Kinoplakat: X-Men - Zukunft ist Vergangenheit
Großes Mutantenepos
mit kleinen Fehlern
Titel X-Men: Zukunft ist Vergangenheit
(X-Men: Days of Future Past)
Drehbuch Simon Kinberg + Jane Goldman + Matthew Vaughn
nach den Marvel Comics von Stan Lee und Jack Kirby
Regie Bryan Singer, USA 2014
Darsteller James McAvoy, Patrick Stewart, Hugh Jackman, Jennifer Lawrence, Michael Fassbender, Ian McKellen, Halle Berry, Nicholas Hoult, Anna Paquin, Ellen Page, Peter Dinklage, Shawn Ashmore, Omar Sy, Evan Peters, Josh Helman, Daniel Cudmore, Mark Camacho, Bingbing Fan u.a.
Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 131 Minuten
Deutschlandstart
22. Mai 2014
Website X-Men Wiki
Inhalt
Die Zukunft ist ein dunkler Ort. Die Städte zerstört, die Menschen vernichtet, die Mutanten kämpfen ihr letztes Gefecht – gegen die übermächtigen Sentinels, mächtige Roboter, die sich jeder Mutanten- oder Superkraft anpassen können, haben auch sie keine Chance. Das Sentinels-Programm hat ganze Arbeit geleistet: Ihr Auftrag lautete, Mutanten aufzuspüren und zu vernichten – und jene aufzuspüren, deren Kinder oder Kindeskinder dereinst Mutanten gebären würden.

Die letzten Mutanten um Charles Xavier und Eric "Magneto" Lensherr treffen sich in einem Versteck irgendwo im Himalaya und starten einen letzten Versuch, die Dinge gerade zu rücken: Sie schicken Wolverine in das Jahr 1973. In diesem Jahr tötete die Gestaltwandlerin Mystique den Erfinder der Sentinels, Bolivar Trask. Dabei wurde sie gefangen und im Labor auseinander genommen. Die Wissenschaftler konnten ihr Mutanten-Gen entschlüsseln und auf das Sentinels-Programm übertragen – es gab den Robotern erst jene Möglichkeit, sich jeder Kraft anzupassen und diese zu neutralisieren.

Wolverine soll den Mord an Trask verhindern, in dessen Folge Mystiques Muation die Menschheit vernichten wird. Aber das kann er nicht alleine. Er sucht den jungen Charles Xavier auf, aber der weigert sich zu helfen, hat sich nach den Vorkommnissen rund um die Kubakrise verbittert in sein Anwesen zurückgezogen. Und auch Magneto ist außer Gefecht gesetzt: 100 Meter unter dem Pentagon in einer Zelle, in der kein Gramm Metall ist.

Wolverine wendet sich an einen anderen Mutanten. Der rasend schnelle Pietro Maximoff, später mal bekannt als Quicksilver, soll Magneto aus dem Bunker holen …

Was zu sagen wäre

Bryan Singer kehrt auf den X-Regiestuhl zurück und verbindet die alten und die neuen X-Men-Filme. Der ganz große Wurf ist ihm nicht gelungen, aber er hat ein bombastisches Mutantenspektakel auf zwei Zeitebenen geschaffen, das 132 Minuten ohne größere Durchhänger überbrückt und am Ende – mittlerweile tradtionell nach den Endcredits – einen kleinen Ausblick auf den nächsten Film gibt, der mit dem Arbeitstitel „X-Men: Apocalypse" bereits angekündigt ist.

Der letzte Widerstand revisited

Im Grunde revidiert Singer mit diesem Film den dritten Kinofilm der Serie, Der letzte Widerstand, dessen Regie 2006 Brett Ratner übernommen hatte (weil Singer lieber bei Superman returns Regie führen wollte). Wieder ist die ultimative Waffe gegen Mutanten gefunden, wieder können die Mutanten nur gemeinsam gegen den Feind bestehen und wieder ist dieser Feind der Mensch, wir im Kinosessel, der Homo Sapiens, der den Homo Superior neben sich fürchtet. Die X-Men sind in ihrer ganzen Struktur der Aufruf der Comic-Künstler zu Toleranz und Verständnis für das Andere. Aber gedruckt sind es eben auch Superheldenabenteuer – auf der Leinwand beginnt sich das Human-Spektakel im Kreis zu drehen; da lässt der Ausblick auf „Apocalypse“ leise Hoffnung auf neue Ufer aufkeimen – nach 15 Jahren und sieben X-Men-Filmen (zählt man die beiden Wolverine-Ableger mit) ist das nötig.

Im vorliegenden X-Men-Film stehen natürlich die Stars des aktuellen Kinos im Zentrum: Hugh Jackman als Wolverine („Les Misérables“ – 2012; Real Steel – 2011; „Australia“ – 2008; Scoop – Der Knüller – 2006; Van Helsing – 2004) noch ohne Adamantiumknochen und Jennifer Lawrence als Mystique (American Hustle – 2013; Silver Linings – 2012; Die Tribute von Panem – 2012; Winter's Bone – 2010). Gleichberechtigt daneben stehen Charles Xavier und Magneto. Aber mit den beiden wird der Film diesmal nicht richtig warm.

