DVD-Cover: Wie ein weißer Vogel im Schneesturm
Coming of Age in einer
dysfunktionalen Familie
Titel Wie ein weißer Vogel im Schneesturm
(White Bird in a Blizzard)
Drehbuch Gregg Araki
nach dem Roman von Laura Kasischke
Regie Gregg Araki, Frankreich, USA 2014
Darsteller
Shailene Woodley, Eva Green, Christopher Meloni, Shiloh Fernandez, Angela Bassett, Gabourey Sidibe, Ava Acres, Thomas Jane, Mark Indelicato, Dale Dickey, Sheryl Lee, Michael Patrick McGill, Jill Johnson, Jacob Artist, Brenda Koo u.a.
Genre Drama
Filmlänge 91 Minuten
Deutschlandstart
27. August 2014
Inhalt

Sommer 1988: Die 17-jährige Kat ist zum ersten Mal verliebt und genießt die gemeinsame Zeit mit ihrem Freund Phil. Als ihre exzentrische Mutter Eve verschwindet, ist Kat nicht weiter beunruhigt – im Gegenteril: Ohne Eves ständige Eifersucht auf ihre Tochter und deren Jugend ist das Leben viel einfacher.

Doch dann taucht Detective Scieziesciez auf und bringt nicht nur widersprüchliche Details über eves Verschwinden ans Tageslicht, sondern auch Kats Gefühle für Phil durcheinander …

Was zu sagen wäre

Es geht also doch: Eine Coming-of-Age-Geschichte, die keine Fantasy-Welten mit Monstern und Magiern bemüht. Gregg Araki nutzt die Stilelemente großer zeitgenössischer Familiendramen wie American Beauty (1999), entwirft ein spießiges Leben in den Suburbs inklusive heimlicher Blicke in Nachbars Schlafzimmer, pubertierender Teenager auf der Jagd nach dem besten Sex, dominanten Müttern und weichen Vätern.
Und dann stellt Araki das alles auf den Kopf.

Seine Protagonistin, die 17-jährige Kat, aus deren Perspektive der Film erzählt ist, macht gerade die ersten Schritte ins Leben der Erwachsenen, hat den ersten Freund, der sie enttäuscht, weil er weniger heiß auf Sex scheint als sie, und sie sucht ihre Muter, die vom einen auf den anderen Tag verschwunden ist und für sie ist völlig klar, dass sie durchgebrannt ist – möglicherweise mit einem anderen Mann; dauernd träumt sie von dieser Mutter in eiskalten Welten, aus denen der Film seinen Titel nimmt. Über ihrem Bett hängt ein Bild des niederländischen Künstlers Maurits Cornelis Escher, der bekannt ist für seine Darstellung unmöglicher Figuren, wie das unendliche Treppenhaus oder das in sich gedrehte Dreieck. Araki positioniert seine Hauptdarstellerin unter diesem Bild als Mensch in unauflöslichem Dilemme, der feststeckt in einem Bewusstsein, aus dem es kein Entkommen, keine zweite Meinung, keine Alternative gibt; das klassische Teenager-Dilemma. In diesem Kleinstadtleim läuft der Film sich fest. Und springt dann drei Jahre weiter.

Zeit und Ruhe, keine Chance für Teenagerpossen

Kat ist jetzt in Berkley auf dem College, hat neue Freunde, andere Perspektiven, als sie heim zu Dad kommt, der eine neue Freundin hat, wo sie ihre best buddies aus Schulzeiten wiedersieht und auch Phil, der im lokalen eisenwarenladen gestrandet ist. Mit dem Rüstzeug ihrer neuen Perspeketiven kann Kat ihre Jugend, den Verlust der Mutter ordnen und da bekommt der Film dann ordentlich Drive – ohne dafür effekte zu bemühen. Im Gegenteil.

Kinoplakat (US): Wie ein weißer Vogel im Schneesturm

Gregg Araki lässt sich Zeit, dosiert Musik knapp, setzt auf die lange Einstellung. Immer wieder inszeniert er Szenen als Theaterbühne, auf der er die Protagonisten an den äußeren rechten und linken Rand platziert – zwischen ihnen das ganze erbämliche Leben zwischen Sitzgruppe und Einbauküche. Eine Figuren allein treiben die Story, es gibt keine hektischen Schnitte, keine Teenagerwitzchen, keinen sich aufbauenden Theaterdonner. Umso ergreifender, weil überraschender ist die Auflösung, die Araki in vielen kleinen, zunächst sinnlos erscheinenden Mosaiksteinchen über seinen bisherigen Film verteilt und die das Leben der Suburbs – und da bin ich wieder bei American Beauty (1999) oder bei „Der Eissturm“ (1997) oder Edward Scissorhands (1990) – als Hölle entlarvt.

Shailene Woodley behauptet ihr Ausnahmetalent

Araki kann sich auf seinen erlesenen Cast verlassen, vorneweg die immer aufs Neue erstaunliche Shailene Woodley (The Spectacular Now: Perfekt ist jetzt – 2013; The Descendants – 2011), die hier mal nicht die brave Schüchterne spielt, die sich erst finden muss sondern die forsch ihre Lüste anpeilt, sie ergreift und sich dann auch noch finden muss. Das mit dem sich-finden-müssen wird sie noch drei, vier Mal machen müssen, dann ist sie aus dem Alter raus. Ebenso erstaunlich: Eva Green als Kats Mutter (Dark Shadows – 2012; James Bond 007 – Casino Royale – 2006; Königreich der Himmel – 2005), obwohl Green mal gerade elf Jahre älter ist als Woodley. Green spielt diese Mutter in drei Aggregatzustände – als knallbunte Rückblende, als Desperate Houswife und als weißkalte Erscheinung; sie bleibt in allen drei Zuständen rätselhaft.

„White Bird in a Blizzard“ ist ein Mysterydrama mit viel Sinn für Schauspiel- und Kamerakunst, das seine Zuschauer allerdings doch etwas entschlossener durch seine vertrackte Storyline leiten könnte.

Wertung: 6 von 8 €uro