Kinoplakat: The Walk
Eine Liebeserklärung an die Twin Towers
eine Feier der Anarchie über die Ordnung
Titel The Walk
(The Walk)
Drehbuch Robert Zemeckis + Christopher Browne
nach dem Roman von Philippe Petit
Regie Robert Zemeckis, USA, Kanada 2015
Darsteller Joseph Gordon-Levitt, Ben Kingsley, Charlotte Le Bon, Clément Sibony, James Badge Dale, César Domboy, Ben Schwartz, Benedict Samuel, Steve Valentine, Guillaume Baillargeon, Émilie Leclerc, Mark Trafford, Inka Malovic, Lucas Ramacière, Martin Lefebvre, Philippe Bertrand, Laurence Deschênes, Patricia Tulasne, Jean-Robert Bourdage, Sylvie Lemay, Sasha Dominique, Soleyman Pierini, Jade Kindar-Martin u.a.
Genre Drama, Biografie
Filmlänge 123 Minuten
Deutschlandstart
22. Oktober 2015
Website thewalkmovie.tumblr.com
Inhalt

Nach sechsjähriger Planung und Vorbereitung steht der 25-jährige Hochseilartist Philippe Petit im Sommer 1975 kurz vor der Erfüllung seines größten Projektes: Dem Lauf auf einem Drahtseil gespannt zwischen den Türmen des World Trade Centers.

Aber bereits bei seiner Ankunft in New York scheint sich sein Plan in Rauch aufzulösen, als die Behörden die Aktion verbieten. Doch gemeinsam mit seinen Freunden und seinem Mentor Papa Rudy setzt er alles daran das Unmögliche möglich zu machen und bringt den Atem der Welt für einen Moment zum Stocken …

Was zu sagen wäre

Warum so ein Film? Warum diese Geschichte als Spielfilm, die 2008 als Dokumentation Man on Wire erst beeindruckend dicht alles erzählt hat, was es zu diesem Husarenstück zu sagen gibt?

Robert Zemeckis (Flight– 2012; „Die Legende von Beowulf“ – 2007; Cast Away – Verschollen – 2000; Schatten der Wahrheit – 2000; Contact – 1997; Forrest Gump – 1994; „Der Tod steht ihr gut“ – 1992; Falsches Spiel mit Roger Rabbit – 1988; Zurück in die Zukunft – 1985; Auf der Jagd nach dem grünen Diamanten – 1984) fehlte offenbar die künstlerische, die visuell frei interpretierbare Version dieses großen Abenteuers. Sein Film feiert die Freiheit des Individuums über die Ordnung. Als Petit zum dritten Mal auf den Draht zurückkehrt, dröhnt über ihm ein Polizeihubschrauber, der ihm zu verstehen gibt: „Verlassen Sie sofort den Draht, andernfalls …“. Tja, was? Draht zerschneiden, Mann abstürzen lassen? Zemeckis feiert diese Situation der fehlenden Möglichkeiten und vollendet auf zauberhafte Weise, was eigentlich unmöglich scheint.

„The Walk“ ist ein Fantasyfilm, ein Märchen, das eine wahre Geschichte erzählt, die so abgedreht ist, dass wir uns ihr noch heute besser über die Fantasy-Lösung nähern. Über eine Stunde lang zaubert Zemeckis mit seinen Computerprogrammen eine Märchenwelt mit bunten Flics in schwarz-weißer Umgebung, mit irren Kamerabewegungen vor digital nachgebauter Kulisse; nichts an den Bildern ist wirklich echt, aber das meiste ist faszinierend im Moment.

Teaserplakat: The Walk

Zemeckis, bekannt und berüchtigt dafür, auf die einfache Erzählweise zu verzichten und lieber was Neues auszuprobieren, dreht etwa drei Viertel seines Films in der Green Box. Manchmal stört das den Ablauf, weil die Bilder, die er erzeugt so schön sind, dass wir im Kinosaal uns reflexhaft gegen deren Perfektion wehren. Aber dann sind sei eben auch wieder breathteaking 3D. Anders gesagt: Seine visuellen Overwhelmer gehen mir als bewusstem Beobachter schnell auf den Sack. Die Bilder auf der großen Leinwand sind aber eben doch sehr sehr beeindruckend – Zemeckis ist halt auch nicht irgendein lonesome Poser. Wenn er etwas macht, dann denkt er sich was dabei und dieses Wissen sollte man bei diesem Film griffbereit immer auf dem Schoß liegen haben.

Zemeckis tritt eindeutig nicht an, um klassisches Kinodrama zu erzählen. Der Filmregisseur Zemeckis probiert schon lange neue Wege aus und weil er da manchmal keine Story zu hat, wirken Produktionen wie „Der Polarexpress“ oder „Die Legende von Beowulf“ eben, lange, bevor sie eine eigene dramaturgische Sprache entwickeln können, … künstlich.

Kurz: Wir müssen manche abstruse Wendung in Zemeckis‘ jüngeren Produktionen einfach glauben. Sonst funktioniert der Film halt nicht. Aber da wiederum macht es Zemeckis uns einfach: Sein Film ist bestes Vaudeville-Theater – er präsentiert Menschen in primärfarbigen, bunten Kostümen, die die Twin Towers verbinden.

Zemeckis‘ Film ist ein unmöglicher Film, seine Dramaturgie ist ein Witz. Seine 3D-Bilder aber sind der Hammer und spätestens, als in der letzten Einstellung die Twin Towers in purem Gold erstrahlen, wird deutlich: Dieser Film ist eine Liebeserklärung, eine tiefe Verbeugung vor den Twin Towers.

Ohne Nine/Eleven, diese kühne These darf ich formulieren, wäre dieser Film nie gedreht worden. Und Robert Zemeckis holt aus dieser (zynisch anmutenden) Chance alles heraus, was drin steckt.

Es ist kein großer Film. „The Walk“ ist aber ein optisch sehr interessantes Projekt, das den libertären Geist feiert. 

Wertung: 5 von 8 €uro