Plakatmotiv: Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

Luc Bessons Comic-Verfilmung
wird zu einer Art Sixth Element

Titel Valerian – Die Stadt der tausend Planeten
(Valerian and the City of a Thousand Planets)
Drehbuch Luc Besson
nach der Comicserie von „Valerian and Laureline“ Pierre Christin + Jean-Claude Mézières
Regie Luc Besson, Frankreich 2017
Darsteller Dane DeHaan, Cara Delevingne, Clive Owen, Rihanna, Ethan Hawke, Herbie Hancock, Kris Wu, Sam Spruell, Alain Chabat, Rutger Hauer, Peter Hudson, Xavier Giannoli, Louis Leterrier, Eric Rochant, Benoît Jacquot, Olivier Megaton, Gerard Krawczyk, Pierre Cachia, David Saada, Hippolyte Burkhart-Uhlen, Florian Guichard, Stéphane Mir, Thierry Barthe, Pier Ewudu, Andrew Tisba, Yannick Lorté, Charly Akakpo, Clément Beauruelle, Audrey Kamp, Anthony Hornez, Julien Bleitrach, Maxime Babara Touré, Sasha Luss, Aymeline Valade, Pauline Hoarau, Marilhéa Peillard, Diva Cam, Judith Brunett, Marie Barrouillet, Cindy Bruna, Sija Titko, Daphnée Kbidi, Nick Marzock, Ola Rapace, Stefan Konarske, Mahamadou Coulibaly, Julien Marlin, Yvan Lucker, Tom Hygreck, Gavin Drea, Abel Jafri, Laurent Ferraro, Jean-Robert Lombard, Leonid Glushchenko, Peter Eberst, Akim Chir, Aurelien Gaya, Jean-François Lenogue, Laminé Ba, Eric Lampaert, Paul Lefevre, Guillaume Maison, Jean-Christophe Brizard u.a.
Genre Science Fiction, Fantasy
Filmlänge 137 Minuten
Deutschlandstart
20. Juli 2017
Inhalt

Wir sind im 25. Jahrhundert. Eine humanoide Gesellschaft ätherischer Muschelsucher und Perlentaucher an einem Strand auf dem Planeten Mül. Die Bewohner leben in Harmonie mit kleinen vierbeinigen Tieren, die als Transmutatoren in der Lage sind, die Perlen, die die Pearls auf dem Planeten sammeln, zu vervielfachen, wenn man sie damit füttert; es ist der perfekte Kreislauf: Die Bewohner geben der Welt, die sie nährt, sie bewahrt zurück, was ihr gehört. Eines Tages wird ihre Idylle zerstört, als sich gewaltige Explosionen am Himmel zeigen und brennende Raumschiffe auf den Planeten stürzen. Als eine Feuerwalze über Mül hinwegfegt, schaffen es nur wenige, sich in einem der abgestürzten Raumschiffe zu schützen, alle anderen Planetenbewohner sterben bei der Katastrophe.

Jahre später, an Bord eines Raumschiffes: Major Valerian und Sergeant Laureline sind Spezialagenten der Regierung der menschlichen Territorien, die mit der Aufrechterhaltung von Recht und Ordnung im gesamten Universum beauftragt sind. Sie arbeiten von Galaxity aus, der Hauptstadt der Erde und des Terranischen Galaktischen Imperiums. Der junge Major hat es auf mehr als nur eine berufliche Beziehung mit seiner schönen Partnerin abgesehen, die selbstbewusste Laureline hält ihn jedoch für einen egoistischen Frauenhelden und zeigt ihm die kalte Schulter, wenn ihr Valerian romantische Avancen macht.

Auf Anordnung des Ministeriums begeben sich die beiden Gesetzeshüter mit ihrem Raumschiff, der „Intruder“ auf eine Mission: Sie sollen auf dem Planeten Kyrion einen Transmutator vom Planeten Mül suchen, der der letzte seiner Art ist. Auf dem Wüstenplaneten befindet sich ein riesiger, virtueller Basar, der sich in einer anderen Dimension befindet und auf dem ein geschäftiges Treiben herrscht. Valerian muss dort den Transmutator in einem Labyrinth von tausenden Ebenen finden und befreit diesen schließlich aus den Fängen eines Hehlers, der diesen gerade an zwei überlebende Pearls verkaufen will. Der Einsatz geht nicht so reibungslos vonstatten, wie der Agent dies geplant hatte. Die zur Unterstützung mitgegebene Militäreinheit wird aufgerieben, und Laureline muss Valerian helfen, der aber immerhin das Tier und eine Perle sicherstellen konnte. Den Transmutator päppelt Laureline im „Intruder“ in einer Kammer mit hochangereichertem Uran wieder auf. Valerian findet heraus, dass in der Perle, die er mitgebracht hat, 20 Megatonnen Energie stecken. Außerdem erkennt er die Perle und den Transmutator wieder: Er begegnete den beiden in einer Vision, die er kurz vor Missionsbeginn hatte, deren Ursprungsort der Computer der „Intruder“, Alex, aber nicht bestimmen konnte.

