Kinoplakat: The Place Beyond the Pines
Die Sünden der Väter … Ein
schöner, komplexer Film
Titel The Place Beyond the Pines
(The Place Beyond the Pines)
Drehbuch Derek Cianfrance + Ben Coccio + Darius Marder
Regie Derek Cianfrance, USA 2012
Darsteller

Ryan Gosling, Eva Mendes, Bradley Cooper, Rose Byrne, Mahershala Ali, Craig Van Hook, Olga Merediz, Anthony Pizza, John Facci, Ben Mendelsohn, Cynthia Pelletier-Sullivan, Mackenzie Trainor, Nicole Califano, Shannon Plumb, Tracey Agustin u.a

Genre Drama
Filmlänge 140 Minuten
Deutschlandstart
13. Juni 2013
Website PlaceBeyondThePines.com
Inhalt

Normalerweise lebt Luke Clanton von seinen Motorradstunts auf dem Jahrmarkt und hält eher Abstand von zwischenmenschlichen Beziehungen. Eines Tages trifft er einen alten One-Night-Stand, Romina, wieder und erkennt, dass sie, ohne es ihm zu sagen, seinen Sohn zur Welt gebracht hat.

Luke will für ihn sorgen. Weil er aber nichts kann, außer Motorrad fahren, will er Geld illegal besorgen. Gemeinsam mit dem Mechaniker Robin beschließt er, Banken auszurauben, um Romina das Geld zu geben. Das geht nicht lange gut. Luke gerät in die Schusslinie des ehrgeizigen Polizisten Avery Cross, der nach diesem Einsatz in der kleinen Stadt als Held gefeiert wird und der jetzt, getrieben durch seinen Vater, einen Richter im Ruhestand, ganz schnell Karriere machen will …

Was zu sagen wäre
Kinoplakat (US): The Place beyond thePines

Die Schönheit dieses Films offenbart sich nicht in den ersten Minuten – sie offenbart sich während der Show! Die dauert 140 Minuten und sie braucht jede Minute davon – wie soll man eine Geschichte kürzer erzählen, die sechs Menschenleben, zwei Generationen und diverse Lebensentwürfe enthält. „Die Sünden der Väter sind die Schulden der Söhne“, heißt es. Hier ist der Film zum Spruch: die episch angelegte Geschichte zweier Familien, die durch einen Schuss auf immer verbunden sind.

Bemerkenswerte Bilder in einem wunderbar erzählten Drama

In diese Geschichte steigt Derek Cianfrance mit einer langen Plansequenz ein: Ohne Schnitt verfolgt die Kamera einen Mann, der sich seine Arbeitsklamotten überstreift, seinen Wohnanhänger verlässt und zur Arbet geht – er ist Stuntfahrer auf dem Jahrmarkt, eine bunte Welt, die er gar nicht wahrnimmt. Das Leben findet neben ihm, nicht mit ihm statt. Dann steigt er auf sein Motorrad, wir sehen zum ersten Mal sein Gesicht und die Geschichte beginnt (und es gibt den ersten Bildschnitt). Derek Cianfrance nennt diese Geschichte nicht „Der Bulle und der Biker“ und er nennt sie auch nicht zufällig „The Place beyond the Pines“. Cianfrance erzählt eine Geschichte von hinter den sieben Bergen und macht dabei deutlich: Es braucht kein Manhattan, es braucht keine Mafia, es braucht keinen L.A.-Chichi … es braucht bloß Menschen – irgendwo „jenseits der Kiefern“. Jederzeit kann überall ein Drama seinen Lauf nehmen. Es beginnt mit einem Mann auf einem Motorrad in einem Käfig, in dem er nur sehr enge Bahnen fahren kann (eine wunderbare Metapher auch auf die engen Grenzen, die das Leben diesem Mann setzt) und endet mit dessen Sohn auf einem Motorrad, der im Sonnenuntergang in die weite Welt entflieht.

