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Kinoplakat: The Congress

Ein schwieriges Unterfangen, ein
kluger Essay, smart und zynisch

Titel The Congress
(The Congress)
Drehbuch Ari Folman
frei nach dem Roman „Der futurologische Kongress“ von Stanislaw Lem
Regie Ari Folman, Israel, Deutschland, Polen, Luxemburg, Belgien, Frankreich 2013
Darsteller Robin Wright, Harvey Keitel, Kodi Smit-McPhee, Danny Huston, Sami Gayle, Michael Stahl-David, Paul Giamatti, Jon Hamm (nur Stimme) u.a.
Genre Drama, Trickfilm
Filmlänge 122 Minuten
Deutschlandstart
12. September 2013
Inhalt

Für Robin Wright ist ihre große Zeit als Schauspielerin in Hollywood vorbei. Sie ist über 40, da bekommt Frau in Hollywood keine Rollen mehr – jedenfalls nicht, bis sie Anfang 60 ist und Großmütter spielen kann. Und seit sie ihre zwei Kinder bekommen hat, gilt sie im Business zudem als „schwierig“, als unzuverlässig. Jetzt steht sie vor dem Ruin.

Da machen ihr die Miramount-Filmstudios ein befremdliches Angebot: Sie wollen die Figur, viel mehr noch das Filmstar-Image von Robin Wright, kaufen und einscannen, um einen digitalen Star zu erschaffen. 20 Jahre lang, so lange gilt der Vertrag, gehört die Figur „Robin Wright“ dann den Miramount-Studios, die sie unbegrenzt für Filme einsetzen dürfen. Robin wird in all diesen Filmen immer jung bleiben – „Das Publikum will dich als Princess Bride!“, sagt der Miramount-Boss. „Ich mach dich wieder jung, jung, jung.“

Der Preis: Sie hat finanziell ausgesorgt. Und sie darf nie wieder eine Bühne oder ein Film-Set betreten, solange der Vertrag gültig ist. In Ermangelung anderer Möglichkeiten willigt sie ein, um mit dem Geld ihrem kranken Sohn helfen zu können.

20 Jahre später ist die reale Robin Wright vollkommen unbekannt, doch ihr eingescanntes Abbild ist eine der weltweit berühmtesten Kinohelden. Aber nun ist der Vertrag ausgelaufen und Robin wird zu einem Miramount-Kongress eingeladen, auf dem sie die Unterhaltungsindustrie der Zukunft kennenlernen soll. Für diese Unterhaltung braucht es kein Kino mehr, keine Leinwand, keinen Bildschirm; es braucht nur eine kleine Phiole mit einer Chemikalie

Was zu sagen wäre

Als Film ist „The Congress“ gescheitert, als Essay, als Augenöffner aber sehr gelungen. Als Film gescheitert, weil das Script ziellos durch schöne Dialoge mäandert, von Szene zu Szene wandert, ohne eine Dramaturgie zu finden; jeder Dialog dient Autor und Regisseur Ari Folman dazu, seinen Standpunkt zu erläutern. Er bedient sich dabei vage der literarischen Vorlage „Der fururologische Kongress“ von Stanislaw Lem. Lems halluzinogene Drogen ersetzt er mit der Volksdroge Entertainment, mit dem modernen Personenkult, der sich an einem öffentlichen Menschen festmacht und dann alles von ihm verlangt – nur nicht sein wahres Gesicht.

Eine Geschichte hat der Film eher nebenbei

Die Geschichte läuft nebenbei. Folman braucht irre viele Worte, um das Problem künstlich reproduzierbarer Filmstars zu erklären und das Für und Wider einer Welt zu diskutieren, in der echte Familie mit pupsenden Vätern und behinderten Kindern als den Unterhaltungsbetriebsablauf störende Nebenbeis abgetan werden. Mit wem aber und um was der Zuschauer eigentlich fiebern soll da unten im Kinosessel, das bleibt unklar. Dass Robin Wright finanzielle Not litte („Tage am Strand“ – 2013; Verblendung – 2011; Die Kunst zu gewinnen – Moneyball – 2011; Die Lincoln Verschwörung – 2010; State of Play – Stand der Dinge – 2009; Pippa Lee – 2009; „Inside Hollywood“ – 2008; „Die Legende von Beowulf“ – 2007; Das Versprechen – 2001; Unbreakable – 2000; Message in a Bottle – 1999; „Crossing Guard“ – 1995; Forrest Gump – 1994; „Toys“ – 1992; Die Braut des Prinzen – 1987), die sie in einen Vertrag zwingen könnte, der der Augfgabe ihres Selbst gleich käme, wird mehr behauptet als erzählt. Sie und ihre beiden halbwüchsigen Kinder leben in einem umgebauten Flugzeughangar. Das ist direkt am Flughafen und wirkt daher nicht First Class, andererseits ist der Ex-Hangar so stylish eingerichtet, dass das Interieur auch als hippe Location einer arrivierten Künstlerin durchgeht. Also: Um was sollen wir fiebern? Solche Fragen spielen für Ari Folman keine Rolle.