Valerian und Laureline bringen das Wesen zu Commander Arün Filitt in die interstellare Stadt Alpha, die – einst von der Erdengesellschaft erbaut – sich mittlerweile 700 Millionen Meilen von der Erde entfernt befindet. Die Mega-Metropole beheimatet Tausende verschiedene außerirdische Spezies aus allen Winkeln des Universums. Viele Millionen von ihnen sind Menschen und verwandte Arten, die 5000 verschiedene Sprachen sprechen. Sie alle haben ihre Technologien, Ressourcen, Talente und ihr Wissen zum Vorteil aller vereint.

Allerdings scheint die Zukunft von Alpha in Gefahr, denn Valerian und Laureline erfahren von einer radioaktiven Zone im Zentrum der Stadt, von der Commander Filitt im Sicherheitsrat berichten will. Die Sitzung wird jedoch von einer Gruppe Pearls gestürmt, die alle Anwesenden lähmen und den Commander entführen. Valerian verfolgt die Entführer und verschwindet vom Überwachungsschirm des Kontrollzentrums. Bei dem Versuch, ihren Partner aufzuspüren, hilft Laureline eine telepathische Qualle, aber als sie ihn gefunden hat, gerät sie selbst in die Hände einer Gruppe von Boulan-Bathor.

Valerian muss also Laureline befreien. Er besucht die Show von Bubble, einer Formwandlerin, die im Glammer Club in der Paradise Alley als Quickchangedresserin arbeitet, und kann sie überzeugen, ihre Fähigkeiten einzusetzen, um in das Gebiet der Boulan-Bathor zu gelangen, wo deren auf exotische Delikatessen versessener Kaiser gerade versucht, Laurelines Gehirn zu verspeisen …

Was zu sagen wäre

Spoiler nicht zu vermeiden

„Die Stadt der tausend Planeten“ … vielleicht hat schon der Filmtitel Luc Besson dazu bewogen, seinem visuellen Herzen zu folgen. Seine 177-Millionen US-Dollar teure Verfilmung eines Comics aus der Valérian-et-Laureline-Serie ist optischer Overkill, wirkt wie eine Neuverfilmung eigener Werke, eine Art Fifth Element 3.0. Auf dieser Ebene: spektakulär, innovativ, schön – auch wenn es nervt, dass die Prinzessin der Pearls, deren Sprache wir im Kinosessel nicht verstehen und nur hier oder da durch Untertitel erklärt bekommen, auf ihrem Heimatplaneten dauend die Arme ausbreitet und Kreise dreht, um uns zu verdeutlichen, wie schön es auf ihrer Heimatwelt ist.

Erinnrungen an große Vorbilder – und Plagiatoren?

Die Pearls wirken in ihrem Kreislauf des Lebens wie nahe Verwandte der Nav'i, mit denen James Cameron 2009 das 3D- und das Bombast-Kino auf die nächste Stufe hob. Aber das macht sie uns eher symathisch, als dass wir uns über Plagiate Gedanken machen – das Volk der Menschen ist im Kino ja auch immer mit, naja, Menschen besetzt. Und natürlich müssen wir, wenn wir schon anfangen, uns über kopierte Ideen zu echauffieren, untersuchen, wer eigentlich ursprünglich von wem abgeschrieben hat. Unterzieht man beispielsweise Star Wars von George Lucas aus dem Jahr 1977 – auf den sich so viele Fantasy-Filme heutzutage beziehen – einer genaueren Prüfung, müsste man das Design des Millennium Falcon, die Charakterisierung des Schrotthändlers Watto, überhaupt die exorbitante Vielzahl extraterrestrischer Zivilisationen im Star-Wars-Universum im Vergleich zum Kosmos der Comicwelten von Valérian und Laureline auch noch mal hinterfragen; aber wen – außer Anwalts-Societäten natürlich – interessiert das?