Bemerkenswerte, schöne, überraschende Bilder wie die oben beschriebene Eingangssequenz hat der Film viele: schöne Kleinstadt-im-Wald-Totalen, ruhige Portraits von Ryan Goslings Dackelblick, Tilt Shift-Einstellungen oder nur schön fotografierte, an Edward Hopper erinnernde Einstellungen, wie die mit Ryan Gosling auf dem Bike an der Kreuzung vor einer Bankfiliale, die auch eines der Plakatmotive ziert. Kino kann so schön sein.

Der Film spielt mit unseren Erwartungen

Cianfrance spielt mit unseren Erwartungen und nimmt eine gewisse kenne-ich-schon-Unruhe im Kinosessel in Kauf – wer sagt, dass Kunst gemütlich sein soll? Aus dem kleinen Vater-Sohn-Drama aus der Unterschicht wird plötzlich ein Cop-Drama mit der korrupten Note wird ein Aufsteigerfilm wird ein Drama um zwei Außenseiter, die sich an der Schule übers Kiffen anfreunden wird das Epos über zwei Generationen. Und ich sitze im Kinosessel, anfangs noch interessiert, weil ich halt Ryan Gosling gut finde (The Ides of March – 2011; Crazy. Stupid. Love. – 2011; Drive – 2011) und Eva Mendes jedesmal dafür bewundere, was diese in den Medien nur als Glamour-Girl inszenierte Frau für unterschiedliche Rollen drauf hat („Holy Motors“ – 2012; Fast & Furious Five – 2011; „Die etwas anderen Cops“ – 2010; „Bad Lieutenant – Cop ohne Gewissen – 2009; „The Spirit“ – 2008; Ghost Rider – 2007; Hitch – Der Date Doktor – 2005; Irgendwann in Mexico – 2003; 2 Fast 2 Furious – 2003) und dann zunehmend eingesogen in diese Welt hinter den Kiefern. Da ist keine Minute überflüssig – nicht jede Minute dieses Films ist notwendig, aber es stört kein einziges Bild.

Auch bei der Besetzung spielt Cianfrance mit unseren Erwartungen. Er verkauft uns einen Film mit den Top-Stars Ryan Gosling! Eva Mendes! Bradley Cooper! Und die drei mögen auch als Kassenmagnet funktionieren; das nehmen Studio und Regisseur sicher gerne in Kauf. Cianfrance hat die drei aber engagiert, weil sie die Story tragen und dabei zeigen können, dass sie gute Schauspieler sind. Und schon hat er wieder mit unseren Erwartungen gespielt. Oder hat er sie einfach ignoriert; weil es ihm um seinen Film geht, nicht um unsere Erwartungen? 15 Millionen Dollar konnte Cianfrance für seinen Film ausgeben, eingespielt hat er 35,4 Millionen US-Dollar. Das ist ein schöner Erfolg.

Kinoplakat: The Place beyond the Pines

Drei Schauspieler zeigen, warum sie Kassenmagneten sind

Gosling, Mendes und Cooper bezeugen ihre schauspielerische Klasse, indem sie die Herausforderung angenommen haben, diesen komplexen Generationenstoff zu verkörpern. Natürlich hat so ein Film Schwächen: Bradley Cooper („Hit and Run“ – 2012; Ohne Limit – 2011; Das A-Team – Der Film – 2010; Valentinstag – 2010; „Hangover“ – 2009) hat die undankbarste Rolle, macht das Beste draus und kann aber doch keine … Nummer abziehen. Ryan Gosling andererseits … die ersten 45 Minuten des Films sind die schwersten, lassen ein Movie aufleuchten, in dem Gosling den Underdog gibt, der sich irgendwie durchbeißen muss, nur das Beste will, aber eben das Schlimmste verursacht – das haben Derek Cianfrance und Gosling in Blue Valentine (2010) schon erfolgreich durchgezogen, warum nicht nochmal?

Und an diesem Punkt beginnt eine ganz andere Geschichte, mit der die Unruhe und die Neugier im Kinosessel exponentiell wächst, weil klar ist, dass meine Erwartungen hier nicht befriedigt, sondern ich überrascht werden soll und dann steht schließlich dieses Panorama eines american way of modern life vor Dir und Du wunderst Dich, dass doch nur 140 Minuten vergangen sind.

Wertung: 8 von 8 €uro