Kinoplakat: Spider-Man – Homecoming
Neuer Spider-Man fürs MCU
Einer für die jüngere Generation
Titel Spider-Man – Homecoming
(Spider-Man: Homecoming)
Drehbuch Jonathan Goldstein + John Francis Daley + Jon Watts + Christopher Ford + Chris McKenna + Erik Sommers
nach den Comics von Stan Lee + Steve Ditko + Joe Simon + Jack Kirby
Regie Jon Watts, USA 2017
Darsteller Tom Holland, Michael Keaton, Robert Downey Jr., Marisa Tomei, Jon Favreau, Gwyneth Paltrow, Zendaya, Donald Glover, Jacob Batalon, Laura Harrier, Tony Revolori, Bokeem Woodbine, Tyne Daly, Abraham Attah, Hannibal Buress u.a.
Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 133 Minuten
Deutschlandstart
13. Juli 2017
Website spidermanhomecoming.com
Inhalt

Nachdem der 15-jährige Peter Parker als Spider-Man an der Seite von Iron Man am Leipziger Flughafen gegen feindliche Avengers vorgegangen war, um Captain America zu verhaften, hinterließ ihm Stark eine neue Ausrüstung. Der hat viele tolle Funktionen, die Peter nur noch nicht so recht beherrscht – und auch keine Zeit hat, sie auszutesten, weil er erst einmal wieder die Schulbank drücken muss.

Er besucht die New Yorker Midtown High und kann sich hier nur schwer auf den Unterricht konzentrieren, weil er immerzu an die Geschehnisse in Deutschland denken muss und sich immer wieder Szenen des Kampfes gegen die Avengers, die im Fernsehen gezeigt wurden, auf seinem Laptop anschaut. Ned, ein Wissenschaftsnerd und Peters bester Freund, ist völlig begeistert, als er herausfindet, dass Peter ein Doppelleben als Superheld führt. Beide gelten in der Schule als Außenseiter, und Peters Mitschüler Flash putzt ihn – „Penis Parker“ – bei jeder sich bietenden Gelegenheit runter.

In seiner Freizeit bekämpft er Fahrraddiebe und weist Verirrten den Weg, doch der frischgebackene Spider-Man hat Blut geleckt, und er will mehr tun, als hier und da einen Einbruch zu verhindern. Stark will ihn noch nicht zu einem offiziellen Mitglied der Avengers machen, doch Peter fragt fast täglich bei Happy Hogan nach, ob er für irgendeine Mission gebraucht wird. Als mit „Vulture“ (Geier), dem skrupellosen Waffenhändler Adrian Toomes, dem er zufällig in die Quere kam, ein neuer Bösewicht auf den Plan tritt, bekommt er schneller als gedacht alle Hände voll zu tun. Vulture hatte acht Jahre zuvor in den Trümmern, die bei einem Alien-Angriff auf New York entstanden waren, außerirdische Technologie geborgen und nachdem ihm weitere Bergungen untersagt wurden, einiges davon zur Seite geschafft, obwohl das Department of Damage Control dies eigentlich verhindern wollte. Weil Peter weder Hogan noch seinen Mentor Tony Stark von der Gefahr, die von Vulture ausgeht, überzeugen kann, macht er auf eigene Faust Jagd nach ihm, denn er wittert endlich seine Chance, sich als Superheld zu beweisen. Hierbei gelangt ein Chitauri-Modul, ein Stück der außerirdischen Technologie, in seine Hände. Gemeinsam mit Ned will er versuchen, hinter das Geheimnis dieser Technologie zu kommen. Hilfe bekommt er auch von dem Sprachassistenten seines Anzugs, den er entdeckt, nachdem Ned die von Stark eingebaute „Stützräderfunktion“ ausschalten kann. Er nennt die künstliche Intelligenz mit der charmanten Frauenstimme Karen.

