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Plakatmotiv: Über den Dächern von Nizza
Ein prachtvoller Film
vor prächtiger Kulisse
Titel Über den Dächern von Nizza
(To catch a Thief)
Drehbuch John Michael Hayes
nach dem gleichnamigen Roman von David Dodge
Regie Alfred Hitchcock, USA 1955
Darsteller Cary Grant, Grace Kelly, Jessie Royce Landis, John Williams, Charles Vanel, Brigitte Auber, Jean Martinelli, Georgette Anys u.a.
Genre Romanze, Crime
Filmlänge 106 Minuten
Deutschlandstart
23. Dezember 1955
Inhalt

Ein Juwelendieb treibt an der französischen Riviera sein Unwesen. John Robie, vor dem Zweiten Weltkrieg berüchtigter Juwelendieb (bekannt als die Katze) und während des Krieges Held der Résistance, wird verdächtigt, da seine alte Methode vom neuen Dieb kopiert wird. Als er von der Polizei vernommen werden soll, taucht er unter.

Um seine Unschuld zu beweisen, macht er sich selbst auf die Suche nach dem Gauner. Seine ehemaligen Partner, die allesamt inzwischen einem ehrbaren Beruf im Restaurant Bertani nachgehen, sind verärgert, da sie ihn für den Dieb halten und sich die französische Polizei daher wieder für sie interessiert. Dennoch helfen ihm Bertani und Danielle Foussard der Polizei zu entwischen. Die junge Danielle ist in Robie verliebt und schlägt ihm vor, mit ihr nach Südamerika zu fliehen.

Robie wendet sich aufgrund eines Hinweises durch den Restaurantbetreiber Bertani an den Versicherungsagenten Hughson, der ihm – anfangs noch misstrauisch – seine Hilfe anbietet. Dadurch freundet sich Robie mit der Millionärin Mrs. Stevens und deren Tochter Frances an, die im Besitz wertvoller Juwelen sind. Bald darauf wird Mrs. Stevens ebenfalls bestohlen. Für Robie wird es eng. Frances, die mit Robie eine Liebesnacht verbracht hatte, misstraut ihm und macht ihm das Leben schwer, während ihre Mutter an die Ehrlichkeit Robies glaubt.

Robie setzt alles auf eine Karte und versucht, den Dieb bei dessen nächstem Coup auf frischer Tat zu ertappen. Dies muss er fast mit seinem Leben bezahlen, denn er gerät in eine Falle. Doch da er auf den Angriff gefasst war, kann er ihn abwehren. Foussard, ein früherer Kumpan aus der Résistance, kommt dabei versehentlich ums Leben. Nach Foussards Tod präsentiert die Polizei diesen als die Katze, obwohl ihr klar ist, dass dieser ein Holzbein hatte und unmöglich der Meisterdieb gewesen sein konnte.

Wohl wissend, dass er sich selbst die Schlinge um den Hals legt, falls der Dieb entwischt und er am Tatort verhaftet wird, setzt Robie erneut alles auf eine Karte …

Plakatmotiv: Über den Dächern von Nizza

Was zu sagen wäre

Filme werden für die Zuschauer gedreht. Nicht für Produzenten oder Kritiker. Die Leute, die dafür zahlen, unterhalten zu werden, sind die, um die es geht. Das war Alfred Hitchcocks Überzeugung beim Dreh. Und deshalb sieht „To catch a Thief“ so aus wie er aussieht. Wollte man den Begriff prachtvoll verfilmen, es käme dieser Film dabei heraus, wobei vielleicht die Handlung eine andere wäre. Aber die Handlung verhält sich in diesem Film zu deren visuelle Umsetzung wie Hitchcocks geliebte MacGuffins zu den Bildern – die Handlung ist nur da, um die schönen Bilder von schönen Menschen, die an schönen Schauplätzen schöne Dinge tun zu rechtfertigen. Denn natürlich geht es um die schönen Dinge in diesem Film, nicht um die Juwelendiebstähle, die je selten im Sinne des Wortes schön schön sind. Der eigentliche, der inhaltliche MacGuffion ist der Juwelendiebstahl – dafür da, damit Grace Kelly Cary Grant verführen kann.

Plakatmotiv: Über den Dächern von NizzaAlles an diesem Film ist bezaubernd. Bilder, Schauspieler Dialoge, die Montage. Eine längliche Kussszene in einer Suite des abendlichen Carlton Hotels, vor deren Fenster ein grandioses Feuerwerk gezündet wird, komponiert Hitchcock mit seinem Cutter George Tomasini und Komponist Lyn Murray zu einer romantischen, fröhlichen, mehrdeutigen Gefühlsbombe, die ebenso frech wie elegant durch die strenge Filmzensur, den Production Code, kam – und dennoch mehr Erotik versprüht, als manche Bettszene. Grace Kelly liegt da im schulterfreien, weißen Abendkleid und Diamantcollier auf dem Sofa und sagt zu Cary Grant: „Ich weiß genau, wo Du hinschaust.“ Es bleibt dem Zuschauer überlassen, ob der ehemalige Juwelendieb tatsächlich das Collier anschaut – oder nicht doch eher ihre elegante, bezaubernde Erscheinung. Um den Production Code auszutricksen, beauftragte Hitchcock den Komponisten, die Filmmusik an der Stelle weniger „suggestiv“, sondern eher leicht „fröhlich-komödiantisch“ zu gestalten.

