic 58: Even an Android can cry – gezeichnet von John BuscemaAuftritt: The Vision

„The Avengers – Age of Ultron“ hält sich nicht in diesen 70er Jahren auf, der Film präsentiert mit Vision auch die Antithese dieser alten Zeiten und einen der beliebtesten Superhelden des Marvel-Universums. „Es ist nicht etwas besser, nur weil es überlebt“, belehrt diese Mensch-Maschine ihren Schöpfer Ultron und erklärt, was alles gut ist an dieser „nicht perfekten“ Lebensform. Diese Vision ist ein weiter entwickelter Verwandter des Star-Trek-Androiden Data. Während der seine Gefühle erst noch bauen muss, kann sie Vision schon beherrschen – weitgehend. Im Comic wird er später Wanda Maximoff heiraten; im vorliegenden Film gibt es dazu eine Sequenz, die eine Beziehung andeuten könnte.

Auch eine Fortsetzung ist nicht automatisch besser, nur weil sie noch teurer als ihr Vorgänger ist und noch mehr Action hat. Joss Whedons Fortsetzung seines Superheldenfilms von 2012 ist überraschend dialoglastig – überraschend, wenn man bedenkt, dass der Film einen der erfolgreichsten Filme aller Zeiten fortsetzt und mit etwa 250 Millionen Dollar Produktionskosten der Sommerblockbuster des Jahres werden soll.

Unterhaltsam und zerfasert

Der Film ist hochgradig unterhaltsam, wirkt aber unruhig, zerfasert in einzelne Teile. Gerüchten zufolge – und wenn man sich den Film anschaut, ist da offensichtlich was dran – hat der Film in seiner Urfassung mal über drei Stunden gedauert. Denn offensichtlich war Whedon zwar die Meta-Ebene seiner Geschichte klar – es geht um die großen Fragen der Menscheit: Was ist überhaupt ein Mensch? Es geht um Formen menschlichen Zusammenlebens, um Totalitarismus, um den Wahn, Gott spielen zu wollen (der offenbar bei Mensch und Maschine gleichermaßen ausgebildet ist) – es ist Whedon aber nicht gelungen, das in eine klar strukturierte Story zu gießen.

Der Vorgänger konnte sein Drama in die Struktur des Teambuildings der Gruppe von Individualisten und Egoisten gießen. Damit, dass sich mehrere Einzelkämpfer, Individuen mit monstermäßigen Egos aufeinander einlassen, einander vertrauen müssen, hat The Avengers fast zwei Drittel seiner Spielzeit gefüllt – bevor dann in New York die große Schlacht entbrennt. Hier nun, im „Age of Ultron“ sehen wir einen Haufen vertrauter, schnoddrige Sprüche werfender Kumpels, die sich zwischen ihren Aufträgen ein paar Freunde zum gepflegten Bier einladen. 

Überreste eines ehemals längeren Films?

Dann aber gibt es wieder Szenen, in denen sich Steve Rogers, Tony Stark und Thor kaum einen Meter weit über den Weg trauen, ohne dass dem Zuschauer klar würde, warum nun plötzlich. Da muss umständlich Starks Vergangenheit als Waffenhändler für plakative Misstrauensschübe herhalten (Waffenhändler = Böse), die zwei Minuten später ad acta gelegt sind – das wirkt, als seien etliche Minuten einer vermuteten längeren Urversion in diesen Konflikt geflossen. Solche Brüche gibt es an einigen Stellen im Film zu beobachten.

