Kinoplakat: Alice in den Städten

Der geplatzte Traum von Amerika und
das reale Leben eines jungen Mädchens

Titel Alice in den Städten
Drehbuch Wim Wenders + Veith von Fürstenberg
Regie Wim Wenders, Deutschland 1974
Darsteller Rüdiger Vogler, Yella Rottländer, Lisa Kreuzer, Edda Köchl, Ernest Boehm, Sam Presti, Lois Moran, Didi Petrikat, Hans Hirschmüller, Sibylle Baier, Mirko u.a.
Genre Drama
Filmlänge 110 Minuten
Deutschlandstart
17. Mai 1974
Inhalt

Der Journalist Philip Winter bringt von einer mehrwöchigen Auftragsreise durch die Vereinigten Staaten statt des vereinbarten Artikels lediglich einen Stapel Polaroid-Fotos mit. Finanziell abgebrannt und in einer Lebenskrise befindlich, trifft er bei der Abreise auf dem New Yorker John-F.-Kennedy-Flughafen Lisa van Damm und deren neunjährige Tochter Alice.

Lisa vertraut ihm ihre Tochter an, mit der er allein nach Europa fliegen soll, Lisa werde einige Tage später nachkommen. Als die Mutter nach Ablauf der Frist nicht nach Amsterdam nachfolgt, fahren Winter und Alice durch Deutschland, um die Großmutter des Mädchens zu suchen. Zwischen dem Journalisten und dem Kind entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft …

Was zu sagen wäre

„To shoot pictures“ sinniert der Journalist gleich zu Anfang, „alles abknallen, was einem nicht in den Kram passt.“ Gleich zu Anfang heißt in diesem Fall: Nach etwa zehn Minuten, wenn halt die ersten Worte überhaupt fallen in diesem schwarz-weißen Roadmovie, in dem Wim Wenders seinen Traum von Amerika dem realen Amerika gegenüber stellt, das sein Protagonist in zahllosen Polaroidbildern festhält, jener Ex-und-Hopp-Fotomanie. Bis das erste Wort fällt, bis ein roter Faden erkennbar ist, vergehen zahlreiche Minuten voller Roadmovie-Bilder dieses Amerikas mit Billboards am Straßenrand, Neonreklamen und Hamburgerbuden. Die Reise hat den deutschen Reporter desillusioniert, das Land – offenbar – seiner Träume hat sich, „wenn Du New York verlässt“ nicht mehr verändert.

Dieser Phil Winter ist ein später Vertreter der Achtundsechziger-Schluffis, einer, der vier Wochen auf Kosten eines deutschen Magazins durch die Vereinigten Staaten reisen und darüber schreiben soll, und dann mit nichts als diesen Polaroids zurück kommt. Wim Wenders‘ Hauptfigur lässt sich treiben, findet keinen Anschluss ans Leben jenseits dieser Polaroidkamera – „ich bin nicht sehr unterhaltsam“, sagt er. Und das stimmt wohl. So wenig, wie der Film unterhaltsam ist. Die Handlung entwickelt sich langsam. Sehr langsam. In der Zwischenzeit formulieren die Protagonisten Philosophisches über die Fotografie, das kommerzielle US-Fernsehen, die zwischenmenschlichen Beziehungen. Dabei sprechen die Figuren nicht miteinander, führen keinen Dialog; statt dessen sagen sie Sinnsuch-Sätze auf, die auswendig gelernt klingen, die Figuren in keinerlei Beziehung zueinander setzen, aber wohl Botschaften für den Zuschauer transportieren sollen. Frauen sagen Sachen wie „Ich kann nicht mit Dir schlafen. Aber ich würde gerne in einem Bett mit Dir schlafen.“

