Kinoplakat: Raum
Genau beobachtet, fein geschrieben.
Ein emotionaler Wellenbrecher.
Titel Raum
(Room)
Drehbuch Emma Donoghue
nach ihrem gleichnamigen Roman
Regie Lenny Abrahamson, Irland, Kanada 2015
Darsteller
Brie Larson, Jacob Tremblay, Sean Bridgers, Joan Allen, William H. Macy, Wendy Crewson, Sandy McMaster, Matt Gordon, Amanda Brugel, Joe Pingue, Zarrin Darnell-Martin, Cas Anvar, Jee-Yun Lee, Randal Edwards, Justin Mader u.a.
Genre Drama
Filmlänge 118 Minuten
Deutschlandstart
17. März 2016
Website raum-derfilm.de
Inhalt

Eine junge Frau feiert mit ihrem Sohn dessen fünften Geburtstag. Beide sind allein in einem etwa neun Quadratmeter großen Raum – mit Bett, Wandschrank, Waschbecken, Badewanne, Toilette und Esstisch. Oben, in der Decke ist ein Fenster. Beide verlassen diesen Raum nie …

Für alles Weitere sollte man getrost auf die Qualität der Autorin Emma Donoghue und des Regisseurs Lenny Abrahamson vertrauen,
denn jeder weitere Satz ist eigentlich schon der Spoiler zu viel. Trotzdem:

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Der kleine Jack wird von seiner fürsorglichen Mutter geliebt und gut behütet. Sie wendet viel Zeit für den Jungen auf, liest ihm vor, spielt mit ihm und verbringt nahezu jeden Augenblick ihrer Zeit mit ihrem Sohn. Es gibt aber auch keine Alternative: Sie und Jack werden gefangen gehalten. Seit sieben Jahren; das heißt: Sie wird seit sieben Jahren in diesem Raum gefangen gehalten. Jack wurde hier geboren. Ein Mann namens Nick hat sie entführt und ihn später gezeugt.

Aber das weiß Jack nicht. Das spielt in seiner Welt auch keine Rolle. Seine Welt … das sind die neun Quadratmeter, auf denen er seit seiner Geburt lebt. Er kennt nichts anderes. Die Welt draußen existiert nicht – nur eine künstliche Präsentation davon in dem Kasten, den Ma TV nennt.

Ma hat sich eine phantasievolle Geschichte ausgedacht, um Jack die Tatsachen, dass sie von der Außenwelt abgeschnitten sind, zu verheimlichen. Aber irgendwann wird Jack neugierig und die Erklärungen brüchig. Wo ist die kleine Maus hin, die eben hier noch Krümel vom Boden geknabbert hat. Wer ist dieser Old Nick, der regelmäßig in Mas Bett krabbelt und dann komische Geräusche macht und wieder geht?

Eines Tages versucht Ma die Flucht aus dem Raum, ist dabei allerdings von Jacks Mithilfe abhängig. Sie bringt dem kleinen Jungen bei, sich tot zu stellen, und plant, dass Old Nick ihn so aus dem Raum nimmt um ihn zu begraben. Der glaubt die Finte und fährt mit Jack auf der Ladefläche seines Pick-ups los. Während der Fahrt gelingt Jack die Flucht und er schafft es sich mit der Polizei in Verbindung zu setzen …

Was zu sagen wäre

„Ist Raum geschrumpft?“, fragt Jack, als er nach Monaten in der freien, der großen weiten Welt zum ersten Mal zurückkehrt an den Platz, an dem er geboren wurde und aufgewachsen ist. Und wir als Zuschauer wundern uns auch: War der Raum, der vor 100 Minuten schon nicht groß wirkte, wirklich so eng? Diese Szene, ebenso wie viele andere Szenen in diesem außergewöhnlichen Film, machen die Dimension des Drehbuchs deutlich, die Qualität der feinsinnigen Regie.

