Kinoplakat: Uhrwerk Orange
Die Freiheit, die Gewalt zu wählen
Kubrick seziert den Humanismus
Titel Uhrwerk Orange
(A Clockwork Orange)
Drehbuch Stanley Kubrick
nach dem gleichnamigen Roman von Anthony Burgess
Regie Stanley Kubrick, UK, USA 1971
Darsteller
Malcolm McDowell, Patrick Magee, Michael Bates, Warren Clarke, John Clive, Adrienne Corri, Carl Duering, Paul Farrell, Clive Francis, Michael Gover, Miriam Karlin, James Marcus, Aubrey Morris, Godfrey Quigley, Sheila Raynor u.a.
Genre Drama, Science Fiction
Filmlänge 136 Minuten
Deutschlandstart
23. März 1972
Inhalt
London im Jahre 1983: Alex stiehlt, kämpft, raubt, schändet und mordet wie ein gewissenloses Raubtier. Er ist Anführer einer Jugendbande (und ein passionierter Beethoven-Liebhaber). Die Gang lebt in einem trostlosen Vorort von London. Sie benutzt eine eigenwillige Sprache, ein von russischen Brocken und Cockney-Slang durchsetzter Jargon – „Nadsat“. Ihr Leben dreht sich um Gewalt gegenüber Wehrlosen, Schlägereien mit anderen Gangs, Raubüberfälle und Vergewaltigungen. Vor allem für Alex scheint dabei Geld eine untergeordnete Rolle zu spielen. Das führt zu Konflikten in der Gang.

Alex’ Führungsstil wird den anderen zu autoritär, außerdem springt bei den Überfällen für sie zu wenig Geld heraus. Alex kann seine Herrschaft vorübergehend festigen, indem er seine beiden Kritiker mit brutalsten Methoden in die Schranken weist. Und mit einer lockeren „Aussprache“ danach glaubt er, die Machtverhältnisse auf seine Art wieder geklärt zu haben. Bei einem der nächsten Überfälle, dem Einbruch in das Haus einer alleinstehenden Frau, die Alex mit einer großen Penisplastik brutal erschlägt, wird er von seinen „Droogs“ (nadsat: „Freunde“) verraten und niedergeschlagen. Die Polizei nimmt den Gewalttäter fest. Wegen Mordes wird Ales zu 14 Jahren Gefängnis verurteilt.

Dort schmeichelt er sich beim Gefängnispastor ein. Bei einem Besuch des Innenministers wird er prompt als Versuchsobjekt für eine neu entwickelte Aversionstherapie ausgewählt. Die mit überfüllten Gefängnissen konfrontierte Regierung erhofft sich von dieser sogenannten „Ludovico-Technik“ einen Beitrag zur Resozialisierung von Kriminellen. In der medizinischen Anstalt Ludovico wird Alex immer wieder stundenlang mit gewaltsam aufgesperrten Augen brutalen Filmen ausgesetzt, wobei ein vorab verabreichtes Serum beim Anblick von Gewalt starke Übelkeit hervorrufen soll. So soll er schrittweise dahingehend konditioniert werden, körperliche und sexuelle Gewalt nicht mehr ertragen zu können. Am Ende der 14 Tage dauernden Therapie wird Alex als angeblich geheilt entlassen. Die Auswirkungen der Therapie sind jedoch zwiespältig; beim geringsten Gedanken an Gewaltausübung oder sexuelles Begehren überfallen ihn Übelkeit, akuter Brechreiz und große Schmerzen. Alex ist nun scheinbar wehr- und willenlos. Als unbeabsichtigter Nebeneffekt treten diese Symptome auch beim Hören von Beethovens 9. Sinfonie auf, der Hintergrundmusik während einer der Konditionierungen im Rahmen der Psychotherapie.

Nach seiner Entlassung muss Alex feststellen, dass seine Eltern sein Zimmer einem Untermieter namens Joe überlassen haben. Die Gewalt, die er einst anderen gegenüber ausübte, fällt nun auf ihn selbst zurück: An der Themse trifft er einen Stadtstreicher, den er einst mit seiner Gang zusammengeschlagen hat und der nun seine Wut mit anderen Obdachlosen an ihm auslässt. Alex wird von zwei Polizisten gerettet, die sich dann aber als seine beiden alten „Droogs“ entpuppen. Sie rächen sich an ihm, indem sie mit ihm in den Wald fahren, ihn dort eine Minute lang in einer Viehtränke unter Wasser halten und dabei mit Gummiknüppeln auf ihn einschlagen. Verletzt kann sich Alex zu einer Villa schleppen, ohne zu bemerken, dass es sich um das Wohnhaus des Schriftstellers Alexander handelt. Ihn hatte Alex mit seiner Gang einst zuhause überfallen und seine Frau geschändet. Alexander sitzt seither im Rollstuhl, seine frau ist gestorben. Zunächst erkennt er Alex nicht als Täter, betrachtet ihn statt dessen als Opfer der Regierung, pflegt ihn und plant, ihn für eine politische Kampagne gegen die amtierende Regierung zu benutzen. Als Alex aber in der Badewanne das Lied Singin’ in the Rain singt und dazu rhythmisch mit der Hand ins Wasser schlägt, begreift der Schriftsteller: Alex war es, der ihn und seine Frau überfallen hat.

