Plakatmotiv: Ben Hur (2016)
Eine Neuverfilmung, die dem
Drama nichts Neues hinzufügt
Titel Ben Hur
(Ben Hur)
Drehbuch Keith R. Clarke + John Ridley
nach dem gleichnamigen Roman von Lew Wallace
Regie Timur Bekmambetov, USA 2016
Darsteller Jack Huston, Toby Kebbell, Rodrigo Santoro, Nazanin Boniadi, Ayelet Zurer, Pilou Asbæk, Sofia Black-D'Elia, Morgan Freeman, Marwan Kenzari, Moises Arias, James Cosmo, Haluk Bilginer, David Walmsley, Yasen Atour, Francesco Scianna u.a.
Genre Abenteuer, Action, Historie
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
1. September 2016
Website benhurmovie.com
Inhalt
Judah Ben-Hur, ein jüdischer Prinz, und Messala, Sohn eines römischen Steuereintreibers, wachsen zu jener Zeit, zu der auch Jesus Christus lebt, gemeinsam auf. Sie sind beste Freunde, bis Messala eines Tages nach Rom geht, um sich dort weiterzubilden.

Jahre später kommt er als völlig veränderter Mensch zurück, hat nur noch Spott für Judah und vor allem für dessen Religion übrig. Schon bald intrigiert er gegen seinen einstigen Freund und sorgt dafür, dass dessen Familie im Gefängnis landet und Judah auf ein Sklavenschiff gebracht wird. Der dort dem sicheren Tod geweihte Ben-Hur überlebt wie durch ein Wunder und kennt nur noch ein Ziel: Rache.

Die bietet sich schließlich bei einem Wagenrennen in Rom, an welchem Ben-Hur im Dienste des Scheichs Ilderim teilnimmt …

Was zu sagen wäre

Die Filmemacher betonen immer wieder, ihr „Ben Hur“ sei eine Literaturverfilmung nach dem Roman von Lew Wallace, nicht etwa eine Neuverfilmung des gleichnamigen Spielfilms Ben Hur von 1959, der mit 11 Oscars ausgezeichnet wurde. Die Geschichte ist im Großen und Ganzen dieselbe, wie etwa in der monumentalen Verfilmung von 1959 mit Charlton Heston in der Titelrolle. Verzichtet haben die aktuellen Verfilmer auf Ben Hurs Adoption durch den römischen Senator Arrius; tatsächlich strafft das die Dramaturgie der Geschichte. Aber diese Filmgeschichte hat auch mit der Buchgeschichte lediglich in Teilen zu tun, was die Frage nach dieser Neuverfilmung ohnedies verschärft. 2003 gab es eine „Ben Hur“-Verfilmung als Miniserie fürs Fernsehen. Damals war die Motivation (Serie) einigermaßen klar. Timur Bekmambetov kann über die 125-minütige Laufzeit nicht klären, warum er diesen Stoff neu verfilmt hat, der in seiner Wucht, seiner Monumentalität, seinen bigger-than-life-Schicksalen, seinen opulenten Bildern 1959 nichts vermissen ließ.

Kain und Abel und die Zwänge des 100-Millionen-Dollar-Kinos

Das Wagenrennen scheint Bekmambetov allerdings am wichtigsten gewesen zu sein. Mit dessen Start steigt er in seine Verfilmung ein, um die verfeindeten ehemaligen Freunde zeigen zu können („Du hättest mich töten sollen damals.“, „Ja, das werde ich jetzt nachholen.“), und dann nach wenigen Sekunden, die Morgan Freeman aus dem Off kommentiert, in eine Rückblende, in die ungestümen Jugendjahre der best buddies Judah Ben Hur und sein Stiefbruder Messala. Erzählen will Timur Bekmambetov (Abraham Lincoln Vampirjäger – 2012; „Wanted“ – 2008; „Wächter des Tages“ – 2006; „Wächter der Nacht“ – 2004) also eine Kain-und-Abel-Story. Dieser Rahmen steht nach fünf Minuten, die Entwicklung bekomme ich im Folgenden dann (wohl) erzählt. Das bekomme ich dann nur nicht. In Timor Bekmambetovs Film nicht. Statt dessen tauchen mehrfach unvermittelt Szenen aus dem Wagenrennen auf.

