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Kinoplakat: Die schwarze Natter
Elegant durchkomponierter
Thriller für Schauspieler
Titel Die schwarze Natter (aka Das unbekannte Gesicht)
(Dark Passage)
Drehbuch Delmer Daves
nach dem Roman von David Goodis
Regie Delmer Daves, USA 1947
Darsteller
Humphrey Bogart, Lauren Bacall, Bruce Bennett, Agnes Moorehead, Tom D'Andrea, Clifton Young, Douglas Kennedy, Rory Mallinson, Houseley Stevenson, John Alvin u.a.
Genre Thriller, Film Noir
Filmlänge 106 Minuten
Deutschlandstart
29. September 1950
Inhalt
Vincent Parry, der zu Unrecht wegen Mordes an seiner Frau verurteilt worden war, flieht aus San Quentin.

Auf der Flucht wird er von einer jungen Frau, Irene Jansen, versteckt. Sie quartiert ihn bei sich ein, will ihm helfen, glaubt seine Unschuld. Aber Parry ist das suspekt. Er misstraut der Situation. Was, wenn Irenes Möchtegern-Freund in der Tür steht und ihn sieht? Wie soll sie ihr Leben leben können, wenn ein Flüchtiger Mörder bei ihr wohnt? Außerdem stand plötzlich Madge vor Irenes Tür. Eine Frau aus Parrys Vergangenheit, die im Prozess als Belastungszeugin gegen ihn ausgesagt hatte. Warum kennt sie Irene?

Parry zieht zu Bob, einem alten Freund, der ihm noch einen Gefallen schuldet. Eine Woche brauche er, sagt er. In dieser Woche soll sein Gesicht verheilen. Heute Nacht nämlich noch, so Parry zu Bob, werde er sein Gesicht umoperieren lassen und bis die Narben abgeklängen, dauere es eben eine Woche.

Als Parry nach überstandener Operation zurückkehrt, liegt Bob tot in seiner Wohnung – erschlagen mit seiner Posaune. Parry bleibt nicht anderes übrig, als zu Irene Jansen zurückzukehren, die jetzt schon zwei Morde (inklusive Fingerabdrücken) hat, die nicht begangen zu haben sie Parry glauben muss. Außerdem taucht George Fellsinger auf, ein Gelegenheit-beim-Schopf-Ergreifer. Fellsinger hatte Parry erkannt und die Gesichtsoperation beobachtet …

Was zu sagen wäre
Das Besondere an dem Film ist, dass der Zuschauer in den ersten 35 Minuten Bogarts Gesicht nicht sieht  – wir sehen ihn von hinten oder die Situation durch seine Augen. Nach „Die Dame im See“ (nach Raymond Chandlers gleichnamigem Roman), war dies einer der ersten Hollywood-Filme, die die subjektive Kamera dermaßen stilbildend eingesetzt haben. Und dabei den Schauspielern viel abforderte.

Lauren Bacall, die hier zum dritten Mal mit (ihrem mittlerweile Ehemann) Humphrey Bogart spielt (Tote schlafen fest – 1946; Haben und Nichthaben – 1944), spielt im ersten Drittel des Films mit der Kamera, schaut direkt in sie hinein, wenn sie die Subjektive Vincent Parrys einnimmt. Manchmal merkt man ihrem Spiel an, wie unangenehm das ist. So eine Kamera blinzelt ja nicht oder zieht die Stirn kraus, Bacall fehlt also der echte Ansprechpartner in diesen Momenten, in denen sie in die Kamera blickt, in unsere Augen, und dort Parry sieht (der aber, siehe Kamera und nicht blinzeln, nicht auf sie reagiert). Und die macht das Beste daraus: Dadurch, dass sie ihren fordernden Blick – als The Look aus der Yellow Press bekannt – direkt auf uns Zuschauer richtet, sind wir es, die sie anlächelt, wir sind es, die sie verunsichern; das verleiht ihr eine Verletzlichkeit, für die Schauspieler sonst lange üben müssen.

Humphrey Bogart unterstreicht seine hohe Qualität, spielt vielschichtig. Während seine Rolle als Ausbrecher, Ganove oder Killer (wenn auch als Unschuldiger) ihm nicht allzu viel (neuen) Spielraum gibt, zeigt er, dass er auch als Verzweifelter eine glaubhafte Figur spielt. Und wenn er dazu noch Nadelstreifen und Hutträgt („Warum tragen Sie keinen Regenmantel?“ „Habe ich vergessen. Ich bin ein bisschen durcheinander.“), ist er ohnehin eine Liga für sich.

Der Film entwickelt seinen Charme über die Strecke. Irgendwas hält uns dauernd unter Spannung. Anfangs die subjektive Kamera, dann die Frage, warum Lauren Bacall, die buchstäblich auftaucht wie Kai aus der Kiste, Humphrey Bogart hilft. Als nächstes die Gesichtsoperation, über die zwei sehr eindrückliche Charaktere das Ruder für eine Zeit übernehmen. Der Doktor, den der 67-jährige Houseley Stevenson mit unnachahmlichem Faltensicht spielt, gibt dem Film eine wunderbar trockene Note – „Wenn ich nicht leiden kann, lass ich Sie aussehen wie einen Affen!“, sagt er, zündet sich eine Filterlose an und beginnt mit der Gesichtsoperation. Der zweite Charakter ist ein redseliger Taxifahrer, der in einem kleinen Monolog das ganze Leid eines Taxifahrerlebens deutlich macht.

Solche Miniaturen hat der Film viele. Sie unterfüttern die eher überschaubare Haupthandlung (Rehabilitierung Parrys) mit Leben. Akademisch betrachtet wirkt der Film wie ein Experiment: Wie kann ich eine simple Geschichte möglichst effektvoll, spannend erzählen? Am Bahnhof sitzen auf zwei benachbarten Bänken eine alleinerziehende Frau mit ihrer Tochter sowie ein allein erziehender Mann mit seinem Sohn. Sie geraten sich gerade wegen irgendwas in die Haare. Ganz nebenbei macht Parry aus den beiden ein Paar – so nebenbei, dass Delmer Daves das gerade noch im Wegschwenken der Kamera erzählt, eher andeutet; aber das reicht ja. Auch Biob, der Erpresser, bekommt seine Story. Diese Fülle an Charakteren und Delmer Daves‘ straffe Regie formen einen spannenden Krimi.

Wertung: 5 von 6 D-Mark
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