Kinoplakat: Irrational Man
Ein Essay über Schuld und Sühne
Ein Film über die Fragen der Moral
Titel Irrational Man
(Irrational Man)
Drehbuch Woody Allen
Regie Woody Allen, USA 2015
Darsteller
Joaquin Phoenix, Emma Stone, Parker Posey, Jamie Blackley, Joe Stapleton, Nancy Carroll, Allison Gallerani, Brigette Lundy-Paine, Katelyn Semer, Betsy Aidem, Ethan Phillips, Leah Anderson, Paula Plum, Nancy Giles, Henry Stram, Geoff Schuppert u.a.
Genre Drama, Komödie
Filmlänge 95 Minuten
Deutschlandstart
12. November 2015
Website woodyallen.com
Inhalt
Abe Lucas, berühmter Philosophieprofessor, kommt zu einem Lehrauftrag an  auf den Campus des Braylin College in Newport. Abe befindet sich in einer existentiellen Krise. Der frühere Krisenhelfer und Idealist ist gequält von Zweifeln über die Sinnhaftigkeit seiner Arbeit und seines Lebens. Sein Status als Legende seines Faches führt schon nach kurzer Zeit zu Annäherungsversuchen durch Rita Richards, einer Kollegin, und zu einer vorerst platonischen Freundschaft mit Jill Pollard, einer Philosophiestudentin.

Abe und Jill hören zufällig in einem Restaurant, wie eine Mutter durch einen korrupten Richter das Sorgerecht ihrer Kinder zu verlieren droht. Abe beschließt daraufhin, den Richter zu töten und seinem Leben durch diese moralisch wertvolle Tat neuen Sinn zu geben. In der Folge blüht Abe auf und lässt sich auf eine Beziehung mit seiner Studentin Jill ein, die sich von ihrem langzeitigen Freund Roy trennt

Jill beginnt allerdings, Abe des Mordes zu verdächtigen …

Was zu sagen wäre
Das ist kein Spielfilm im klassischen Sinne. „Irrational Man“ ist ein Essay, der den Fragen nach dem Sinn des Lebens, nach Schuld, Sühne und Moral nachforscht. Weil das alles nicht unbedingt sonnige Themen sind – Woody Allen konnte im Sinn des Lebens noch selten fröhliche Aspekte finden – lässt er seine Geschichte wenigstens an der herbstlich sonnigen East Coast spielen. Der Film mit seiner unterkomplexen Handlung rund um die Midlife-Nöte eines alles in allem unsympathischen Typen funktioniert nicht, Woody Allen hätte einen Text schreiben sollen über seine Schuld-und-Sühne-Ideen. Soweit, so schlecht.

Blöderweise ist Woody Allen Filmregisseur und -Autor; und kein schlechter. Lassen wir uns also ein auf diesen komischen Film, auf dieses Produkt des Filmkünstlers Woody Allen.

Den Campus dieses Colleges bevölkern Professoren und Studenten, die unablässig kluge Dialoge führen, die bei Woody Allen zum Grundrauschen auf der Tonspur gehören, im aktuellen Film allerdings ein wenig bemüht in die Szenerie gesprochen wirken; ich sitze davor und denke, so redet kein Mensch, nicht mal Professoren. Das muss auch Allen so gegangen sein. Weil er diese Dialoge aber nicht braucht, um die Geschichte voranzubringen, sondern, um dem Zuschauer das philosophische Rüstzeug hinzulegen, dass der braucht, um den Filmessay zu durchdringen, belässt Allen sie in ihrer Druckreife und streut lediglich ein paar Sätze ein, die er für alltäglich hält: „Sie können jederzeit vorbei kommen, dann sage ich Ihnen, wer auf dem Campus wen fickt.“ Andere Dialoge wiederum dienen ausschließlich der Handlungsfortschreibung. Wenn Jill die Mosaiksteinchen zusammensetzt, die ihren Verdacht erhärten, ihr Lover habe einen Mord begangen, da sind diese Dialoge so zielgerichtet auf Mosaiksteinchen, dass ihnen alles Lebendige ausgetrieben ist. Trockene Dialoge schreibt der Qualitäts-Autor Woody Allen immer noch lebendiger als 75 Prozent seiner Kollegen in der Filmindustrie und zusammen mit dem Witzeschatz, den er verlässlich einstreut, wundern manche Dialoge, stören das Gesamtbild aber nicht.