Bekmambetov kapriziert sich ganz auf dieses Wagenrennen. Aus Gründen des Marketing ist das verständlich: Sein Film kostet 100 Millionen Dollar, da muss es auf der Leinwand krachen und in der 1959er-Verfilmung war das Quadriga-Rennen der Höhepunkt; die 59er-Verfilmung gilt nicht als „die mit Charlton Heston“, die 59er-Verfilmung ist „die mit dem Wagenrennen“. Dieses Rennen kennt jeder, der „Kino“ buchstabieren kann; diese Verfilmung ist Gradmesser für Filmszenen mit Wagenrennen, der Film ist Synonym für den Begriff „Sandalenfilm“, und im Monumentalfilmgenre ist er das, was Blade Runner in der Social Fiction ist. Schon die Trailer zum 2016er Ben Hur legen Gewicht auf das Wagenrennen-Spektakel.

Keiner versteht diesen Messala so recht

Dass Bekmambetov mit diesem Rennen dann so baden geht, ist böse Ironie. Die ganze Zeit schon funktioniert der Film nicht so recht, keiner versteht, warum eigentlich Messala von jetzt auf sofort so elend bitterböse wird, wo er seine Adoptivmutter und seine Stiefschwester doch eben noch geherzt hat. Da legt sich diese Neuverfilmung selbst ein Ei ins Nest. Ebenso wie in der 59er-Verfilmung sind Judah und Messala hier beste Freunde, fast Brüder. William Wyler zeichnete die Entzweiung der beiden damals mit recht groben Strichen, flocht eine homoerotische Note ein, die Messalas Hass irgendwie so ein bisschen auch über die verschmähte-Liebhaber-Nummer hätte erklären können. Bekmambetov macht eine Ödipusgeschichte daraus („… wenn ich eines Tages wiederkomme …“).

Die Romanvorlage indes kennt die verfeindete-Brüder-Konstante gar nicht, im Buch entzweien sich Messala und Judah gleich nach Rückkehr des römischen Freundes. Messalla ist auch kein unehelicher Sohn und lebt auch nicht jahrelang bei Familie Hur. Im aktuellen Film bleibt es ein Rätsel, woher Messalas Hass rührt. Bekmambetovs Psychologisierung, in der sich in Messala ein gewaltiger Ödipuskomplex Machtspiele mit einem gewaltigen Minderwertigkeitskomplex liefert und der Stolz Schiedsrichter spielt, macht den Film nicht besser. Und die – wiederum abseits der Vorlage entstandene – Auflösung des Filmdramas, zieht dann auch dem Kain-und-Abel-Stück den Boden weg (die Produzenten betonen stets den Aspekt der Neuverfilmung einer Vorlage). Übrig bleibt Jesus am Kreuz, der in Bekmambetovs Version an einen gestandenen Bio-Landwirt aus dem Veganer-Kalender erinnert, immerhin aber schon im Titel der Romanvorlage von 1880 („Ben-Hur: Eine Erzählung aus der Zeit Christi“) auftaucht. Da ist dann aus einem Aus-Freunden-werden-Feinde-Stück mit viel sprechenden Köpfen in Großaufnahme und sehr emanzipierten Frauen eine Filmversion der Zehn Gebote geworden – Du sollst Deinen Nächsten lieben, nicht töten, Deines Nächsten Weib nicht begehren uswusf. – in der ein Pferderennen eine Rolle spielt.

Und wenn moderne Regisseure eines können, dann Tempo machen

Ähnlich wie die Seeschlacht eine Stunde früher im Film hat auch das Pferderennen seine Momente. Bersteten dort gewaltige Galeeren, rammten sich Schiffe, flogen brennende Geschosse, so schleudern hier Streitwagen aus der Ideallinie im Sand gegen die marmorne Brüstung der Arena von Jerusaelm. Pferderennen leben vom Tempo und Tempo können die Jungregisseure von Hollywood alle, Tempo können ist sozusagen Grundvoraussetzung für einen Regiejob in Tinseltown und folglich donnern die Hufe und fliegen die Menschen und die Kamera ist augenscheinlich überall gleichzeitig und weil Morgan Freeman als, obacht, weiser alter reicher Mann aus dem Morgenland Strategien und mögliche Gefahren während eines Quadriga-Rennens in den Sand gemalt hat, muss Bekmambetov diese nur noch bildfüllend für den konditionierten Zuschauer umsetzen. Die Seeschlacht dirigiert er gar derart breit, dass seinem Judah Ben Hur noch Zeit bleibt, die angeketteten Galeerensträflinge, die sonst wie ein Mantra „Nicht einmischen. Nicht auffallen“ murmeln, zu einer gemeinsamen Anstrengung zu bewegen, um ihr Schiff aus einer Gefahrensituation zu bugsieren. Das sind garantierte Einschaltimpulse im modernen Serienfernsehen, in einem Kinofilm – in diesem Kinofilm zumindest – sieht das aus wie Erbauungsfernsehen aus den 1950er Jahren: Alle Menschen werden Brüder … aber dem Zuschauer ist das längst egal.

