Kinoplakat: Saving Mr. Banks
Ein Film über Walt Disney
für Emma Thompson
Titel Saving Mr. Banks
(Saving Mr. Banks)
Drehbuch Kelly Marcel + Sue Smith
Regie John Lee Hancock, UK, Australien, USA 2013
Darsteller

Emma Thompson, Tom Hanks, Annie Rose Buckley, Colin Farrell, Ruth Wilson, Paul Giamatti, Bradley Whitford, B.J. Novak, Jason Schwartzman, Lily Bigham, Kathy Baker, Melanie Paxson, Andy McPhee, Rachel Griffiths, Ronan Vibert u.a.

Genre Drama, Biografie
Filmlänge 125 Minuten
Deutschlandstart
6. März 2014
Inhalt

„Mary Poppins“ ist das Lieblingsbuch der beiden Töchter von Walt Disney. Deshalb wünschen sie sich auch nichts sehnlicher, als dass ihr Vater einen Film daraus macht. Walt würde diesem Wunsch auch gern nachkommen, doch die Romanautorin, P.L. Travers, will ihm nicht die Rechte für eine Verfilmung einräumen.

Zwanzig Jahre lang versucht Diesney, die Filmrechte zu bekommen, bis der Agent der Autorin sie schließlich wegen der bestehenden finanziellen Schwierigkeiten, in denen sie sich befindet, dazu überreden, es doch wenigstens zu versuchen. So reist Pamela „P. L.“ Travers 1961 nach Los Angeles; widerwillig, denn sie sieht in Walt Disney nur einen Produzenten von Trickfilmen. Mrs. Travers verabscheuit Trickfilme. Ein Film über Mary Poppins darf nach ihrer Auffassung keine Zeichentrickelemente enthalten.

Es beginnen zwei Wochen harter Arbeit, in denen sie immer neue Forderungen stellt, die einzuhalten kaum mehr möglich ist. Walt Disneys Verlangen, das Versprechen zu erfüllen, das er seinen Töchtern gegeben hat, lässt ihn immer wieder nachgeben. Sogar die Farbe Rot soll nicht mehr vorkommen.

Während der Arbeit an dem Film kommt es immer wieder zu Rückblenden in die Kindheit von P.L. Travers. Es ist eine Kindheit im sonnenüberfluteten Australien, wo sie mit Mutter, zwei Schwestern und vor allem ihrem geliebten Vater, einem Bankmann, aufwächst. Es ist eine glücklich Kindheit, die dramatisch endet. Offensichtlich ist diese Kindheit eng verwoben mit den Geschichten um die Nanny Mary Poppins.

Mrs. Travers lässt sich nicht erweichen, bleibt allen Vorschlägen gegenüber ablehnend, düpiert ein ums andere Mal Autor und Komponisten, die sich redlich bemühen, einen Weg zu finden. Aber zugang zu ihr findet allenfalls Ralph, der Fahrer, der ihr für die Dauer ihres Aufenthaltes zugeteilt worden ist. Seine Begeisterung für die Arbeit Walt Disneys und seine Freundlichkeit und Offenheit kann sie zunächst kaum ertragen. Als sie aber mehr aus dem Leben Ralphs erfährt, entwickelt sich eine – von ihrer Seite zurückhaltende – Freundschaft.

Nach zwei Wochen harter Arbeit mit Drehbuchautor Don DaGradi und den Komponisten Richard und Robert Sherman, in denen bereits viele Elemente des Films entstehen, entscheidet Travers, wieder nach London zurückzukehren. Den Vertrag zur Überlassung der Filmrechte gibt sie Disney zurück – nicht unterschrieben. Denn sie hatte erfahren, dass in dem Film nun doch Zeichentrickelemente aufgenommen werden sollten – tanzende Pinguine, ein Unding.

Disney wird stutzig, als er in der Hotelrechnung für ihren Aufenthalt feststellt, dass der Name P. L. Travers ein Künstlername ist, und recherchiert die Vergangenheit der Autorin. Er stellt fest, dass sie Helen Goff heißt und nicht in England, sondern in Australien aufgewachsen ist. Und schlagartig wird ihm klar, wer Mr. Banks, der Vater in den Büchern um „Mary Poppins“, in Wirklichkeit ist …

Was zu sagen wäre

Wir wissen, dass „Mary Poppins“ von den Walt Disney Studios verfilmt worden ist. Das nimmt dem vorliegenden Film etwas den Reiz, der der Konfrontation der schroffen Mrs. Travers mit dem onkelhaften Walt Disney innewohnt. Irgendwie muss er sie am ende ja herumgekriegt haben und also bin ich allzu leicht versucht, mich zurückzulehnen und abzuwarten, wie diese verkappte Romanze aufgelöst wird.

Aber so einfach ist das dann nicht.

Die Disney-Studios, Experten in Sachen rosafarbener Süßlichkeit, verfilmen die Entstehung eines ihrer wichtigsten Filme; der große Walt selbst tritt auf. Die Gefahr, dass da bald der Schleim die Leinwand hinunterfließt, ist groß.

