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Plakatmotiv: Wonder Wheel (2017)
Eine griechische Tragödie im
Neon-Licht Coney Islands
Titel Wonder Wheel
(Wonder Wheel)
Drehbuch Woody Allen
Regie Woody Allen, USA 2017
Darsteller Kate Winslet, Justin Timberlake, Geneva Carr, Max Casella, Juno Temple, James Belushi, Debi Mazar, Tony Sirico, Steve Schirripa, David Krumholtz, Jack Gore, Robert C. Kirk, Tommy Nohilly, John Doumanian, Tom Guiry, Gregory Dann, Bobby Slayton, Michael Zegarski u.a.
Genre Drama
Filmlänge 101 Minuten
Deutschlandstart
11. Januar 2018
Website woodyallen.com
Inhalt
New York in den späten 1950er Jahren. Um dem hektischen Leben in der Innenstadt zu entfliehen, fahren die Menschen in den Vergnügungspark Coney Island an der Küste des Stadtteils Brooklyn, wo sich ein Riesenrad, Karussells und ein Badestrand befinden, an dem Mickey Rubin als Rettungsschwimmer nach dem Rechten schaut. Auch Humpty, der Betreiber eines Karussells, verdient sein Geld mit den Vergnügungssuchenden. Seine Frau Ginny arbeitet als Kellnerin in einem nahe gelegenen Clam House, wo Muschelgerichte serviert werden. Sie hat einen kleinen Sohn, der immer wieder zündelt.

Das Paar erhält eines Tages unerwarteten Besuch von Humptys Tochter Carolina, zu der seit Jahren kein Kontakt bestand. Carolina hatte gegen den Willen ihres Vater einen Gangster geheiratet, sich aber wieder von ihm getrennt und gegenüber dem FBI ausgesagt. Nun ist sie völlig mittellos auf der Flucht vor seinen Leuten.

Mickey studiert Literatur und will später Theaterstücke schreiben. Er und Ginny haben eine Liebesaffäre und Ginny hofft auf ein besseres Leben mit ihm, in dem sie ihre Karriere als Schauspielerin wieder aufnehmen kann. Aber auch Carolina erweckt – von Ginny eifersüchtig beobachtet – Mickeys Interesse.

Währenddessen suchen die Gangster immer noch nach Carolina. Sie wollen sie aus dem Weg räumen, weil sie zu gut über illegale Geschäfte informiert ist …

Was zu sagen wäre

Auf dem Riesenrad auf Coney Island ist die Kabine, in der Du sitzt mal außen, mal innen nahe an der Nabe. Mal nah dran am Motor, mal draußen in der Peripherie, wo es mehr schaukelt. Nein, woody Allen wird seinen Film sicher nicht nur so genannt haben, weil der Vergnügungspark, in dem seine Geschichte spielt, Wonder Wheel heißt.

Auch in seinem Drama kreisen vier sichtbare und drei unsichtbare Gestalten umeinander, sind mal innen, mal außen und haben selbst keine Kontrolle darüber. Die unsichtbaren Gestalten sind die verflossenen Lieben – Ginnys Ex, der freundliche Schlagzeuger, den sie betrog, der sie deshalb verließ und von dem man nicht weiß, wo er heute ist, ob er sich nicht vielleicht in einem Hotelzimmer die Kugel gegeben hat. Carolines Ex, der Gangsterboss, der Humpty sein Mädchen weggenommen hat und jetzt offenbar nach der Abtrünnigen sucht, während Humpty unablässig froh ist, dass seine vertorbene erste Frau das nicht mehr erleben muss.

Die sichtbaren Figuren: Ginny ist mit Humpty verheiratet, dem sie ihr Überleben verdankt, den sie aber nicht liebt und also Augen und Ohren für den knackigen Rettungsschwimmer hat. Humpty ist völlig aus dem Häuschen, als seine Tochter wieder in der Tür steht, die ihn, seine Frau und seine Träume zerstörte, als sie den Gangsterboss heiratete, aber jetzt alles für sie tun will, damit sie mal ein besseres Leben hat. Caroline selbst, die – ohne das zu wollen – aussieht und auftritt, wie ein feuchter Traum, eine Art Marilyn ohne Glamour. Mickey ist auch dabei, der Rettungsschwimmer. Weil er gleichzeitig der Erzähler ist, ist er der Einzige im Stück, der sein Schicksal selbst in der Hand hat; tatsächlich fungiert die Mickey-Figur ledigich als Brandbeschleuniger. Und natürlich ist da Richie, Ginnys kleiner Junge, der gerne mit dem Streichholz spielt und auch sonst in jeder Hinsicht unbelehrbar ist.

