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Kinoplakat: Alien – Die Wiedergeburt
Jean-Pierre Jeunet macht
die Schreie gewöhnlich
Titel Alien – Die Wiedergeburt
(Alien: Resurrection)
Drehbuch Joss Whedon
mit Charakteren von Dan O'Bannon + Ronald Shusett
Regie Jean-Pierre Jeunet, USA 1997
Darsteller Sigourney Weaver, Winona Ryder, Ron Pearlman, Dominique Pinon, Gary Dourdan, Michael Wincott, Kim Flowers, Dan Hedaya, J.E. Freeman, Brad Dourif, Raymond Cruz, Leland Orser, Carolyn Campbell, Marlene Bush, David St. James u.a.
Genre Scince Fiction, Horror
Filmlänge 109 Minuten
Deutschlandstart
27. November 1997
Inhalt

200 Jahre nach den Ereignissen auf Fiorina 161. 200 Jahre nach der Evakuierung jenes Gefängnisplaneten, auf dem Ripley starb und das letzte Alien mit in den brennenden Tod riss.

Seit heute lebt Ripley wieder. Sie ist das Ergebnis eines militärischen Experiments, in welchem ihre DNS mit der des letzten Alien gekreuzt wurde.

In ihrer neuen Form ist Ripley zum Teil selbst Alien. Über sie soll eine neue Spezies geschaffen werden, beherrschbar geworden über Ripley. Eine fatale Fehleinschätzung: Den hochgezüchteten Monstern gelingt die Flucht aus ihrem sicheren Gefängnis; die Menschen dachten, es sei sicher.

Die intelligente Brut fällt über die Besatzung her. Das Ripley-Klon schließt sich einem Trupp tougher Schmuggler an, die neues Material für die Forscher an Bord gebracht hatten, Nahrung für frisch geschlüpfte Aliens (die Face-Hugger). Die Truppe muss schnell handeln, bevor sich die Brut unkontrollierbar vermehrt.

Ripley ist womöglich keine große Hilfe, weiß man doch nicht, auf wessen Seite sie eigentlich steht. Es gibt einen zweiten Grund, der zur Eile mahnt: Der Wissenschaftsraumer befindet sich auf dem Rücksturz zur Erde, die ein gefundenes Fressen für die neuen Aliens darstellen würde …

Was zu sagen wäre

Im ersten Bild fletschen mich die bekannten Alien-Zähne frontal an. Dann zieht die Kamera auf, die Zähne gehören zu einem Insekt, das ein Finger zermatscht, dessen Besitzer dann den übrigen Schnodder beiseite schnippt. Signal: „Alien“ geht in eine neue Richtung – die Zeit der stillen, düsteren Space-Intros ist vorbei. Clever: Meine Erwartung ist … hoch. Zu hoch, wie sich herausstellen wird

Dann hören wir Ripleys Stimme, die einen Satz zitiert, den einst die kleine Newt sprach, die mehr und mehr zum unsichtbaren Zentrum der Alien-Saga gerät: „Meine Mutter sagte immer Es gibt keine Monster. … Aber es gibt sie!“ Dazu sehen wir einen Ripley-Klon in einem übergroßen Reagenzglas, dem bald darauf ein Alien aus dem Bauch geschnitten wird. Die Welt hat sich gedreht. Aus dem Alien wurde eine Versuchsanordnung; aus dem Mensch wurde das Alien.

Auch hier gilt das 1979er-Prinzip der „unbekannten Welt“: Nicht das Alien ist neu. Aber die Welt, in der wir uns befinden, ist es. Diese hier liegt 200 Jahre in der Zukunft der bisherigen Alien-Filme, im 24. Jahrhundert.
„Die Dinge haben sich verändert seit Deiner Zeit“, sagt Wren, der militärische Leiter der Forschungseinrichtung zum Ripley-Klon, nachdem man ihr die Alien-Königin aus dem Bauch geholt hat und – nebenbei – festgestellt hat, dass der Ripley-Klon offenbar ganz gute Heilungskräfte hat, also „der letzte Schrei“ und vielleicht als solcher noch zu vermarkten sei.
„Das bezweifle ich“, antwortet der Klon und bläst kühlend auf seinen Kaffee.
„Wir wissen, was wir tun, verstehst Du. Das hier ist das United Systems Military (USM), nicht irgendein raffgieriger Konzern.“
„Oh … naja, das macht keinen Unterschied. Ihr sterbt trotzdem alle.“

Kurz: Was wir in unserer Welt gerade erleben, nämlich dass der Staat, dass große Konzerne teure Forschungsaufgaben, Putzaufträge, Konstruktionsjobs der größeren Profite wegen an kleine Sub-Unternehmer auslagert, ist im (mittlerweile) 24. Jahrhundert längst zurückgedreht – auf militärischer Forschung hat das Militär doch lieber selbst den Finger drauf; wenn auch illegal wie in diesem Film. Helfen tut auch das nicht – quod erat schleimtriefend demonstrandum. Aber es bietet Platz für lustige Charaktere im Film: Dan Hedaya als leicht hysterischer Stations-Boss mit lustig aufgedrehten Augen, Brad Dourif als Wissenschaftler mit sodomitischer Lust am Xenomorphen und interessanter Zopffrisur.