Nur für dieses, sehr erkennbar im Green-Screen-Studio gedrehte Rennen, das beeindruckende Pixeltechnik (CGI) mit billigen Montagen (dunkle Konturen) verquirlt, und ebenso mitreißend wie aber auch austauschbar Actionszenen wie in einem Tom-&-Jerry aneinander reiht, nur für dieses Rennen habe ich mir vorher die Sprechenden Köpfe in Halbtotale antun müssen, die keine Story erzählen, die mir nichts vermitteln, was Dutzende anderer Filme und die früheren „Ben Hur“-Versionen mir nicht auch schon vermittelt haben? Das Kreuz mit diesen modernen Monumentalfilmen ist, dass die künstlerisch extrem abgeklärten Regisseure zwischen der großen Monumentalgeste und dem sparsamen, aufs Popcornpublikum schielenden, Produzenten aufs hintersinnige Drama leichter verzichten als auf möglichst viele Wow-Bilder, also sowas wie Grandiose Landschaft und mittendrin Rom!!! Oder ein Kameraflug durch die marmorne Arena von Jerusalem. Solche Bilder entstehen im Computer – ist nicht billig, aber billiger als Modelle oder riesige Kulissen. „Ben Hur“ hat also diesen „Denver Clan“-Charme: Damals folgte auf eine Dialogszene die Totale einer Landschaft, dann ein Haus von außen, Dialog aus dem Off, Personen in einem Raum, nächste Dialogszene. So funktioniert Bekmambetovs „Ben Hur“ auch – das Bild wechselt von imposanter (Digital)Totale in die Halbnahe (innen/außen) und den nächsten Dialog (oder in eine Actionszene). Der engere Bildausschnitt verringert den Bedarf an tatsächlich gebauter (teurer) Kulisse, die dem digitalen Decor-Overkill andererseits erst stoffliche, anfassbare Imposanz verleiht. Dafür wird es aber auch nicht tiefsinniger als beim „Denver Clan“.

Judah Ben Hur als Frieden predigende Soap-Figur

Der 1959er „Ben Hur“ war der erste Film, bei dem intensiv mit der Blue-Screen-Technik gearbeitet wurde (Menschen werden vor einer blauen Wand gefilmt, anschließend wird alles Blaue in dem Bild durch einen beliebigen anderen Hintergrund ersetzt; ein Vorläufer der späteren, auch im vorliegenden 2016er „Ben Hur“ genutzten, Green-Screen-Technik). Auch damals konnte man erkennen, dass Charlton Heston nicht selbst den Streitwagen fährt. Das sagte einem ja schon der eigene Verstand, dass Manches da auf der Leinwand (1959) schwer zu filmen wäre. Aber der Film verkaufte sich nicht über das Quadriga-Spektakel, er verkaufte sich über monumentale Bauten, monumentale Schlachten und Charlton Hestons monumentales Eisenkinn.

Im vorliegenden 2016er „Ben Hur“ explodiert diese Green-Screen-Technologie in einem – natürlich – irrwitzigen Quadriga-Spektakel. Dem man die Künstlichkeit die ganze Zeit deutlich ansieht; bei dem ich an die Metapher mit dem leckenden Hund denken muss: Warum fliegt dieses Pferd jetzt auf die Tribüne? Und warum schaut sich die Kamera die galoppierenden Pferde von unten an? Ach, weil die digitale Tricktechnik das kann! Das ist „Ben Hur“ von Timur Bekmambetov: ein Poser-Film. Seht, was ich kann! Ich kann sogar das Pferderennen spektakulärer machen!

Abgesehen davon, dass das ganz überflüssig ist, das 1959er-Rennen an Irrwitz reiches Spektakel genug war, ist es um das Pferderennen bei „Ben Hur“ ja wie gesagt nie so zentral gegangen. Bei Timur Bekmambetov geht es nur darum. Darumherum ist Pferdeoperette mit bisschen grusligem Galeerenporno garniert mit Kreuzigung und schönen Israeliten.

Der 100-Millionen-Dollar-Film hat weltweit 94 Millionen in die Kassen gespült.

Wertung: 2 von 8 €uro