Plakatmotiv: Für ein paar Dollar mehr (1965)
Sergio Leone und Clint Eastwood
erreichen ihre Betriebstemperatur
Titel Für ein paar Dollar mehr
(Per qualche dollaro in più)
Drehbuch Luciano Vincenzoni + Sergio Leone + Fulvio Morsella
Regie Sergio Leone, Italien, Spanien, BRD 1965
Darsteller Clint Eastwood, Lee Van Cleef, Gian Maria Volontè, Mario Brega, Luigi Pistilli, Aldo Sambrell, Klaus Kinski, Benito Stefanelli, Luis Rodríguez, Panos Papadopulos, Mara Krupp, Roberto Camardiel, Joseph Egger, Tomás Blanco, Lorenzo Robledo u.a.
Genre Italo Western
Filmlänge 132 Minuten
Deutschlandstart
25. März 1966
Inhalt

Der Kopfgeldjäger und Ex-Offizier der Unionstruppen im Bürgerkrieg Colonel Douglas Mortimer begibt sich auf die Jagd nach dem Ganoven Cavanagh. Doch Monco, ebenfalls ein Kopfgeldjäger, ist schneller und kommt ihm zuvor.

Um das Kopfgeld für den Toten gebracht, kommt es zu Reibereien zwischen den beiden Revolverhelden. Aber trotz der Spannungen und der Konkurrenz zueinander beschließen Mortimer und Monco, gemeinsame Sache zu machen, als sie erfahren, dass El Indio, der meistgesuchte Verbrecher im westlichen Territorium, aus dem Gefängnis entflohen ist und auf seinen Kopf 10.000 Dollar ausgesetzt sind.

Gemeinsam gelingt es dem Duo, die Bande Indios zu unterwandern und Indio nach einem furiosen Banküberfall zum entscheidenden Showdown zu stellen …

Plakatmotiv: Für ein paar Dollar mehr (1965)

Was zu sagen wäre

Sergio Leone feilt an seiner filmischen Erzähltechnik, verfeinert seine in Für eine Handvoll Dollar (1964) eingesetzten Manierismen und baut sie aus und ergänzt sie – Ennio Morricones Musik rückt noch etwas deutlicher in den Fokus, Close Ups von Gesichtern beim Duell im Straßenraub werden noch etwas closer, die Erzählung ist knurriger, brutaler – aber auch witziger. Hat er im Vorgängerfilm das Westerngenre zitiert, zitiert er sich hier schon selbst, ja macht er sich über sich lustig.

Es handelt sich hier nicht direkt um eine Fortsetzung. Viele Gesichter aus dem Vorgängerfilm sind wieder dabei: Clint Eastwood natürlich, der seine höflich lächelnden Manierismen verfeinert, hier aber nicht ein namenloser Joe ist, sondern Monco heißt, Gian Maria Volontè – wieder der Oberschurke, der sein vormaliges Duell mit Eastwood, Colt gegen Gewehr, jetzt umdreht (und wieder verliert). Auch der Spanier Aldo Sambrell, die Italiener Mario Brega und Benito Stefanelli sowie der Österreicher Joseph Egger sind wieder mit von der Partie. Egger spielte in Für eine Handvoll Dollar den Sargbauer Piripero, jetzt ist er als vom Leben mitgenommener Prophet zu sehen, der direkt neben der neu gebauten Eisenbahnstrecke lebt. Die vorbeifahrenden Züge machen ihm das Leben zur Hölle; im Vorfeld hatte Prophet sich geweigert, sein Grundstück an die Eisenbahngesellschaft zu verkaufen. Sein heruntergekommenes Heim ist nur eines von vielen eindrucksvollen Sets, die den Zynismus des Films, die Härte einer Gesellschaft im Aufbruch verdeutlicht.

Das Motiv aus dem Vorgänger ist umgedreht: statt eines Mannes gegen zwei Parteien stehen hier zwei Männer gegen eine Partei – das ergibt ganz neue Männerrituale, für die Eastwood und Lee Van Cleef perfekt besetzt sind. Der Kopfgeldjäger Monco, die zentrale Figur der Geschichte, ist offenkundig ein Wiedergänger des namenlosen Fremden aus Für eine Handvoll Dollar, eine nahezu getreue Replik des Mannes ohne Namen. Einzig, dass er nun den Beruf eines Kopfgeldjägers ausübt, unterscheidet ihn. Dabei handelt es sich offenbar um ein einträgliches Geschäft, dass nur die Besten ausüben können, jene, die schneller ziehen als ihr Schatten und vor allem präziser. Die Welt, in der er sich bewegt, ist ebenso anarchisch, skrupellos und brutal wie im Film zuvor, wenn nicht sogar noch ein wenig schlimmer. Eastwood trägt denselben Poncho wie im ersten Film, auch sein sechsschüssiger Colt begleitet ihn.