Richie geht mir nach drei Minuten auf die Nerven. Das soll so sein, damit wir Verständnis entwickeln für Ginnys nervöse Flatterhaftigkeit. So eine nervöse, stotternde Figur gibt es in jedem Woody-Allen-Film, früher hat er sie selbst gespielt – hier spielt sie Kate Winslet (Verborgene Schönheit – 2016; Steve Jobs – 2015; Die Gärtnerin von Versailles – 2014; Die Bestimmung – Divergent – 2014; Labor Day – 2013; Contagion – 2011; Der Gott des Gemetzels – 2011; „Der Vorleser“ – 2008; Das Spiel der Macht – 2006; Titanic – 1997). Und eigentlich hätte sie mit ihrer Performance bei der Oscar-Verleihung 2018 eine wichtige Rolle spielen müssen, aber sie war nicht einmal nominiert – vielleicht, weil das neue Filmstudio Amazon Woody Allens Film in erster Linie für sein Streamangebot produziert hat, nicht fürs Kino. Winslet tobt sich in der Ginny-Rolle aus, ist verletzlich, naiv, berechnend, verzweifelt, kalkulierend, alles binnen fünf Minuten – sehenswert.

DVD-Cover: Wonder Wheel (2017)Dieses Personenkarusell erlebt die Mühle des Glücksspiels, eben bist Du noch oben, da bist Du im nächsten Moment schon wieder unten – das ist die Wonder-Wheel-Metapher im Titel. Wie so oft in den zurückliegenden Jahren sagt Woody Allen, Manche Ergebnisse kannst Du herbeiführen, anderen bist Du ausgeliefert. Fang also gar nicht erst an zu planen. Dieser Zynismus, der erstmals in Match Point durchbrach, aber auch schon in Verbrechen und andere Kleinigkeiten aufschimmerte, durchzieht inzwischen sein Alterswerk. Man kann überinformiert abwinken.

Aber wenn Woody Allen ruft, stehen die Besten ihrer Zunft Schlange, egal, ob Allens Script gut ist oder nicht (dieses hier gehört zu den besseren). Vittorio Storaro taucht dieses existenzielle Drama in bunte Bilder mit hohen Kontrasten und großer Tiefe. Bei Storaro wird Coney Island zu einem Sehnsuchtsort der Gestrandeten. Suzy Benzinger schneidert den Figuren Klamotten auf den Leib, die in jeder Szene absolut stimmig wirken. Und Santo Loquasto, Miguel López-Castillo und Regina Graves haben Sets gebaut, die einerseits die schmierige Realität der Coney-Island-Welt zeigen, zum anderen wirken wie eine Theaterbühne.

Denn im Grunde ist „Wonder Wheel“ ein dramatisches Theaterstück. Und die Schauspieler brillieren auf der Bühne. Mehrmals lässt Allen die Kamera laufen und seine Akteure spielen, und die danken ihm diese Chance mit großem Drama. James Belushi als Karussell-Kassierer, der kaum seinen Alltag geregelt kriegt, der eine Zukunft sieht, als seine abgebrannte Tochter in der Tür steht, mit der er jetzt die Fehler seiner Vergangenheit gut machen kann, geht ans Herz. Kate Winslet – schon gesagt –, Juno Temple als die blonde Carolina liefert eine große Schau als Große Naive ab und Justin Timberlake macht seine Sache als in erster Linie gut gebauter Rettungsschwimmer gut. Dieser Film ist voller schöner Miniaturen, Bilder, Szenen. Woody Allen kann das!

Aber sein Zynismus weist nicht mehr über den Kinobesuch hinaus. Wenn wir uns einen Woody-Allen-Film anschauen, erwarten wir handwerklich hohe Qualität und eine intelligent erzählte Story. Das bekommen wir. Aber Allens Kino ist berechenbar geworden, „Wonder Wheel“ spielt in den 1950er Jahren und sagt uns nichts über unseren Alltag heute. Anders als einst seine Stadtneurotiker im schwarz-weißen Manhattan, die uns noch über den Kinobesuch hinaus beschäftigten.

Wertung: 7 von 8 €uro
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