Aber sie tritt nicht ein.

Kinoplakat (US): Saving Mr. BanksWas John Lee Hancock („Blind Side – Die große Chance“ – 2009; Alamo – 2004) hier zuerst einmal präsentiert, ist großes Schauspielerkino. Tom Hanks (Captain Phillips – 2013; Cloud Atlas – 2012; Extrem laut & unglaublich nah – 2011; Larry Crowne – 2011; Illuminati – 2009; Forrest Gump – 1994; Philadelphia – 1993; Meine teuflischen Nachbarn – 1989; Big – 1988; Schlappe Bullen beißen nicht – 1987; Nothing in Common – 1986) holt alles aus der Disney-Figur heraus, was die Autoren auch nur ansatzweise hineingeschrieben haben, er bleibt der onkelhafte Sprücheklopfer („Man darf sich das Leben nicht selbst als Strafe auferlegen!“); aber ein sehenswerter onkelhafter Sprücheklopfer.

Großartig ist Emma Thompson (Men in Black 3 – 2012; „An Education“ – 2009; Harry Potter und der Orden des Phönix – 2007; Tatsächlich … Liebe – 2003; Mit aller Macht – 1998; „Sinn und Sinnlichkeit“ – 1995; „Viel Lärm um nichts“ – 1993; „Wiedersehen in Howards End“ – 1992) als Mary-Poppins-Erfinderin P.L. Travers. Mit ihr haben sich die Autoren aber auch mehr Mühe gegeben. Thompson ist eine Furiosa mit spitzer Zunge und gemeißeltem Charme, die ihre Umgebung von Beginn an mit Spitzfindigkeiten nervt. Die Duelle der Britin mit dem jovialen Kindererfreuer aus dem sonnigen Kalifornien sind großartige Nummern. So unsympathisch sie eingangs ist – und eigentlich bis zum Ende bleibt – geht diese Autorin dem Zuschauer nie auf den Wecker. Im Gegenteil, sie hält elegant die Balance zwischen Realität und Farce und gleitet nicht ab. Ihre Mrs. Travers bleibt glaubwürdig, nachvollziehbar, bemitleidenswert in manchen Szenen. Emma Thompson war hier für den Golden Globe nominiert, interessanterweise nicht für den Oscar – womöglich hat der Acadamy ja nicht gefallen, dass die Rolle der britischen Autorin so deutliche Kritik am us-amerikanischen Kinobusiness übt.

Dass es ausgerechnet der Disneyland-Park in Anaheim sein muss und dort ein Pferdekarussell, das die Autorin erstmals erweichen lässt, ist Kitsch und haken wir ab unter dem eingangs erwähnten Disney-verfilmt-Disney-Geschichte. Das wird auch ein wenig konterkariert durch Disneys mollige Assistentin Dolly, die dauernd in neuen Schneewittchen-Kostümen am Schreibtisch sitzt.

Der Film startet gut und wird im letzten Drittel zunehmend zäh. Was sehen wir hier? Ein Biopic ist es nicht, dafür sind die Figuren zu einseitig schön gemalt. Was also will der Film erzählen? Wie Disney Travers überzeugt? Auf dem Karusell? Wohl eher nicht? Will er der breiten Öffentlichkeit ein eher unbekanntes Kapitel beleuchten? Vielleicht. Aber dann verzettelt er sich in zu viel Klein-Klein. Nein, der film will wohl in erster Linie gut unterhalten. In zweiter Linie auch – so, wie disney das am besten kann: mit ordentlich Zuckerguss.

Dabei zuzusehen, wenn Disneys drei Mitstreiter vor Travers die entscheidenden Filmszenen singen, tanzen, sprechen und um sie herum pirouettieren, um sie doch zu überzeugen ist eine große Freude. Da sind wir dann wieder beim Schauspielerkino, denn neben Thompson und Hanks wartet der Film mit einer Riege großer Schauspieler auch in kleinen Rollen auf: Paul Giamatti (12 Years a Slave – 2013; The Congress – 2013; The Ides of March – 2011; Barney's Version – 2010) als Fahrer Ralf, der so unendlich wichtig wird, ohne sich wichtig zu machen. Bradley Whitford als Autor Don DaGradi sowie B.J. Novak und Jason Schwartzman als die Komponisten Robert und Richard Sherman, die mit Engelsgeduld und bewundernswerter Ruhe all die britische Herablassung über sich ergehen lassen, sind wunderbare Figuren, denen ich gerne zusehe. Und Colin Farell (Total Recall – 2012; Kill the Boss – 2011; London Boulevard – 2010) als Travers labiler Vater und Rachel Griffiths als beeindruckende und Spuren hinterlassende Tante Ellie bleiben im Kopf, wenn der vorhang längst geschlossen ist.

Das ganz große Kino ist dieser Film über die Entstehung eines Kinoklassikers nicht geworden, aber der Zauber des Kinos wird in „Saving Mr. Banks“ sehr lebendig.

Wertung: 6 von 8 €uro