„Irrational Man“ ist die gut gelaunte Schwester von Woody Allens Match Point (2005). Spätestens seit jener Moritat wissen wir, wie böse der New Yorker Regisseur erzählen, welche Abgründe er inszenieren kann. Das macht seinen aktuellen Film – sagen wir – ansteigend spannend. Die ganze Zeit bleibt unklar, wessen Geschichte erzählt wird, Philosophieprofessor Abe und Studentin Jill kommentieren abwechselnd aus dem Off, so hoffen und bangen wir bis fünf Minuten vor Schluss mit beiden gleichermaßen, was bei dem Verlauf, den die Geschichte nimmt, aber nicht funktioniert – in der sich entwickelnden Konstellation ist einer zu viel. Die Inszenierung kommt ohne dramaturgische Höhepunkte aus – lediglich in der Mordsituation steigt die Spannung: Nachdem Abe den Mord begangen – einen normalen Limonaden-Becher gegen einen mit Zyankali-Limonade ausgetauscht – hat und ein paar Meter weitergegangen ist, schneidet Allen close auf Abes Gesicht, in dem nichts menschliches, nichts professoral-philosophisches mehr ist; in Abes Gesichtszügen kämpfen schwarze Dämonie und trotziger Zweifel, ob das richtig war, um die Vorherrschaft – Joaquin Phoenix sieht da sehr aus, wie einst sein sadistischer Kaiser in Gladiator (2001).

Kinoplakat (US): Irrational Man

Die ruhig schwebende Kamera, der unaufgeregte Schnitt lassen den Film über seine 93 Minuten ansonsten ruhig dahinfließen. Der Regisseur vertraut auf die Strahlkraft seines Ensembles und hält mit ihm seinen Film-ohne-Höhepunkte unter Spannung.

Als Satelliten kreisen Parker Posey und Jamie Blackley um das zentrale Zwillingsgestirn Joaquin Phoenix (Inherent Vice – 2014; Her – 2013; „I'm Still Here“ – 2010; „Walk the Line“ – 2005; The Village – 2004; Signs – Zeichen – 2002; The Yards – Im Hinterhof der Macht – 2000; Für das Leben eines Freundes – 1998; U-Turn – Kein Weg zurück – 1997) und Emma Stone. Posey („Grace of Monaco“ – 2014; „Spring Breakdown“ – 2009; „Es lebe Hollywood“ – 2006; Superman Returns – 2006; „Super süß und super sexy“ – 2002) dekliniert die Facetten einer in pragmatischer Realität geerdeten Frau, deren Leben in routinierter Langeweile mit gelegentlichem Fremd-Sex plätschert und die in Abe die Chance wittert, nochmal neu anzufangen. Blackley („Inside WikiLeaks“ – 2013; Snow White and the Huntsman – 2012; London Boulevard – 2010) als Jills artiger Freund Roy gibt die Mensch gewordene Rechtfertigung für Jills amoralischen Sex mit ihrem Professor. Phoenix und Stone (Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) – 2014; Magic in the Moonlight – 2014; The Amazing Spider-Man – 2012; The Help – 2011; Crazy, Stupid, Love. – 2011; Freunde mit gewissen Vorzügen – 2011; „Einfach zu haben“ – 2010; Zombieland – 2009) bilden das gewohnte Woody-Allen-Paar – der gelehrte Professor, alt genug, um am Leben verzweifelt zu sein und die junge Schülerin, voller Lebensfreude, Neugier und Bewunderung für den lebensklugen Lehrer. Diese beiden hauptsächlich reden sich durch den Essay, der um die Fragen kreist, ob schlechte Taten gerechtfertigt sein können – darf man in gewissen Situationen lügen? Kann gar ein kaltblütiger Mord gerecht sein? Kann es ein perfektes Verbrechen geben? Abe, der Philosoph, glaubt, er könne mit dem Mord an dem Richter zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Er kann eine Ungerechtigkeit für eine ihm fremde Frau aus der Welt schaffen und er kann sich selbst neue Lebensfreude verschaffen, weil er mit dem Mord etwas zu schaffen glaubt, das er mit all seinen philosophischen Traktaten und Hilfseinsätzen in der Dritten Welt nicht geschafft hat: die Welt ein bisschen besser machen. Jill, die junge Stimme der aufrechten Moral hingegen glaubt, dass so etwas nicht funktioniert; wenn nicht schlechtes Gewissen, so ziehen solche Taten doch immer neue Taten nach sich – Aktion, Reaktion, jede Handlung erzeugt eine neue Handlung, alles hängt zusammen. Auf dieser Erkenntnis treibt Woody Allen seinen Essay zum dramatischen Höhepunkt, der im letzten Viertel die Spannung deutlich nach oben treibt.

„Irrational Man“ funktioniert erst, wenn das Ende durch ist. Erst der Showdown lässt hinter Allens Aneinanderreihung moralischer Deklinationen, holpriger Erklär-Dialoge und Allen’scher Stand-Up-Comedy den wunderbar montierten und klug erzählten Film erkennen.

Wertung: 5 von 8 €uro