Kinoplakat: Spartacus
Großes Epos mit großen Bildern
und leisen Zwischerntönen
Titel Spartacus
(Spartacus)
Drehbuch Dalton Trumbo
nach dem Roman von Howard Fast
Regie Stanley Kubrick, USA 1960
Darsteller
Kirk Douglas, Laurence Olivier, Jean Simmons, Charles Laughton, Peter Ustinov, John Gavin, Nina Foch, John Ireland, Herbert Lom, John Dall, Charles McGraw, Joanna Barnes, Harold J. Stone, Woody Strode, Peter Brocco u.a.
Genre Drama, Biografie
Filmlänge 197 Minuten
Deutschlandstart
16. Dezember 1960
Inhalt

Der thrakische Sklave Spartacus ist seit seiner Kindheit im Bergbau zur Zwangsarbeit in der römischen Provinz Libyen verpflichtet. Lentulus Batiatus, Betreiber einer Gladiatorenschule, besichtigt den Steinbruch und ist von Spartacus' Charakter und seiner guten körperlichen Verfassung beeindruckt. Er kauft ihn zusammen mit sechs anderen Sklaven und nimmt ihn mit in seine Gladiatorenschule.

Hier in Capua erlebt er, wie die Sklaven durch den ehemaligen Gladiatoren und Ausbilder Marcellus erniedrigt und abgerichtet werden, um eines Tages in den Arenen auf Leben und Tod gegeneinander zu kämpfen. Dort freundet sich Spartacus mit Crixus, Dionysius und David an. Als ihm die Sklavin Varinia als Liebesdienerin zugeteilt wird, wehrt er sich mit den Worten „Ich bin kein Tier!“ und verzichtet auf ihren „Gebrauch“. Die Exekutierung eines der Sklaven durch Prätor Crassus ist für Spartacus das Zeichen zur Rebellion.

Andere Gladiatoren folgen ihm, und sie bringen die Aufseher in ihre Gewalt. Als sich Sklaven an den Aufsehern rächen wollen, schreitet Spartacus, der von den anderen als Führer akzeptiert wird, ein. Er will einem höheren Ideal folgen als die Römer.

Spartacus entfesselt einen Sklavenaufstand und beginnt eine Revolte gegen Rom. Der römische Senat reagiert besorgt und beauftragt auf Initiative des Volkstribuns Gracchus den Glabrus, militärisch gegen die Sklaven vorzugehen …

Was zu sagen wäre

Vor der entscheidenden Konfrontation der beiden Heere halten deren Führer – hier Spartacus, da der römische Prätor Crassus – Ansprachen an ihre Soldaten. Stanley Kubrick schneidet diese beiden Ansprachen hart ineinander. Während Spartacus mit persönlichen Worten an „Brüder“ und „Freunde“ appelliert („Ich weiß, dass wir Brüder sind, und ich weiß, dass wir frei sind.“), verspricht der Prätor auf den marmornen Stufen Roms den Bürgern „ein neues Rom. Ein neues Italien, ein neues Imperium!“ Menschliche Sehnsucht hier gegen politische Sprechblasen dort.

Dalton Trumbo, der das Drehbuch geschrieben hat, stand auf der Schwarzen Liste des Ausschusses gegen unamerikanische Umtriebe, galt als Kommunist und war mit einem faktischen Arbeitsverbot belegt. Kirk Douglas, der hier auch Executive Producer fungierte, holte Trumbo an Bord – und setzte auch durch, dass er mit Klarnamen im Vorspann genannt wird, nicht etwa, was für Schwarze-Liste-Autoren im damaligen Hollywood durchaus üblich war, unter Pseudonym. Trumbo hat also durchaus eigene Erfahrungen gemacht mit staatlicher Willkür und Doppelmoral. Lustvoll bringt er diese Erfahrung in den Film ein, ohne dass der in Sprechblasen-Pamphlete-Kino abdriftet. Trumbo und Stanley Kubrick arbeiten genau heraus, warum große Systeme zerfallen, wie deren Herrscher ihre Ziele verlieren und durch Floskeln ersetzen – und zur Zerstreung ihrer Langeweile ihren Untergang heranzüchten.

Die Sklavin Varinia erzählt Spartacus kichernd, sie sei ihrem Besitzer, Lentulus Batiatus, entkommen, indem sie vom Karren gesprungen sei und er sei so fett gewesen, dass er ihr nicht habe folgen können. Und als die römischen Militärs in der ersten Auseinandersetzung gegen die rebelierenden Sklaven sechs Kohorten ins Feld führen, freut sich Spartacus über „viele Waffen für den Aufbau unserer Armee.“ Dass die um ihre Freiheit kämpfenden Sklaven und sowieso die Gladiatoren unter ihnen in der Konfronation gegen die römischen Legionäre die besseren Kämpfer sind, darf er getrost voraussetzen.

