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Plakatmotiv: Das Fenster zum Hof

Ein Voyeur im Rollstuhl. Ein seltsamer
Nachbar. Aber Mord? Perfektes Kino!

Titel Das Fenster zum Hof
(Rear Window)
Drehbuch John Michael Hayes
nach dem Bühnenstück von Cornell Woolrich
Regie Alfred Hitchcock, USA 1954
Darsteller James Stewart, Grace Kelly, Wendell Corey, Thelma Ritter, Raymond Burr, Judith Evelyn, Ross Bagdasarian, Georgine Darcy, Sara Berner, Frank Cady, Jesslyn Fax, Rand Harper, Irene Winston, Havis Davenport u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 112 Minuten
Deutschlandstart
8.April 1955
Inhalt

Der Fotojournalist L. B. Jefferies ist wegen eines Gipsbeins vorübergehend auf einen Rollstuhl angewiesen. Aus Langeweile beobachtet er von seinem Fenster aus das Geschehen im Hinterhof einer Apartmentanlage in Greenwich Village. Das anfängliche Vergnügen über die Marotten seiner Nachbarn weicht allmählich einer obsessiven Neugier. Von seinem Zeitvertreib lässt er sich auch nicht durch die warnenden Ratschläge seiner Pflegerin Stella abhalten. Fürsorglichen Besuch erhält Jeff zudem von seiner Verlobten Lisa Fremont, die als elegante Karrierefrau aus den vornehmen Stadtteilen New Yorks den charakterlichen Gegenpol zum abenteuerlustigen und an das einfache Leben gewöhnten Fotografen bildet.

Als Jeff eines Nachts nicht genügend Ruhe findet, bemerkt er im Halbschlaf, dass einer der Anwohner – Thorwald, ein Vertreter für Modeschmuck von gegenüber – die Wohnung mehrmals mitten in der Nacht im strömenden Regen mit seinem Musterkoffer verlässt. Am nächsten Morgen ist dessen bettlägerige Ehefrau verschwunden. Mit einem Fernglas, später durch das Teleobjektiv seines Fotoapparats, beobachtet Jeff, wie Thorwald ein Messer und eine Säge in Zeitungspapier wickelt. Jeff berichtet Stella und Lisa von den verdächtigen Vorgängen und entwirft eine gewagte Mordtheorie. Lisa zeigt zunächst kein Verständnis, ändert aber schlagartig ihre Haltung, als sie mit eigenen Augen sieht, wie Thorwald einen großen Schrankkoffer mit Seilen verschnürt.

Am nächsten Tag sucht Jeff Rat bei seinem Freund Tom Doyle, der bei der Kriminalpolizei arbeitet. Höchst skeptisch verfolgt er Jeffs Auslegung der jüngsten Ereignisse, erklärt sich nach einigem Zögern aber bereit, inoffizielle Nachforschungen anzustellen. Zeugenaussagen scheinen Jeffs Vermutungen zu widerlegen, denn angeblich schickte Thorwald seine Frau mit der Bahn zur Erholung aufs Land. Nach ihrer Ankunft schrieb sie von dort eine Postkarte. Der suspekte Schrankkoffer diente wohl lediglich zum Transport ihrer Kleider. Da sich aber die Handtasche mit Schmuck und Ehering seiner Frau nach wie vor in Thorwalds Wohnung befindet, gibt sich Lisa mit den Erklärungen nicht zufrieden. Ihre weibliche Intuition findet bei Doyle jedoch kein Gehör und veranlasst ihn, nach einer von Sarkasmus begleiteten Diskussion seine Hilfe vorerst einzustellen.

Jeff und Lisa können ein paradoxes Gefühl der Enttäuschung nicht verbergen: Einerseits sehen sie sich um die Früchte ihrer Detektivarbeit gebracht, andererseits nagt die kaum empfundene Erleichterung über das scheinbare Lebenszeichen des vermeintlichen Opfers an ihrem Gewissen.

Als Lisa die Vorhänge schließt, um sich Jeff im verführerischen Negligé zu präsentieren, ertönt plötzlich ein Schrei aus dem Hinterhof: Der kleine Hund eines alten Ehepaares wurde mit gebrochenem Genick aufgefunden …

Plakatmotiv: Das Fenster zum Hof

Was zu sagen wäre

Du beobachtest eine geheime, private Welt da draußen. Leute tun vieles im Privaten, was schwer erklärlich ist.
Wie zum Beispiel das Entsorgen von Frauen?

Nein, dieser Film macht uns nicht zu Voyeuren. Wir sind Voyeure, und das macht einen Teil der großartigen Qualität dieses Films aus. Wir schauen James Stewart dabei zu (s.u.), wie er in anderer Leute Leben glotzt und sich damit vor allem vor den Fragen drückt, die sein eigenes Leben gerade umtreiben, wie etwa, ob er seine eloquente Society-Freundin, die ihn liebt, heiraten soll/muss – und wir schauen gerne mit durch sein riesiges Teleobjektiv in die Fenster gegenüber.

