Kinoplakat: Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten
Eine wunderbare Saoirse Ronan.
Ein herrlich altmodisches Drama.
Titel Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten
(Brooklyn)
Drehbuch Nick Hornby
nach dem gleichnamigen Roman von Colm Tóibín
Regie John Crowley, Irland, UK, Kanada 2015
Darsteller
Saoirse Ronan, Emory Cohen, Domhnall Gleeson, Jim Broadbent, Julie Walters, Bríd Brennan, Jane Brennan, Fiona Glascott, Jessica Paré, Maeve McGrath, Emma Lowe, Barbara Drennan, Gillian McCarthy, Eileen O'Higgins, Peter Campion, Eva Birthistle, James Corscadden u.a
Genre Drama, Romantik
Filmlänge 111 Minuten
Deutschlandstart
21. Januar 2016
Website foxsearchlight.com/brooklyn/
Inhalt
Eilis Lacey, eine junge Irin, emigriert 1952 in die Vereinigten Staaten. Daheim, in einem irischen Dorf, lebte sie bei ihrer verwitweten Mutter und Schwester Rose und arbeitete jeweils am Wochenende als Aushilfe in einem kleinen Laden – ihre Aussichten dort: Heiraten. Familie. Alt werden. Die Welt findet ohne sie statt. Rose vermittelt ihr mit kirchlicher Hilfe eine Stelle in Brooklyn.

In Brooklyn lebt Eilis in einem Boardinghouse und arbeitet als Verkäuferin in einem Kaufhaus. Sie hat Heimweh; Höhepunkte in ihrem Leben sind einzig die Briefe, die ihr Rose aus der Heimat schickt. Father Flood, der ihr bereits die Arbeit und die Unterkunft vermittelt hatte, bezahlt ihr einen Buchhaltungskurs. An einem irischen Tanzabend lernt Eilis Tony kennen, der einer italienischen Familie entstammt. Die beiden werden ein Paar.

Unerwartet stirbt Rose und nach einem Telefongespräch mit ihrer verzweifelten Mutter beschließt Eilis, die Mutter zu besuchen. Tony befürchtet, Eilis zu verlieren und überredet sie, ihn vor ihrer Heimreise heimlich standesamtlich zu heiraten. Zurück in Irland lebt sich Eilis schnell wieder ein, verheimlicht jedoch ihre Hochzeit.

Sie verschiebt ihre Rückfahrt, um an der Hochzeit ihrer Jugendfreundin teilzunehmen und freundet sich mit Jim an, einem jungen Mann aus gutem Haus und übernimmt die Arbeitsstelle ihrer verstorbenen Schwester. Bald hört sie auf, die Briefe Tonys zu öffnen …

Was zu sagen wäre

Dieser Film ist ein kleines Wunder. Nicht, weil er besonders perfekt wäre, gar nicht. Die Kamera ist uninspiriert und in den falschen Momenten wacklig, der Bildschnitt nur an zwei Stellen überraschend, ansonsten reine Funktion; die Kulisse, das Setting nicht so, dass man darüber noch mehr Worte verlieren müsste.

Und womöglich würde man über diesen Film, obwohl Nick Hornby das Drehbuch geschrieben hat, gar nicht weiter reden, wäre da nicht Saoirsie Ronan. Die irische Schauspielerin untermauert mit der – oscarnominierten – Hauptrolle in diesem Film ihre besondere Stellung im Film-Business (Grand Budapest Hotel – 2014; „Seelen“ – 2013; Wer ist Hanna? – 2011; „In meinem Himmel“ – 2009; Abbitte – 2007). Mit breitem irischen Akzent spielt sie diese irische Landpomeranze, die den Mund nicht aufbekommt, wohlerzogen schüchtern mit gesenkten Augen durchs Leben schleicht und darauf wartet, dass das Leben irgendwas mit ihr anstellt – wir lernen sie kennen, wenige Monate, bevor sie erkennt, dass sie sich dem Leben aufdrängen muss, nicht umgekehrt. Das tut sie dann – und ist dabei hinreißend, bezaubernd.

Eine einfache Geschichte mit Drama – einfach erzählt

Der Film ist ein kleines Wunder, weil sein Produktionsjahr „2015“ lautet, nicht etwa „1965". Er feiert in dieser Zeit heißdüsiger Filmproduktionen, die sich mit Lauter, Digitaler, WhamBoomBang einem zunehmend davon erschöpften Publikum aufdrängen, die Entschleunigung. Er erzählt einfach seine Geschichte, darauf vertrauend, dass die genügend Stoff hat, um den Zuschauer zum Bleiben zu bewegen und sie dann mit Schauspielern zu erzählen, die zur aufstrebenden Garde zählen. Dies nicht, weil ihr Sixpack besonders knuffig, ihre Oberweite bemerkenswert wäre, sondern weil sie ihren Job gut machen – davon geht in der deutschen Synchronfassung (ich weiß: Das ist eine Binse) leider viel verloren; wer aber die Möglichkeit hat, sich Saoirse Ronan im Original zu gönnen, verliebt sich auf der Stelle. In der deutschen Synchronfassung verliebe ich mich erst nach einer halben Stunde – dann, wenn sie ihren irischen Babyspeck gegen Brooklynesken Pragmatismus getauscht hat.