Peter muss vor seiner Tante May seine Superheldenitentität verheimlichen und auch noch für die Schule lernen. Einer der wenigen Lichtblicke an der Schule ist Liz, in die Peter heimlich verliebt ist. Die Präsidentin des Akademischen Zehnkampfteams seiner Schule, dem auch Peter angehört, ist eine zielstrebige Schülerin der Oberstufe, nimmt ihn anfänglich aber nur wegen seines enormen Wissens wahr. Auch Flash Thompson versucht sich in dieser Gruppe hervorzutun, doch er kann Peter nicht das Wasser reichen. Auch Michelle ist in diesem Team, und als sie gemeinsam zu einem Wettstreit nach Washington fahren und Ned das Chitauri-Modul mit in das Washington Monument nimmt, wird dieses aktiviert, und Peters Team droht mit dem hierdurch beschädigten Fahrstuhl abzustürzen, doch er kann im letzten Moment alle retten. Peter erfährt von einem Kleinkriminellen, den er aus einer heiklen Situation befreite, dass sich Vulture und einige seiner Leute auf der Staten Island Ferry befinden. Beim Versuch, sie dort gefangen zu nehmen, wird die Fähre fast zerstört, und Iron Man muss einschreiten, um eine Katastrophe zu verhindern. Unbd er ist nicht begeistert.

Parker solle sich auf die Schule und den ein oder anderen Kleinkriminelle konzentrieren – „Kannst Du nicht sowas wie ein freundlicher Held aus der Nachbarschaft sein?“; für so große Sachen sei er noch nicht trainiert. Kurzerhand nimmt er Peter den High-Tech-Anzug wieder weg. „Aber ohne den Anzug bin ich nichts.“ „Wenn Du ohne ihn nichts bist, solltest du ihn nicht haben!“

Frustriert und enttäuscht kehrt Peter zu seinem dasein als gemobbter Schüler zurück, kann aber immerhin, als der große Schulball – „Homecoming-Ball“ – ansteht, Liz überzeugen, ihn dorthin zu begleiten. Sie willigt ein, und seine Tante May bereitet ihn auf seinen großen Abend vor. Als Peter sie zu Hause abholen will, öffnet ihm Liz‘ vater die Tür . Und aus Peters Tanz mit Liz wird dann doch nichts…

Was zu sagen wäre
Zu jedem High-School-Film gehört ein Schulball, zu dem der schüchterne Held endlich über seinen Schatten springen muss, um seine Angebetete zu fragen, ob sie ihn begleiten möge. So ist das auch hier. Der Schulball läuft unter dem Motto „Homecoming“ und so ist es ganz okay, dass auch diese Episode der Spider-Man-Filme so heißt, auch wenn jeder weiß, dass dieses Heimkommen eigentlich bedeutet, dass die populärste Heldenfigur aus dem Comicuniversum des MARVEL-Verlags nun endlich in die große Familie des Marvel Cinematic Universe (MCU) eintreten kann – wenn auch die Kinorechte weiter bei SONY Columbia verbleiben. Die Japaner haben mit ihren Spider-Man-Filmen in zwei Anläufen anderthalb Mal Schiffbruch erlitten und geben also die Kinofigur in die – bisher sehr erfolgreichen – Hände des Showrunners/Produzenten Kevin Feige. Einen ersten Auftritt hatte dieser neue Spider-Man in Captain America: Civil War am Leipziger Flughafen, eine Szene, die der vorliegende Film weidlich ausschlachtet; sicher auch, um Spider-Man endgültig und fest im MCU zu verankern.

Peter Parker darf wieder Teenager sein

Nun also „Homecoming“. Dass der Film heißt wie ein Schulball und nicht etwa sowas wie „Die Schwingen des Geiers“, macht noch etwas deutlich. Peter Parker ist im Kino jetzt so alt, wie er in den ursprünglichen Comics immer war: ein Teenager, ein Mobbingopfer, das (anders als in den alten Originalen) mit Seinesgleichen abhängt. Nicht zuletzt deshalb ist Peter Parker der Star unter den MARVEL-Helden, eben weil er war und ist, wie seine Leser – auf der Suche nach sich und seinem Platz im Leben. Und dieses Leben hat sich über die Jahrzehnte immer neu den Realitäten seiner Leser (und heute eben auch: Zuschauer) angepasst.

