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Kinoplakat: Shutter Island
Düsteres Geduldsspiel mit
Twist in 30er-Jahre Kulisse
Titel Shutter Island
(Shutter Island)
Drehbuch Laeta Kalogridis
nach dem Roman von Dennis Lehane
Regie Martin Scorsese, USA 2010
Darsteller Leonardo DiCaprio, Mark Ruffalo, Ben Kingsley, Max von Sydow, Michelle Williams, Emily Mortimer, Patricia Clarkson, Jackie Earle Haley, Ted Levine, John Carroll Lynch, Elias Koteas u.a.
Genre Thriller
Filmlänge 138 Minuten
Deutschlandstart
25. Februar 2010
Website shutterisland.com
Inhalt

Massachussetts, 1954, das düstere Ashcliffe Hospital für psychisch gestörte Schwerverbrecher auf Shutter Island: US-Marshal Edward „Teddy” Daniels untersucht mit seinem Partner Chuck Aule das Verschwinden der Patientin Rachel Solando.

Während ein Hurrikan heraufzieht, der eine baldige Rückkehr aufs Festland unmöglich macht, verfestigt sich bei Daniels der Verdacht, dass auf der Insel geheime Experimente an Patienten durchgeführt werden.

Zunehmend wird er von Albträumen und Halluzinationen geplagt, die sich vor allem um seine verstorbene Ehefrau und Erinnerungen an seine Zeit als US-Soldat im Zweiten Weltkrieg drehen, in dem er an der Befreiung des KZ Dachau beteiligt war. Seine Recherchen deuten darauf hin, dass es neben den 66 offiziell registrierten Patienten noch einen weiteren Patienten gibt, der dort inkognito behandelt wird.

Daniels, der sich aus persönlichen Gründen schon früh beworben hatte, sollte es einmal zu Ermittlungen auf Shutter Island kommen, versucht jetzt, Beweise dafür zu finden, dass auf der Insel Menschenversuche mit Psychopharmaka und Gehirnoperationen, vor allem Lobotomien durchgeführt werden.

Von Kopfschmerzen geplagt, schlägt er schließlich einen Wachmann nieder und dringt in den Leuchtturm der Insel ein, von dem er vermutet, dass dort die Menschenversuche unter Leitung eines ehemaligen Nazi-Arztes durchgeführt werden …

Was zu sagen wäre

Martin Scorsese, der Großmeister des Mob-Movies (Departed – Unter Feinden – 2006; Gangs of New York – 2002; Casino – 1995; GoodFellas – 1990), versucht sich im Gothic Horror. Er fährt bei aufkommendem Blizzard mit uns auf eine Alcatraz ähnliche Insel und wirft uns in ein Schurkenstück mit Gewalttätern mit Wahnvorstellungen, Menschenversuchen und diabolischen Staatsdienern, über denen die Blitze eines Orkans zucken – geschickt erzählt, doppelbödig aufgeführt, wendungsreich entwickelt, das aber zunehmend an nachvollziehbarer Glaubwürdigkeit verliert – und das mit Absicht. Verwirrung ist die Grundlage des Systems, in dem sein Film sich bewegt.

Im Mittelpunkt steht ein US-Marshall, den Leonardo DiCaprio von Beginn an als seltsamen Charakter anlegt („Zeiten des Aufruhrs“ – 2008; „Der Mann, der niemals lebte“ – 2008; „Blood Diamond“ – 2006; Departed – Unter Feinden – 2006; „Aviator“ – 2004; Catch Me If You Can – 2002; Gangs of New York – 2002; The Beach – 2000; Celebrity – Schön, reich, berühmt – 1998; Titanic – 1997; William Shakespeares Romeo & Julia – 1996; Gilbert Grape – Irgendwo in Iowa – 1993). Den Helden der Geschichte, den Star des Films, dessen Gesicht das einzige auf dem Plakat ist, lernen wir kotzend kennen. Seekrank bei der Überfahrt auf die gruselige Insel. Er leidet an Migräne, neigt zu gewalttätigen Schüben und wundert sich, wenn Insassen ihm bedeuten, er solle abhauen, so schnell wie möglich und das offensichtlich nicht als Drohung meinen sondern als Warnung.

