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Kinoplakat: Sleepers
Großes Kino
Titel Sleepers
(Sleepers)
Drehbuch Barry Levinson
nach dem gleichnamigen Roman von Lorenzo Carcaterra
Regie Barry Levinson, USA 1996
Darsteller
Robert De Niro, Jason Patric, Brad Renfro, Billy Crudup, Minnie Driver, Kevin Bacon, Brad Pitt, Ron Eldard, Vittorio Gassman, Dustin Hoffman, Terry Kinney, Bruno Kirby, Frank Medrano, Joe Perrino, Geoffrey Wigdor u.a.
Genre Drama, Crime
Filmlänge 147 Minuten
Deutschlandstart
30. Januar 1997
Inhalt

Shakes, Tommy, Michael und John wachsen in den 1960er Jahren in Hell’s Kitchen auf, dem überwiegend von italienischen und irischen Einwanderern bevölkerten Stadtteil in Manhattan. In dem berüchtigten New Yorker Stadtteil, der sich von der 34. Straße bis zur 56. Straße im Norden und von der 8. Avenue bis zum Hudson River im Westen erstreckt, herrschten Priester ebenso wie Gangster.

Die Kinder hatten hier viel Spaß miteinander, hielten sich aber strikt an einen Ehrenkodex: Verbrechen gegen Nachbarn waren verboten. Auf Verstoße folgten strenge Strafen. Eines Tages wollen sie einen Hot-Dog-Verkäufer bestehlen.

Shakes stiehlt einen Hot-Dog und der Verkäufer verfolgt ihn. Die anderen klauen in der Zwischenzeit den gesamten Hot-Dog-Wagen; in der aufkommenden Hektik fällt der schwere Wagen eine U-Bahn-Treppe herunter; ein Mann wird schwer verletzt.

Trotz der Fürsprache von Pater Bobby werden die Jungen dazu verurteilt, zwischen 12 und 18 Monaten im Wilkinson-Heim für jugendliche Straftäter zu verbringen. Sean Nokes, einer der Aufseher, hat es schnell auf sie abgesehen und schikaniert die Knaben mit anderen Kollegen. Immer wieder holen sie die Knaben in der Nacht und missbrauchen sie sexuell.

13 Jahre später (1981): Tommy und John sind Anführer der Verbrecherbande West Side Boys in Hell’s Kitchen und haben schon mehrere Morde begangen. Zufälligerweise treffen sie eines Abends in der Kneipe McHales auf Sean Nokes. Als sie sich ihm vorstellen, entschuldigt er sich nicht und bereut nichts. Daraufhin erschießen sie ihn auf der Stelle. Beide werden vor Gericht gestellt und plädieren auf nicht schuldig.

Michael, der mittlerweile für die Staatsanwaltschaft arbeitet, übernimmt die Anklage. Um seine Freunde zu retten, will er den Fall verlieren, indem er heimlich auch die gesamte Strategie der Verteidigung entwirft…

Was zu sagen wäre

Ein Film, wie er sein muss. Ein Film, den man langweilig finden kann, weil einen die Geschichte halt nicht interessiert. Aber es ist eine Geschichte, wie man sie besser im Kino gar nicht erzählen kann. Ich weiß überhaupt nicht, wohin zuerst mit meiner Begeisterung: Robert De Niro? Dustin Hoffman? Das Drehbuch? Die Regie? Vittorio Gassman?

Eine Moritat mit lauter Verlierern

Barry Levinson (Enthüllung – 1994; „Toys“ – 1992; „Rain Man“ – 1988; „Good Morning, Vietnam“ – 1987; American Diner – 1982) entfaltet eine Rachegschichte, die nur Verlierer kennt – moralische und juristische Verlierer. Das ist auch vom ersten Frame an klar; Shakes, der die Geschichte aus dem Off begleitet, sagt im ersten Satz, zwei der vier Freunde ihren 30. Geburtstag nicht erleben werden. Er spricht viel aus dem Off im ersten Drittel des Films. Da erfahren viel über diese geschlossene Welt in Hell's Kitchen. Eine Welt, in der ein Barkeeper Mafiaboss und der heimliche König des Viertels ist („Die Sache wird jetzt unappetitlich. Da komme ich ins Spiel. Ich liebe das.“), in der Cops die Hand aufhalten, Väter ihre Frauen schlagen und Kinder am unteren Ende der Befehlskette stehen, sich aber immer darauf verlassen können, von ihrem Clan, der Familie, der Bande geschützt zu werden – eine harte Welt, aber klar und dadurch ausgleichend gerecht.

Das sind Informationen, die sich so dahin sagen aus dem Off, ein bisschen sind das auch Allgemeinplätze. Hier nicht. Auf diesen strengen Regeln baut der weitere Film sein Drama auf: Auf die Freunde ist Verlass, immer und selbst, wenn diese selbst dadurch Nachteile haben. Also baut Michael als Vertreter der Anklage gegen seine Freunde ein Komplott zugunsten seiner Freunde auf, vor dem der moralisch gerüstete Zuschauer eigentlich erzittern müsste – zumal Sonnyboy Brad Pitt diesen Michael spielt. Der Film feiert die Selbstjustiz, den Lynchmord als passable Lösung, wenn der zu Tötende entsprechend bösartig ist – und natürlich ist dieser Sean Nokes ein besonderes Exemplar des Bösen.

