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Kinoplakat: Solo – A Star Wars Story (2018)
Han Solo, der Glücksspieler,
bietet uns keinen Trumpf an
Titel Solo – A Star Wars Story
(Solo: A Star Wars Story)
Drehbuch Jonathan Kasdan + Lawrence Kasdan
mit Charakteren von George Lucas
Regie Ron Howard, USA 2018
Darsteller
Alden Ehrenreich, Joonas Suotamo, Woody Harrelson, Emilia Clarke, Donald Glover, Thandie Newton, Phoebe Waller-Bridge, Paul Bettany, Jon Favreau, Erin Kellyman, Linda Hunt, Ian Kenny, John Tui, Anna Francolini, Andrew Woodall u.a.
Genre Abenteuer, Fantasy
Filmlänge 135 Minuten
Deutschlandstart
24. Mai 2018
Website starwars.com/solo/
Inhalt

Knapp ein Jahrzehnt nach der Machtübernahme durch das galaktische Imperium leben die Meisten in Armut und Hoffnungslosigkeit. Auf Corellia, einem Planeten der Kernwelten der Galaxis, herrscht das Verbrechersyndikat White Worms unter der Führung von Lady Proxima. In den Armenvierteln der Hauptstadt Coronet lebt der junge Han, der davon träumt, gemeinsam mit seiner Freundin Qi’ra diesem Leben und der Unterdrückung durch das Imperium zu entfliehen und als Pilot die Galaxis zu bereisen. Auf Befehl Lady Proximas soll er große Mengen des in der ganzen Galaxis überaus wertvollen Coaxiums besorgen, eines flüssigen Treibstoffs, den Hyperraumantriebe benötigen und der auf dem Schwarzmarkt teuer gehandelt wird. Han gelingt es aber lediglich, eine kleine Glassäule dieser Flüssigkeit zu erbeuten, mit der er sich die Passage in den Orbit, und damit die Flucht vom Planeten, erkaufen will. Nachdem er gemeinsam mit Qi’ra vor den Söldnern Proximas fliehen kann, werden die zwei am Raumhafen, der vom Imperium kontrolliert wird, getrennt. Qi’ra wird von den Söldnern der White Worms ergriffen, während Han Correlia nur dadurch verlassen kann, dass er sich für die imperiale Pilotenakademie verpflichten lässt.

Drei Jahre später ist Han Teil der imperialen Armee, nachdem er durch Ungehorsam und Befehlsverweigerung von der Akademie geflogen ist. Bei einem Kampfeinsatz auf dem Planeten Mimban trifft er auf Tobias Beckett, der sich gemeinsam mit einer kleinen Truppe Gleichgesinnter unter die imperialen Einheiten gemischt hat und Ausrüstung sowie ein Schiff für einen geplanten Raubzug stehlen will. Beckett weigert sich, Hans Hilfeangebot zu akzeptieren und sorgt dafür, dass dieser als Deserteur gefangen genommen und in eine Grube geworfen wird, in der er einer Bestie zum Fraß vorgeworfen werden soll. Diese Bestie ist der Wookiee Chewbacca, den Han nach einem kurzen Kampf davon überzeugen kann, gemeinsam aus der Grube zu entkommen. Als Beckett dies bemerkt, lässt er sich von seiner Crew, Val und Rio Durant, davon überzeugen, Chewbacca und Han ins Team aufzunehmen und gemeinsam entkommen sie der Schlacht.

Becketts Bande plant, auf dem Planeten Vandor-1 Teile eines Güterzugs zu entführen, der große Mengen an raffiniertem Coaxium geladen hat. Dazu wollen sie einen Waggon des Zugs abkoppeln und diesen mit dem entführten imperialen Schiff per Schleppkabel abtransportieren. Der Raubzug verläuft allerdings nicht so wie geplant, da sie durch die Plünderer um Enfys Nest aufgehalten werden, die ebenfalls das wertvolle Coaxium stehlen wollen. In Folge einer kurzen, aber heftigen Auseinandersetzung gelingt es sowohl Beckets als auch Enfys Nests Team Schleppkabel am Waggon anzubringen. Allerdings müssen beide das Coaxium aufgeben, um einer Kollision ihrer Raumschiffe mit einer Gebirgsformation zu entgehen, an der der Waggon samt Coaxium in einer großen Explosion verloren geht.

Beckett verrät nach dem gescheiterten Überfall, dass die Erbeutung des Coaxiums ein Auftrag für das mächtige Verbrechersyndikat Crimson Dawn war, an dessen Spitze Dryden Vos steht. Um einer möglichen Verfolgung zu entgehen, beschließen Beckett, Han und Chewbacca, Dryden Vos aufzusuchen und eine Lösung auszuhandeln.