Nach dem Bad stellt ihm der Schriftsteller, der nun auf Rache sinnt, eine Portion Spaghetti und eine Flasche Wein hin. Er befragt ihn zusammen mit Freunden, die er zu sich bestellt hat, zu Einzelheiten der Psychotherapie und deren Folgen. Dabei erfahren sie auch, was die 9. Sinfonie seit der Konditionierung bei ihm auslöst, sperren den durch den präparierten Wein betäubten Alex in ein Zimmer im Obergeschoss und spielen lautstark die 9. Sinfonie ab, was Alex nicht mehr aushalten kann – er will nicht mehr leben und stürzt sich aus dem Fenster …

Was zu sagen wäre

Ein großer Schritt für das Kinopublikum, nur ein Schnitt für Stanley Kubrick. Seinen vorherigen Film, 2001 – Odyssey im Weltraum beendete Kubrick mit dem gütigen, ernsten blick des Sternenkindes. Sein „Uhrwerk Orange“ beginnt im Gegensatz dazu mit dem bösartigen Grinsen von Alex. Kubricks neuer Film lebt von der totalen Verunsicherung. Wer ihn als „Gewalt verherrlichend“ verfemt, stolpert genauso über Kubricks Doppelbödigkeit wie derjenige, der ihn als neoliberales Kultwerk für die Bourgoisie überhöht. „A Clockwork Orange“ entzieht sich jeder einfachen Erklärung, weil er immer gleichzeitig das Gegenteil dessen zeigt, was er ausdrückt. In einer Szene etwa treibt Alex es mit zwei Mädchen zu einer Uptempo-Version der Ouvertüre zu Gioachino Rossinis Oper „Wilhelm Tell“. Das ist Slapstick – kein Sex, keine Leidenschaft … reiner Slapstick. Kubricks Ästhetisierung der Gewalt, das geradezu pornografisch angehauchte Ballett monströser Brutalität, unterlegt mit klassischer Musik, bringt uns aus dem Takt, zwingt uns, Stellung zu dem zu beziehen, was wir da oben auf der Leinwand sehen. In einer Szene singt Alex das Lied „Singing in the Rain“, ein fröhlicher Song aus einem schönen Musical, verknüpft mit den schönsten Erinnerungen an unschuldige, vergangene Kinozeiten. Zu diesem Song zwingt uns Kubrick, der grausamen Misshandlung und Vergewaltigung des Ehepaares Alexander zuzusehen.

Wir sind gegen des üblen Schläger Alex. Später, wenn ihm von einem pseudofürsorglichen Staat übel mitgespielt wird, er seine Menschlichkeit einbüßen soll, um als – auf Metaebene so bezeichnetes – Uhrwerk Orange zu funktionieren – sind wir auf seiner Seite. Alex ist böse. Alex ist gut. Alex ist Produkt seines gesellschaftlichen Umfelds. Alex bleibt unerklärt. Er ist einfach. Und damit ist er eine klassische Stanley-Kubrick-Figur, in dessen Filme die Figuren niemals eindeutig Gut oder Böse sind. Sie sind ambivalent, tragen stets beide Seiten in sich; eben, wie die Zuschauer im Kinosaal. Auch HAL 9000, der Computer aus Kubricks 2001, ist nicht eindeutig Schurke. Zunächst ist er eine Maschine, die einem lieben Onkel ähnelt. Und als der liebe Onkel zur Todesfalle mutiert, hält der sich immer noch für gut und richtig – und die anderen für falsch.