In „Rear Window“ feiert Alfred Hitchcock die Herrschaft der Subjektive. Alles, was wir auf der Leinwand sehen – bis auf ganz wenige Einstellung während einer Suspens-Szene im Hof – sehen wir aus der Sicht L. B. Jefferies'; das heißt: Auch das Bild, was wir uns von den vielen Gegenübern machen, ist das, welches Jeff hat. Und machen wir uns nichts vor, so funktioniert ja Alltag. Wir entscheiden aufgrund subjektiver Erkenntnisse.

Hitchcock unterstreicht die Irritation, die solche Subjektivität auslösen kann, indem er die kleinen Dramen in den umliegenden Fenstern nahezu stumm inszeniert. Hier und da echot mal ein Gesprächsfetzen über den Hof ins Fenster, aber alles in allem bleiben die Geschichten in den Fenstern ohne verbale Erläuterung. Dennoch erschließen sie sich – Hitchcock nutzt das Medium Film als Medium des Bildes, in welchem der Sound eines erklärenden Dialogs eine untergeordnete Roille spielt. Schon die Einstiegssequenz ist beispielhaft: Die Kamera zeigt den Hof, schwenkt über James Stewarts schwitzendes Gesicht, dessen Gipsbein und fährt dann weiter über eine zerschmetterte Kamera und mehrere Fotos, die auch ohne Worte zeigen, warum der Mann im Rollstuhl sitzt.

„Rear Window“ ist auch ein interessantes Portrait von Mann und Frau. Wenn Jeff nicht im Rollstuhl sitzt, erlebt er fotografierend Abenteuer in der ganzen Welt. Seine schöne Freundin – elegant, gebildet, zugewandt – ist in der oberflächlichen Welt der Mode zuhause, aber für den Abenteurer zu unerfahren. Jeffs Pflegerin ist eine patente Frau, die nichts hält von der Idee einer „modernen Ehe“: „Nichts hat der Menschheit mehr Ärger eingebracht, als Intelligenz“, sagt sie. „Wenn Mann und Frau sich treffen, sich gut finden und sich gegenseitig gefallen, sollte es einen Aufprall geben, wie bei zwei Taxen auf dem Broadway.“ Da sprüht mehr Lebensklugheit, als aus den Worten des weitgereisten Fotografen. Thelma Ritter sielt diese Pflegerin loyal und bärbeißig und erinnert da an ihre ähnlich gelagerte Rolle in Alles über Eva (1950). Gegenüber lebt eine meist leicht beschürzte Blonde, die immerzu tanzt („Miss Torso“) und sich allerlei Männern erwehren muss und am Ende einem kleinen, dicklichen Soldaten mit Kassengestellbrille um den Hals fällt.

Als Stella diese Erkenntnis über Taxen am Broadway formuliert, haben wir in den Fenstern reihum gesehen: lauter Menschen allein – der Komponist, die Tänzerin, die Frau im Liegestuhl, die alleinstehende frau, die daheim ein Dinner für zwei für sich allein inszeniert. Glückliche Paare? Oben rechts leben zwei ohne weitere Geschichte, gegenüber lebt die Zweisamkeit über die Fürsorge für den kleinen Hund (der später eine wunderbare Rolle in diesem minutiös durchkalkulierten Film erhält) und nebenan zieht ein frisch vermähltes Paar ein, das die Jalousien runterlässt. Hinter einem Fenster kommt der Mann gerade nach Hause und begrüßt seine Frau, lieblos. Der entpuppt sich später als potenzieller Mörder. Das Ehepaar mit der runtergelassenen Jalousie und dem offenbar erfüllenden Sex gerät dann in die Krise, als er seine berufliche Karriere in Frage stellt („Ich habe dich geheiratet, weil ich dachte, Du hättest einen sicheren Job.“)

„Rear Window“ – vor allem aber dessen erste Minuten – schreit eine Panik des Mannes vor der Ehe, der Zweisamkeit, die das Individuum einengt, gerade heraus und Jeffs Freundin Lisa scheint da noch eine vor allem verwöhnte Frau zu sein. Und dann kommt Grace Kelly (Bei Anruf Mord – 1954; Mogambo – 1953; 12 Uhr mittags – 1952) als Lisa und ändert alles – es ist um den (männlichen) Zuschauer geschehen. Die Umgebungsgeräusche ersterben, die Musik ist weg, die Kamera zeigt stumm, wie sie ihn zur Begrüßung küsst, lächelt, „Wie geht es dem Bein?“ fragt. Eine Szene für die Ewigkeit. Die Huldigung der weiblichen Schönheit, wie sie klarer, romantischer, sehnsüchtiger, schöner wahrscheinlich nie wieder inszeniert werden kann. Natürlich ist das sexistisch und natürlich zeigt Alfred Hitchcock, der dicke Brite, hier unverholen seine geile Sehnsucht. Aber er zeigt auch, dass er sein Medium versteht: Ob der der stumme Begrüßungskuss, ob die stummen Dramen in den Fenstern ringsum, ob das Rätselraten über Mord oder nicht Mord – Alfred Hitchcock ist in diesem Film so sehr bei sich und seiner Profession, wie nie zuvor (und nie danach): Kino ist ein visuelles Medium.

Hitchcocks Meisterwerk!

Wertung: 6 von 6 D-Mark
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