Behutsam entblättert der Film Szene um Szene sein Sujet und je weiter die Welt wird, die Ma und Jack betreten, desto erdrückender wirkt das Leben. Lenny Abrahamson hat dieses coming-of-Age-coming-to-life-Drama mit viel Gespür für den Moment inszeniert, ohne jedes Pathos. Der Soundtrack hilft dem Zuschauer in Szenen, die schwierig zu erleben sind; er verstummt, wenn das Drama seinen Lauf nimmt und für sich spricht. Abrahamson nimmt uns an die Hand und geht mit uns hinaus in die fremde Welt, die wir in der ersten halben Stunde als so abgeschottet, so friedlich, weil vertraut, als so übersichtlich kennen gelernt haben. Und wenn sie den weiteren Charakteren außerhalb des Raums auch keine üblen Charakterzüge andeutet, so sitzen wir im Kinosaal doch da, wissend, dass der Mensch ein Raubtier ist, und fürchten weiteres Ungemach. Der Film packt Dich noch, als eigentlich längst Friede einkehrt.

Und da beginnt das nächste Drama. Es ist eben nicht einfach das Drama einer entführten Frau, die sieben Jahre weggespert war und während dieser Zeit geschwängert wurde. Es ist auch das Drama des aus der Schwängerei hervor gegangenen Kindes. Es ist das Drama der Eltern dieser verschwundenen Frau. Es sind die Vorwürfe, die diese verschwundene Frau sich und ihrer Mutter seit sieben Jahren Tag für Tag macht („Wenn Du mir nicht eingetrichtert hättest Be Nice!, dann wäre ich vielleicht niemals mit diesem Kerl zu seinem angeblich kranken Hund gegangen!“). Hinter dem einen – offensichtlichen – Opfer leiden immer viele weitere Opfer; deren Leid nicht gehört wird. Es ist schließlich auch das Drama der modernen, vernetzten Gesellschaft, die „ein Recht darauf hat, informiert zu werden“.

Es kommt schließlich – der eingeschaltete (mutmaßlich) Pro-Bono-Anwalt macht deutlich, dass die Öffentlichkeit, sprich: die Medien, Informationen erwarten – zu einem Interview mit der geachteten Talkmasterin zur Primetime. Das ist eine großartige Szene, eine, Sszene, so sarkastisch, dass der Zuschauer im Kinosaal gewillt ist, seinen Fernseher künftig einfach ausgeschaltet zu lassen. Sie heuchelt Verständnis, lässt Raum für Pausen, für Nase putzen, sollen wir einfach die nächste Frage …, und hat als zentrale Frage keine andere als die, ob Ma nicht je daran gedacht hätte, ihren Peiniger zu bitten, den gemeinsamen Sohn an ein Heim zu geben, damit wenigstens der „ein normales Leben“ leben könne (während sie einsam in der Hütte verrotten soll). Spätestens jetzt wünsche auch ich mich auf die neun Quadratmeter zurück.

„Room“ ist ein Glückstreffer für Filmemacher jeden Gewerks. Die vier Oscar-Nominierungen sprechen da eine nur halbgare Sprache: Nominiert ist er als „Bester Film“ sowie für die Regie und das adaptierte Drehbuch. Brie Larson (Dating Queen – 2015; Don Jon – 2013; The Spectacular Now – 2013; 21 Jump Street – 2012; Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt – 2010) ist zudem als Hauptdarstellerin („Ma“) nominiert und dürfte die Acadamy da in große Nöte schubsen – zwischen Saoirse Ronan in Brooklyn und eben Larson entscheiden zu müssen. In jener besseren Welt, in der es gerecht zugeht, sind Jennifer Lawrence, Cate Blanchett und Charlotte Rampling (bei jeweils höchstem Respekt) nur noch glamouröse Zählkandidatinnen. Aber in jener gerechteren Welt stünde auch der 9-jährige Jacob Tremblay auf der Nominierungsliste für den männlichen Haupt– wenigstens aber Nebendarsteller. Ohne ihn als Jack wäre dieser Film kaum denkbar. Sein unverkrampftes, natürliches Spiel gibt dem Drama zusätzliche Tiefe.

Ich nehme nicht an, dass dieser Film die Jahre überdauern wird, ob er, wie – vielleicht – 2001: A Space Odyssey oder Star Wars oder Streets on Fire oder Pulp Fiction in Erinnerung bleiben wird, gar kann (dafür sind die genannten Filme und ein paar andere, die Sie ohne nachzudenken gegen die Genannten ersetzen können, einfach zu laut, zu bunt, fröhlich, zu tief, zu in jeder Hinsicht überbordend). „Room“ ist aber in seiner Zeit ein großartiger Film und wichtiger Kommentar über eben diese Zeit. Das lässt ihn weit herausragen.

Wertung: 8 von 8 €uro