Der Mensch in diesem 24. Jahrhundert ist so kaputt, dass sogar die Maschinen, die er erschuf, sich gegen ihn wandten, lieber eigene Roboter erschufen, die die Befehle der Menschen nicht mehr akzeptierten, woraufhin der Mensch auch diese in alter Gewohnheit vernichten wollte – hier greift das Script auf die alte Blade Runner-Idee zurück, die Alien-Erfinder Ridley Scott 1982 verfilmt hat. Um am Ende dieses Teils die menschliche Crew zu retten, muss die Maschine (der Roboter) in einen „Kapelle“ genannten Raum, an eine „Holy Bible“ genannte Box angeschlossen werden, um das Mutterschiff in die Selbstzerstörung zu treiben. Der religiöse Wahnsinn treibt heitere Blüten.

Kinoplakat: Alien – Die Wiedergeburt

In Jeunets Version des Alien-Franchise ist der Xenomorph nicht mehr die unbekannte, kaum einzuschätzende Bedrohung. Hier ist der Mensch die einzige Bedrohung. Gegen andere und sich selbst. Das schadet dem Image. Das Alien war geheimnisvoll, ein „fremdes  Wesen aus einer anderen Welt“, wie es im Untertitel 1979 hieß. Die Spannung zog Ridley Scott daraus, dass man nichts über dieses Wesen wusste, es kaum jemals richtig sah. Auch James Cameron jonglierte 1986 noch mit diesem Pfund. Heute wissen wir alles über den Xenomorph, können ihn sogar klonen. Damit reiht sich das bekannte Wesen aus einer anderen Welt ein in die Reihe all der Halloween-Freitag-der-13-Nightmare-Killer, die in Serie unsere Leinwände bevölkern – hier freilich schöner gefilmt, klüger erzählt, schwelgerischer ausgestattet. Das, was Alien groß gemacht hat, ist tot. Nicht die Wissenschaft, nicht die Marines, nicht einmal Ripley haben es gezähmt. Hollywood hat es gezähmt, seiner kommerziellen Maschinerie einverleibt.

Jeunet macht kein Geheimnis mehr. Er weiß: Die Zuschauer im Kinosaal wissen alles über die Aliens. Es gibt nach 15 Minuten einen Dialog, der die weitere Richtung vorgibt – hey: wir befinden uns nicht mehr in den verträumten 70er Jahren. „Does it grow“, fragt die geklonte Ripley ohne lange Vorrede und Brad Dourif sagt „Yes. Very rapidly“. Und Ripley erwidert kurz:  „It‘s a Queen. She‘ll breed. You‘ll die!“ Die Richtung steht. Lehnen wir uns zurück und … ?

Für Sigourney Weaver ist die Rolle ein Traumjob. Sie kann locker spielen, wie sie gerade drauf ist, und gibt eine veritable Rätselfrau. Lächelnd haben wir sie in den drei Vorgängerfilmen selten gesehen – gab es da nicht eine Szene mit der jungen Newt im zweiten … und mit Clemens, dem charmanten Mediziner, im dritten Teil? Im aktuellen „Alien“ dreht Weaver den Spieß um, wird von der Gejagten zur Jägerin, zur unheimlichen Begegnung der Dritten Art. Ripley als Über-Alien ist eine interessante Entwicklung, die sich im Laufe des Films aber abnutzt und schließlich kehrt die Dramaturgie zum ausgeprägten Zehn-Kleine-Negerlein-Prinzip zurück.

Und Ripley lächelt weiter. „Lasst ihn ihn hier. Er hat eins in sich. Ich kann es riechen.“

Gegen Ende, als nahezu alle Geheimnisse gelüftet sind (und es gibt da tatsächlich einige), sitzen Ripley und die junge Call zusammen und reden über die Unmöglichkeiten, in der Welt der Menschen vernünftige Entscheidungen zu treffen, und Call sagt, sie sorge sich um die Menschen, ob Ripley das nicht verstehe. Es folgt eine kleine mimische Leistung in Sigourney Weavers Gesicht, die von großer Könnerschaft zeugt. Auch sie habe das früher mal gemacht, sagt sie. „Da war ein kleines Mädchen …“, erinnert sich ein Teil in ihr, während ihr Gesicht große Wärme ausstrahlt und wir Zuschauer darin an all die Dramen erinnert werden, die sie durchlitten hat – „Und jetzt weiß ich nicht einmal mehr ihren Namen.“ Eine große Szene, in der auch Winona Ryder überzeugt (Ein amerikanischer Quilt – 1995; Reality Bites – Voll das Leben – 1994; Das Geisterhaus – 1993; „Zeit der Unschuld“ – 1993; Bram Stokers Dracula – 1992; Meerjungfrauen küssen besser – 1990; Edward mit den Scherenhänden – 1990; Great Balls of Fire – 1989), deren dünne Stimme im Rest des Films so gar nicht zu der toughen Figur passt, die sie spielt. In diesem Film bleibt die ehemalige Ikone der „Generation X“ blass, gereicht gerade zu einem optisch schmückenden Beiwerk.

Das Schlussbild ist eine schöne Neuinterpretation des Schlussbilds des Planet der Affen von 1968. Danach kann der Mensch im Zuschauer dann alle Hoffnung fahren lassen. Die ganz dicke Luft ist raus aus der Saga. Jean-Pierre Jeunet hat dem großen Erbe seiner Vorgänger nichts adäquat Neues hinzufügen können. Das Script wiederholt Bewährtes und Jeunet hat dem nur seine aus „Die Stadt der verlorenen Kinder“ (1995) bekannte Bildsprache hinzugefügt.

Wertung: 5 von 10 D-Mark
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