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Kinoplakat: Still Alice – Mein Leben ohne Gestern
Großartige Julianne Moore in
wunderbar geschriebenem Film
Titel Still Alice – Mein Leben ohne Gestern
(Still Alice)
Drehbuch Richard Glitzer + Wash Westmoreland
nach einem Roman von Lisa Genova
Regie Richard Glatzer & Wash Westmoreland, USA, Frankreich 2014
Darsteller
Julianne Moore, Kate Bosworth, Shane McRae, Hunter Parrish, Alec Baldwin, Seth Gilliam, Kristen Stewart, Stephen Kunken, Erin Darke, Daniel Gerroll, Quincy Tyler Bernstine, Maxine Prescott, Orlagh Cassidy, Rosa Arredondo, Zillah Glory u.a.
Genre Drama
Filmlänge 101 Minuten
Deutschlandstart
5. März 2015
Inhalt

Zunächst versucht die anerkannte Sprachwissenschaftlerin Dr. Alice Howland noch, ihre Krankheit zu verheimlichen. Gelegentliche Orientierungslosigkeit in den Straßen von Manhattan und Schwierigkeiten, einzelne Wörter zu finden, machen das Leben zwar zunehmend schwerer, doch erst als Alice anfängt, auch Menschen zu verwechseln, spricht sie mit ihrer Familie über ihren Zustand.

Ihr liebender Ehemann John ist genauso schockiert wie ihre drei erwachsenen Kinder Anna, Tom und Lydia, als sie erfahren, dass Alice an einer seltenen Form von Alzheimer leidet, die auch vererbbar ist.

Mit der Diagnose wird das bislang harmonische Familien- und Alltagsleben, an dem Alice mit allen Mitteln festhalten will, auf eine äußerst harte Probe gestellt …

Was zu sagen wäre

Eine Frau verliert ihre Erinnerung. „Wie fühlt sich das an?“, fragt ihre Tochter, die sich der Schauspielerei verschrieben hat, und nutzt die Antwort, die die Mutter ihr gibt, um ihrer Theaterrolle am nächsten Tag auf der Bühne mehr Tiefe zu geben. Wie fühlt sich das an?

Die Welt um Alice herum wird immer größer. Anfangs läuft Julianne Moore durch die Straßen New Yorks, links und rechts ragen die Wolkenkratzer, die Bilder wirken eng, sie, die gefeierte Sprachforscherin, ist Teil ihrer Umgebung; im Laufe des Films wird sie kleiner, die Kamera erfasst Totalen am Strand, in denen sie ein winziger Teil ist. Die Welt wird bedrohlich groß, man verschwindet in ihr – so muss sich das anfühlen. Julianne Moore (Non-Stop – 2014; Carrie – 2013; Don Jon – 2013; Crazy, Stupid, Love. – 2011; Evolution – 2001; Hannibal – 2001; Magnolia – 1999; The Big Lebowski – 1998; Boogie Nights – 1997; Vergessene Welt: Jurassic Park – 1997) hat für diese Rolle den Hauptrollen-Oscar bekommen und das zu Recht. Sie ist schon lange Kandidatin für diese Trophäe, aber das griffe als wohlfeile Begründung hier zu kurz. Es ist bemerkenswert, wie ganz unangestrengt sie diese Frau spielt, die sich verliert; da wirkt nichts gekünstelt, da sitzt jede Bewegung. Auch das Makeup-Team hätte einen verdient, weil es Moores sensitive Erfassung dieses Schicksals mit der immer richtigen Frisur, dem stets passenden blassen Teint und bemitleidenswert rot umrandeten Augen unterstreicht.

