Kinoplakat: The Wolf of Wall Street
Geld macht Männer geil und Frauen willig.
Die Wall Street ist amoralisch – Ja … und?
Titel The Wolf of Wall Street
(The Wolf of Wall Street)
Drehbuch Terence Winter
nach der gleichnamigen Biografie von Jordan Belfort
Regie Martin Scorsese, USA 2013
Darsteller

Leonardo DiCaprio, Jonah Hill, Margot Robbie, Kyle Chandler, Rob Reiner, Jon Bernthal, Jon Favreau, Jean Dujardin, Joanna Lumley, Cristin Milioti, Matthew McConaughey, Christine Ebersole, Shea Whigham, Katarina Cas, P.J. Byrne u.a.

Genre Komödie, Biografie
Filmlänge 180 Minuten
Deutschlandstart
16. Januar 2014
Website wolfofwallstreet.de
Inhalt

Jordan Belfort ist ehrgeizig. Wir befinden uns in New York, Mitte der 1980er Jahre und Jordan Belfort, der eben geheiratet hat, ist überzeugt: Am besten wird sein Ehrgeiz an der Wall Street befriedigt. Also fängt er dort als Broker an, fällt schon beim Bewerbungsgeschäft dem Boss auf, der am Telefon Millionen ranschafft und ihm, Jordan, ein paar Weisheiten über das Geschäft vermittelt: Sei skrupellos, alle anderen sind es auch. Es geht nicht darum, das Geld des Kunden zu mehren, es geht immer und einzig darum, Dein Geld zu mehren.

Am Tag, als Jordan seine Broker-Prüfung bestanden hat, brechen an der Wall Street die Kurse ein – es ist der 19. Oktober 1987, der Black Monday. Jordan verliert, wie viele andere Makler auch, seinen Job. Da wird er über eine Kleinanzeige auf den nahezu unregulierten Markt der Pennystocks aufmerksam. Diese haben, verglichen mit Blue Chips, hohe Provisionen – bis zu 50 Prozent – und Belfort hat, dank seines Verkaufstalents, bald ein sehr gutes Einkommen. Sein Erfolg bleibt nicht unentdeckt. Sein Nachbar, Donnie Azoff will für Belfort arbeiten und über Pennystocks und die Klientel der Arbeiterschicht arbeiten sie sich langsam nach oben. Gemeinsam mit Donnie und dessen Freunden gründet Belfort das Unternehmen Stratton Oakmont und macht sich bald als „Der Wolf der Wall Street“ einen Namen. Den Spitznamen bekommt er von einer Journalistin – einen Tag später rennen ihm junge, hungrige Broker die Tür ein wegen eines Jobs. Sie bewundern Belfort.

Auf einer Party lernt Jordan Naomi kennen – blond, blaue Augen, cool, Modeltyp, kein Kind von Traurigkeit. Als ihr Verhältnis auffliegt, lässt seine Frau sich scheiden, Jordan heiratet Naomi und macht mit seinen Jungs noch mehr Geld – über Donnie kommen sie an den Schuhdesigner Steve Madden, dessen Börsengang das ganz heiße Ding werden soll. Mit diesem Job schafft es Belfort und sein Stratton Oakmont in die Oberliga der Wal Street. Bei diesem Deal allerdings sichern sich Donnie und er 80 Prozent der Aktien – was gegen das Gesetz verstößt. Die Börsenaufsicht wird aufmerksam.

Auch das FBI ermittelt gegen den lauten Aufsteiger aus kleinen Verhältnissen, läägst haben Jordan und Donnie auch ihren Drogenkonsum nicht mehr unter Kontrolle. Der Absturz beginnt …

Was zu sagen wäre

Der Film beginnt mit einem TV-Spot für die vertrauenswürdigen Jungs von Stratton Oakmont – da läuft ein Löwe durch die Großraumbüros und eine männlich sanfte Stimme aus dem Off verspricht „Wir lotsen Ihr Geld sicher durch den Dschungel der Finanzwelt“. Solchen Versprechen glaubt man besser nicht – wissen wir heute, Ende der 1980er Jahre war man noch etwas gutgläubiger, dankbar für die Hilfe bei solchen Geschäften.