Kinoplakat: Alice in den StädtenWenders zeigt eine Welt im Stillstand. Der us-amerikanischen Gleichform stellt er die sterbenden Städte des Ruhrgebietes gegenüber. Robby Müllers Kamera findet morbid schöne Bilder im Land der sterbenden Zechen. Alice sagt: „Die Häuser, die leer stehen, sehen aus wir Gräber … wie Häusergräber.“ Das Drehen in der freien Wildbahn, das die französische Nouvelle Vague propagiert, gibt dem Kino eine ganz neue Perspektive – wenn sonst schon nichts für ein story-driven-cinema, wie es in Hollywood vormacht. Dem Film fehlt der dramaturgische Aufbau. Nie bekommt der Zuschauer eine Idee, wohin die Reise in diesem Roadmovie gehen könnte, Wenders zwingt zum Gucken. Das geht mal gut, mal weniger gut, ist meistens aber die Beobachtung menschlicher Schweigeminuten im Schneckentempo. 

Irgendwann bemerkt Alice, Phil habe schon lange keine Fotos mehr gemacht, „seit Amsterdam“. Anders, als das nur herbei geträumte Amerika, braucht das richtige Leben zwischen Geldnot und Sorge ums Kind, keine Fotos. Da ist nichts mehr, was er „abknallen“ müsste, weil es ihm „nicht in den Kram passt“. Die junge Yella Rottländer ist die Rettung des Films: Unverstellt, wie Kinder sind, zwingt sie den vermeintlichen erwachsenen Phil vorwärts – der hat zwar kaum noch geld, aber dieses Kind an der Backe, das offenichtlich kein bisschen verwundert ist über das asoziale Verhalten ihrer Mutter. Wo der Journalist desillusioniert vom Leben antriebslos verharrt, fordert die 10-Jährige bar jeder erwachsenen Schüchternheit ihr Gewohnheitsrecht ein, nämlich, dass sich gefälligst jemand um sie kümmert. Diese wunderbare Naivität treibt den Film vorwärts. Als Phil endlich zur Polizei geht, scheint auch die mäßig erstaunt, dass da einer kommt, der ein zehnjähriges Kind an der Hand hat, das nicht das seine ist, von einer Frau, die nicht die seine ist und sich irgendwo in den USA abgesetzt hat. Zwischendurch scheint auch Wenders nicht anderes mehr einzufallen, als einfach die Kameras auf das großäugige Gesicht seiner Titelheldin zu halten.

In einem Rockschuppen in – ausgerechnet – Wuppertal besucht Phil, nachdem er Alice bei der Polizei abgegeben hat, ein Konzert Chuck Berrys, der dem Amerikabild des Deutschen wieder Zucker gibt – „Memphis Tennessee“. Da werden das Image von Freiheit, endloser Liebe und großer Welt kühl und die triste Wirklichkeit vom Anfang des Films gegeneinander ausgespielt.

Long distance information, give me Memphis Tennessee
Help me find the party trying to get in touch with me
She could not leave her number, but I know who placed the call
'Cause my uncle took the message and he wrote it on the wall

Help me, information, get in touch with my Marie
She's the only one who'd phone me here from Memphis Tennessee
Her home is on the south side, high up on a ridge
Just a half a mile from the Mississippi Bridge

Help me, information, more than that I cannot add
Only that I miss her and all the fun we had
But we were pulled apart because her mom did not agree
And tore apart our happy home in Memphis Tennessee

Last time I saw Marie she's waving me good bye
With hurry home drops on her cheek that trickled from her eye
Marie is only six years old, information please
Try to put me through to her in Memphis Tennessee

Der Film ließ auch manch Kritiker ratlos zurück, also schrieben sie beieinander ab. Das Lexikon des internationalen Films befand, der Film behandele „ein tiefgründiges Thema mit unerwarteter Leichtigkeit und zeichnet sich durch die gleichnishafte Kraft und die Ausstrahlung seiner schwarz-weißen Bilder aus, die offen für Zufälle und Details sind“. Der Kultursender arte meinte Jahre später, der Film zeichne „ein sensibles Bild selbstentfremdeten Lebens in unserer Zeit; ästhetisch und psychologisch überzeugend, bestechend durch seinen Wahrheitsgehalt wie auch durch die gleichnishafte Kraft und Ausstrahlung der Bilder.“

Wertung: 4 von 8 D-Mark