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Kinoplakat: Alles inklusive
Doris Dörrie gelingt ein großer Wurf.
Hinnerk Schönemann haut mich um
Titel Alles inklusive
Drehbuch Doris Dörrie
Regie Doris Dörrie, Deutschland 2014
Darsteller Hannelore Elsner, Nadja Uhl, Hinnerk Schönemann, Axel Prahl, Peter Striebeck, Fabian Hinrichs, Robert Stadlober, Stefanie von Poser, Natalia Avelon, Maria Happel, Juliane Köhler, Remedios Darkin, Elton Prince, Tim Kalkhof u.a.
Genre Komödie, Drama
Filmlänge 119 Minuten
Deutschlandstart
6. März 2014
Inhalt
Den albernen Vornamen verdankt Apple ihrer Mutter Ingrid. Nie mehr will sie so chaotisch leben wie damals in ihrter Kindheit. In Spanien, in dem Zelt am Hippie-Strand von Torremolinos, 1967, als Apples Mutter eine Affäre mit Karl hatte.

Jetzt, 30 Jahre später, erlebt Apple ein Liebesdesaster nach dem anderen. Sie verzweifelt an den Männern, nur ihr Hund, Herr (Sigmund) Freud, scheint sie richtig zu verstehen. Und die ehemalige barbusige Strandschönheit Ingrid, mit über sechzig und künstlicher Hüfte immer noch rebellischer Freigeist, kehrt nach mehr als drei Jahrzehnten als All-inclusive-Touristin nach Torremolinos zurück.

Der Hippie-Strand existiert nicht mehr und vor lauter Hotelbunkern, billiger Animation und feiernden Abiturienten erkennt sie das ehemalige Fischerdorf kaum wieder.

Die Begegnung mit einem Bootsflüchtling und dem Transvestiten Tim – bzw. Tina – zwingen Ingrid, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Und als ihre Tochter Apple in Spanien eintrudelt, um die Mama zu besuchen, geschehen weitere überraschende Dinge …

Was zu sagen wäre

„Mein Leben ist ziemlich verheddert“, sagt Apple. „Wenn das Leben ein langes Seil ist, dann ist bei mir ein riesiger Knoten drin. Und plötzlich wird das Seil eine riesige Schlange; und dann bekomme ich Angst, dass die Schlange mich anfällt und beißt.“ „Aber die meisten Schlangen sind ungiftig“, sagt der charmante Tierarzt Dr. Fellborn. Darauf entgegnet Apple: „Ich weiß ja nicht, welche.“ In diesem kurzen Dialog nach etwa 30 Filmminuten fasst sich das ganze Drama dieses erwachsenen Mädchens zusammen, das seinen gehbehinderten Mops mit der steifen Hüfte Dr. Freud tauft und als Therapeuten nutzt.

Es ist ein großer Wurf, den Doris Dörrie da nonchalant auf die Leinwand malt – ein Entwurf lauter verpfuschter Lebensträume, die doch irgendwie gefüllt werden müssen, weil es ja nunmal das einzige Leben ist, das man hat – oder bekommen hat, inklusive allem. Nach „Kirschblüten – Hanami“ (2008) ist das ihr größtes Werk. Unglaublich komisch von der ersten Minute an. Unglaublich bitter von der ersten Minute an.

Nadja Uhl als Apple ist wunderbar. Fabian Hinrichs als Tierdoktor hingebungsvoll. Axel Prahl in String-Tanga zum Niederknien. Aber den Vogel schießt Hinnerk Schönemann als desillusionierter Fußpfleger Tim/Tina ab; endlich kann er eine Rolle mal befreit von allen ich-will-das-so-haben-wie-in-Zwängen anlegen; seine desillusionierte Transe Tina ist zum Steinerweichen bezaubernd. Schaut man genauer hin, blitzt die Dankbarkeit in seinen Augenwinkeln auf, endlich mal was anderes spielen zu dürfen.

„Alles inklusive" ... der Titel ist Programm. Doris Dörrie schaut genau hin, schreibt auf, was sie hört und setzt das umstandslos in Szene; das hat schon ihren „Männer“-Film (1985) so unwiderstehlich gemacht. Sie entwirft Lebensträume in wenigen Worten und entzaubert Lebensentwürfe in einem Kameraschwenk, dass es einem den Atem stockt. Dieser Film ist in bestem Sinne unbeschreiblich gut; womöglich muss man für eine solche Erkenntnis ein gewisses Alter erreicht haben, um nachvollziehen zu können, was da im Torremolinos in der angejahrten Hannelore Elsner vorgeht – aber das ist nicht Erkenntnis eines „Dafür bist Du noch nicht alt genug“-Schwaflers, das ist … schlicht so: Teenager verstehen so einen Film (noch) nicht – würden sie ihn verstehen, wäre das sehr bedauerlich für diese Teenager!

„Alles inklusive“ spielt mit Träumen, Lebensentwürfen, verpassten Chancen und den Folgen unbedarften Jetzt-leb-ich-Egoismus'. Das tut der Film vor greifbarer, realer Kulisse ohne große Bildmäzchen. Dörrie reicht die digitale Handycam, das Licht der (manchmal auch pittoresk untergehenden) Sonne und ein paar Lichtverstärker – dazu ein paar exzellente, präsente Kleindarsteller (z.B. Maria Happel) für die Atmosphäre drumrum, fertig ist das Gefühl, sich im eigenen Urlaubsfilm wiederzufinden.

Dörries Film strahlt souveräne, unaufgeregte Romantik aus. Wunderbar. Großartig. Bezaubernd. Atemlos. Rasant. Abwechslungsreich.

Wertung: 8 von 8 €uro
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