Plakatmotiv: Die Dolmetscherin
Ein wunderbar fotografiert Film mit Längen
über eine elegante Welt des Misstrauens
Titel Die Dolmetscherin
(The Interpreter)
Drehbuch Charles Randolph + Scott Frank + Steven Zaillian + Martin Stellman + Brian Ward
Regie Sydney Pollack, UK, Frankreich, Deutschland, USA, , Südafrika 2005
Darsteller Nicole Kidman, Sean Penn, Catherine Keener, Jesper Christensen, Yvan Attal, Earl Cameron, George Harris, Michael Wright, Clyde Kusatsu, Eric Keenleyside, Hugo Speer, Maz Jobrani, Yusuf Gatewood, Curtiss Cook, Byron Utley u.a.
Genre Thriller, Drama
Filmlänge 128 Minuten
Deutschlandstart
21. April 2005
Inhalt

Silvia Broome ist Dolmetscherin bei den Vereinten Nationen in New York. Zufällig hört sie ein Gespräch mit an, bei dem es um die geplante Ermordung des Staatschefs des südafrikanischen Staates Matobo, Dr. Zuwanie, geht, der demnächst vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen sprechen will. Zuwanie wurde zunächst als Befreier des Landes gefeiert, wandelte sich aber nach und nach zum Unterdrücker und Mörder. Ihm droht deswegen ein Verfahren vor dem Internationalen Strafgerichtshof.

Broome macht von dem Ereignis Meldung, woraufhin der Secret Service eingeschaltet wird. Secret-Service-Agent Tobin Keller misstraut ihr, als er feststellen muss, dass Broome in Matobo aufgewachsen und der größte Teil ihrer Familie durch eine Mine, die von Zuwanies Regime gelegt worden war, ums Leben gekommen ist. Als Broome jedoch von den von ihr belauschten Personen bedroht wird, fasst Keller langsam Vertrauen zu ihr.

Dann tötet ein Bombenattentat in einem Linienbus einen politischen Gegner Zuwanies sowie einen Kollegen von Keller …

Was zu sagen wäre

„Was halten Sie von ihm?“
„Er interessiert mich nicht!“
„Ihretwegen könnte er tot sein.“
„Wäre er weg, wäre es mir egal.“
„Ist dasselbe.“
„Ist es nicht! Ich wäre meine Stelle los, wenn ich weg mit tot übersetzen würde – und wären weg und tod dasselbe, gebe es keine UNO.“
„Sie sind Profi im Spiel mit Wörtern, Mrs. Broome.“
„Ich spiele nicht mit Wörtern.“
„Doch, im Moment tun Sie das.“
„Nein, Sie tun das!“

Plakatmotiv (US): Die DolmetscherinDas ist die Drehbuchidee, in einem kurzen Dialog zusammengefasst. „The Interpreter“ ist ein Film über die Macht der Worte, der Diplomatie, in der Vertrauen zählt – und diese weg/tod-Analogie zieht sich rurch den Film. Wer sagt was wann wie? Sidney Pollack (s.u.) macht dieses Dilemma im Rahmen einer Busfahrt deutlich. Da fährt die zu diesem Zeitpunkt noch uneindeutige Silvia mit einem der beiden politischen Gegner des afrikanischen Diktators im Bus und stellt fest – und die Zuschauer ebenso – dass ihr Weltbild den Realitätscheck nicht besteht. Wer sagt was? Wieso? Da inszeniert Pollack, was Diplomatie ausmacht.

Sein Film präsentiert auch die hohe Kunst des Kamera-Handwerks. Director of Photography Darius Khondji („Wimbledon – Spiel, Satz und … Liebe“ – 2004; Anything Else – 2003; Panic Room – 2002; The Beach – 2000; Die neun Pforten – 1999; Alien – Die Wiedergeburt – 1997; Sieben – 1995) zaubert Bilder – unter anderem als Erster mit Cinemascope am Originalschauplatz United-Nations-Building in Manhattan, so elegant und schön, dass man vergisst, dass der Film als solcher Längen hat. Das Privileg, in einem Gebäude wie der UNO zu drehen, wozu Generalsekretär Kofi Annan persönlich seine Erlaubnis erteilt hatte, ist natürlich ein Geschenk für Kameraleute und Regisseure – das sind Kulissen, wie sie sonst Ken Adam für die James Bond Filme gebaut hat.

Eine Welt voller Misstrauen, in der wir uns bewegen; das wird gleich in der ersten Szene betoniert: Ein Kind – ein Kindersoldat – erschießt kaltblütig einen Mann. Nicht mal mehr Kindern kann man in diesem Film trauen. Silvia, die Hauptfigur ist zwar – weil Filmstar Nicole Kidman – als vertrauenswürdig zu betrachten, aber auch über sie erfahren wir immer Neues, was uns zweifeln lässt. Secret-Service- und FBI-Agenten leben ohnehin mit der Camouflage ihrer Doppelidentitäten und auch die Diplomatie ist eben am Ende nichts anderes als das – manchmal naive – Vertrauen darauf, dass unser Gegenüber sich schon an das halten wird, was es gesagt hat. Daraus zieht der Film seine Spannung; das zerstört ihn aber auch. Denn in all dem trickreichen Gerede und Sich-Verstellen verschwimmt eine stimmige Zeichnung der erzählten Personen.

Pollack inszeniert Kidman und Penn als sich gegenseitig anziehende Antagonisten. Sie achtet qua Beruf „mehr auf Stimmen“, er mehr auf Gesichter; zwei Sinneseindrücke, die sich bestenfalls ergänzen, aber auch ohne einander auskommen. Dass Nicole Kidman den anziehenderen Part hat, liegt in der Natur des männlichen Blicks, den der film hat. Sean Penns sehr präsentes Spiel versteckt sich hinter der Dauerinszenierung seines Dackelblicks unter gefurchter Stirn und verlässt sich zu sehr auf die dramatische Geschichte des Secret-Service-Mannes Tobin Keller, der gerade erst seine Frau verloren hat, die ihn verlassen hatte, zurückkommen wollte und dann von dem Mann, dessentwegen sie Tobin verlassen hatte, auf dem Weg zu ihm vor einen Brückenpfeiler gefahren wurde. Diese Geschichte spielt im Verlauf des Film nur dann eine Rolle, wenn Tobin Kellers Figur weich gezeichnet werden soll – ein MacGuffin für Emotionen also, im weitesten Sinne.

Ihm gegenüber tritt Nicole Kidman mit strahlend blonden Haaren auf, mit halb geöffnetem Kleinmädchen-Lippen und großen, sehr blauen Augen, gekleidet in trendigem Jeans-Lederjacke-Outfit. Sie und Penn drängt das Drehbuch in eine Stop-and-Go-Beziehung, der es an Glaubwürdigkeit mangelt – das schutzbedürftige Mädchen mit verrätselter Vergangenheit und der harte Cop mit der gepeinigten Seele, der seine Larmoyanz mit einem Glas Whisky auf Trab bringt – und so uninspiriert gespielt wird, dass sie an Zumutung grenzt – offenbar dem chauvinistischen Zeitgeist geschuldet.

Wertung: 4 von 6 €uro