Luc Besson ist seiner Berufung nachgekommen: „Kino“ – also das bewegte Bild auf der großen Leinwand, nicht das in einer Serie auf dem heimischen TV-Bildschirm – ist vor allem ein visuelles Erlebnis. In dieser Hinsicht lässt er es krachen: Nachdem (ausgerechnet) die Disney Studios mit ihren Marvel-Superhelden die Kunst des entsättigten Farbfilms zur Blockbusterreife gebracht haben, ist Kino endlich wieder leuchtend, farbenfroh. Sowohl visuell als auch im übertragenen Sinn: Der Mensch ist endlich Multikulti-Lebensform.

Mulikulti in galaktischer Dimension

Friedlich lebt der Mensch – rund 550 Jahre von heute entfernt – mit allerlei außerirdischen Spezies in Koexistenz auf „Alpha“, einer einst von der Erde aus gestarteten (ISS ähnlichen) Station, die dann im Laufe der Jahrzehnte immer größer wurde, wuchs, und heute die titelgebende Stadt der tausend Planeten ist. Die Gesellschaft dort bedient sich der akzeptierten Unterschiede zwischen den einzelnen Rassen zum Greater Good. Die eine Rasse ist mathematisch versierter, die andere eher empathisch, eine dritte beherrscht das Leben unter Wasser und so weiter. Es ist eine Art weiter gedachte United Nations – im Gegensatz zu dem abgeschotteten, kulturimperialistischen Ansatz, den das US-Science-Fiction-Fantasy-Kino in den vergangenen Jahren verfolgt; auch hier merkt man: Luc Besson ist ein Filmemacher aus dem europäischen Kulturraum.

Besson schafft wunderschöne Bilder für die Cinemascope-Leinwand, ja selbst die in Verruf geratene 3D-Technik erfüllt ihren Zweck. Eine Nebenhandlung etwa, die im Kampf der Weltraumagenten eine kleine Rolle spielt, führt den Zuschauer in die Welt des Online-Shoppings im 26. Jahrhundert – eine physische Welt – die Bessons Fifth Element mit der aktuelle Kinotechnik neu interpretiert – über zahllose Stockwerke und Ebenen, die wir noch aus Lucas‘ zweiter Star-Wars-Episode erinnern (aber wie gesagt: Was heißt das?), für die Touristen eine spezielle Brille und spezielle Handschuhe anziehen müssen, um dann in einen grandiosen Kaufrausch zu verfallen – enttäuschend indes, dass Besson seine Kaufrausch-Touristen nur Blechzeugs kaufen lässt; da war die Vielfalt auf dem Bazaar in der zugrunde liegenden Comicvorlage „Im Reich der Tausend Planeten“ („L'Empire des mille planètes“ – 1971) bezaubernder. Dennoch ist das reines Gucken – das Storytelling wird in diesen Momenten nur mitgeliefert, weil es im Erzählkino halt dazugehört; der Zuschauer braucht einen Grund, um ins Kino zu gehen. Und Schöne Bilder allein ziehen nicht ins Kino. Also liefert Besson eine akzeptable Militärverschwörungs-Genozid-Dramaturgie, der zu folgen allerdings gewisser geistiger Klarheit bedarf.

Schöne Bilder allein reichen nicht fürs Popcornmovie-Erlebnis

Besson macht es seinem Popcorn mampfenden Summermovie-Glotzer ja nicht leicht: Die Story ist einerseits zwar ausgesprochen simpel, ihre Verästelungen aber für den Popcornkauer schon komplex; es gibt Handlungsstränge, die einfach ins Nichts führen. Wen lässt Commander Arun Filitt da eigentlich foltern, bzw. für was? Man kann sich da im Kinosessel irgendwann irgendwie einen Reim drauf machen, aber so richtig plausibel erklärt wird das nicht. Nun heißt der Film aber eben „Die Stadt der tausend Planeten“ und nicht „Verschwörung an Bord“ oder „Krieg der Sterne“ – da geht Reisen vor Erzählen, schließlich wollen tausend Planeten ins Bild gesetzt werden – und das macht Besson. Ausführlich.

