Kinoplakat: Turbo – Kleine Schnecke, großer Traum
Schnelle Schnecke. Schweres Rennen.
Kleine Hürden. Klare Sache.
Titel Turbo – Kleine Schnecke, großer Traum
(Turbo)
Drehbuch Darren Lemke + Robert D. Siegel + David Soren
Regie David Soren, USA 2013
Stimmen

Ryan Reynolds, Paul Giamatti, Michael Peña, Samuel L. Jackson, Luis Guzmán, Bill Hader, Snoop Dogg, Maya Rudolph, Ben Schwartz, Richard Jenkins, Ken Jeong, Michelle Rodriguez, Mario Andretti, Mike Bell, Aidan Andrews u.a.

Genre Trickfilm
Filmlänge 96 Minuten
Deutschlandstart
3. Oktober 2013
Inhalt

Theo fühlt sich nicht wohl in seiner Haut. Er fühlt sich schwerfällig, wäre aber doch gerne schnell. Er will die Welt erkunden, kommt aber über den Rand des Tomatenbeetes nicht hinaus. Theo ist eine Weinbergschnecke; ein Sonderling unter seinen Artgenossen. Während deren höchstes Ziel es ist, nicht von einer Krähe geschnappt zu werden, dem Rasenmäher auszuweichen und ansonsten, Blätter zu knabbern, träumt Theo davon, einmal so schnell zu sein wie der bekannte Rennfahrer Guy Gagné.

Das Großen Rennen von Indianapolis, das legendäre „Indy 500”, ist sein Ziel. Gut, die Chancen einer Weinbergschnecke, an einem Autorennen teilzunehmen, das Menschen unter sich auszumachen pflegen, sind wenig aussichtsreich. Aber man wird ja noch träumen dürfen. Und während also Theo tagträumend über die Straßenschilder der Nachbarschaft glitscht, kommt er unter die Räder – genauer gesagt: Theo gerät in den Sog eines Straßenflitzers, der mit einem Nitrogemisch über die Interstate jagt. Es blitzt, es zischt, es kracht und der ohnmächtige Theo wird in den Straßenrand geschleudert.

Als er aus seiner Ohnmacht erwacht, ist Theo so schnell, wie ein Formel-1-Flitzer. Plötzlich ist sein traum zu greifen nahe. Bis auf das klitzekleine Hindernis, dass Theo – eben – eine Schnecke ist und die Sache mit dem Antrittsgeld nur für Menschen machbar ist. Mit diesem Problem um die Fühler gerät er in einen Klan von Rennschnecken, die für zwei kurz vor der Pleite stehende Taco-Budenbesitzer gegeneinander antreten …

Was zu sagen wäre

Was erwarte ich von einem Film über eine Weinbergschnecke, die beim Indianapolis 500 … dem echten Indy 500 antritt (anders als in Cars, das komplett in einer Parallelwelt spielt)? Klar: Dass sie gewinnt. Also ist das hier kein Qualitätskriterium; gewänne sie nicht, wäre der Film ja … europäisch. Oder scheiße. Also wäre das geklärt. Damit sind die Autoren auf eine hohe Gag-Dichte und ordentlich Drama, Baby, Drama angewiesen, um die Laufzeit von 90 Minuten zu überbrücken. Das gelingt ganz gut. Sogar mit echtem Drama: Die ersten 15 Minuten des Films sind wenig komisch, mehr grausam.

Erst das Drama, dann das Vergügen

Es ist der Circle of Life, den so natürlich klar ein Trickfilm zuletzt im „König der Löwen” (1994) gezeigt hat. Damals durfte man die Opfer besingen und betrauern. Heute werden Schnecken mitten im Satz von Krähen hinweggerissen, was die zuhörenden Schnecken mit einem Schulterzucken zur Kenntnis nehmen und dann weiter schwätzen – das Leben einer Schnecke ist … tödlich. Turbos Erstaunen ist daher verständlich, als sein Bruder ihn, den Außenseiter mit den wirren Träumen, zu Beginn ermahnt, er solle den Quatsch mal vergessen und endlich anfangen „zu leben”: „Ich habe ein Leben?”, fragt Turbo verdutzt.

Nachdem das Grundproblem der Schnecken in der Welt am unteren Ende der Nahrungskette hinreichend geklärt ist – die Autoren lassen sich da etwas Zeit, damit die Kleinen im Kinosaal auch mitkommen – nimmt der Film langsam Fahrt auf und wenn Turbo sich dann Indianapolis nähert, steigt die Gänsehaut-Dichte. Zauberhaft schöne Momente mit niedlich designten und animierten Glubsch-Schnecken gelingen den Produzenten, als Turbo seine ersten Runden dreht, was die jungen Zuschauer auf den Rängen via Smartphone ins Netz und in die Welt übertragen – da sind ein paar Zungenschnalzer dabei für die erwachsenen Zuschauer, die deutlich nicht erste Ansprechgruppe sind. Für „Turbo” gilt im Grunde dasselbe, was auch für Pixars Planes gilt, der Ende August in die Kinos kam. Beide Filme gehören nicht in die Kategorie „bei der auch die Erwachsenen auf ihre Kosten kommen”. Es sind klare Kinderfilme, die Erwachsene aushalten können. Aber vom Hocker reißen, wie damals solche Wegbereiter wie Ice Age (2002), Shrek (2001) oder Toy Story (1995) tut „Turbo” mich nicht. Nice for the Moment und dann vergessen.

Eine erschreckender Vision in die Zukunft des Kinos

Während des elfminütigen Abspanns stellt sich Ernüchterung ein: ein unterhaltsamer Film mit ordentlichen Gags, der mt einer für die Generation Facebook konfektionierten carpe-diem-lebe-Deinen-Traum-Message punktet und dann nur konfektionierte Massenware feilbietet: Lebe Deinen Traum, sagte die Rennschnecke und gewann die Indy 500? Darunter geht es nicht mehr? Deutschland-träumt-den-Ultimo-Kick? Aber es ist ja ein trickfilm; was stelle ich mich also so an? Während der abspann immer noch läuft, geht mir durch den Kopf, dass Trickfilmdramaturgien und Trickfilm-Bosheiten seit den Zeiten von Steamboat Willie oder dem Road Runner dem Realfilm um Jahre voraus war. Die Gemeinheiten, die Wile E. Coyote im Kampf gegen den Road Runner – oder Kater Sylvester im Fight gegen den Kanarienvogel Tweetie – erdulden musste, haben die Saw-Filme im Real-Bereich längst übertroffen, Tempo und Witz der alten Cartoons schaffen heute selbst durchschnittliche Komödien.

Wenn das also so ist, bzw. so war, ist dann die Zukunft des Realfilms das, was Trickfilme wie „Turbo” hier vormachen? 90 Minuten mit kurzatmigen Gags und ein bisschen Drama aus dem Setzkasten der Drehbuchindustrie? Will Kino nicht mehr mehr? Wollen wir Zuschauer nicht mehr mehr? Auf was warten Kinder, die in solchen Filmen für Leinwandabenteuer sozialisiert werden sollen, später im Kino? Warten die überhaupt noch? Wir werden sehen. Oder auch nicht.

Wertung: 5 von 7 €uro