Auf dessen Raumschiff trifft Han zu seiner Überraschung auf seine Jugendliebe Qi’ra …

Was zu sagen wäre

Alden Ehrenreich kann nichts dafür, dass er nicht Harrison Ford ist. Er kann nichts dafür, dass sein mimisches Potenzial höchstens für eine TV-Sitcom reicht. Man mag ihm nicht einmal zur Last legen, dass er diese ikonographische Rolle angenommen hat. Er hat sich schließlich für den Beruf des Schauspielers entschieden, da kann man nicht immer wählerisch sein, vor allem nicht am Anfang einer möglichen Karriere – man könnte Schauspiellehrern, Agenten, Produzenten vorwerfen, dass sie Ehrenreich nicht beizeiten gesagt haben, dieser sei im Büro einer Versicherung wahrscheinlich besser aufgehoben, als vor einer Filmkamera (Regeln spielen keine Rolle – 2016; Hail, Caesar! – 2016; Blue Jasmine – 2013). Aber wir schreiben das Jahr 2018, Film in der kommerziellen Größenordnung des Star-Wars-Franchise wird nicht mehr im Feuilleton diskutiert, sondern im Wirtschaftsteil der Tageszeitung und in Blogs der Fan-Szene; und womöglich ist Ehrenreich für die Zielgruppe hoffnungsfroh getestet worden.

Es ist ja auch nicht so, dass Harrison Ford dieser Han-Solo-Figur vor 41 Jahren wirklich menschliche Tiefe verliehen hätte, im Gegenteil: Ford haderte mit der Eindimensionalität dieses Typen und war manchmal so weit, die Brocken hinzuschmeißen, und wäre er jetzt, 2018, zum ersten Mal mit so einer Figur auf der Leinwand erschienen, er wäre kollektiv ausgelacht worden. Der Han-Solo-Charakter, den George Lucas im Jahr 1977 auf die Kinobesucher losließ, hat sich überlebt – diese Unerschrockenes-Liebenswertes-Schlitzohr-Rolle taugt heute kaum mehr für billige Sitcoms, es sei denn als Karikatur ihrer selbst.

Die Aufgabe der Autoren des aktuellen Star-Wars-Ablegers, die den Namen dieser Helden-Ikone schon im Titel führt, wäre also gewesen, die Figur in der zeitllich klar umrissenen Galaxy zu verorten, ihr aber einen modernen Anstrich zu geben. Statt dessen haben die Autoren versucht, Harrison Fords Han-Solo-Figur unverändert als angehenden Draufgänger zu erzählen.

Geradezu verbissen haben die Bildtechniker des Films darauf geachtet, dass die Computergrafiken, die über die Monitore der Kampfraumer und Schlachtschiffe flimmern, so aussehen, wie die im Original von 1977 – die Sammlung der Filme im heimischen Blu-Ray-Regal soll ja visuell zueinander passen – überall gibt es kleine Referenzen an jene zurückliegende Special-Effects-Zeit. Und es gibt sogar ein Asteroidenfeld 2.0.

Das Herz des Fans schlägt Purzelbaum, wenn Han Solo, der junge, den Millennium Falcon auf der Flucht vor imperialen TIE-Jägern durch einen Mahlstrom genanntes galaktisches Nebelfeld jagt, in dem unablässig planetengroße Brocken aufeinanderkrachen und alles zwischen sich zermahlen und mittendrin ein Krakenartiges Monstrum haust, was die Flucht vor den Schergen des Imperiums nochmal verkompliziert. Diese zehn Filmminuten sind eine tiefe Verbeugung vor Irvin Kershners legendär bebilderten Flucht des Falcon vor imperialen Jägern durch ein Asteroidenfeld in The Empire strikes back. Und weil es ja nicht so ist, dass ich mir „Solo: A Star Wars Story“ als Werk cinephiler Auteurs anschaue – anders als George Lucas, der 1977 noch die Ideale seiner in Jugend und Filmstudium erworbenen Kenntnisse zu Film machte, ist Ron Howards Star-Wars-Kapitel als kommerziell durchkalkuliertes Vehikel schon im Trailer zu erkennen – erfreue ich mich an solchen Asteroidenfeld-Szenen und applaudiere innerlich.

Es gibt ein paar solcher Star-Wars-Rememberance-Momente, aber hieße der Held nicht Han Solo und sein Best Buddy nicht Chewbacca, der Filme wäre in seiner Story so austauschbar wie schwarze Socken: Irgendein Draufgänger in irgendeiner Umgebung schwätzt und schurkelt sich aus jeder noch so ausweglosen Situation und übersteht diverse visuell ansprechende Actionadventures, die sich später auf der heimischen Spielekonsole nachspielen lassen.