Es ist die Stärke der Marvel-Comics, ihren Helden ein menschliches Gesicht, ein Leben im Hier und Jetzt mit allen gängigen Problemen zu geben – Tony Stark ist in den Comicvorlagen schwerer Alkoholiker, Hank Pym (ein Avenger, der demnächst in Ant Man ins Marvel'sche Kinouniversum eingeführt wird) schlägt seine Frau, Peter „Spider-Man“ Parker ist ständig pleite und hat Beziehungsprobleme. Whedon übersetzt diese Tradition gut auf die Leinwand: Seine Helden kommen uns menschlich näher; über die Albträume, die Scarlet Witch in die Köpfe der Avengers pflanzt, erleben wir Flashbacks in die Kindheits- und Jugendtage der Charaktere – warum er da Panels mit Misstrauen füllt, die dann ins Leere laufen, bleibt ein Rätsel, das den Fluss stört.

Die Schöne und der Grüne

Wir erleben eine zarte Romanze: Bruce Banner und Natasha Romanoff, der Wutbürger Hulk und die Profikillerin Black Widow nähern sich einander und es ist wunderbar zuzusehen, wie sie ihn bändigen kann, er sich – als Hulk – bändigen lässt. Whedon transportiert mit wenigen Dialogzeilen viel Information über die Charaktere und installiert vor allem den von Jeremy Renner gespielten Charakter Hawkeye zum Gegenpol der smarten Wiseguys aus der großen Stadt.

Wenn der Bogenschütze seinen Bogen ablegt, ist Clint Barton, der All American Familienvater mit Traum-Farmhaus in der Prärie und Traum-Gattin, die klaglos wartet, bis ihr Held heimkehrt und die Veranda umbaut – plötzlich sind da mal keine Labors mit Glaswänden, bläulich schimmerndem Licht und smarten Erfindungen in brodelnden Tiegeln. Und weil diese „Wenn die Scheiße hier vorbei ist, heirate ich mein Mädchen“-Typen in Actionfilmen meist die sind, die dran glauben müssen, entwickeln wir plötzlich ängstliche Zuneigung zu dieser Figur, die vom Rand ins Zentrum rückt und die abgehobene Combo erdet.

Der Film zelebriert das Teamwork

Wie hier bei Hawkeye findet Whedon immer wieder einzelne Bilder und Szenen, die die Comic-Figuren lebendig werden lassen. Es gibt im ersten Avengers-Film während der Schlacht in New York eine lange Sequenz, in der die Kamera einen der Helden erfasst, ihn verfolgt, bis der auf einen zweiten trifft, dann diesen verfolgt bis zu einem dritten und so weiter. In der großen Unübersichtlichkeit solcher Schlachtengemälde sind das die Sequenzen, die das Team der Superhelden erfahrbar macht. Im vorliegenden zweiten Teil steigt Whedon gleich mit einer solchen Sequenz ein. Klare Ansage: Es herrscht Teamwork, die Zeit der eitlen Individualisten ist vorbei. Die aktuelle einstiegssequenz ist eine kleiner Film im Film.

Jeder Hieb sitzt, jeder Pfeil trifft, Captain Americas Schild wird in immer neuen Ellipsen geworfen oder bildet an Thors Hammer abprallend, ein elegantes, wirkmächtiges Duett. Whedons Liebe zum Detail hebt seinen Film aus der Masse. Ein Detail aber hat er ausgelassen: Was kann eigentlich Vision, außer philosophisch reden und Blitze aus den Augen verschießen? In der Comicvorlage kann er seine Dichte verändern – von ganz durchlässig bis massiv undurchdringlich wie ein Diamant. Im Film ist er – bislang – ein schlagkräftiger Haudrauf.

Am Ende hat Whedon es geschafft, einen Film, der leicht zu einem seelenlosen Produkt einer Kinomaschinerie hätte werden können, menschliche Tugenden mitzugeben, indem er aufs Erzählen von Geschichten vertraut. Nicht jede Geschichte sitzt hundertprozentig, aber insgesamt hat er dem Kommerz nochmal Grenzen durch Menschlichkeit gesetzt. Die Macht des durchgetakteten Maschinenkinos, in dem Künstliche Intelligenz das Drehbuch ausspuckt, bleibt eingehegt. Noch.

Wertung: 6 von 8 €uro
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