Kinoplakat: Spider-Man 3
Blau-Roter Kai aus der
Kiste in alles-Egal-Movie
Titel Spider-Man 3
(Spider-Man 3)
Drehbuch Sam Raimi + Ivan Raimi + Alvin Sargent
ach den Comics von Stan Lee + Steve Ditko
Regie Sam Raimi, USA 2007
Darsteller Tobey Maguire, Kirsten Dunst, James Franco, Thomas Haden Church, Topher Grace, Rosemary Harris, J.K. Simmons, Bryce Dallas Howard, James Cromwell, Dylan Baker, Bill Nunn, Cliff Robertson, Theresa Russell, Ted Raimi, Elizabeth Banks, Mageina Tovah u.a.
Genre Comic-Verfilmung
Filmlänge 139 Minuten
Deutschlandstart
1. Mai 2007
Inhalt

Teaser-Bild: Tobey Maguire ist Peter Parker ist Spider-ManSo könnt's ewig weiter gehen: Die ganze Stadt liebt Spider-Man. Kids jubeln von seinen Taten, an der Uni sammelt Peter Parker lauter gute Noten. Heute wird ihm die Ehrenbürgerwürde der Stadt New York überreicht. Und endlich hat er sich entschlossen, Mary-Jane den Antrag zu machen.

Zu dieser Zeit versteckt sich auf der Flucht aus dem Knast Flint Marko in einem Sperrgebiet, gerät in einen radioaktiven Versuch und wird … zu Sand, lebendem Sand. Und bei Peters und Mary-Janes Techtelmechtel am Waldrand vor ein paar Tagen war unter den ganzen Sternschnuppen am Himmel eine, die keine war; sondern ein kleiner Meteorit, der etwas Böses brachte – etwas, das sich an Peter Parker heftete.

Und schließlich ist da immer noch Harry Osborn, der Peters Geheimidentität kennt; Harry macht SPIDER-MAN für den Tod seines Vaters, des GRÜNEN KOBOLD, verantwortlich. Als sich Markos Flucht samt rätselhaftem Verschwinden herum spricht, stellt sich heraus, dass er für den Tod von Peters Onkel Ben verantwortlich ist, nicht etwa jener Autodieb, den Peter als SPIDER-MAN bald darauf aus dem Weg räumte.

Lange Rede, kurzer Sinn: Peters Leben steht vor dem Bruch. Mary-Jane Watson hat ihre Broadway-Premiere verpatzt und wird gefeuert. Peter kriegt das gar nicht mit; er ist viel zu sehr mit seiner Beliebtheit beschäftigt. Und als er sich gerade mal nicht gegen den GRÜNEN KOBOLD Jr. zu wehren hat, überfällt ihn das Böse aus dem All und ergreift Besitz von ihm. Der ehemals freundliche Nachbar Peter Parker mutiert zum egoistischen Arschloch, sein blau-rotes zweites Ich zum schwarzen Killer. Mary Jane gerät an den KOBOLD, der junge Schnösel Eddie Brock macht Peter seinen Photographen-Job beim Daily Bugle streitig und als Flint Marko wieder auftaucht, räumt er als unzerstörbarer SANDMAN Geldtransporter aus …

Was zu sagen wäre

Ein Reinfall. Betrachtet man die reine Action, ist wenig einzuwenden. Die CGI-Designer leisten gute Arbeit, die choreographischen Finessen sind hübsch und SANDMAN vs. SPIDER-MAN bietet flotte Überraschungen. Auch VENOM, jenes böse Monster aus dem All ist optisch gelungen und die Schwingerei durch die Straßenschluchten ist state of the art. Das alles war zu erwarten und zusammen genommen – inklusive der Verfolgungsjagden zwischen KOBOLD und SPIDEY – wirkt das alles wie ein Computergame ohne Joystick. Und weil ja die produzierenden Columbia-Studios zum SONY-Konzern gehören, liegt nahe, welche Abteilung bei der Action die Aufsicht führte: die Programmierer für die Playstation. Den lästigen Rest, der zu einem Film fehlt, muss dann halt rasch das Drehbuch liefern.

Raimi raubt Spidey die Seele

„Das kann ja nicht so schwer sein”, werden sie in Hollywood gedacht haben. „Wir haben eine beliebte Comicfigur, ordentliche Action, können uns die besten Programmierer mit der besten Software leisten und haben als Plot schließlich den epischen Kampf zwischen Gut und Böse, vermischt mit romantischen Verzwickungen. Außerdem werden alle ins Kino rennen, die Spider-Man 2 gesehen haben.” So muss das gewesen sein in den Planungen zu Teil 3, denn mit dieser Alles-Easy-Einstellung wurde das Drehbuch zusammengeschustert.