„Alle Menschen verlieren, wenn sie sterben und alle Menschen sterben. Aber ein Sklave und ein freier Mann verlieren nicht dasselbe“, sagt Spartacus.
„Beide verlieren ihr Leben!“, sagt der Piratenkapitän, dessen Schiffe die Sklaven außer Landes in ihre Heimat bringen sollen.
„Wenn ein freier Mann stirbt, verliert er die Freuden des Lebens. Ein Sklave verliert seinen Schmerz. Der Tod ist die einzige Freiheit, die ein Sklave kennt.“

Nach drei Kinostunden siegt das römische Reich nicht etwa durch kluge Weitsicht, sondern weil es sich mit Piraten eingelassen hat. Das große Reich besticht die Piraten. Als deren Schiffe dann nicht kommen, sitzen die Sklaven in Brindisi fest und haben den römischen Großheeren, die mittlerweile aufziehen, kaum etwas entgegenzusetzen. Das große Reich kann es nicht dulden, dass seine Sklaven in die Freiheit wollen; sie haben „für Rom“ dazusein.

Für dieses schal gewordene, an seiner eigenen Macht erstickende Reich, steht der Prätor Crassus, den ein präzise spielender Laurence Olivier („Der Komödiant“ – 1960; „Der Teufelsschüler“ – 1959; „Der Prinz und die Tänzerin“ – 1957; „Richard III“ – 1955; „Die Bettleroper“ – 1953; „Hamlet“ – 1948; „Heinrich V.“ – 1944; „Stolz und Vorurteil“ – 1940; Rebecca – 1940) mit Arroganz, intellektueller Schärfe und Autorität versieht. Dieser Crassus ist so von sich überzeugt, dass er gar nciht verstehen kann, wie eine Frau, noch dazu eine Sklavin, ihn, den großen Prätor, den Wahrer Roms, nicht vergöttern kann:

„Ich gehöre Euch. Ihr könnt mich jederzeit nehmen.“
„Aber ich will Dich nicht nehmen. Ich möchte, dass Du gibst. Ich möchte Deine Liebe, Varinia!“, sagt der verständnislose Machthaber, der durchaus nicht nur Frauen nimmt.

Seine homoerotische Neigung, die der Film andeutet, fiel der Schere des Zensors zum Opfer. In dieser Szene versucht Crassus einen seiner Sklaven, Antoninus, zu verführen, während dieser ihn badet. Crassus fragt ihn, ob er Austern essen würde oder auch Schnecken. Antoninus antwortet bei Austern „wenn ich sie bekomme, Herr“ und bei Schnecken „Nein, Herr“. Crassus erwidert, während der Sklave ihn einseift, sein Geschmack umfasse beides, Austern und Schnecken. Niemand könne sich Rom widersetzen, kein Mann, schon gar kein Kind. Man könne nur auf eine Weise mit Rom verfahren: Ihr dienen, sich vor ihr erniedrigen, vor ihr kriechen, „Du musst sie lieben!“ Diese Szene wurde erst 1991 von Robert A. Harris wieder in den Film eingebaut, als der ihn restaurierte. Die Szene im Bad hatte Kubrick in einer einer einzigen Einstellung durch einen leicht im Wind wiegenden Vorhang hindurch gefilmt, noch dazu ohne Ton. Tony Curtis („Unternehmen Petticoat“ – 1959; Manche mögen's heiß – 1959; „Flucht in Ketten“ – 1958; Die Wikinger – 1958; „Trapez“ – 1956; Winchester 73 – 1950) mutmaßte später, man sei offenbar schon davonausgegangen, sie werde der Zensur zum Opfer fallen. Da Olivier aber bereits 1989 verstorben war, synchronisierte Anthony Hopkins Crassus in dieser Szene. Tony Curtis synchronisierte den von ihm dargestellten Antoninus. Das war leicht möglich, da man durch den Vorhang zwar allerlei sehen konnte, aber nicht, ob die Sprache lippensynchron ist.

