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Plakatmotiv: Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)
Die Jungs im Kindergarten hauen
sich mit atomaren Schäufelchen
Titel Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)
(Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb)
Drehbuch Stanley Kubrick + Terry Southern + Peter George
nach dem Roman „Bei Rot: Alarm! Der Roman des Drucktastenkriegs“ („Red Alert“) von Peter George
Regie Stanley Kubrick, USA, UK 1968
Darsteller Peter Sellers, George C. Scott, Sterling Hayden, Keenan Wynn, Slim Pickens, Peter Bull, James Earl Jones, Tracy Reed, Jack Creley, Frank Berry, Robert O'Neil, Glenn Beck, Roy Stephens, Shane Rimmer, Hal Galili u.a.
Genre Komödie, Krieg
Filmlänge 95 Minuten
Deutschlandstart
10. April 1964
Inhalt

US-Air-Force-General Jack D. Ripper versucht, auf eigene Faust einen Atomkrieg gegen die Sowjetunion auszulösen. Er schickt die ihm unterstellten B-52-Bomber auf dem Luftwaffenstützpunkt Burpelson los, um ihre A-Bombenlast auf die vorgegebenen Ziele in Russland zu werfen. Ripper ist überzeugt davon, dass die Sowjets das Trinkwasser der USA heimlöich fluoridieren, um dadurch die „wertvollen Körpersäfte“ der Menschen in den USA zu zersetzen. Seine Untergebenen hat er instruiert, den Stützpunkt unter allen Umständen zu verteidigen, da „die Roten“, womöglich gar als amerikanische Soldaten verkleidet, die Basis angreifen könnten. Außerdem hat er zwecks Unterbindung von Täuschungsmanövern des Gegners alle Telefon- und Datenverbindungen kappen lassen.

Bei einer Krisensitzung im War Room des Pentagons informiert General Buck Turgidson US-Präsident Muffley über die Situation. Die Bomber seien auf dem Weg und könnten nicht mehr zurückgerufen werden, die Sowjetunion würde mit Sicherheit zurückschlagen. Turgidson schlägt dem Präsidenten daher vor, alle verfügbaren Atomwaffen gegen die Sowjetunion einzusetzen, um so den vollständigen Sieg zu erringen. Die eigenen Verluste könnte man dann bei 25 Millionen Toten halten, was gegenüber 150 Millionen bei zögerlichem Handeln noch als Erfolg gewertet werden könne.

Plakatmotiv: Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)Muffley ist über diesen Vorschlag entsetzt. Er werde nicht „als größter Massenmörder seit Adolf Hitler in die Geschichte eingehen“, sagt er, holt den sowjetischen Botschafter in die Kommandozentrale und kontaktiert den Moskauer Kreml. Der Botschafter klärt die Anwesenden auf, dass die Sowjetunion eine Weltvernichtungsmaschine konstruiert und aktiviert habe, die einen eventuellen atomaren Angriff automatisch und unaufhaltsam beantworten würde, indem sie alles Leben auf der Erde mit einem atomaren Fallout vernichten werde. Notgedrungen setzen nun beide Regierungen alle Mittel ein, um die fatale Lage zu meistern.

Präsident Muffley lässt den Luftwaffenstützpunkt zurückerobern. Kommandant Jack D. Ripper erschießt sich auf der Toilette, weil er fürchtet, gefoltert zu werden, um den Rückrufcode zu verraten. Dem britischen Austauschoffizier Group Captain Lionel Mandrake gelingt es trotzdem, den Rückrufcode für die Bomber herauszufinden. Nach diversen Schwierigkeiten schafft er es schließlich, eine Verbindung zum Pentagon zu bekommen und den Code durchzugeben. Alle Bomber kehren daraufhin um. Nur eine Maschine mit dem Spitznamen The Leper Colony („Die Leprakolonie“) unter dem Kommando von Major „King“ Kong kann den Rückkehrbefehl nicht empfangen: Der Bomber wurde von der sowjetischen Luftabwehr beschossen, Funkanlage und Tank sind beschädigt.

The Leper Colony verliert Treibstoff und kann das primäre Angriffsziel (das der sowjetischen Luftabwehr gegen den Protest von General Turgidson mitgeteilt worden war) nicht mehr erreichen. Nach Berechnung der verbleibenden Reichweite entscheidet sich die Besatzung deshalb für eines der in den Einsatzunterlagen ausgewiesenen Ausweichziele. Da das Flugzeug so tief fliegt, dass es vom gegnerischen Radar nicht erfasst werden kann, ist es der sowjetischen Luftabwehr nicht möglich, es abzufangen. The Leper Colony führt daher den Angriff aus – nun streikt aber der Ausklink-Mechanismus für die Bombe. Major Kong steigt in den Bombenschacht, und es gelingt ihm, das Problem zu beseitigen, allerdings löst sich die Bombe, als er selbst noch darauf sitzt. Mit einem Freudenschrei, seinen Cowboyhut schwenkend, stürzt Kong mit der A-Bombe in die Tiefe …