Natürlich weiß auch Besson, dass man Bilder, zumal, wenn deren Produktion so viel Geld gekostet hat, nicht um ihrer selbst willen an die zahlende Masse verkauft. Dafür bedarf es sympathischer Figuren, mit denen wir im Kinosessel mitfiebern, einer rätselhaften Story, die uns aufmerksam bleiben lässt. Und so kabbeln sich Valérian und Laureline in einem romantischen Clinch – er ein veritabler Ladykiller, der seine Eroberungen in einer Playlist vom Bordcomputer zusammenstellen lässt, sie die patente, schlagkräftige Mitarbeiterin, die sich vom Chef aber nicht ohne Weiteres ans Höschen greifen lässt. Dane DeHaan als Titelheld („Tulpenfieber“ – 2017; The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro – 2014; The Place Beyond the Pines – 2012; Chronicle – Wozu bist du fähig? – 2012) bleibt in seiner Rolle eigenschaftsfrei, auf dass der Kinogänger in ihn hineinprojizieren kann, was wer möchte. Natürlich ist Cara Delevingne (aus männlicher Sicht) ein Hingucker („Tulpenfieber“ – 2017; Suicide Squad – 2016; Margos Spuren – 2015; „Anna Karenina“ – 2012) und Luc Besson inszeniert sie auch vorbehaltlos mit erotischer Konnotation – Hot Pants, Bikini, durchsichtige Gewänder … Laureline trägt alles.

Pop-Königin Rihanna wird zum emotionalen Zentrum des Films

Zwischen die beiden spielt sich – mit einem nur kurzen Auftritt – Popsängerin Rihanna als Bubble in das emotionale Vakuum dieses Films. Bubble ist eine Formwandlerin, die als Tänzerin in einem Nachtclub arbeitet, was Besson für ein grandiose Musical-Nummer nutzt. Alle paar Sekunden ändert sie ihr Äußeres, eine Moulin-Rouge-artige Performance – freilich ohne pikante Nacktheiten vor der Kamera – in der Bubble bedauert, „keine eigene Identität“ zu haben. Dabei ist sie es, die in diesem Pixelbombast mit ihrer an Saloon-Königinnen in John-Wayne-Western erinnernden Figur wirklich zu Herzen geht. Das ist einigermaßen erstaunlich, ist doch die Künstlerin Rihanna selbst nur eine Kunstfigur, eine Projektionsfläche für maskuline Wünsche aller Art. Man könnte also sagen, Rihanna spielt sich hier selbst in ständig wechselndem Kostüm und ist darin lebensnäher, als alle humanoiden Akteure.

Valérian und Laureline kommen als (also) verhindertes Liebespaar einem Völkermord auf die Spur, der an den Holocaust des Dritten Reichs erinnert – bei dem Drama, dass die Gesellschaft der Pearls zu Beginn des Films heimsucht, kommen „sechs Millionen“ Pearls um, das entspricht der Zahl der Juden, die Nazi-Deutschland umgebracht hat; und diese Pearls suchen jetzt einen neuen Lebensraum, um überleben zu können. Hat Luc Besson, der Regisseur aus dem deutschen Nachbarland Frankreich (Lucy – 2014; Malavita – The Family – 2013; Johanna von Orleans – 1999; Das fünfte Element – 1997; Léon – Der Profi – 1994; „Nikita“ – 1990; „Im Rausch der Tiefe“ – 1988; Subway – 1985), hier bewusst eine Marke gesetzt? Und sieht der verantwortliche Commander in seiner Uniform nicht aus wie ein schneidiger deutscher SA-Offizier? Oder ist das alles bloß ein unappetitlicher Zufall?

Erinnerungen an Nazis, Juden und verheerende Schätze

Solche Fragen mögen albern klingen. Aber die Zahl „6.000.000 Opfer suchen einen Platz zum Leben“ ist halt eng besetzt. Hätten es nicht 13 Millionen Pearls sein können? Oder drei Millionen? Wo wäre innerhalb der Dramaturgie des Films der Unterschied? Angesichts des bonbonbunten Gewitters, das Besson bietet, hängt da plötzlich ein Schatten im Gehirn des Zuschauers, den er nicht los wird – zumal die Pearls über Schätze verfügen, wie es verschiedene afrikanische (Seltene Erden) oder arabische (Öl)Völker tun; aus dem Popcornmovie wird unversehens Politkino – Krieg, Armut, Flüchtlinge –, das dem Film wie Blei anhängt. Der Gedanke an den Holocaust macht auch im fortschreitenden 21. Jahrhundert jede noch so gut gemeinte, jede noch so bonbonfarbene Unterhaltungs-Fiktion zunichte.

Es hilft, wenn man sich im Kinosessel klar macht, dass alle anderen Zielgruppen-Nationen – außer Israel – nicht mit dieser Zahl kämpfen, und wir (Deutschen) also zum reinen bonbonfarbenen Spektakelkino zurückkehren. Denn das ist „Die Stadt der tausend Planeten“: großartiges, (Computer)bildgewaltiges, phantastisches, farbenfrohes Abenteuerkino mit Überwältigungsanspruch.

Wertung: 6 von 8 €uro