Kinoplakat: The Counselor
Schöne Sätze, schöne
Bilder und kein Film
Titel The Counselor
(The Counselor)
Drehbuch Cormac McCarthy
Regie Ridley Scott, USA, UK 2013
Darsteller

Michael Fassbender, Penélope Cruz, Cameron Diaz, Javier Bardem, Cesar Aguirre, Daniel Holguín, Christopher Obi, Bruno Ganz, Brad Pitt, Paris Jefferson, Dar Dash, Richard Cabral, Rosie Perez, Alex Hafner, Andrea Deck, Sam Spruell, Toby Kebbell, Emma Rigby, Édgar Ramírez, Eben Young, Richard Brake u.a.

Genre Drama, Crime
Filmlänge 117 Minuten
Deutschlandstart
28. November 2013
Inhalt

Er sieht gut aus. Er hat Geld. Er hat eine schöne Freundin. Er ist Anwalt der Reichen und Kriminellen und er will bald heiraten. Er ist in dieser Gegend an der mexikanischen Grenze nur Der Counselor. Gerade hat er in Amsterdam eine sündteuren Diamantring für die Verlobung gekauft.

Er könnte sein Leben also genießen. Aber er hat zu viel noch viel Reichere um sich herum und so lässt er sich zu einem Drogendeal hinreißen – Wert 20 Millionen Dollar. Drogenkönif Reiner hat ihm den vermittelt, aber gleichzeitig gewarnt, dass Geschäfte mit der mexikanischen Drogenmafia ein Leben für immer verändern könnten. Dasselbe sagt ihm Mittelsmann Westray. Aber der Counselor ist sicher, alles im Griff zu haben.

Der Drogendeal geht schief, die Drogen werden geklaut und plötzlich fällt die Welt des Counselor auseinander. eben noch hat Laura seinen Heiratsantrag in einem romantischen restaurant angenommen, jetzt muss er sie hektisch verstecken. hinter jeder Ecke drohen Killer. All die freundlichen Drogenhändler, mit denen der Counselor täglich beim Martini lächelt, erklären ihm lächelnd, die mexikanische Mafia verstehe keinen Spaß, wenn 20 Millionen Dollar verschwänden, jemand müsse den Kopf dafür hinhalten und dieser Jemand sei nun mal er. so eben sei das Leben …

Was zu sagen wäre

„Die Wahrheit hat keine Temperatur“ sagt gleich zu Anfang die maliziöse Malkina zu ihrem Lover, dem Drogenbaron Reiner, während beide ihren Geparden beim Hasenjagen im Sonnenuntergang zuschauen und frisch gemixte Martinis schlürfen. Und im Kinosessel denke ich „Wow. Was ein Satz!“ Passt so gar nicht zum zu erwartenden Liebesgesäusel im Sonnenuntergang.

Cameron Diaz als Karikatur und Putzerfisch

Malkina, mit Kajal-schwarz umrandeten Augen und einem Geparden-Muster auf den Rücken tätowiert, wird gespielt von Cameron Diaz (Bad Teacher – 2011; Knight and Day – 2010; „Liebe braucht keine Ferien“ – 2006; Gangs of New York – 2002; Vanilla Sky – 2001; 3 Engel für Charlie – 2000), die wieder versucht, gegen ihr Image des süßlichen Schussels anzuspielen und dabei aus ihrer harten Drogengeschäftsfrau Malkina die Karikatur einer eiskalten Schlampe macht, der von Autor Cormac McCarthy philosophische Sentenzen über das Wesen von Jägern und Gejagten in den schnutigen Mund gelegt werden. Und Ridley Scott inszeniert ihr einen Eiskalt-Auftritt nach dem anderen – unter anderem auf der Windschutzscheibe eines Ferraris, auf dem sie – ohne Höschen – ihrem Reiner, der im Auto sitzt, mal zeigt, was Frauen und Putzerfische gemein haben. Die Frau ist vom ersten bis zum (vor)letzten Bild lieblos und kalt. Schwer zu glauben, dass jemand diese zu stark geschminkte, gefühlskalte Frau länger als zwei Nächte um sich haben will. „Liebe“? Muss wohl.