Kinoplakat: Spider-Man – Homecoming

Damals konnte eine Tante May uralt sein, niemand wunderte sich, dass die Schwester von Peters Vater/Mutter eine Generation älter zu sein schien. Heute hat May ein Alter, das eher realistischen Familienverhältnissen angepasst ist. In den 60er-Jahre Comics hatten nahezu alle Schüler blonde Haare und blaue Augen. Heute sehen sie aus, wie Mitschüler im 21. Jahrhundert nun mal aussehen. Manhattans Midtown High wirkt wie ein Schmelztiegel der Kontinente. In der Schule – damals – wurde Peters social life personifiziert durch die Figuren Liz (blond, patent, erster Schwarm), Gwen (blond, einfühlsam, heimliche Liebe), Flash (blond, Muskeln, Arschloch) und – später – Mary Jane (rothaarig, heißer Feger, neue Möglichkeiten). Im Familienleben gibt es Tante May. Diese Figuren beeinfluss(t)en Peter.

Bis auf May sind all diese Figuren verschwunden. Als Ersatz bieten die Filmemacher Abziehbilder von Klischee-Jugendlichen. Schon das Social-Life des Helden in den 60er-Jahre-Comics war ein Klischee – muss es sein, um auf Comic-Ebene zu funktionieren. Aber die neuen Figuren wirken, wie in einer diesbezüglichen TV-Show politisch korrekt multiethnisch gecastet: Liz (Love-Interest) ist heute eine schlanke Farbige mit sehr großen Augen. Der in den Comics nicht vorkommende Ned (best buddy) ist ein sehr übergewichtiger Asiate und dient vor allem als Adresse, an die Peter seine (in den Comics stummen) Inneren Monologe richten kann. In ihrem Zusammenspiel wird deutlich, dass diese Spider-Man-Kinoversion für die jüngere Zielgruppe gedreht und erzählt ist – und nicht für den Weißhaarigen, der die Comics in den 70er Jahren gelesen hat. „Spider-Man – Homecoming“ ist unter MARVELs Superheldenfilmen das Drama für die Teenies.

Lebensfrohe Disco-Queen geht – Schmollmündige Revolution kommt

Das einst im Comic intellektuell minderbegabte, blonde Football-Ass Flash (Arschloch) ist heute ein intellektuell mäßig begabter, unsportlicher Discjokey mit indischem Migrationshintergrund. Gwendolyn Stacy ist nicht mehr vorhanden. Mary Jane, die ehemals rothaarige Disco-Queen, nennt sich heute immer noch MJ, ist aber nicht nur nicht mehr rothaarig. Sie ist auch keine Disco-Queen mehr, sondern heißt eigentlich Michelle, ist eine Außenseiterin mit lateinamerikanischen Genen, die in jeder freien Minute Bücher liest wie „Of Human Bondage“ und die sich weigert, das Washington Monument zu betreten, weil sie grundsätzlich kein Gebäude betritt, „das aus Sklavenhand erbaut wurde“. Die Fuguren wirken wie auf den politisch korrekten Weltmarkt hin konstruiert.

Der weißhaarige Kinogänger aber, der mit blonden Gwens und rothaarigen EmJais in Comics groß wurde, sollte sich hüten, selbstgerechte Urteile zu fällen, darf sich jedoch wundern: Bieten diese multiethnisch ausgewogenen Figuren ohne Eigenschaften den heutigen Teenagern dieselben Fluchten, wie die Comicfiguren dem damals noch nicht Weißhaarigen? Diese Michelle, die sich aus noch ungeklärter Ursache MJ nennt, ist eine coole Leserin von Büchern, die heutige Intellektuelle erst mit etwa 40 zur Hand nehmen – Wow! Liz, die ebenso hübsche wie süße Ober-Intelligente, ist vor allem hübsch. Ihre Intelligenz bleibt Behauptung und es braucht schon diese Szene, in der sie im Badeanzug am Swimmingpool sitzt, um pubertäre Träume zu entfachen.

Onkel Ben hat seine Schuldigkeit getan, es diletiere Tony Stark

Radioaktive Spinne. Onkel Ben. Mit großer Macht kommt große Verantwortung. Das ist zum Glück durch. Die Spider-Man-Genese wurde im Kino der Nuller-Jahre zweimal durchgekaut, Kevin Feige und sein Regisseur John Watts setzen sie als bekannt – oder auch als nicht so wichtig – voraus. Onkel Bens Rolle des Mentors übernimmt Tony Stark/Iron Man. Dabei benimmt er sich so täppisch, dass das fast den Film sprengt: Da deckt sein neuer Schützling einen Schurkenring auf, der mit Alientechnologie um sich ballert und Anzüge baut, mit denen sich größere Verwüstungen anrichten lassen – da ruft aber Stark nicht etwa den ein oder anderen Avenger hinzu, nein, er ruft schnöde das FBI. Das passt nicht zu dem schrägen Industriellen in diesem von Aliens überbevölkerten MCU.