Kinoplakat: Uhrwerk Orange

Natürlich wollen wir einem wie Alex nicht im Dunkeln begegnen, hoffen, dass er hinter Gittern verschwindet, wo er dann – wenn es geht – resozialisiert wird. Aber diese radikale Form der Resozialisierung ist uns nicht geheuer. Kubrick erlaubt sich dann einen entscheidenden Unterschied zur Romanvorlage von Anthony Burgess. Burgess Buch schließt in einem Kapitel, in dem sich Alex freiwillig entscheidet, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden – strebsam, arbeitseifrig, friedlich. Kubrick endet damit, dass der schleimig grinsende Innenminister dafür sorgt, dass Alex von der Ludovico-Methode keine Narben zurückbehält und einen „interessanten Job mit guter Bezahlung“ erhält, welcher – unausgesprochen – dafür Sorge tragen soll, dass die amtierende Regierung an der Macht bleiben kann. In der letzten Einstellung sehen wir Alex bei einer wilden Sexorgie – und Beethovens 9. kann er auch wieder gefahrlos hölren. Aus dem Off erklärt er: „Ich war geheilt!“

Schön, dass der arme, fehl geleitete Junge geheilt ist, sind wir versucht zu sagen und wieder greift Kubricks Kunst der Ambivalenz. Denn nun ist Alex wieder der Alte. Aber er ist es unter staatlicher Aufsicht, in staatlichem Interesse. So, wie wir die Nase eines Hund so oft in dessen Haufen stecken, bis der nie wieder in Wohnzimmer scheißt und er brav wimmernd wartet, bis Herrchen ihm die Tür zur Straße öffnet und ihn dafür wieder lieb hat, haben wir Alex konditioniert. Weltpolitisch kann man eine Allegorie auf Deutschland und die Welt zeichnen. Nach den beiden Weltkriegen wurde Deutschland so ausgiebig mit seinen Gräueltaten insbesondere der Nazi-Zeit konfrontiert, bis ihnen jegliche Form der Aggression zuwider war. Als die NATO dann Verbündete in ihren nicht „Krieg“ genannten Gefechten in Afghanistan, Afrika und auf dem Balkan brauchte, waren die Deutschen zu zahm geworden, um bereitwillig mit Hurra in den – nicht so genannten – Krieg zu ziehen.

Kubrick geht auf Bild- und auf der Handlungsebene über Grenzen hinaus – dahin, wo es weh tut. Sein Spiel mit grellen Farben – Pink gegen Grün – sein Einsatz von Licht und Schatten, seine Inszenierung brutaler Gewalt unter Zuhilfenahme überdimensionierter Penisse und Comicmasken lassen uns nie in Sicherheit sein. Gewalt und Barbarei können überall ausbrechen – auch in uns. Das macht diese Ästhetisierung so interessant, so interessant gar, dass wir sie genießen können … wofür wir uns dann gleich wieder schämen. Aber wir gehen nun mal auch ins Kino, weil wir Gewalt mögen – wir nennen das euphemistisch das „Action“. Jeder Mensch hat ein Gewaltpotenzial in sich, keiner ist nur Gut oder nur Böse. Insofern ist Alex keine Person, er ist die Verköperung eines Prinzips, mit dem Kubrick die Ambivalenz des Menschen, des Humanisten, des Humanismus‘ aufzeigen will. Kubricks „Clockwork“-Version funktioniert als starke Kritik an der „Dialektik der Aufklärung“. Diese Sammlung philosophischer Essays formulieren die These, dass sich bereits zu Beginn der Menschheitsgeschichte mit der Selbstbehauptung des Subjekts gegenüber einer bedrohlichen Natur eine instrumentelle Vernunft durchgesetzt habe, die sich als Herrschaft über innere und äußere Natur befestigte. Kubrick zeigt, dass dem nicht so ist. Der Staat, der in weitestem sinne ja schon für die Fürsorge, die Erziehung des Menschen zuständig ist, pervertiert in diesem Film seine hierfür benötigten Machtinstrumente. Um für Frieden und Ordnung zu sorgen, muss er das Subjekt, den einzelnen Menschen, unterwerfen, einhegen, kontrollieren – es ist sicher kein Zufall, dass Burgess seine Geschichte ins Jahr 1983 siedelt, jenes Jahr vor dem berühmten Orwell‘schen Jahr 1984. Alex verkörpert in dieser Sichtweise das Prinzip der Freiheit, die Staat und Gesellschaft versuchen zu zähmen; und das wiederum in dem Akt der Gewalt. Zum Humanismus gehört, das erkannten Philosophen nach 1945, auch, dass er nicht nur für das Gute steht sondern auch für großes Grauen verantwortlich ist.

Dass sich Alex im Film, anders als im Buch, nicht dafür entscheidet, sich in die Gesellschaft einzugliedern, veranlasste Anthony Burgess zu Kritik: „Die Verteidigung des freien Willens wurde zum Loblied auf den Drang zur Sünde.“ Für Kubrick jedoch blieb die Botschaft des Buches unversehrt: „Es ist für einen Menschen notwendig, zwischen gut und Böse wählen zu können, selbst wenn er das Böse wählt. Ihm das zu entziehen hieße, ihn weniger menschlich zu machen – ein mechanischer Mensch, bzw. ein Clockwork Orange.

Wertung: 8 von 8 D-Mark