Javier Bardem (James Bond – Skyfall – 2012; Vicky Cristina Barcelona – 2008; „No Country for Old Men“ – 2007) spielt diesen Reiner mit Urban-Priol-Gedächtnis-Frisur in schreiend bunten Hemden. Das wirkt zumindest verrückt genug, sich in eine … ein Ding wie Malkina zu verlieben. Auch er sagt den ganzen Film über viele kluge Sätze und philosophiert über Moral und die Wechselfälle des Lebens. Es bleibt unklar, warum er dem Counselor eben noch den Drogendeal empfiehlt und dann wieder und wieder davor warnt, einzusteigen. Unklar bleibt auch, warum der schnittige Counselor, der augenscheinlich alles hat, in seinen schnittigen Anzügen und dem schicken Wagen auf diesen Deal eingeht. Ist es Gier, die ihn treibt? Die Gier, über die Westray, der Cowboy und Mittelsmann referiert, über die Gordon Gekko in „Wall Street” einst sagte, sie sei „gut“, well sie den Menschen antreibe? Heute ist Gier nicht mehr gut, heute tötet sie. Sagt Westray, findet dafür aber elegantere Worte als ich.

Handlungen ohne Sinn

Oder ist es der Diamantring? Den der Counselor seiner Geliebten Laura an den Finger steckt? War der zu teuer? Immerhin hatte der Diamantenhändler in Amsterdam ausführlich über Diamanten, die Fehler in ihnen, das Judentum, historische Helden und die Moral in all dem philosophiert – aber kein Wort über den konkreten Preis des Steins verloren. Ist es also der mutmaßlich für den Counselor zu teure  Diamantring, der ihn in den 20-Millionen-Deal treibt? Man weiß es nicht, die Frage bleibt offen. Aber das immerhin wäre verständlich.

Ridley Scott steigt in sein Drogrendrama unter der Bettdecke ein. Wir sehen den Counselor und Laura beim Liebesspiel. Er ist stolz, sie mädchenhaft schüchtern. Sie sind ganz bei sich, das weiße Laken schützt sie vor den Blicken der Welt da draußen, sie flüstern sich kleine Schweinereien zu und probieren sich. Anders als in der Szene danach mit Malkina und Reiner ist bei dieser Szene unter der Decke klar: Die beiden lieben sich wirklich. Dass er nicht von ihr lassen kann, liegt nicht nur daran, dass sie Penélope Cruz ist. Laura ist die reine, weiße Unschuld. Sie weckt Begierde mit einem Lächeln. Für sie könnte man(n) sich schon mal mit einem Diamantring verschulden; aber ob das so ist, bleibt – wie gesagt – unklar.

Eine Verfilmung vieler Buchstaben, denen der Zusammenhang fehlt

Mit jeder Minute, die der Film länger dauert, wird die Frage lauter, ob hier im buchstäblichen Sinn ein Buch verfilmt wurde, also viel Dialog in schön komponierte Bilder gesetzt wurde. Das, was dann im Buch zwischen den Dialogen passiert, fällt hier nahezu weg, wurde wohl vergessen, besoffen vor der Schönheit des Dialogs. Der Film basiert auf einem Original-Drehbuch, nicht auf einer Romanvorlage. Cormac McCarthy, der schon mehrere gefeierte Romane über virile Männer und schöne Frauen in der Glut des Westens geschrieben hat (von ihm stammen die Vorlage zu „No Country for Old Men“ – 2007 und All die schönen Pferde – 2000), hat zum ersten Mal ein Drehbuch geschrieben und sagt ganz offen, das sei ja toll gewesen. An Romanen sitze er immer Jahre und dieses Drehbuch habe er in ein paar Wochen, „zwei Stunden jeden Tag“ fertig geschrieben.

McCarthy hat den Unterschied zu einem Roman offenbar nicht verstanden. Oder er hat darauf vertraut, dass für alles andere, zum Beispiel für die Sachen zwischen den Dialogen, schon der Regisseur sorgen werde. Der heißt immerhin Ridley Scott (Gladiator – 2000; Thelma & Louise – 1991; Der Blade Runner – 1982; Alien – 1979). Scott hat in den PR-Interviews vor Filmstart brav erklärt, er habe dieses Buch unbedingt haben wollen. Warum er das wollte, hat er nicht gesagt, aber ich würde ihm auf jeden Fall zutrauen, auch aus einer Sammlung tiefgründiger Dialoge einen großen Film zu machen. Aber dieser handlungsfreien Textwüste ist dann auch Scott nicht Herr geworden (ähnlich war er schon mit Prometheus 2012 gescheitert). Da reden mexikanische Drogenbarone, mörderische Weiber und der Wirt in einer Absteige dauernd Sachen in einer Sprache, die nicht die ihre ist, niemand fällt dem anderen ins Wort, dabei möchte man dem Kaschemmenwirt spätestens nach zwei Sätzen – „Whoau, wo hast Du denn den Satz her?“ – über den Mund fahren.

Schöne Bilder, böse Mordinstrumente, elegante Dialoge und markante Schauspieler. Aber alles spielt nebeneinander. Nicht miteinander. Der Film fällt in Eleganz auseinander.

Wertung: 3 von 7 €uro