Kinoplakat: X-Men - Apocalypse
Die Götter bleiben unter sich
und machen alles kaputt
Titel X-Men: Apocalypse
(X-Men: Apocalypse)
Drehbuch Simon Kinberg + Bryan Singer + Michael Dougherty + Dan Harris
nach den Marvel Comics von Stan Lee und Jack Kirby
Regie Bryan Singer, USA 2016
Darsteller
James McAvoy, Michael Fassbender, Jennifer Lawrence, Nicholas Hoult, Oscar Isaac, Rose Byrne, Evan Peters, Josh Helman, Olivia Munn, Sophie Turner, Tye Sheridan, Lucas Till, Kodi Smit-McPhee, Ben Hardy, Alexandra Shipp, Lana Condor u.a.
Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 144 Minuten
Deutschlandstart
19. Mai 2016
Website X-Men Wiki
Inhalt

Die Welt 1983: Die Mutanten sind irgendwie in der Menschheit angekommen. Jagd macht man nicht mehr auf sie, misstrauisch beäugt werden sie dennoch. Sie schlagen sich irgendwie durch bei illegalen Cage-Fights in Ost-Berlin oder anonym in Stahlwerken irgendwo östlich des Ural. Andere finden Unterschlupf in Professor Charles Xaviers „Internat für Begabte“, wo den Mutanten neben dem allgemeinem Schulalltag die Angst vor und der Umgang mit ihren besonderen Kräften gelehrt wird.

Neu hinzugekommen an Xaviers Schule ist eben Scott Summers, dessen Augen beharrlich tödliche Strahlen aussenden, sofern er sie nicht schließt. Er freundet sich schnell mit einer anderen, offenbar noch viel gefährlicheren Mutantin an, Jean Grey – jedenfalls sagen alle, sie sei gefährlich, weil sie ihre telekinetischen und telepathischen Kräfte nicht recht einschätzen kann.

In Ost-Berlin befreit zu der Zeit die Gestaltwandlerin Raven, die die Welt als die blaue Mystique kennt, Kurt Wagner aus einem der illegalen Cage-Fights, wo der gegen einen Mutanten mit Engelsflügeln – Angel – kämpfen muss. Wagner nennt sich selbst Nightcrawler und besitzt die Gabe der Teleportation. Beim Schwarzmarkthändler Caliban, der selbst ein Mutant ist, besorgt Raven falsche Papiere für Wagner, damit er in die USA ausreisen kann. Bei vielen Mutanten wird Mystique wegen ihres Fernsehauftrittes vor zehn Jahren inzwischen wie eine Heldin gefeiert und bewundert.

In der Zwischenzeit nimmt in Kairo eine Katastrophe ihren Lauf. Tief unter der Stadt erwacht En Sabah Nur nach 5.000-jährigem Schlaf; er war im alten Ägypten ein mächtiger Herrscher, augenscheinlich unsterblich, weil er zur rechten Zeit die Körper junger, kräftiger Männer übernahm und in ihnen weiterlebte. En Sabah Nur gilt bei der CIA und Special Agent Moira Mactaggert als erster Mutant überhaupt – und als der mächtigste aller Zeiten, Künstlername: Apocalypse.

Nachdem Apocalypse sich kurz mit der aktuellen Welt und Gesellschaft vertraut gemacht hat – es bedarf dazu nur eine Minute Kontakt mit dem Bildschirm eines alten Röhrenfernsehers – erkennt er, dass die Welt schlecht ist, seine Mutanten unterjocht sind, anstatt über die Schwachen zu herrschen. Das gedenkt der Erweckte zu ändern. Um seinen Plan, die Erde zu zerstören und die Welt für die Mutanten neu zu errichten, in die Tat umzusetzen, holt er vier Mutanten an seine Seite, deren jeweilige Macht er im Handumdrehen zur vollen Kraft entfaltet. Unter diesen vier ist auch Eric Lensherr, der die vergangenen Jahre unerkannt mit Frau und Tochter in einem osteuropäischen Land gelebt hat. Dann wurde er erkannt, seine Familie getötet und er wieder Magneto, der sich nun ganz in den Dienst des alten Apocalypse stellt. Denn die Welt den Mutanten zu übergeben, war schließlich stets sein Plan. Den Menschen hat er nie getraut. Damit beginnt der konflikt mit Charles Xavier, seinem alten Freund.