Kinoplakat (US): The CongressDenn als wir uns das zu fragen beginnen (nachdem die phantastischen Dialoge, die klugen Erörterungen sich lediglich einer auf die andere häufen, ohne in eine Richtung zu weisen), springt der Film 20 Jahre in die Zukunft, in den Kongress, in eine Zeichentrickwelt, die grafisch an den Beatles-Film „Yellow Submarine“ erinnert. Diese Welt ist irgendwie, wie sich nun langsam herausstellt, der neueste Kick der Unterhaltungsindustrie: Warum noch teure Vertriebswege, Künstler, Techniker? Wenn der Kunde sich mit einer kleinen Droge seinen eigenen Film machen kann, direkt im Hirn, nur für ihn sichtbar, individuell auf ihn und seine Bedürfnisse zugeschnitten? 20 Jahre zuvor, in der ersten Häfte des Films, diskutierten Studio und Schauspieler, wozu man Letztere noch braucht, wenn man sie doch, digitalisiert, immer verfügbar hätte – immer pünktlich, nie krank, nie zickig, ohne Gagenterror.

Der Traum vom immer verfügbaren Star

In diesem ersten Teil des Films gelingen Folman böse Metaphern auf die Verlogenheit der Industrie, über die Oberflächlichkeit der Unterhaltung. Was denn der Unterschied sei, fragt ihr Agent die Schauspielerin: Ob ein Regisseur ihr sage, wie sie gehen, was sie sagen, wohin sie gucken solle, oder ob ein Programmierer Robins gescanntes Ich enstprechend steuern würde; in beiden Fällen hätte die Schauspielerin keinen Einfluss auf das, was mit ihrer Arbeit im Anschluss geschehe – im Scan-Fall wären nur alle Beteiligten weniger genervt. Mit jeder Szene wird uns Zuschauern deutlicher, wie wenig Echtes eigentlich noch ist in der Film- und Unterhaltungsindustrie – dass am wenigsten echt schon heute die Schauspieler sind, die sich so lange jung glätten, bis sie nicht einmal mehr lächeln können. Stars, auf deren Verfügbarkeit, auf deren Leben, auf deren Öffentlichkeit wir Anspruch erheben, Hauptsache, Robin Wright bleibt auf ewig so schön, wie in Rob Reiners Princess Bride (1987) oder so begehrenswert wie als Jenny in Forrest Gump (1994).

Mittendrin dann eine der schönsten Schauspielerszenen seit langem: Hilflos steht Robin in der gigantischen Scan-Aparatur, unfähig, auch nur ein Gefühl zu reproduzieren. Da erzählt ihr Harvey Keitel, der ihren Agenten Al spielt, ein paar Anekdoten aus seinem Leben und über seine heimliche Liebe zu Robin. Keitel erzählt so intensiv, dass Robin nacheinander durch alle Gefühlswallungen geht, die der Scanner benötigt. Dieses großartige Szene müssen sie bei den Oscars irgendwie übersehen haben – Harvey Keitel (Moonrise Kingdom – 2012; Roter Drache – 2002; Little Nicky – 2000; Lulu on the Bridge – 1998; Cop Land – 1997; From Dusk Till Dawn – 1996) hätte mindestens nominiert werden müssen.

Regenbogenbunte Wimmelbilder im Drogenrausch

Im zweiten Teil, dem Zeichentrickteil, verliert sich Folman dann im Drogenrausch seiner regenbogenbunten Wimmelbilder. Es gibt ein letztes Aufbäumen der gescannten Künstler gegen ihre Scans – unter ihnen John Wayne und Michael Jackson – allerdings bleibt unklar, was wir da nun sehen: Sehen wir Robin Wrights individuellen „Kino“-Rausch (der also nur in ihrem Kopf existiert)? Aber wie funktioniert dann ein Kongress, auf dem Hunderte dieser Drogenzombis in ihrem jeweils eigenen Film rumlaufen? Wie interagieren die? Oder ist es einfach ein bunter Farbenrausch, der dem Zuschauer die grenzenlose Manipulierbarkeit der Bilder vor Augen führen soll? In diesem Falle wiederum bleibt die Funktionalität der neuen Unterhaltungsindustrie-Technik, der Chemikalie im Nebel. Der Wechsel von realer in imaginierte Welt haben die Matrix-Filme klarer erzählt.

Und an diesem Punkt bin ich dann wieder beim aktuellen Kino und seinen Geschichten, in dem „The Congress“ nicht funktioniert. Die Verlängerung des Studio-Vertrages mit Robin, der uns eine Stunde lang als zentrales Element der Story präsentiert wurde, dessen Für und Wider analysiert worden ist, der offenbar für das Miramout-Studio sehr lukrativ war, diese Verlängerung diffundiert ins Nichts der knallbunten Bilder, durch die die gezeichnete Robin ebenso ziellos wandert, wie der Film durch seine Struktur. Am Ende bleibt er Essay auf Cinemascope.

Sicher kein Film für einen bunten Abend, aber ein bunter Film für einen Abend mit angeregten Diskussionen.

Wertung: 6 von 8 €uro
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