Mit DiCaprio führt uns Scorsese in die Ideologie eines totalitären Systems, das nicht mehr zwingend russisch oder asiatisch sein muss. Im Laufe des Films wirken die USA, Gods own Country, dieses Land of the Free wie ein großes KZ. Die zurückliegenden Jahre, Stichwort Wirtschasftskrise, haben uns Kinozuschauern ja gezeigt, dass auf nichts mehr Verlass ist, dass honorige Wirtschaftsführer und ehrbare Minister die Welt immer nur nach ihren Wünschen regeln – nicht nach dem, was für alle das Beste wäre. Die Jahre hjaben uns gezeigt, wie wehrlos wir kleinen Menschen sind, so wehrlos wie der Marshall mit der Migräne und den Albträumen, in denen er seiner Frau zusieht, wie sie in seinen Armen langsam verbrennt, wie ihm alles aus den Händen gleitet, was ihm wichtig ist.

Das am Ende einiges anders sein wird, als uns die erste Filmstunde erzählt, wurde nach der Premiere des Films auf bei den Berliner Filmfestspielen 2010 so laut durch alle Medien geblasen, dass der am Kino interessierte Zuschauer an dieser Information nicht vorbei kommen konnte. Zu wissen, dass da am Ende noch was kommt, erweist sich indes als vorteilhaft für den Film, auch wenn Scorsese das sicher ungerne hört – der Schwachpunkt des Films ist seine Inszenierung, die zunächst einmal großartig ist. Die Bilder, die sein Direcctor of Photography, Robert Richardson, erschafft, sind strahlend düster, glimmern unheimlich und immer wunderschön. Aber auch sie können rasch nicht verdecken, dass das alles doch großer Quatsch ist, was uns da aufgetischt wird.

Ja, man soll Logik im Kino nicht so ernst nehmen – hat Hitchcock gesagt – aber bitte, nachvollziehbar sollte doch sein, was wir uns anschauen sollen. Wir sind sehr darauf angewiesen, dass der Regisseur uns nicht hängen lässt. Und für einen Regisseur Peter Müller hätten wir das Geld für die Kinokarte wohl auch gar nicht erst bezahlz. Aber Scorsese? Der ist ein anderews kaliber. Der bekommt in Hollywood Carte Blanche auch für die riskanten Projekte, also die spannenden Projekte, die mehr sind als Nachmittagsunterhaltung für die ganze Familie.

Martin Scorsese („Shine a Light“ – 2008; „Aviator“ – 2004; Bringing Out the Dead – 1999; „Zeit der Unschuld“ – 1993; Kap der Angst – 1991; „Die letzte Versuchung Christi“ – 1988; Die Farbe des Geldes – 1986; „New York, New York“ – 1977; „Taxi Driver“ – 1976) spielt in seinem Schattenspiel mit Symbolen, wenn Wasser in den unterschiedlichsten Situation bedeutungsschwanger das Bild beherrscht, wo Feuer – Streichhölzer – tatsächlich Geheimnisse aufhellen, Erinnerungen aus dem Dunkel holen, verbeugt sich mit „Shutter Island“ vor den Gothic-Thrillern der 40er und 50er Jahre, in denen die Schatten lang, die Männer finster, die Gemäuer dick und die Abgründe hässlich waren. Nur weiß man nicht genau, was man damit - immerhin doch im Jahr 2010 - eigentlich anfangen soll. Schattige Bilder, stürmische Höhen und ein schon zu Beginn zerfurcht dreinschauender US-Marshall, der im Verschwindibus-Fall einer dreifachen Kindsmörderin ermitteln soll, ist ein dünner Aufhänger, der auch sehr schnell zwischen mauernden Anstaltsleitern und erstaunlich unstringenten Polizeibeamten zerfasert – niemand im Sanatoriumskomplex scheint sich ernsthaft um die Suche der Verschwundenen zu sorgen. Man muss sich schon darauf verlassen, darauf einlassen, dass Scorsese einen nicht hängen lässt.

Mit zunehmender Spielzeit berappelt sich das 140-Minuten-Oevre dann und beantwortet schließlich auch die während der Laufzeit noch ärgerlich gestellten Fragen zur Zufriedenheit. Und setzt mit einem melancholischen Schlusswort – „Was wäre schlimmer: Zu leben wie ein Monster, oder als guter Mann zu sterben?“ – ein lyrisches I-Pünktchen.

Wertung: 5 von 7 €uro
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