Kinoplakat: Ein Hologramm für den König
Tom Tykwers Ode
an den Neustart
Titel Ein Hologramm für den König
(A Hologram for the King)
Drehbuch Tom Tykwer
nach dem gleichnamigen Roman von Dave Eggers
Regie Tom Tykwer, UK, Frankreich, Deutschland, USA 2016
Darsteller
Tom Hanks, Alexander Black, Sarita Choudhury, Sidse Babett Knudsen, Tracey Fairaway, Jane Perry, Tom Skerritt, Michael Baral, Lewis Rainer, Alexander Molkenthin, Xara Eich, David Menkin, Christy Meyer, Megan Maczko, Ben Whishaw u.a.
Genre Komödie, Drama
Filmlänge 98 Minuten
Deutschlandstart
28. April 2016
Website einhologrammfuerdenkoenig.x-verleih.de
Inhalt

Alan Clay hat den Tiefpunkt erreicht. Ehe kaputt, Haus weg, kein Geld, um der Tochter den weiteren Collegebesuch zu finanzieren und eine letzte Chance, nicht völlig durch den Rost zu fallen. Eine dünne Chance. Der 54-jährige Vertriebsmanager soll in Saudi-Arabien König Abdullah ein holografisches Telefonkonferenzsystem verkaufen. Er, allein in einem fremden Land, von dem man eigentlich immer nur Terror, Hinrichtung und obszön viel Geld hört.

Seine Perspektiven haben sich nach der Finanzkrise und nach seinen persönlichen Krisen mit gescheiterter Ehe, weit unter Wert verkauftem Haus und fragwürdigen Outsorcing-Geschäften als Manager beim Fahrradhersteller Schwinn dramatisch reduziert. Zusätzlich zu diesen Problemen wird er vom Jetlag, einer Zyste am Rücken und Alkoholmissbrauch geplagt.

Nur der König kommt nicht. Während des tagelangen Wartens darauf, dass verabredete Termine eingehalten werden, taucht Clay in die Welt hinter der Welt ein. Geschäftsleute aus aller Welt feiern in dem streng muslimischen Land, in dem Alkohol verboten ist, hinter verschlossenen Toren rauschende Partys.

Sein Fahrer Yousef nimmt ihn – aus Versehen – mit nach Mekka; aber nicht, um zu beten, sondern weil es halt auf dem Weg zu seiner Familie liegt und die Ärztin Zahra Hakeem, die schließlich seine Zyste behandelt, zeigt ihm das entspannte, das schöne Leben, wie es in Saudi-Arabien gelebt wird – durchaus auch mit einer guten Flasche Wein …

Was zu sagen wäre

Tom Tykwer erzählt die Geschichte eines Neuanfangs. Sein Held ist ein Vertriebsmann, ein Verkäufer, einer, der einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen können müsste, der aber im realen Leben halt ein paar falsche Entscheidungen getroffen hat, die man während eines nun 54 Jahre währenden Lebens zwangsläufig trifft – ohne Fehler sind ja nur Menschen in Geschichten, in denen Verkäufer Eskimos einen Kühlschrank verkaufen können.

Aber Verkäufer eignen sich für Neuanfangs-Geschichten gut, weil sie einerseits mit einem Grundoptimismus ausgestattet sein müssen – ohne Optimiskus kein Verkauf – andererseits dieser Grundoptimismus, der häufig nur eine andere Form von Naivität ist die Fallhöhe für schmerzhafte Abstürze hebt. Mit diesem Mann aus dem gehobenen Management geht Tykwer auf Forschungsreise; zu ihm selbst und in eine fremde Welt. Mit der fremden Welt kann Tykwer, der Architekturfan, eindeutig mehr anfangen.