Dieser Großindustrielle und Ex-Waffenhändler Tony Stark hat in diesem aus Teenie-Sicht erzählten Film ohnehin eine bemerkenswerte Metamorphose hinter sich. Aus dem anderswo strahlenden Held mit eitlen Schüben ist ein affektierter Fatzke geworden, der die Erziehungsaufgaben eines klassischen Mentors an seinen Assistenten Happy Hogan deligiert und der, wenn er Peter denn mal selbst zusammenfaltet, nur eine seiner Rüstungen vorbeischickt; nicht sehr hilfreich für verzweifelt nach Sinn suchende Teenager.

Kinoplakat: Spider-Man – Homecoming

Tony Stark als Feindbild Erwachsener

Stark tritt als Vertreter eines Systems (aus der Erwachsenenwelt) auf, das der Zuschauer schon nach fünf Minuten als widerwärtig empfindet – und eher mit dem kommenden Schurken empfindet als mit dem System. Nach den Verheerungen des Alien-Angriffs auf New York vor acht Jahren wurde eine kleine Entrümpelungsfirma damit beauftragt, den Alienschrott zu entsorgen. So erzählt es der Film in der Openingsequenz. Abgesehen davon, dass es ohnehin höchst erstaunlich ist, einem namenlosen Bautrupp die Verantwortung für die Entsorgung von Hochtechnologie aus fernen Galaxien anzuvertrauen, tritt dann die geballte, Anzug tragende Staatsmacht auf, die dem Bautrupp den Job wieder wegnimmt und auch nicht einlenkt, als der Chef des Bautrupps erklärt, er habe extra für diese Aufgabe LKWs gekauft und Leute angestellt. „Hätten Sie halt nicht so viel Geld ausgegeben“ ist alles, was den Vertretern der Staatsmacht einfällt, während sie die sieben Männer des Trupps in die Sozialfürsorge katapultiert und dann gemeinsam mit Tony Stark das große Geschäft macht (das macht ein späterer TV-Beitrag deutlich). Aus dem Chef des Bautrupps ist acht Jahre später der Superverbrecher Vulture geworden, und der Zuschauer im Kinosessel hat dafür Verständnis – das System frisst sich immer selbst.

Ein großer Schauspieler

Michael Keaton spielt diesen Vulture mit wunderbarer Ambivalenz: ein Schurke, der zu Recht(?) auf Wiedergutmachung sinnt, ein liebevoller Vater und gnadenloser Mörder. Der Mann der DC's populärster Held Batman (1989) war, diese Rolle Jahrzehnte später in Birdman oder (Die unverhoffte Macht der Ahnungslosigkeit) karikierte, schließt als Superschurke gegern MARVELs populärsten Helden einen poetischen Kreis; einer der talentiertsten Schauspieler seiner Generation – er kann Klamotte, Thriller, Drama und Lover – bleibt mit seinen Rollen als Comicfigur haften.

Tom Holland spielt Peter Parker. Damit hat er sich einen schweren Anzug übergestülpt. Aber unter den fürsorglichen Fittichen Kevin Feiges und nach dem großartigen Prolog in Civil War macht er seine Sache sehr gut – hibbelig, im Heldendasein noch nicht geschult – wunderbar, welche Szenen und Bilder der Film für Spideys Anfänge als Friendly Neighbour findet, die lassen Gänsehautschauder seliger Erinnerung über den Rücken laufen – aber schon mit dem gewissen Etwas ausgestattet (eben ganz anders, als sein nervtötender Kumpel Ned). Als schüchternes, 14-jähriges Mobbingopfer ist sein Oberkörper, den er mehrfach freimacht, zu gut ausdefiniert – aber der Schauspieler, Jahrgang 1996, ist ja auch zu alt, um einen 14-Jährigen zu spielen.

Der dritte Anlauf für eine Spider-Man-Serie im Kino (insgesamt ist es der vierte, aber den Kinofilm „Spider-Man – Der Spinnenmensch“ von 1977 wollen wir mal sittsam verschweigen) wirkt gelungen: bunt, lebendig, witzig und vor allem: ausbaufähig.

Wertung: 4 von 8 €uro