Was zu sagen wäre

Die Welt der Militärs ist ein Kindergarten nur für Jungs. Darin hauen sich die Kinder mit Schäufelchen, führen Penisvergleiche durch. Und wenn sie gerade nicht gegenseitig ihre Sandburgen kaputt machen, denken sie an Sex. In der Elternrolle in diesem Kindergarten findet sich der Präsident des Landes wieder, unablässig bemüht, Schlimmeres zu verhindern. Erschwert wird das durch Eltern, die die Lage nicht so streng sehen, gerne einen Wodka trinken und schon nachmittags die Sekretärin aufs Zimmer rufen – wie etwa der russische Papa im Kindergarten.

Plakatmotiv: Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)Stanley Kubrick hat einen großen, verklausulierten Porno gedreht, in dem es vor sexuellen Anspielungen und gezeigten Akten wimmelt, aber nur eine einzige Frau auftaucht; die aber wenigstens im Bikini und – den Jungs angemessen – doof. Schon die Auftaktsequenz, in der ein B-52-Bomber in der Luft mit einem langen Rüssel betankt wird, gleicht einem Geschlechtsakt, angefeuert durch die romantische, bei Otis Redding entlehnte Schnulze „Try a Little Tenderness“. Dazu kommen die Namen der handelnden Figuren.

General Jack D. Ripper erinnert an den berühmten Prostituiertenmörder Jack the Ripper, Der Vorname des Präsidenten Merkin Muffley bezeichnet im Slang ein Schamhaar­toupet. Kubrick inszeniert Krieg als Geschlechtsakt viriler Männer mit anderen virilen Männern. Sämtliche Protagonisten unterdrücken ihre Triebe und entwickeln daraus verschiedene Bewältigungsstrategien. Wenn der andere ein größeres Schäufelchen hat, kontern wir halt mit zwei großen Schäufelchen. Gemein wird es erst, als die anderen einen Kindergartenvernichtungsmechanismus installiert haben, von dem keiner was wusste, weil das erst beim Elternabend (Nationalkongress) am kommenden Dienstag allen anderen zur Abschreckung ins Klassenbuch geschrieben werden sollte. „Die Weltvernichtungsmaschine kostete uns nur einen Bruchteil der normalen Militärausgaben im Rüstungs-, Weltraum- und Friedenswettlauf“, sagt der russische Botschafter. Blöd – da war das russische Marketing langsamer als General Rippers Angriff.

Nun ist es zu spät. Aber wer nun in der Kindergartenverwaltung glaubt, die unterlegenen Kinder zögen den Schwanz ein und gingen heim, der irrt. Bei den Amerikanern spielt so ein komischer Deutscher mit, der im Rollstuhl sitzt, zu Schwanzvergleichen also nicht zu taugen scheint, der aber pfiffige Ideen hat. Wenn der Kindergarten zwangsläufig vernichtet wird, sagt der, bauen wir halt Stollen tief in die Erde, warten 100 Jahre und kommen frisch und gesund wieder an die Oberfläche – die dann keine russischen Kinder mehr kennt; die sind ja alle atomar verdampft.

Anders, als im Wahnsinn kann man sich dem Rüstungswettlauf als Geschichtenerzähler nicht nähern, will man Statements setzen. Und Kubrick packt den ganzen Wahnsinn auf den Tisch. Kaum hat jener titelgebende Dr. Strangelove („Früher hieß der Mann Merkwürdig.“) die Idee mit den Bergwerksstollen ausgepackt, wird der Präsident gedrängt, sofort loszulegen, damit es im Bergwerkstollenbau-Wettlauf mit den Russen nicht zu einer katastrophalen Bergwerksstollenlücke komme. Moralische Bedenken des Präsidenten, wer denn die Auswahl der Menschen leiten solle, die das Überleben sichern sollten, räumt Dr. Strangelove mit einem „Zuchtprogramm für Menschen“ aus dem Weg, das unter anderem vorsieht, für jeden Mann zehn Frauen mitzuschicken. Dafür solle ein Elektronengehirn die tüchtigsten und genetisch optimalen Teilnehmer selektieren – und natürliich die Herrschenden und anwesenden Experten, denn irgendwer müsse den Laden ja schließlich am Laufen halten. Die theoretische Konstellation von zehn Frauen pro Mann in den Schutzräumen beschäftigt und interessiert die Herren in der Kommandozentrale mehr als logistische Aspekte dieser Evakuierung. Über diesen erfolgreichen Plan zur Aufzucht einer neuen Herrenrasse gerät der aus Nazi-Deutschland importierte Dr. Strangelove in derartige Wallungen, dass er sich aus seinem Rollstuhl erhebt, den Arm zum Hitlergruß hochreißt und schreit: „Mein Führer, ich kann wieder gehen!“ Da finden Allmachtsphantasien und Triebstau im Sandkasten zur neuen Gottheit zusammen.