Sam Raimi war mal angetreten, seinen Comic-Helden unter allen Umständen ernst zu nehmen, dem Comic „seine Seele zu lassen”, die Geschichte zu achten. Das tut er im dritten Teil nicht mehr. Die Jubelarien, die ganz New York auf SPIDER-MAN singt, sind absurd und widersprechen diametral der Comicvorlage. Der Hass der veröffentlichten Meinung auf den blau-roten Kämpfer war Motivation des Helden und Sinnbild der Zerrissenheit Peter Parkers – dauernd fühlte er sich in der gezeichneten Vorlage verpflichtet, zu beweisen, dass er kein böser Junge ist, muss seine Einsamkeit und Verzweifung nieder kämpfen, um gegen die Schurken anzutreten.

Plumpes Gut-Böse-Schwarz-Weiß

Die Speerspitze des Hasses war Verleger J. Jonah Jameson mit seinem mächtigen Flagschiff, dem „Daily Bugle”. Im Film ist der Bugle ein Blatt mit schwindender Auflage und ohne Einfluss auf die öffentliche Meinung. Die Jubelarien sind nur für eines gut: Die Hilflosigkeit Sam Raimis zu überdecken.

Raimi kann die in Trailern angekündigte Höllenfahrt seines Helden nur glaubwürdig machen, indem er ihn vorher in strahlendes Licht taucht. Keine Zwischentöne. Als würde Peters ohnehin ständig lavierender, schüchterner Charakter als Gegenstück für die Höllenfahrt nicht reichen. Statt Charakterstudie auf hohem Comic-Niveau liefert Sam Raimi eine plumpe Schwarz-Weiß-Gut-Böse-Story ab, die jeder Comicleser sofort in die Tonne kloppen würde. Die Verfilmung eines Comics erfordert keine Charakterstudien à la Ingmar Bergmann. Aber sie sollte mit den Charakteren und der Handlung in sich schlüssig bleiben. SPIDER-MAN 3 aber hängt plump eine Behauptung an die andere. Wenn Mary-Jane ihm sagt, es sei aus, ist Peter angemessen traurig und ein bisschen sauer. Das muss dann schon reichen als Motivation, sich dem Schwarzen Bösen hinzugeben. Würde er seine Wandkrabbler-Künste nicht einsetzen, um herauszufinden, mit wem sich die Frau, die er eben noch heiraten wollte, jetzt trifft? Vielleicht. Aber dann hätte ja der Film nicht funktioniert.

Wurde Spider-Man nachträglich zum Totschläger?

Und natürlich darf auch der böse SPIDER-MAN nicht so böse sein, den SANDMAN einfach zu töten. Wenn unser Held dem Sandigen schon kaltblütig den (vorläufigen) Garaus macht, dann muss der Böse wenigstens für den Tod von Onkel Ben verantwortlich sein, - Killer-Kai aus der Kiste (was war denn dann eigentlich im ersten Teil? Hat sich Spidey dann dort zum Totschläger gemacht?). Anders würde es den Moralvorstellungen der Filmstudios wahrscheinlich nicht entsprechen. Und das einzige, das diesen vorgeblichen Garaus begründet, ist am Ende die schicke CGI-Optik, mit der SANDMAN dahin scheidet.

Und plötzlich muss SANDMAN noch eine tragische Motivation haben - eigentich ist er ja ein ganz ein Lieber, der nur klauen wollte, um seiner schwer kranken Tochter zu helfen. Diese Motivation dient innerhalb er erzählten Geschichte keinem Zweck. Sie wird auch nicht aufgelöst, nicht zu Ende erzählt. Sie dient einzig dazu, um am Schluss die wieder hergestellte Herzensgüte unseres freundlichen, wieder blau-roten Nachbarn SPIDER-MAN anzuzeigen.

Peter Parker macht den John Travolta

VENOM, jene außerirdische Entität, die im Film mittels zufällig im Central Park unbeobachtet einschlagenden Kometen erscheint, ist ein toller Typ. Taucht urplötzlich auf, klebt sich an den freundlichen Netzschwinger und lässt Peter Parker durch die Straßen Manhattans tänzeln wie einst Tony Manero in „Saturday Night Fever” - SPIDER-MAN macht den John Travolta. Und ein bisschen gemein zu Mary Jane darf er auch sein. Das also stellt sich Hollywood unter der dunklen Seite der Seele vor.