Moralische Fragen nach der Zulässigkeit von Lynchjustiz

Sofort stellt sich als nächste Frage, wer denn bestimmt, ab wann etwas besonders böse ist, dass es den unverhandelbaren Tod verdient. Der Film lässt die Frage außen vor, gesteht seine Amoralität lediglich ein klein wenig im weiteren Werdegang Michaels, nachdem der den als sicher eingeschätzten Schuldspruch versemmelt hat; das schlechte Gewissen treibt ihn aus der Stadt. Aber wir im Kinosessel, die wir Zeuge wurden, was Sean Nokes seinen Schutzbefohlenen antut, finden dessen abrupten Tod gar nicht so falsch – im Kinosessel dürfen wir das und anschließend schlittern wir mitten hinein in die gesellschaftliche Debatte – nicht schlecht für einen Film.

Es gibt schauspielerische Glanzleistungen zu feiern. Vittorio Gassman („Swingers“ – 1992; „Sheherazade - Mit 1001 PS ins Abenteue“ – 1990; „Palermo vergessen“ – 1990) spielt die keine Rolle des ortsansässigen Mafiapaten. Er tut das mit einer Lässigkeit, als wären die Sätze, die er spricht, nicht per Drehbuch gelernt, sondern als kämen sie eben aus seinem Kopf und selbst, wenn er Grausames andeutet, trägt er dieses strenger-aber-gerechter-Onkel-Gesicht. Im Kinosaal haben wir schnell verstanden, dass man den Mann besser nicht blöd anquatscht.

Robert De Niro und Dustin Hoffman liefern Glanzstücke ihres Könnens

Robert De Niro hat viele souveräne Szenen (The Fan – 1996; Heat – 1995; Casino – 1995; Mary Shelley's Frankenstein – 1994; Kap der Angst – 1991; Backdraft – Männer, die durchs Feuer gehen – 1991; GoodFellas – Drei Jahrzehnte in der Mafia – 1990; „Midnight Run – 5 Tage bis Mitternacht“ – 1988; Die Unbestechlichen – 1987; Angel Heart – 1987; Mission – 1986; Brazil – 1985; Es war einmal in Amerika – 1984; Der letzte Tycoon – 1976; „Taxi Driver“ – 1976; Der Pate II – 1974). Als Father Bobby hat er sich einen unverstellten Blick auf die mehr oder weniger kleinkriminellen Jungs im Viertel behalten und führt sie mit klarer, aber nie ausfallender Geste – er hat sich das Vertrauen der Jungs lange erarbeitet. Einmal schleichen sich zwei Jungs in den beichtstuhl und hören sich unerkannt all die heimlichen Geständnisse der Menschen an, die sich einem Priester gegenüber wähnen. Die Art und Weise, wie Father Bobby den Jungs später sanft klar macht, dass er das mitbekommen hat sie ihm deshalb heute Abend freiwillig helfen werden ist zu Spielkunst gereifte Schreibkunst. Später im Film hat De Niro ein langes Close Up. Da hört er erstmals, was wirklich damals in dem Jugendknast vorging. Wir hören Shakes aus dem Off und leicht unscharf die Gräuel formulieren, wir sehen umso klarer die Reaktion des Priesters – diese Szene ist perfekt: Die Regie, weiß, was sie tut, weil sie weiß, wer den Pfarrer spielt – Robert De Niro. Der packt das Entsetzen des Geistlichen in minimale Mimik, in der alles zu lesen steht; Schauspiel auf hohem Niveau.

Dustin Hoffman (Outbreak – Lautlose Killer – 1995; Hook – 1991; Dick Tracy – 1990; Family Business – 1989; „Rain Man“ – 1988; Tootsie – 1982; Kramer gegen Kramer – 1979; Der Marathon-Mann – 1976; Die Unbestechlichen – 1976; Papillon – 1973; Wer Gewalt sät – 1971; Little Big Man – 1970; Die Reifeprüfung – 1967) taucht erst spät auf in diesem Film. Er ist der runtergekommene Anwalt mit Alkoholproblem, der nach Michaels Drehbuch die Verteidigung geben soll. Dieser Anwalt hat seine Zukunft lange hinter sich, ein armes Würstchen, das seinen Rest Würde in öliger Langhaarfrisur und Goldkettchen spazieren trägt. Hoffman spielt diesen Anwalt mit leiser, nur zum Schnarren fähiger Stimme. Und so bewegt er sich auch. Und dass wir Sean Nokes so kalt hassen können, liegt nicht nur an dessen Taten, sondern auch an Kevin Bacon, der ihn spielt (Apollo 13 – 1995; Am wilden Fluss – 1994; Eine Frage der Ehre – 1992; JFK – Tatort Dallas – 1991; „Flatliners“ – 1990; „Im Land der Raketen-Würmer“ – 1990; „Footloose“ – 1984; Freitag, der 13. – 1980). Da ist nichts sympathisch, da ist viel ekelhaft. Es braucht Mut, so etwas zu spielen – und Ausstrahlung.

„Sleepers“ ist ein monumentales Epos aus einer kleinen, klar definierten Welt, die hier für die große ganze Welt steht. Es entlässt uns mit der Gewissheit, dass jede Aktion eine Reaktion nach sich zieht und dass es keines Happy Ends bedarf, um einen guten Film mit einem guten Ende zu produzieren.

Wertung: 11 von 11 D-Mark
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