Plakatmotiv (Wiederaufführung): Dr. Seltsam oder: Wie ich lernte, die Bombe zu lieben (1964)Die self fulfilling prophecy, die Kubrick hier entfesselt, ist selbsterklärend und wird unterstützt durch extreme Kameraperspektiven. Wenn General Ripper seinem britischen Group Captain seine Motivation („Fluoridation des Wassers“) erläutert, schaut Kubricks Kamera unter des Generals Schreibtisch auf diesen hoch, der wirkt wie ein Riese, dem ein gigantischer Phallus im Mundwinkel hängt – eine fette Zigarre. Kubricks Räume in den Totalen bestehen aus langen Achsen, konzentrischen Kreisen, geraden Linien – alles von Menschenhand, nichts Natürliches, alles geschaffen, um zu vernichten.

Die Paranoia des Jack D. Ripper ist eine Anspielung auf die während der McCarthy-Ära in den USA weit verbreiteten Vorstellungen von „kommunistischer“ Infiltration des Trinkwassers, um die Potenz(!) des Mannes zu schädigen. Ripper will die Vergiftung erstmals bei der „Ausübung des Geschlechtsaktes“ gespürt haben. Ripper trinkt aus diesem Grunde nur noch destilliertes Wasser oder Regenwasser, vermischt mit reinem Alkohol – was seinen Verstand und schließlich die Welt zerstört. Wegen dieser Fluoridierung trinken die „Russkis“ seiner Meinung nach nur Wodka.

Kubrick hat sich für seine Atom-Farce ein spektakuläres Ensemble zusammengesucht. Mit Peter Sellers (Der rosaroten Panther – 1963) hat er einen Glücksgriff getan. Die beiden kennen sich seit ihrer Zusammenarbeit bei Lolita (1962), wo er den vielgesichtigen Clare Quilty spielte. Damals deutete sich an, worin seine große Stärke liegt – in der Verwandlung. Als Quilty war er Quilty in verschiedenen masken, jetzt ist er drei verschiedene Charaktere – eigentlich sollten es gar vier werden: Als höflicher, aber hilflos stotternder britischer Group Captain Lionel Mandrake, als US-Präsident Muffley und als Dr. Strangelove; und man muss bei jedem dreimal hinsehen und -hören, um ihn jeweils zu erkennen. Peter Sellers ist eine Rampensau von höchster Qualität. Warum er schließlich nicht die ihm auch angebotene Rolle des fatalen B52-Piloten Major „King“ Kong angenommen hat, darüber gibt es verschiedene Gerüchte; nun spielt Slim Pickens den Piloten und das stört nicht, im Gegenteil: Pickens spielt diesen Kong wunderbar stoisch mit geerdetem Nationalstolz.

Als Jack D. Ripper gibt Sterling Hayden die Glanznummer eines beinharten Kommiskopfes – mit allerlei Wahnvorstellungen. Es ist nach Die Rechnung ging nicht auf (1956) die zweite Zusammenarbeit mit Kubrick. Hayden Auftritt als Kommunistenfresser ist insofern bemerkenswert, als er eine kurze kommunistische Karriere hatte. Er war 1946 für sechs Monate Mitglied der Kommunistischen Partei, was ihm Schwierigkeiten mit dem Komitee für unamerikanische Umtriebe von Joseph McCarthy einbrachte. Vor diesem Komitee bereute er 1951 seine Mitgliedschaft und nannte die Namen anderer Kommunisten. Später verachtete er sich für seine Denunziation und entschuldigte sich.

Dann ist da noch General Buck Turgidson. Der wird gespielt von George C. Scott („Die Totenliste“ – 1963; Haie der Großstadt – 1961; Anatomie eines Mordes  – 1959). Und man darf annehmen, Mister Scott im Glück und mit Spaß bei der Arbeit zu erleben. So lebendig, so exaltiert spielt er diesen Bomben- und Bikini-geilen Militaristen, für den sich Krieg auf die Frage reduziert, wer den größeren hat – der Spaß an dieser Rolle spritzt ihm aus jeder Pore. Scott drängt sogar Peter Sellers zur Seite.

Zuständig für das Design des War Room war Ken Adam. Er ist das Mastermind hinter Schurkenpalästen zahlreicher James-Bond-Filme. Das Motiv der Kommandozentrale mit den riesigen Monitoren, dem großen Rundtisch und der charakteristischen Beleuchtung wurde in späteren Filmen und Serien (vorwiegend Komödien und Zeichentrickserien) oft aufgegriffen.

Wertung: 7 von 7 D-Mark
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