Kurz vorher waren die beiden beim Picknick, oben in den Hügeln der Riviera mit freiem Blick auf Monte Carlo und Francine – in einem eleganten Kostüm, einem unter den vielen einzigartigen, die Edith Head für sie entworfen hat – holt Kaltes Huhn aus dem Picknick-Korb und fragt ihn „Willst Du Bein oder Brust?“. Grant windet sich aus der Doppeldeutigkeit mit „Das überlasse ich Dir.“ („You want Leg or breast?“ „You decide!“). Solch doppeldeutig-erotisches Dialog-Ping-Pong gibt es den ganzen Film hindurch (s.u.), und diese Dialogszene, gedreht in einer Einstellung über den Dächern Monte Carlos, ist – obwohl Hitchcock lange Dialoge nicht mochte – eine der schönsten Szenen im Film. Das „Lexikon des internationalen Films“ nennt so etwas eine „Temperament- und geistvolle Kriminalhumoreske mit spitzzüngigen Dialogen und raffiniert verschlungenem Spannungsknoten.“

John Michael Hayes' Dialoge sind wunderbar. Und Kameramann Robert Burks, der zum fünften mal mit Hitchcock arbeitet, malt grandiose Großformate – sonnendurchflutete Romantik, pittoreske Mittelmeeratmosphäre, grandiose Landschaften. Ganz gegen seine sonstigen Gepflogenheiten hat Alfred Hitchcock fast die Hälfte des Films an Originalschauplätzen gedreht, gibt dabei der Schönheit der Côte d'Azur die Sporen mit Totalen, die er aus dem Hubschrauber filmt, elegischen Schwenks über eine verschwenderisch schöne Landschaft. Ins Studio zur Rückprojektion-Technik geht er diesmal nur dann, wenn er Dialog filmt – da gibt ihm die Studiotechnik halt die größere Kontrolle.

Plakatmotiv: Über den Dächern von NizzaAuch in „To Catch a Thief“ ist der Einstieg very Hitchcock: In einem Reisebüro wirbt ein Plakat „If you love life, You'll love France“ (Wer das Leben liebt, liebt Frankreich), dann harter Schnitt, eine Frau, close, schreit in die Kamera, ihr Schmuck ist gestohlen; eine schwarze Katze läuft nachts über ein Dach, schwarze Handschuhe leeren Schmuckschatullen, die Katze läuft zurück, Geschrei bei Tageslicht – dieses Bildquartett wiederholt sich dreimal – und Hitchcock hat alles gesagt. Auch, dass der Dieb „Die Katze“ genannt wird.

Für Hitchcock muss es eine Art Familienfilm gewesen sein. Mit Kameramann Bob Burns, der für seine Arbeit an diesem Film einen Oscar bekam, arbeitete er zum fünften mal zusammen (Das Fenster zum Hof, Bei Anruf Mord, Ich beichte, „Der Fremde im Zug“), Cutter George Tomasini und die Kostümdesignerin Edith Head hatte er bei der gemeinsamen Arbeit an Das Fenster zum Hof schätzen gelernt, mit John Williams war es nach Paradine Case und – vor allem – Dial M for Murder die dritte Zusammenarbeit, die hier in  einer wunderbaren, knapp an der Karikatur vorbei, Interpretation eines britischen Versicherungsvertreters mündet.

Auch mit Cary Grant (Liebling, ich werde jünger – 1952; Ich war eine männliche Kriegsbraut – 1949; „Arsen und Spitzenhäubchen“ – 1944; Die Nacht vor der Hochzeit – 1940; „His Girl Friday – Sein Mädchen für besondere Fälle“ – 1940; „Die Schwester der Braut“ – 1938; Leoparden küsst man nicht – 1938), der für diesen Film seinen erklärten Abschied vom Filmgeschäft leise wieder einkassiert, war es nach Berüchtigt (1946) und Verdacht (1941) die dritte Arbeit, ebenso, wie mit Grace Kelly nach Dial M for Murder und Rear Window. Kelly ist die Personifizierung der Hitchcockschen Schönheit, die weiblich anmutig, anschmiegsam erscheint, aber genau weiß, was sie will (Mogambo – 1953; 12 Uhr Mittags – 1952). Es gibt eine angeblich von Hitchcock selbst stammende Beschreibung dieser Hitchcock-Blondine: Eine unerreichbare, kühle Blonde, die dir auf dem Rücksitz eines Taxis plötzlich den Hosenschlitz öffnet. Sollte er tatsächlich davon geträumt haben, ist es zu der Hosenschlitzszene wohl nicht mehr gekommen. Bald nach den Arbeiten an diesem Film stieg Grace Kelly aus dem Filmgeschäft aus, heiratete den Fürsten Rainer von Monaco und startete als Grazia Patricia eine zweite Karriere als Landesmutter.

Sehr schade. Auch in diesem dritten Hitchcockfilm gilt: So bezaubernd, verführerisch und schön war sie in keinem Film zuvor. In „To catch a Thief“ lässt sie sich von Cary Grant zu ihrer Zimmertür im Carlton geleiten, geht hinein, dreht sich um, geht auf den in der Tür stehen gebliebenen Mann zu und küsst ihn.

Wertung: 7 von 7 D-Mark
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