Plakatmotiv: Dirty Harry II – Calahan (1971)
Callahan geht gegen den Vorwurf vor
Dirty Harry verherrliche Lynchjustiz
Titel Dirty Harry II – Calahan
(Magnum Force)
Drehbuch John Milius + Michael Cimino
mit Charakteren und Material von Harry Julian Fink + Rita M. Fink
Regie Ted Post, USA 1973
Darsteller Clint Eastwood, Hal Holbrook, Mitchell Ryan, David Soul, Tim Matheson, Kip Niven, Robert Urich, Felton Perry, Maurice Argent, Margaret Avery, Richard Devon, Tony Giorgio, Jack Kosslyn, Bob March, Bob McClurg u.a.
Genre Acton, Thriller
Filmlänge 124 Minuten
Deutschlandstart
14. März 1974
Inhalt

In San Francisco werden teils hochrangige Kriminelle von einem unbekannten Täter ermordet. Bei einer dieser Hinrichtungen wird auch ein Polizist, der ein Freund von Chefinspektor Harry Callahan war, erschossen.

Callahan kommt der Verdacht, dass der Täter in den Reihen des San Francisco Police Department zu suchen ist. Insbesondere eine Gruppe von jungen Motorradpolizisten scheint mit den Akten von Lynchjustiz zu tun zu haben. Zwar wird einer von diesen bei einer Aktion gegen die Mafia, welche in einer blutigen Schießerei mündet, getötet, doch Harry vermutet richtig, dass dies nur ein Bauernopfer war.

Plakatmotiv (US): Magnum Force / Dirty Harry II – Calahan (1971)Er findet den Beweis für seine Theorie, indem er sich bei einem polizeiinternen Schießwettbewerb die Dienstwaffe eines der verdächtigen Kollegen borgt und anschließend eines der damit abgefeuerten Projektile mit denen vergleichen lässt, die an den Tatorten der Morde gefunden wurden – sie stammen aus derselben Waffe.

Kurz darauf wird Callahan von der Cop-Gang aufgefordert, sich ihnen anzuschließen. Als er das ablehnt, findet er als Nächstes eine Bombe in seinem Briefkasten …

Was zu sagen wäre

This is a 44. Magnum. The most powerful Handgun in the world and it could blew Your Head clean off. Do You feel lucky?“ Harry Callahan hat seinen Dienst offenbar wieder aufgenommen – nachdem er seinen Stern doch erst weggeschmissen hatte. Dann beendet er eine Flugzeugentführung. „Du musst immer um Dein Leben fürchten, wenn Du es nicht in Deinen eigenen Hände nimmst“, ist Harry überzeugt.

Ohne den moralischen, zum Skandal angewachsenen Überbau, der den ersten Film begleitete, ist dieser Dirty-Harry-Aufguss jetzt ein cleverer und spannender Polizeifilm, der versucht, die Geister, die der Vorgänger rief, im Zaum zu halten. Clint Eastwood hat sich gegen die Deutung, der Original-Film feiere die Lynchjustiz, gewehrt und ließ für diese Fortsetzung eine Handlung entwerfen (Eastwoods Malpaso Company hat den Film produziert), mit der er die Kritik am Vorgänger entkräften wollte: Callahan bekämpft eine Gruppe von Polizisten, die Lynchjustiz praktizieren, weil sie von jungen Bürohengsten kujoniert werden: „Wenn heutzutage eine anständiger Polizist einen Gauner erledigt, muss wer so schnell wie möglich die Leiche wegschaffen. Das ist das Wichtigste. Weil diese bornierten Eierköpfe in ihren Büros ja nur darauf warten, Dir Fahrlässigkeit oder Brutalität anzuhängen. Ein Gangster kann einen von und umlegen! Aber ein Bulle einen Gangster? Habe ich nicht recht?

Je deutlicher die kriminellen Motorrad-Cops ihr Böse Bürokraten-Mantra beten, desto schaler wird es und entlarvt sich schließlich als reiner MacGuffin, um einen Grund zu haben, ein  bisschen Gewaltexzesse zeigen zu können und den Rahm eines charismatischen, kommerziell erfolgreichen Filmcharakters. Im San Francisco dieses Films scheint die öffentliche Ordnung, glaubt man den Cops, weitgehend zusammengebrochen zu sein – obwohl die Geschäfte täglich öffnen und der Verkehr einigermaßen fließt.

Plakatmotiv: Dirty Harry II – Calahan (1971)Und wenn Calahans Vorgesetzter, Lt. Briggs, ankündigt, den haftbefehl gegen einen gefährlichen Kriminellen binnen 48 Stunden „mit allen Mitteln“ zu besorgen, fragt man sich im Kinosesssel bang, ob nicht tatsächlich die Polizei, die bewaffnete Macht, die unseren Alltag sicherer machen soll, die eigentliche Bedrohung mit allen Mittel ist. „Wo soll das enden?“, fragt Calahan schließlich. „Als nächstes richten Sie Leute, die bei Rot über die Straße gehen. Oder Leute, die vor einer Einfahrt parken. Irgendwann richten Sie Ihren Nachbarn hin, weil dessen Hund auf Ihren Rasen pisst?“ Diese ins Drehbuch geschriebene Frage warf schon der erste Teil leise auf, ohne dass sie dann aber auch einer ausgesprochen oder gar beantwortet hätte.

Damit verliert die Dirty-Harry-Figur aber auch ihren Reiz. Nach dem ersten Teil konnte man sich gut ihm und der Welt da draußen auseinandersetzen. Jetzt ist er ein Getriebener, der den Job macht, den ein Mann halt tun muss: Ich finde das System genauso beschissen wie Sie. Aber solange keiner mit einem besseren kommt, halte ich mich an dieses!“ Das klingt ein bisschen so wie die Abwandlung des lustigen Winston-Churchill-Verdikts „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen - abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“ Aber mit diesem Schulter zuckenden Fatalismus jetzt auch glatzköpfige New-York-Cops beim Fernseh-„Einsatz in Manhattan“ um die Ecke.

Es bleibt ein Copmovie mit Macho-Attitüde, in dem sich frisch getrennt lebende Cop-Gattinnen an Harrys Hals werfen und junge Nachbarinnen – „Was muss ein Mädchen tun, um Sie ins Bett zu kriegen?“ „Versuchen Sie's mit an die Tür klopfen.“ – umwegslos auf sein Bett, das in der Erkenntnis des taffen Cops gipfelt: „Man's got to know his limitations.“ Harrys Grenzen wird Clint Eastwood in noch drei weiteren Dirty-Harry-Filmen austesten lassen.

Wertung: 5 von 8 D-Mark