Xavier muss seine Mutanten einen und in die Schlacht gegen einen führen, der nicht zu besiegen ist …

Was zu sagen wäre

Es ist natürlich ein Kreuz mit diesem Superheldenkino. Seit die Digitalisierung der Bilder die Grenzen des Kinos gesprengt hat und die Ableger der Superhelden in eigenen TV-Serien großartige Zweikämpfe und moralische Dispute liefern, können die Helden auf der Leinwand nur noch die Welt vor dem dem Untergang retten; alles andere retten die TV-Geschwister. Der aktuelle X-Men-Film heißt „Apocalypse“, der kommende Thor-Film „Ragnarök“, was das Ende aller Zeiten bedeutet. Die Avengers ziehen demnächst in den als Zweiteiler aufgepumpten „Infinity-War“, den Krieg um jene Infinty-Steine, die Macht über das ganze Universum versprechen, weshalb um sie – ihr Name deutet es an – ein nicht enden wollender Krieg geführt wird.

Weniger als Weltuntergang geht nicht mehr. Und das langweilt dann schon, wenn im Prolog des Films die erste Zerstörung bombstisch die Leinwand füllt. Da will der erste Mutant, En Sabah Nur, gerade seine Macht auf einen jüngeren, unzerstörbaren Körper übertragen, als seine Gegner die gigantische Pyramide über ihm bildgewaltig zum Einsturz bringen. Da ist es keine zehn Minuten her, dass Jeff Goldblum in einem Trailer zu Roland Emmerichs „Independence-Day“-Aufguss stöhnt „Sie zerstören gerne Wahrzeichzen!“, während der Burj Khalifa, höchstes Wahrzeichen der Stadt Dubai, in einem Feuerball Tower Bridge und Big Ben in London unter sich begräbt.

Nur noch kurz die Welt zerstören

Man kann Bryan Singer die Trailer-Schaltung eines deutschen Multiplexkinos nicht vorwerfen, aber beide Filme, „X-Men: Apocalypse“ und „Independence day – Rückkehr“ kommen aus dem Hause 20th Century Fox, was die Studiopolitik unterstreicht, mit wenigen Ex-und-Hopp-Digitalschlachten den Jahresumsatz zu sichern. Im selben Trailerblock haben sich noch Orks, Menschen und andere Monster in einer digital erbauten Fabelwelt verbündet, um gegen die große Zerstörung zu kämpfen und wird das Raumschiff Enterprise für den nächsten Ableger, „Beyond“, zerlegt.

Die Weltzerstörung wird schnell langweilig, wenn man sie gleich ein paar Mal binnen zehn Minuten gesehen hat und legt dann erschreckend schnell offen, wie banal die Geschichte ist, die die Produzenten darum herum stricken.

Hübsch anzuschauende Mutanten kreisen um sich selbst

Die X-Men kreisen um sich selbst, sind qua Mutantenstatus Auserwählte; sie sind Götter ohne Volk, zu denen sich jetzt einer gesellt, der den Status des einen Gottes beansprucht. Auf welcher Grundlage er das tut, bleibt unklar. Wenn er so allmächtig ist, wie er tut, warum holt er sich dann vier Spießgesellen, die ihm helfen sollen und von denen dann auch nur zwei tatsächlich weltzerstörungstechnisch was ausrichten könnten – Magneto und Storm; die beiden anderen, Angel und Psylocke, bieten kaum mehr als ein bisschen Augenfutter – Olivia Munn im knappen Outfit und blitzendem Braunauge ist halt hübsch anzuschauen, sofern man in der Pubertät steckt (oder steckengeblieben ist).

Und auch die anderen Mutanten, die an Xaviers Schule, sind halt da und werden vorbereitet und sollen Schutz vor den Anfeindungen da draußen finden, aber dieses da draußen findet im ganzen Film kaum statt – normale, unmutierte Menschen tauchen in Form von Uniformträgern auf und einer von denen telefoniert mit dem Präsidenten der USA, den wir aber auch nicht sehen. Gegen wen und was also wehren sich die Mutanten? Vor allem, gegen wen und was, gegen den sie nicht schon in allen vorherigen X-Men-Filmen gekämpft haben. Diese Filme wirken einer wie der andere wie ein Trailer auf den nächsten, in dem das dann zusammengefundene Team große Aufgaben bekämpft. statt dessen erzählt jeder neue X-Men-Film – so auch der vorliegende – wieder nur davon, dass sich die Mutanten erst finden müssen, Misstrauen überwinden und gegenseitigen Hass abbauen lernen. Da müffelt das Pixel-Spektakel dann schon sehr nach Seifenoper-Dramaturgie, in die sich hözerne Subjekt-Prädikat-Objekt-Sentenzen nahtlos einpassen; auch die X-Men-Reihe hat sich jetzt entschlossen, einfach drauf los zu erzählen, irgendwann aufzuhören und im nächsten film dann weiter zu machen. Dramaturgische Erzählbögen braucht es nicht. Der Apocalypse-Film dauert fast zweieinhalb Stunden, etwas kürzer nur als Captain America – Civil War, der noch in den Nachbarkinos läuft. Auch der hat zwar keinen dramaturgischen Bogen mehr, vertraut ganz auf das weiter-immer-weiter mit den nächsten Filmen, aber er erzählt wenigstens abwechslungsreich und unterhaltsam.