Die Luxusversion einer Krankheit, die auch die beste für eine Erzählung ist

Diese Alice, die in dem Film in Alzheimer verschwindet, erleidet eine Luxusversion dieser Krankheit, so, wie Dustin Hoffman einst an einer Luxusversion des Autismus‘ („Rain Man“ – 1988) litt. Aber was heißt das schon? Alice verliert sich, wie jeder andere Alzheimerpatient auch – nur ist sie Wissenschaftlerin und kann am Anfang die für den Zuschauer wichtigen Fragen stellen, mit denen das Drehbuch die Krankheit „Alzheimer“ wissenschaftlich eingrenzen und erklären kann. Ihr Mann ist Wissenschaftler – Alec Baldwin (Blue Jasmine – 2013; To Rome with Love – 2012; Departed – Unter Feinden – 2006; ...und dann kam Polly – 2004; Pearl Harbor – 2001; Notting Hill – 1999; Das Mercury Puzzle – 1998; Das Attentat – 1996; Shadow und der Fluch des Khan – 1994; Malice – Eine Intrige – 1993; Jagd auf 'Roter Oktober' – 1990) hier in einer seiner seltenen sympathischen Rollen – und kann dem diagnostizierenden Arzt in der Folge die richtigen Fragen stellen. Ihre Familie ist wohlhabend, gebildet, reflektierend und also für die Mutter da – anders, als wahrscheinlich die meisten anderen Patienten, die wir – beispielhaft – kurz in einem Sanatorium vorgeführt bekommen. Aber es ist die beste Art, die Krankheit zu erklären, das Schicksal zu beschreiben und einen packenden Film zu erzählen.

Filmszene: Still Alice – Mein Leben ohne Gestern

Auf dem Tiefpunkt … also zu dem Zeitpunkt, wo der Held, die Heldin im klassischen Drama den Tiefpunkt, die Katharsis erlebt, erlebt Alice ihr letztes Hoch. Das kommt, nachdem wir Zuschauer in der Stunde zuvor so oft überrumpelt worden sind, so unerwartet, das nah am Wasser Gebaute hier unwillkürlich in Tränen ausbrechen: Die Wissenschaftlerin, die längst nicht mehr ohne dauernde Aufsicht sein kann, hält eine ergreifende Rede, indem sie ihr Manuskript mit einem gelben Edding-Marker abfährt (um stets gewiss zu sein, was sie schon gesagt hat) – und obwohl ihr dieses Manuskript zwischenzeitlich auf den Boden fällt und durcheinander kommt. Richard Glitzer und Wash Westmoreland, die ihr eigenes Drehbuch verfilmen, verzichten auf Regie-Sperenzien und erzählen straight und mit vielen wunderbaren Dialogen, die vor allem in der ersten halben Stunde, als die Diagnose noch nicht vorliegt, schön mit dem Begriff des „Vergessen“ spielen und verdeutlichen, wie uns Vergesslichkeit im harmlosen Alltag begleitet, die so gar nichts zu tun hat mit dem Grauen, das dann folgt

Wo ist verdammt nochmal das Klo?

Konsequent subjektiv, konsequent gnadenlos, konsequent ungeschönt (abseits der seltenen Luxusausgabe der Krankheit, die ich schon erwähnt habe) erzählt der Film, wie das so ist, wenn man seine Erinnerung verliert, die nicht nur eine Erinnerung an Menschen ist, sondern auch eine an so profane Dinge wie das Klo – wo war das verdammt nochmal? Darum herum haben die Autoren eine Saulus-Paulus-Familie. Da ist die verbissen auf Kinder hin arbeitende, Kopf-gesteuerte Tochter mit dem Karrieremann, die mit Kate Bosworth (Straw Dogs – Wer Gewalt sät – 2011; Superman Returns – 2006; Der Pferdeflüsterer – 1998) so perfekt besetzt ist, dass ich glaube, dass Bosworth gar nichts anderes spielen kann, als eben das.

Die andere Tochter, Lydia, ist Schauspielerin, die an der fernen Westküste nicht Fuß fassen kann, aber (natürlich) der Mutter die viel größere Empathie entgegenbringt. Vampir-Liebling Kristen Stewart (Snow White and the Huntsman – 2012; Das gelbe Segel – 2008; Into the Wild – 2007; Panic Room – 2002) spielt diese Tochter und beweist, dass sie in ihrer Karriere eine kluge Rollenauswahl betreibt; sie widersteht weiterhin der Versuchung, nach den Twilight-Filmen weitere potenzielle Blockbusterrollen anzunehmen. Die Rolle der um berufliche Anerkennung kämpfenden Tochter, die aus dem Schicksal der Mutter neue Gefühle für ihren Beruf generiert und im Laufe des Films die Chance erhält, die ganze Bandbreite des Gefühlshaushalts zu interpretieren – dabei gleichzeitig zu wissen, dass dieser Film kein Massenpublikum anzieht, dafür aber das künstlerisch interessierte – ist ein seltenes Sahnestück, das Qualität braucht und langfristigen Ruhm verspricht; und machen wir uns – auch bei diesem Film – nichts vor: Auch hier arbeiten alle Beteiligten (auch) für ihren Ruhm.

Wertung: 8 von 8 €uro
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