Der Film ist aus seiner Zeit gefallen

So geht mir das die ganze Zeit: Ich muss ausblenden, dass wir das Jahr 2014 haben und so tun, als wäre ich auf dem Wissensstand von damals. Dann ergibt auch dieser oberflächliche Werbespot einen Sinn, denn was wir hier drei Stunden sehen, ist viel glänzende Oberfläche, gute Schauspieler, scharfkantige Dialoge, eine imposante Kamera, ein schickes Aufsteigender-Spießer-Millionär-Set-Design und eine unglaubliche Geschichte – damals.

Wir haben aber 2014 und dass Geld den Charakter verdirbt, weiß ich nicht erst durch Filme wie „Ri$iko – Der schnellste Weg zum Reichtum“ (2000), dass sich in den Großraumbüros der Broker die Creme de la Crema ausgelassener Testosteron-Hünen produzieren, wurde seit Wall Street (1987) im Kino hinlänglich oft beschrieben – dessen Hauptfigur, Gordon Gekko, wird hier von einem Broker als bewundertes Vorbild zitiert; dass Banker kalte Fische sind, die nur ihren Vorteil sehen, konnte ich in Margin Call – Der große Crash (2011) erleben. Dass die Masters of the Universe irre Sexorgien feiern, ist seit der Verfilmung des Tom-Wolfe-Romans „Fegefeuer der Eitelkeiten“ (1990) auch dem Kinopublikum bekannt. Anders ausgedrückt: Ich sitze drei Stunden im Kino, um mir ein Best-of der Börsen- und Bankerfilmefilme der letzten 30 Jahre anzugucken.

Geld-Porno mit nackten Frauen und derber Sprache am Pool

Der Film ist eine Biografie und hat durchaus seine Berechtigung – schließlich ist es immer mal wieder ganz schön, in die Villen auf den Hamptons eingeladen zu werden und diesen verschwenderischen Luxus zu sehen und sich dabei zu überlegen: Wie weit würde ich gehen? Aber am Ende ist es dann eben doch nur ein Geld-Porno mit der immer gleichen Moral, ordentlich gewürzt mit nackten Frauen, Orgienvögeleien und derber Sprache, die in so hübschem Kontrast stehen zum 2.000-Dollar-Anzug.

In „Wolf of Wall Street“ wiederholt Martin Scorsese (Hugo Cabret – 2011; Shutter Island – 2010; „Shine a Light“ – 2008; Departed – Unter Feinden – 2006; „Aviator“ – 2004; Gangs of New York – 2002; Bringing Out the Dead - Nächte der Erinnerung – 1999; Casino – 1995; „Zeit der Unschuld“ – 1993; Kap der Angst – 1991; GoodFellas - Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; „Die letzte Versuchung Christi“ – 1988; Die Farbe des Geldes – 1986; „New York, New York“ – 1977; „Taxi Driver“ – 1976) die Struktur seines anderen Drei-Stunden-Films Casino (1995) – die Hauptperson erzählt uns aus dem Off ihr Leben und beschreibt die unglaublichsten Exzesse, die alle Beteiligten in den Untergang reißen. Damit spart man sich den komplizierten Aufbau eines Dramas und kann statt dessen in Bildern und Szenen schwelgen. Bei Casino waren das frische Ideen, neue Geschichten – die Entwicklung Las Vegas‘ noch ein lohnendes Erzähl-Feld.