Jennifer Lawrence ist gelenkig, Hugh Jackman hat Muskeln

Während Wolverine prügelnd und One-Liner um sich werfend zum Zeitreisenden mutiert und mit voll ausdefiniertem Oberkörper die Welt rettet, verwandelt sich Mystique in allerlei Figuren und immer wieder in ihr blaues Ich, das sie mittlerweile – zehn Jahre sind seit First Class vergangen – als ihr Ich akzeptiert hat. Sie muss die längste Strecke im Film zurücklegen, von der sehr gelenkigen Attentäterin, die zur Seuche wird, bis zur Mutantin, die ihr eigenes Ding macht, aber eben doch nicht mordet.

Charles und sein alter Freund Magneto machen da weiter, wo sie jedesmal vorher aufgehört haben – sie diskutieren über den rechten Weg für die Mutanten, spielen Schach und bekämpfen sich schließlich ernsthaft. James McAvoy als junger Charles fällt zudem die undankbare Aufgabe zu, die x-te Version eines verbitterten Genies zu spielen, das erst überredet werden muss, persönliche Opfer zu bringen, um die Menschheit zu retten – das ist, auch in einem Superheldencomic, etwas ausgelutscht.

Magneto ist schlecht geschrieben

Michael Fassbender (The Counselor – 2013; 12 Years a Slave – 2013; Prometheus – Dunkle Zeichen – 2012; Haywire – 2011) muss einem kühlen, durch und durch unsympathischen Magneto irgendwie Charme verleihen – schließlich ist Magneto im Marvel-Comicuniversum eine gefeierte, weil ach so ambivalente Figur. Das geht schief: Fassbender ist cool, sieht gut aus, aber sein Magneto bekommt vom Drehbuch keine Chance auf Charme; er ist einfach nur Schurke. Wäre nicht auf der anderen Zeitebene Ian McKellen, der sich mit Charles alias Patrick Steward ausgesöhnt hat, dann wäre das Ende des Films noch weniger plausibel, als es das ohnehin ist. Dass Magneto für seinen Coup zudem profanene Eisenbahnschienen in hocheffiziente Supraleiter verwandelt, ist eine schlechte Drehbuch-Krücke: Magnetismus bewirkt ja einiges, aber das nun nicht, auch nicht in einem Comicuniversum.

Schön geworden sind die Szenen mit dem superschnellen Mutanten Pietro Maximoff, der hier noch Peter gerufen wird. Da ist Bryan Singer ein sehr plausibles Bild eingefallen, das nicht nur einen superschnellen Menschen auf der Leinwand adäquat zeigt – die bisherigen Versuche, schnelle Flitzer im Film zu zeigen, endeten meist mit einem Menschen, der unrythmische Laufbewegungen vor eine Rückprojektion oder einer Greenscreen machte. Zudem erklärt Singers Sequenz sehr schön das Wesen von Geschwindigkeit; alles bewegt sich in extremer Zeitlupe – Wassertropfen, Kugeln, Kochtöpfe, Menschen – und Pietro spaziert zwischen ihnen herum; ein fast lyrischer Moment, der neugierig macht auf das nächste „The Avengers“-Abenteuer, in dem Quicksilver ebenfalls auftaucht (das hat sich im jüngsten Captain America ja angedeutet).

Das Wettrennen der verschiedenen Quicksilvers

Weil es zwar derselbe Charakter aus dem einen Marvel-Universum ist, aber die Filme aus zwei unterschiedlichen Studios kommen, wird der Quicksilver in Avengers: Age of Ultron (2015) von Aaron Taylor-Johnson (Godzilla – 2014; Savages –2012; Kick Ass –2010) gespielt und keinerlei Bezug haben zu Evan Peters, der Quicksilver im vorliegenden X-Men-Film spielt. An der Stelle wird schmerzhaft spürbar, dass die Marvel-Welten im Kinogeschäft auf verschiedenen Planeten spielen (X-Men, Fantastic FourSilver-Surfer und Daredevil bei Fox, Spider-Man bei SONY und Marvels Avengers-Clique bei Disney).

Unterm Strich ist „X-Men: Zukunft ist Vergangenheit“ zeitgemäßes Unterhaltungskino auf gehobenem Niveau, das auf Mutantenkraft und Special Effects setzt, weniger auf die ausgewiesene Expertise der zahlreichen Großschauspieler, die hier auftreten.

Beim Publikum kommt die 230-Millionen-Dollar-Produktion gut an: Weltweit hat der Film 748 Millionen US-Dollar in die Kassen gespült.

Wertung: 6 von 8 €uro