Tom Hanks spielt routiniert diesen Geschäftsmann an der Schwelle zwischen Absturz und Weiter, muss aber nicht all zu tief gehen – seine Requisiten sagen auch ohne viel Mühe, dass er betrunken, körperlich angeschlagen oder sauer ist. Dass Hanks, der seit 35 Jahren im Geschäft ist (Bridge of Spies – 2015; Saving Mr. Banks – 2013; Captain Phillips – 2013; Larry Crowne – 2011; Meine teuflischen Nachbarn – 1989; big – 1988; Splash: Jungfrau am Haken – 1984), zwei Oscars erspielt hat (Forrest Gump – 1994; Philadelphia – 1993), so eine Rolle mit links spielt, heißt nicht, dass er nicht überzeugend ist – Mimik und Gestik sitzen, sind aber auch nicht Tom Tykwers Thema. Die Wandlung des verschlossenen Mannes am Ende einer Karriere in einen nach vorne blickenden Mann mit Zukunft lässt er Hanks in E-Mails formulieren, in Telefione sprechen.

Viel spannender ist Tykwers Tick mit Architektur und Fassaden. Spätestens in The International (2009) offenbarte er diese Faszination für spiegelnde, durchsichtige, schroffe, dicke, dünne, graue, bunte Fassaden, die einfachstes Erzählmittel sind. Als wir mit Alan Clay in dieses fremde Land kommen, ist alles Fassade – künstliche Städte mitten in der Wüste, voll verschleierte Frauen, glitzernde Paläste, hinter deren Mauern tagelöhner ein Dasein in nassen Rohbauten fristen, lächelnde empfangsdamen, die jeden Tag „Morgen“ versprechen. Die Gerüchte und Klischees, die wir, die wir im Kinosessel sitzen, über Saudi-Arabien gehört und gelesen haben, findet Clay, finden wir hier alle zu gern zu leicht bestätigt.

Und dann, wenn der Vertriebsmann den ersten Schubs des Kulturschocks überwunden hat, beginnt das langsame Entblättern von Fassaden und Schleiern. Je weiter die künstlichen Bauten mit ihrer grotesten Hochglanzarchitektur aus dem Film verschwinden, ergreifen gewachsene Gebäude, echte Wohnräume Besitz vom offenen Raum, verliert das Leben der Gesellschaft dort unsere Klischees und Vorurteile. Wenn man die strenge Fassaden durchdrungen hat, ist das Leben in Saudi-Arabien allzu unkompliziert und sonnig schön, wie in der Toscana und endet mit dem Schussbild in einem fürchterlichen Anfall von Kitsch.

Das Leidige am Kino ist häufig die simple Vorstellung eines glücklichen Lebens. Allzu leicht findet der Amerikaner die Liebe einer weltoffenen Ärztin, der er sich dann mkt allen gesten ausgesuchter, internationaler Höflichkeit nähert. Glück geht offenbar immer nur mit Liebe einher und wenn die dem Helden quasi intravenös aufgedrückt werden muss. Dabei deutet der Film einen viel ehrlicheren Neuanfang in Saudi-Arabien an: Clay hat am Ende genug interessante Kontakte, die ihm ein wirkliches Eintauchen in diese neue Welt, in dieses neue Leben ermöglicht hätten – es hätte gereicht, eine zarte Liebesbande nur anzudeuten, statt sie mit blauem Meer mit Fischchen und bunten Korallen zuzukleistern. Wahrscheinlich darf ein Tom-Hanks-Charakter, der von seiner Filmgattin als Versager klassifiziert wurde, nicht unbeweibt aus dem Abspann gleiten.

So bleiben schöne Bilder, interessante Perspektiven, kluge Dialoge, angenehme Filmmusik, Audi als aufdringlicher Sponsor, witzige Momente und professionelle Schauspieler. Drehbücher mit echten Geschichten über leidlich echte Menschen waren aber auch Tykwers Kunst noch nie (Cloud Atlas – 2012; „Das Parfum“ – 2006; Heaven – 2002; Der Krieger und die Kaiserin – 2000; Lola rennt – 1998).

Wertung: 4 von 8 €uro