Die Zuschauerinnen bekommen Domhnall Gleeson, der zurzeit so oft im Kino zu sehen ist, das man sich sorgen muss, ob der Junge genug Schlaf bekommt (The Revenant - Der Rückkehrer– 2015; Star Wars: Das Erwachen der Macht – 2015; Ex Machina – 2015; „Unbroken“ – 2014; Alles eine Frage der Zeit – 2013; „Anna Karenina“ – 2012; Dredd – 2012; True Grit – 2010; Harry Potter und die Heiligtümer des Todes  – 2010). Er hält seine Charaktere im Zwielicht: Man weiß nie so genau, ob seine Romantiker nicht gleich zum Messer greifen und traut seinen Schurken zu, dass sie Mitleid haben. Auch in diesem Film schmiedet er dauernd romantische Pläne, erzählt, dass er die Welt sehen will und richtet sich aber gleichzeitig gemütlich im Haus seiner Eltern und dem gut gehenden Geschäft des Vaters ein. Domhnall hat viel von seinem Vater, Brendan Gleeson (Edge of Tomorrow – 2014; The Guard – Ein Ire sieht Schwarz – 2011; Harry Potter und der Feuerkelch – 2005) mitbekommen (sieht nur verteufelt besser aus – das darf man in einer Besprechung zu einem romantischen Drama schon mal schreiben). Und die Zuschauerinnen bekommen Emory Cohen (The Place Beyond the Pines – 2012) als Tony – ein Typ Marke Teddybär, mit großen Augen, charmantem Lächeln und höflichen Umgangsformen. Die Besetzung ist eines der Erfolgsgeheimnisse dieses Films. Das andere ist der Reiz, den die simple Story aus ihrer erzählten Zeit und der portraitierten Gesellschaft saugt.

Die Menschen in Brooklyn sind im altmodischen Sinne sittsam. Die Prüderie, die damals herrschte, war für die Beteiligten sicher nicht schön, aber sie beinhaltete höfliche Umgangsformen. Die Tischgespräche in der Pension, bei denen wir erfahren, wo überall man Gott nicht erwähnen darf („sicher nicht im Zusammenhang mit Nylons“), wo lachende, also alberne Mädchen und junge Männer, die Alkohol trinken „später einmal landen“, sind aus der Sicht unserer liberalen Gesellschaft erfrischend, nicht mehr beklemmend. Der Film feiert diese Zeit, in der man gewisse Dinge nicht sagte, nicht tat, sondern höflich, schüchtern, erwartungsfroh der Zeit überließ. Diese Entschleunigung ist nicht modern. Aber dieser Film ist es ja auch nicht. Er ist auf wunderbare Art altmodisch.

Ein kluges Drehbuch von Nick Hornby

Bestseller-Autor (A long way down – 2005; High Fidelity – 1995) und Gelegenheits-Drehbuchschreiber Nick Hornby (Der große Trip – Wild – 2014) hat ein Script entworfen, dass man auf der Filmhochschule als Unterrichtsstoff hernehmen kann. Jede Nebenfigur erfüllt eine Funktion. Da kommt etwa in die Pension in Brooklyn eine neue Mitbewohnerin, wortreich eingeführt, die sich als dauerschimpfende Zicke erweist. Sie hat im Film nur die Funktion, die folgsame, schüchterne, an Unsichtbarkeit grenzende Eilis derart zu nerven, dass sie erstmals aktiv auf ihre lebenslustigen, tanzwütigen Mitbewohnerinnen zugeht, nur um diese Zicke loszuwerden – Eilis‘ erster Schritt in die Selbständigkeit. Da ist die Inhaberin des kleinen Ladens in dem irischen Dorf, die aussieht, wie eine Echse. In dem Dörfchen mag sie Neid und Missgunst nähren, im Film ist ihre Figur diejenige, die Eilis zur endgültigen Entscheidung zwingt. Subtil bringt uns Hornbys Script die Sympathie für Eilis‘ letztgültige Entscheidung mit kleinen Dialogen und Blicken nahe. Es hilft dem Film augenscheinlich sehr, dass in ihn keine US-Dollar geflossen sind – die Produktion stammt aus irischen, britischen und kanadischen Fonds.

„Brooklyn – Eine Liebe zwischen zwei Welten“ ist 2016 für drei Oscars nominiert – Best Picture, Saoirse Ronan und Nick Hornby. Als Best Picture ist der Film charmanter Zählkandidat zwischen den Effektorgien in Wildnis, Endzeit, Ost-Berlin und Mars. Das Drehbuch (nach Vorlage) hat zu starke Konkurrenz, aber Saoirse Ronan bei starker Konkurrenz gute Chancen.

Nur für die Kamera hatten sie keine Augen

Der Film ist nicht das große Auswanderer-Drama, das die Trailer vermuten lassen. Er erzählt ein romantisches Drama, dessen größte Herausforderung das immens große Meer und die mit diesem verbundenen lange Zeit, die Briefe unterwegs sind. Dieser Film feiert das Vorangehen, den Pioniergeist, das Nach-Vorne-Schauen. Schade, dass Regisseur John Crowley nicht mehr für die Kamera eingefallen ist. Hätte den Film echt nach vorne gebracht.

Wertung: 6 von 8 €uro