Plakatmotiv: Der amerikanische Freund (1977)
Männerfreundschaft und wortkarge
Figuren in einem eiskalten Thriller

Titel Der amerikanische Freund
Drehbuch Wim Wenders
nach dem Roman „Ripley‘s Game“ von Patricia Highsmkth
Regie Wim Wenders, BRD, Frankreich 1977
Darsteller Dennis Hopper, Bruno Ganz, Lisa Kreuzer, Gérard Blain, Nicholas Ray, Samuel Fuller, Peter Lilienthal, Daniel Schmid, Sandy Whitelaw, Jean Eustache, Lou Castel, Andreas Dedecke, David Blue, Stefan Lennert, Rudolf Schündler u.a.
Genre Krimi, Drama
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
24. Juni 1977
Inhalt

Wenn man todkrank ist, dann hat man nichts mehr zu verlieren. Der erkrankte Bildrestaurator Jonathan Zimmerman, der für das Hamburger Auktionshaus Gantner arbeitet, glaubt aufgrund gefälschter Befunde, dass er bald das zeitliche segnen wird. Deswegen gelingt es dem Geschäftsmann Tom Ripley, der nicht nur neu erstellte Bilder eines angeblich verstorbenen Malers zu hohen Preisen verkauft, sondern der auch Zimmerman die fatalen Arztbefunde untergejubelt hat, den Bildrestaurator in ein gefährliches Unterfangen hineinzuziehen.

Zimmerman gerät schließlich in ein undurchsichtiges Spiel hinein, an dem bald auch weitere Gangster teilnehmen …

Was zu sagen wäre

An der zentralen Stelle funktioniert der Film nicht: Warum glaubt Jonathan, der an seiner Leukämie früher oder später wird sterben müssen, irgendeinem schwindeligen Gerücht, dass ihn eher früher sterben lässt? Wieso kann Jonathan, beobachtet von zahlreichen Kameras,  in der Pariser Métro einen Mord begehen, ohne belangt zu werden?

Gewohnt wortkarg gehen Wim Wenders‘ Figuren durch diesen Film, den sein Kameramann Robby Müller mit überraschend bunten Bildern ausgestattet hat. Wenders versucht den wortkargen Stil seiner großen amerikanischen Hammett-und-Marlow-Vorbilder zu kopieren und verheddert sich dann doch im zum Dialog unfähigen Deutschen Autorenkino, in dem Ehe– oder auch Liebespaare sich gelangweilt anschweigen („Du erzählst mir ja nichts!“), anstatt leidenschaftlich zu streiten; in dem Menschen Drehbuchsätze postulieren, statt einfach miteinander zu reden – „Dialoge sind nicht so einfach, wie Sie denken!“, pflegen Drehbuchautoren zu sagen.

Nun ist der Film auf Dialog kaum angewiesen und seine Mordsgeschichte funktioniert mit Dennis Hopper („Mad Dog – Der Rebell“ – 1976; „Der Marshal“ – 1969; Easy Rider – 1969; „Hängt ihn höher“ – 1968) und Bruno Ganz („Die Wildente“ – 1976; „Die Marquise von O...“ – 1976; „Sommergäste“ – 1976) ganz wunderbar – eine klassische Patricia-Highsmith-Moritat mit hilfreichen Fremden und undurchsichtigen Freunden, die verhalten beginnt und dann ordentlich Fahrt aufnimmt. Das ist typisch Wenders („Im Lauf der Zeit“ – 1976; „Falsche Bewegung“ – 1975; Alice in den Städten – 1974; „Der scharlachrote Buchstabe“ – 1973; „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ – 1972; „Summer in the City“ – 1971). Seine Protagonisten sind leidenschaftslos, scheinen ihre Persönlichkeit als Kostüm spazieren zu führen. Alles, was nicht „Einsamkeit“ heißt, gestattet Wenders seinen Figuren nicht. Diese karge Beschreibung hilft aber dem Zuschauer, die Realitätserfahrung der Figuren ganz unmittelbar zu erspüren. Zuschauer sind so: Wenn ihnen etwas nicht gegeben wird, holen sie es sich aus sich selbst – auf die Gefahr hin, gelangweilt zu sein. Insofern ist es ein bemerkenswertes Produkt des deutschen Films dieser Ära. Wortkarg, irreal und doch faszinierend. Die Geschichte einer Männerfreundschaft. Mit Bildern, bei denen ich Robby Müller unwillkürlich jeden deutschen Kamerapreis gebe. Die großartige Kamera hält den Film zusammen. Hier wirkt er real, im Leben der Zuschaiuer verwurzelt; hier erreicht er den Zuschauer, wo die Charaktere stammelmndes Beiwerk bleiben, unter dem Lisa Kreuzer (Alice in den Städten – 1974) ein weiteres Mal ihre Unfähigkeit zu spielen zur Schau stellt.

Nachdem er von Jonathan brüskiert wird, beschließt Ripley sich zu rächen und setzt so die ganze Geschichte in Gang. Je näher sich die beiden Männer kommen, umso stärker schätzen sie die Qualitäten des anderen. Langsam nähern sich die beiden einander an, machen sich gegenseitig kleine Geschenke und stehen sich schließlich gegenseitig bei. „Nach dem letzten Film Im Lauf der Zeit, der fast ohne Drehbuch, vor allem aber ohne ‚Geschichte‘ entstanden war, hatte ich Lust, in dem festen Rahmen einer Geschichte zu arbeiten, die jemand anders geschrieben hatte“, sagte Wim Wenders in einem Interview. Zeit wurd‘s.

Wertung: 7 von 9 D-Mark