„Für ein paar Dollar mehr“ lässt sich als raffinierte Weiterentwicklung des Italo-Westerns beschreiben, eine absurde Melange aus Gewalt, schwarzem Humor und hinreißender Musik. Wie bereits in Für eine Handvoll Dollar bekommt der Zuschauer es wiederum mit Outlaws, Galgenvögeln und zwielichtigen Besitzlosen zu tun. Eine Zivilgesellschaft, also Menschen, die den Westen mit Farmen und Städten besiedeln wollen, kommen kaum mehr vor, auch Soldaten und Sheriffs sind durchtriebene Trunkenbolde. Leone dreht die Perspektive des Westerns um. In den USA war der Western ein Film wie Der Mann, der Liberty Vallance erschoss (1962), in dem der Schurke im Titel auftauchen konnte, aber gleich als Leiche. In Leones Western gibt es Männer wie jene, die einen Liberty Vallance erschießen könnten, gar nicht mehr, dafür lauter Liberty Vallances, die Männer erschießen.

Es ist eine Welt, in der Menschenleben nur zählen, wenn sie auf Steckbriefe gedruckt sind, nach denen man den Wert dieses Menschen taxieren kann. Das wirft was ab, mehr als das Bewirtschaften einer Farm; sofern man den Job beherrscht. Die Welt der Kopfgeldjäger, in die Leone sich mit uns begibt, ist eine, in der nur Profis überleben. 2.000 Dollar für einen Hit, soviel bekommt der Sheriff „in drei Jahren“. Diese Männer (und womöglich auch Frauen) müssen skrupelloser, schneller und tödlicher sein als der Mann auf dem Steckbrief und sie müssen auch skrupelloser, schneller und tödlicher sein, als all die anderen Männer (und Frauen), die die Gesichter auf den Steckbriefen jagen. Und dann gibt es 10.000 Dollar für El Indio. Es treffen die Besten aufeinander, gespielt von Clint Eastwood und Lee Van Cleef. Und sie treten an gegen Gian Maria Volontè, dessen ganze Skrupellosigkeit schon die Szene offenbart, in der er von seinen Helfershelfern in einer Befreiungsaktion aus dem Gefängnis geholt wird. Die dann folgende Szene, in der El Indio sich an dem Mann rächt, der ihn verraten hat, ist nur schwer zu ertragen.

Lee Van Cleef spielt auf Augenhöhe mit Eastwood, zwei Alphatiere teilen sich die Hauptrolle. Van Cleefs Mortimer verfügt über eine außergewöhnliche Waffensammlung, technologische Apparaturen, die er kunstvoll unauffällig an seinem Pferd drapiert hat; zudem ist Van Cleefs Charakter die eigentlich treibende Kraft, die auf mehr aus ist als die 10.000 Dollar. eine mehrfach unterbrochene Rückblende offenbart eine Verbindung anderer Art zwischen ihm und El Indio; das verleiht Mortimer eine beachtenswerte Vergangenheit, die Leones Figuren bislang nicht ausgezeichnet haben. Die Duelle, die Eastwood und Van Cleef ausfechten, bis sie sich vertraauen, sind wortlos und superb – mal Fernduelle wie das coolste Anzünden eines Streichholzes (Eastwood am Holzpfeiler, Van Cleef an Kinskis Hosenträger; was der wortlos zur Kenntnis nimmt, aber mit zuckenden Händen und Lidern eine grandiose Performance hinlegt), mal das direkte Duell: schweigsam. Nur die Colts, die den Hut des jeweils anderen tanzen lassen, sprechen. Wunderbar. Sehr vielsagend. Van Cleef gelingt mit diesem Film ein Comeback „als Ikone des Italo-Westerns“.

Leones innovativer Blick auf das Westerngenre – und sein Umgang damit – eröffnen ein Bleihaltiges Testament, als drittem nach Altem und Neuem. Seine Filme sind voller religiöser Symbolik  In der Kleidung eines Geistlichen und mit der Bibel in der Hand zwingt Kopfgeldjäger Mortimer einen Zug, mitten in der Prärie anzuhalten. Der Score hat vor dem ersten Duell Orgelmusik, die an die Kirche erinnert. El Indios Männer suchen Zuflucht in einer alten Kirchenruine. Auch, dass in dieser Welt Männerrituale mehr zählen, als billiges Überleben, hat etwas religiöses – nämlich den festen Glauben an eben daran. Niemand in diesem Film, der angefüllt ist mit grausamen, skrupellosen, unehrlichen Typen, käme auf die Idee, den Gegner zu erschießen, bevor die Musik einer goldenen Uhr verklungen ist – das wäre gegen die Regeln. Das ist Ethos und Fair Play, wie es das so nur im Kino gibt – im wirklichen Leben würden die Männer einfach schießen, um zu überleben. Diese Spieluhr spielt im Film eine wesentliche Rolle, verbindet die Handlungsepisoden und kommt mehrfach zum Einsatz. Durch Morricones innovative Musik untermalt sie verstärkend die diversen Duelle der Hauptfiguren. Vergleicht man Morricones Musik mit der des Vorgängerfilms, hat sie noch einmal an Komplexität hinzugewonnen.

Plakatmotiv: Für ein paar Dollar mehr (1965)

Wertung: 7 von 8 D-Mark