Dass VENOM einfach so auftaucht wie - ups - Kai aus der Kiste, sei bei soviel haarsträubender Banalität schüchtern übersehen. VENOMs literarische Vorlage fand Peter Parker einst auf einem fernen Planeten (Marvel Super Heroes Secret Wars und die Hefte SPIDER-MAN 252 - 260), als er bei der entscheidenden Schlacht um das Schicksal der Menschheit mit allen anderen Helden gemeinsam kämpfte, wobei sein blau roter Dress irreparablen Schaden nahm. Plötzlich lag da dieser schwarze Spinnendress – und Parker zog ihn an, oder genauer: Der Dress zog sich Parker an. Er hatte viele Vorteile, sah – weiland Ende der 80er Jahre – modern aus und war pflegeleicht. Schon damals war die Story nicht gerade das Gelbe vom Ei, aber so funktionierten die Marvel-Comics immer schon: Zwischendrin gab's mal eine entscheidende, in teuren Sonderheften illustrierte Weltraum-Schlacht Aller gegen Alle - Comic-Stringenz. Die comichafte Übersetzung in die Filmsprache des Sam Raimi nun heißt: Es fällt ein Meteorit unbeobachtet in den Central Park …

Plötzlich kommt Gwen ins Spiel

Die Motive des Harry Osborn und sein Wissen um SPIDER-MAN/Peter Parker, bzw. GRÜNER KOBOLT/Osborne folgen keiner Logik, sondern ändern sich mithilfe partiellen Gedächtnisverlustes je nach Bedarf der Drehbuchautoren. Und am Ende taucht - noch ein Kai aus aus noch einer Kiste - der Butler auf, der in den Vorgängerfilmen mal am Bildrand zu sehen war und hier nun plötzlich alles über den Tod von Harrys Vater (KOBOLD, Teil 1) weiß und damit die Wende im Abenteuer bringt. In Teil 2 war der Butler wahrscheinlich gerade auf dem Klo, als Harry Doc Ock auf den Wandkletterer und vermeintlichen Vatermörder hetzte. Offenbar waren Sam Raimi und seine Mannschaft mit dem Superschurken-im-Dutzend-billiger-Aufmarsch überfordert und konnten für den Harry/KOBOLD-Charakter keine nachvollziehbare Motivation mehr entwickeln. So wird er gedreht, wie man ihn gerade braucht.

Und plötzlich - Kai 4 aus Kiste 4 - taucht auch Gwendolyn Stacy im Kino-Universum des Netzschwingers auf. Die blonde Gwen spielte in den frühen SPIDER-MAN-Comics (#1 - #122) eine wichtige Rolle in Peters Leben. Sie war herzensgut, wunderschön, in Peter bei aller Rätselei über dessen komisches Verhalten in Gefahrensitustionen (immerzu verschwand er urplötzlich) ehrlich verliebt und wurde vom GRÜNEN KOBOLD hingerichtet. Ihr Platz blieb im Comic verwaist. Mit der Zeit konnte Mary-Jane Watson einen Teil davon einnehmen, rothaariger Disco-Feger und ursprünglich nicht Peters Typ.

Sam Raimi entschloss sich, der aktuellen Kinogängergeneration (Jahrgang 1981 ff.), die die Gwendolyn aus den Comics nicht kennt, dafür aber mit Fotomodell Mary-Jane Watson aufgewachsen ist, in Kirsten Dunst eine Mary-Jane Watson mit dem Wesen Gwen Stacys zu präsentieren. Warum da jetzt eine blonde, vollbusige, etwas tumbe Gwendolyn aus Peters Physikklasse eingeführt wird, die noch dazu auf (Comic-)Mary-Janes Fotomodel-Fußstapfen wandelt, bleibt ein Rätsel.

Dass SPIDER-MAN zum entscheidenden Schlusskampf dann vor dem Stars-and-Stripes-Banner in Stellung geht … wahrscheinlich hat das heutzutage so zu sein. Aber geholfen hat's auch nicht. Dem Film fehlt das Herz. Irgendetwas, mit dem es lohnte, mitzufiebern. SPIDER-MAN 3 ist nur ein überlanges Werbemovie für den parallel dazu erscheindenden Konsolen-Actioner mit zweidimensionalen Figuren ohne Tiefgang.

Wertung: 3 von 7 €uro