In Schönheit gelangweilt

In „Wolf …“ sehe ich alte Ideen und alte Bilder, die mich bei der fünften Orgie im Großraumbüro vermuten lassen, Martin Scorsese habe sein eigenes Testosteron nicht unter Kontrolle. Und wenn er auf dem Regiestuhl sitzt, zeigen die Mädchen halt bereitwillig alles und guckt die sonst so pingelige US-Zensurbehörde der MPAA nicht so genau hin. Der Film hat große Momente – „Verkauf‘ mir diesen Stift“ ist so einer, der a., deutlich macht, dass Aktienverkauf für diese Wölfe nichts anderes ist, als Schreibwaren zu verkaufen, nur teurer und b. eine Brücke zum Schlussbild baut, das die persönliche Hölle des gefallenen Masters of the Universe zeigt: im Verkaufstraining mit Dummies. Oder der Aufstieg aus der kleinen New-Jersey-Klitsche zurück an die Wall Street in nur wenigen Bildschnitten – großes Kino, einfach, schnell, klar. Aber es gibt daneben Szenen, die ich zu oft gesehen habe. Der Streit Jordans mit Naomi (Margot Robbie aus Alles eine Frage der Zeit – 2013) um die Kinder ist ein einziges Schubladen-Stereotyp – abgeschrieben aus vielen Filmen, in denen sich zu Geld gekommene Kleingeister um ihre Kinder streiten („Du nimmst mir nicht meine Kinder weg!“). Das ist TV-Niveau mit teureren Schauspielern. Da wird eine behauptete Liebe beendet, von der über die ganze Zeit nicht klar ist, ob da wirklich Liebe im Spiel war. Jordan stellt uns zu Beginn seine Frau in teuren Dessous lasziv und stumm auf dem Bett räkelnd vor und brunftet, sie sei das Model aus der Sowieso-Werbung. Und sie … steht offenbar auf reiche Männer. Eine oberflächlich erzählte Beziehung, ganz anders, als ihr großer Zwilling aus Casino, wo Robert De Niro und Sharon Stone eine Amour Fou aufführen, die auch im Kinosaal weh tut.

Schöne Szene, in der Jordan zwei FBI-Beamte auf seiner Yacht empfängt und sie versucht, mit juristisch nicht verwendbare Formulierungen zu bestechen. Aber mir ist auch die ganze Zeit klar, wie die Szene ausgeht. Diese andauernde Geld-Protz-Villa-Yacht-Titten-Sprüche-Orgie ist ganz witzig, wirkt aber, wie von allen schon mal beschrieben, nur eben noch nicht von Martin Scorsese – Ergebnis: in Schönheit gelangweilt. Die wirklich guten Momente hat der Drei-Stunden-Film vor und nach der Orgie, wenn Scorsese von den Normalsterblichen berichtet in ihren billigen 80er-Jahre-Klamotten mit billigen Hänschen-klein-große-Welt-Träumen in klebrigen 80er-Jahre-Kneipen.

Schludriges Handwerk

Martin Scorsese sagt also nichts Neues, prangt nichts an, verurteilt nichts, und schludert im Handwerk. Der Bildschnitt ist unsauber – nicht der Rhythmus, der ist okay, Thelma Schoonmaker, Scorseses langgediente Cutterin, versteht schließlich ihr Handwerk; nein, Anschlussfehler sind das lästige Problem. Sowas kann passieren: Man dreht eine Szene fünf Mal aus fünf Perspektiven und da kann der Schauspieler schon mal mit seinen Bewegungen durcheinander kommen und dann passt der Anschluss nicht ganz. Selten fällt das bei einem AAA-Klasse-Regisseur so auf, wie hier. Da unterhalten sich zwei, die einzige Bewegung im Bild ist die Bewegung einer Hand in Richtung Wange – automatisch schaut das Zuschauer-Auge zu dieser Bewegung, Schnitt, die Hand ist wieder unten. Jordan Belfort hält eine seine Motivationsreden und reißt die Arme hoch, Schnitt, er reißt nochmal die Arme hoch. Der Bildschnitt in einer Bewegung ist beliebt, weil die Bewegung den Schnitt unsichtbar macht; stimmt der Anschluss nicht, wird der Schnitt (und der Fehler) brutal sichtbar. Das passiert in diesem Film dauernd.

Leonardo DiCaprio (Der große Gatsby – 2013; Django Unchained – 2012; J. Edgar – 2011; Inception – 2010; Shutter Island – 2010; „Zeiten des Aufruhrs“ – 2008; „Der Mann, der niemals lebte“ – 2008; „Blood Diamond“ – 2006; „Departed – Unter Feinden“ – 2006; „Aviator“), der für eine der fünf Oscar-Nominierungen für diesen Film steht, ist großartig. Er hat alle Gesichter drauf vom arroganten Erfolgsschnösel im Polo mit Ray Ban über den glasigen Drogenwahnsinn bis zur Leichenbitterszene. Große Leistung. Aber der Rest sind Obsessionen eines handwerklich begabten alten Mannes. 

Wertung: 4 von 7 €uro