Stanley Kubrick („Wege zum Ruhm“ – 1957; „Die Rechnung ging nicht auf“ – 1956; „Der Tiger von New York“ – 1955; „Fear and Desire" – 1953) inszeniert mit klarem Auge für die Umgebung. Seine Landschaften haben Tiefe, wirken nie leer oder zufällig. Seine mit Weitwinkel fotografierten Räume sind mit dem Lineal gezogene Fluchten, die Paläste hell und prachtvoll, die Kerker düster unter den Füßen der Mächtigen angeordnet. Kubricks Räume definieren die Menschen, die sich darin bewegen. Zusammen mit Dalton Trumbo braucht er nur wenige Federstriche, um das Gefälle zwischen Herrschaft und Sklave für den Zuschauer plastisch zu machen. Prätor Crassus besucht die Gladiatorenschule mit seiner Frau Claudia Marius, dem Kommandierenden der römischen Garde, Marcus Publius Glabrus, und dessen Frau Helena Glabrus und fordert zwei Schaukämpfe „auf Leben und Tod“, schon das ein unerhörter Vorgang. Tote Gladiatoren sind ja nichts mehr wert, also verspricht Crassus 20.000 Sesterzen; da bleibt dann auch Lentulus Batiatus die Luft weg. Dann dürfen die beiden Damen die Kämpfer aussuchen. Während Helena sich kühle Luft fächelt, verfügt Claudia, dass die Sklaven mit nur dem Nötigsten am Leib, also mehr oder weniger nackt, gegeneinander antreten sollen. Es sind nur wenige Sätze und wenige Bilder von blasierten Gesichtern, gefilmt aus der Untersicht der niederen Sklaven, mit denen Kubrick das Leben eines Sklaven, das Leben römischer Damen und die Arroganz der Herrschenden malt. Den ersten Gladiatorenkampf erlebt der eingesperrte Spartacus (und die Zuschauer) eher als Hörspiel, Spartacus‘ ersten Kampf dreht Kubrick aus leichter Untersicht, was die Kämpfer zu Giganten macht und den Kampf (auf Leben und Tod) umso bedrohlicher.

Kirk Douglas spielt Spartacus – und also die undankbarste Rolle. Spartacus fehlen Ecken und Kanten, er bleibt der strahlende Held bis in den Tod, ist jederzeit edelmütig, ein kraftvoller, wuchtiger Kämpfer, der sogar in Antoninus, der nun gar kein Kämpfer ist, noch einen Gewinn für den Sklavenaufstand sieht. Antoninus kann zaubern. Und singen. In einer bewegenden Sequenz bringt er Heimat – „I come home“ – auf den Punkt und Spartacus erkennt „jeder kann kämpfen, aber nicht jeder singen“, also soll Antoninus den rebellischen Sklaven das Singen beibringen. Die Feder gleichberechtigt neben dem Schwert. Solche Szenen, die die Handlung als solche nicht voranbringen, ja, sie sogar bremsen, stören dennoch nicht, weil sie die Einsicht des Zuschauers in die Figuren vertiefen. Auch, wenn Douglas („Der letzte Zug von Gun Hill“ – 1959; Die Wikinger – 1958; „Wege zum Ruhm“ – 1957; „Vincent van Gogh – Ein Leben in Leidenschaft“ – 1956; „Mit stahlharter Faust“ – 1955; „20.000 Meilen unter dem Meer“ – 1954; „Die Fahrten des Odysseus“ – 1954; Reporter des Satans – 1951) in dieser glatten Titelrolle nicht ganz und gar aufgehen kann, bleibt sie doch eine seiner bekanntesten, weil der Film dramatische Wucht entwickelt – und zwei Nebendarsteller, die die heimlichen Hauptdarsteller sind.

Zwischen den durchstrainierten, strahlenden Kirk Douglas und Shakespeare-Ikone und Großschauspieler Laurence Olivier („Eine der Nachteile, ein Patrizier zu sein, ist, dass Du Dich gelegentlich wie einer benehmen musst. Du musst Dein Wort halten.“) spielen Charles Laughton („Zeugin der Anklage“ – 1957; „Der Fall Paradin“ – 1947; „Unter schwarzer Flagge“ – 1945; „Der Glöckner von Notre Dame“ – 1939; „Meuterei auf der Bounty“ – 1935) und Peter Ustinov („Spione am Werk“ – 1957; Wir sind keine Engel – 1955; Quo Vadis – 1951) – und die lassen die Sau raus. Die beiden zur Fülle neigenden Männer haben große Lust und Freude am Spiel, was integraler Bestandteil der SchauSPIELerei sein sollte (abseits des gerühmten, streng minimalistischen Methode Acting, das zum Marlon Brando zelebriert). Die Szenen mit Ustinov (als Lentulus Batiatus) und Laughton (als Gracchus, der mächtige Mann im Senat), sind Perlen des filmischen Schauspiels. Der streng organisierte Kubrick wird seine liebe Mühe gehabt haben, die beiden im Zaum und am Script zu halten. Wunderbar.

Stanley Kubricks Epos über das alte Rom ist eine Gesellschaftsstudie. Über Herrschende und Behrrschte. Über Menschen, die herrschen, weil sie ihre Macht für Gott gegeben halten und die in ihrer Herrschaft vor lauter Langeweile lediglich Zerstreuung suchen. Der Zerfall großer Reiche kommt von innen. Kubrick und Trumbo, deren Rom noch goldene Jahrzehnte vor sich hat, zeigt, wie der Zerfall beginnt.

Wertung: 7 von 7 D-Mark