Platte Sentenzen hervorstoßende Figuren in Trümmerlandschaft

Wir wollen ja einer Comicverfilmung nicht Dinge abverlangen, die des Superheldencomics nicht innewohnen. Auch in den Heftchenvorlagen werden dauernd Welten zerstört, Universen bedroht, unmögliche Allianzen geschmiedet und Freundschaften verraten. Und wenn das eine Universum nicht mehr ausreicht, werden flugs Parallel-Universen, -Welten, -Helden und -Freundschaften erfunden. Im zweidimensionalen Zeichengeschichten geht das, da werden Sprechblasentexter und Zeichner zu großen Künstlern. Die Superhelden im Kino warten aber sogar mit (in den allermeisten Fällen völlig redundanter) 3D-Technik auf, ohne indes die Komplexität ihrer Stories daran anzupassen. Etwa ein Drittel des Apocalypse-Films lang erleben wir, dass Magneto Metall aus der Erde zieht, diese zum Beben bringt und damit Städte auslöscht – dabei wirken die vierfarbbunten Großstadtzerstörungen nur noch ermüdend. Das und die platte Sentenzen hervorstoßenden Figuren sind anstrengend.

Wieder weiß Charles Xavier, dass in seinem tragischen Freund Eric Lensherr, dem auch hier das Schicksal wieder ganz böse mitspielt und der daraufhin gar nicht anders kann, als auch in diesem sechsten X-Men-Film die Menschen auszurotten, „immer noch Gutes ist“ – seit Luke Skywalker diese Erkenntnis wie ein Mantra durch Die Rückkehr der Jedi-Ritter getragen und damit Darth Vader erlöste, wissen wir: Charles Xavier wird am Ende – wieder mal – Recht behalten, Magneto wieder mal die Seiten wechseln. Aus eben diesem Jedi-Ritter-Film kommen im vorliegenden Film ein paar enttäuschte Mutanten und sagen: „Immerhin bestätigt das: Der dritte Film ist immer der schlechteste.“ Da ist die Frage erlaubt, ob sie diesen dritten Teil des 2011 gestarteten Reboots der Serie meinen oder den dritten Teil der ursprünglichen Serie, die mit Der letzte Widerstand unrühmlich zusammenrach. Beide jedenfalls bestätigen diesen launigen Satz (wie übrigens auch, da haben die jungen Mutanten Recht, Die Rückkehr der Jedi-Ritter selbst).

Hübsche Einzelleistungen von Phoenix und Quicksilver

Das imposante Coming Out der Jean Grey, wenn sie im Finale endlich ihre Phoenix-Kraft entfesselt, bietet dann zwar ein optisches Schmankerl mit aufwändiger Schurken-Zerlegung, aber nur, um dann schnell zum was-sollen-wir-denn-nur-tun-Alltag zurückzukehren. Auch die Quicksilver-rettet-alle-Kinder-aus-der-implodierenden-Schule-Szene, die eine hübsche Reverenz an den Hochgeschwindigkeits-Auftritt aus dem vorherigen Film ist, ist gelungen inszeniert, wirkt im Spiegel der eigentlichen Dramatik der Szene aber redundant, als hätten die Pixelwerker an ihren Monitoren einfach nicht genug kriegen können. Immerhin: Bei seinen Superfiguren gelingen dem Film passable, unterhaltsame Momente; dazwischen aber herrscht gähnende Leere.

In der Postcredit-Scene holt dann ein dunkler Regierungs-Anzugträger ein paar bunte Reagenzgläser aus einem Kühlschrank neben jenem Käfig, aus dem in einer für diesen Film komplett unnötigen Szene Jean Grey den Serienliebling Wolverine befreit, der daraufhin im Wald verschwindet. Die Reagenzgläser mit Blutproben des unzerstörbaren Mutanten landen in einem Koffer mit dem Aufdruck „Essex“. Das deutet im Comicuniversum der X-Men-Serie auf Nathaniel Essex, den die X-Men als als Mr. Sinister bekämpfen. Dieser Mr. Sinister bekam seine Kräfte ursprünglich von Apocalypse, was ihn so gut wie unsterblich macht. Heute forscht er an Mutanten, um deren Kräfte zu steigern. Moralische Hemmnisse kennt er dabei nicht. Das lässt ahnen, dass auch im nächsten X-Men-Film die Mutanten einmal mehr zueinander finden müssen, um einen Mutanten, der die Weltherrschaft will, zu bekämpfen, um der Welt zu zeigen, dass Mutanten eigentlich gar keine Bedrohung darstellen.

Wertung: 3 von 8 €uro