An Han Solos Biografie überrascht nichts; selbst sein im Star-Wars-Universum unerhörter Satz „Ich habe ein großartiges Gefühl!“ – wo doch in allen bisherigen Filmen der Satz „Ich habe ein ganz mieses Gefühl bei der Sache!“ untergebracht wurde – ist eine schon im Trailer verratene Überraschung. Alles ist also so, wie man sich das schon gedacht hat – wenn man sich denn als Zuschauer die Mühe machen möchte, den einzelnen Charakteren eine Vergangenheit anzudichten. So hat also jetzt Corellia, Solos Heimatplanet, eine Oberfläche, eine Textur. Okay. Wenn der Abspann startet, hat aber Han Solo im Kopf des Zuschauers immer noch das Gesicht Harrison Fords; von der blassen Performance, die Alden Ehrenreich dieser überraschungsarmen Figur angedeihen lässt, bleibt gar nichts hängen, im Zusammenspiel mit Donald Glover als Lando Calrissian höchstens ein Zwei-Jungs-kabbeln-sich-beim-Schwanzvergleich-Szenario. Wie es mit Chewbacca zu der „größten Freundschaft der Galaxis“, wie das Filmplakat dröhnt, kommt, bleibt in vager Bildsprache verborgen; an zwei Szenen hätte Chewbacca auch einfach in die andere Richtung gehen können … wäre genauso glaubhaft gewesen. Der Film erzählt nicht, was die beiden freundschaftlich zueinander bringt. Chewbacca ist irgendwann da und kommt dann halt einfach immer mit, manchmal leise über Solos spinnerte Ideen klagend, als habe er gerade nichts Besseres vor.

Die viel spannendere Figur hat Emilia Clark geschenkt bekommen, auch keine große Schauspielerin, aber in der Darstellung ikonografischer Figuren wenigstens geübt – mit weißblonden Haaren machte sie aus der rätselhaften Daenerys Targaryen in der TV-Serie „Game of Thrones“ eine mitreißende Drachenkönigin, und als neue Version der Terminator-Göttin Sarah Connors machte sie zumindest nicht zu viel kaputt.

Als Qi’ra hat Clark alle dramatischen Rätsel auf ihrer Seite. Während Han Solo von der ersten Szene an klar ist und sich auch bis zum Ende nicht mehr groß entwickelt, dürfen wir uns bei Qi’ra dauernd fragen, was mit ihr in den drei Jahren, seit Han sie aus den Augen verlor, geschehen ist – und auf der Meta-Ebene spielt da natürlich immer auch die Kenntnis mit, dass der Han Solo, den wir in Episode IV kennenlernten, mit Liebesgeschichten schon so gar nichts mehr am Hut hatte. Qi’ras dramatisches Schicksal bleibt im Kopf (als einziges nennenswertes Schicksal in diesem Film), als ich das Kino verlasse, auch weil sie einen Bekannten aus mittelalten Star-Wars-Tagen kontaktiert, den Puristen, die Star Wars nur im Kino akzeptieren, längst tot glaubten, den aber Konsumenten der Trickfilmserien „Clone Wars“ und „Rebels“ im Fernsehen noch als überlebenden Cyborg in Erinnerung haben. Nachdem die erste Star Wars Story, Rogue One, an nicht mehr als den Originalfilm andockte, öffnet sich das Star-Wars-Franchise mit „Solo“ an dieser Stelle nun für allerlei Querverbindungen in das Star-Wars-Universum, welches sich in Büchern und Comicserien entwickelte. So wirkt dieser Film. Ein flottes Abenteuer ohne Tiefgang mit hanebüchener Action und egalen Figuren, das sich auf 48 bunten Comic-Seiten erzählen lässt, während ein nächster großer Wurf vorbereitet wird.

Immerhin, und das gibt dem Film einen Bonuspunkt: in Krieg der Sterne von 1977, also in dem Original, das noch nicht von George Lucas und seiner ILM später digital aufgemotzt und umgemodelt wurde, erschießt Han den Kopfgeldjäger Creedo in der Cantina auf Tatooine, bevor Creedos Flosse die eigene Waffe erreicht. Das machte sich in den friedensbewegten Zeiten rund um den Fall des Eisernen Vorhangs plötzlich nicht mehr so gut, also wurde jene Szene so umgebaut, dass Creedo doch zuerst zieht, Han sich also nur verteidigt – Notwehr.

Dieser Eingriff in die Geschichte muss Kathleen Kennedy, die Executkve Producerin von „Solo“, massiv gestört haben. Schließlich töten Helden im aktuellen, zeitgenössischen Kino dauernd Schurken, bevor die zur Waffe greifen – aktuelles Beispiel ist die Comicverfilmung Deadpool 2, die parallel zu „Solo“ in den Kinos läuft. Im aktuellen Star-Wars-Film gibt es prompt eine Szene, in der Han zuerst schießt und dies aus moralischer Sicht ganz zurecht. „Solo: A Star Wars Story“ ist auch ein schönes Beispiel dafür, wie sich ein Franchise elegant dem jeweils gerade herrschenden Zeitgeist anpassen kann, immer wieder.

Wertung: 3 von 8 €uro
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