Kinoplakat (US): Nachts unterwegs – They drive by night
Ein Aufsteigerdrama
mit Film-Noir-Touch
Titel Nachts unterwegs
(They Drive by Night)
Drehbuch Jerry Wald + Richard Macaulay
nach dem Roman „The long Haul“ von A.I. Bezzerides
Regie Raoul Walsh, USA 1940
Darsteller George Raft, Ann Sheridan, Ida Lupino, Humphrey Bogart, Gale Page, Alan Hale, Roscoe Karns, John Litel, George Tobias u.a.
Genre Drama, Film Noir
Filmlänge 95 Minuten
Deutschlandstart
22. Juli 1967 (TV-Premiere)
Inhalt
Die Brüder Joe und Paul Fabrini sind LKW-Fahrer. Der eigene LKW ist noch nicht abbezahlt und Joe träumt davon, seine eigene Spedition zu gründen. Für diesen Traum arbeitet er, doch sein Bruder Paul würde lieber das Vagabundenleben aufgeben und sich mit seiner Frau Pearl niederlassen. In der Nacht, in der die letzte Kreditrate für den LKW verdient werden soll, schläft Paul hinter dem Steuer ein und rast mit dem LKW über eine Klippe. Paul überlebt, verliert aber einen Arm. Der LKW ist völlig zerstört und Joes Träume dahin.

Joe nimmt daraufhin das Angebot von Ed Carlsen, einem Speditionsunternehmer, an und beginnt in dessen Büro zu arbeiten. Lana Carlsen, Eds Ehefrau, ist scharf auf Joe Fabrini, muss aber erkennen, dass Joe in Cassie Hartley verliebt ist. Als Joe sie abblitzen lässt, ermordet Lana im Frust ihren betrunkenen Ehemann. Zunächst wird der Mord als Unfall angesehen.

Videocover (US): Nachts unterwegs – They drive by nightNach dem Tod ihres Mannes bietet Lana Joe eine Beteiligung an der Firma an. Als sie jedoch erkennen muss, dass Joe tatsächlich Cassie Hartley heiraten möchte, bezichtigt sie Joe der Anstiftung des Mordes an ihrem Ehemann …

Was zu sagen wäre
George Raft („The House Across the Bay“ – 1940; „Zwölf Monate Bewährungsfrist“ – 1939; „Piraten in Alaska“ – 1938; Der gläserne Schlüssel“ – 1935) und Humphrey Bogart (s.u.) nebeneinander in einem Film und es ist kein Gangsterfilm! Raoul Walsh hat die dunkle Seite des amerikanischen Traums inszeniert, eine Aufsteigerstory aus dem Milieu der Transportfahrer, ausgebeutet von Spediteuren und selten zuhause. Raft und Bogart verkörpern die unterschiedlichen Typen dieser Aufsteigerstorty. Rafgt ist der wuselige, der an den American Way of Life, an das Jeder kann es schaffen glaubt, dafür rund umn die Uhr arbeitet und keine Familie hat. Bogart gibt den Familienmenschen, der immer wieder betont, er wolle auch mal seine Frau sehen; im LKW schläft er meist auf den Beifahrersitz. Kein Wunder also, die strenge Hollywood-Moral lehnt Müßiggang auf der Leinwand ab, dass Bogart schließlich den Unfall baut und seinen rechten Arm verliert.

Walsh zeigt eine Klassengesellschaft, in der das Menschenleben dem kalten Warenverkehr untergeordnet, berechenbar wird, ein schönes Working Class-Portrait, dem ein Film-Noir-Ende aufgedrückt wird; dass dann doch noch gemordet wird, mag dem Filmstudio geschuldet sein – Warner Bros. sind halt das Filmstudio des harten Gangstermelodrams. So zeigt sich, dass auch in der Welt der LKW-Fahrer für den Aufstieg gemordet wird. Während die Männer für den Aufstieg arbeiten, bleibt den Frauen wahlweise das duldsame Warten auf den Gatten daheim, oder die zielgerichtete Ermordung der Ehemänner, um einen besseren zu bekommen.

Die juvenile Gattin des arrivierten Transportunternehmers Ed Carlsen, die darunter leidet, dass sie ihren Mann von der einsamen Landstraße, die Landstraße aber nicht aus ihrem Mann bekommt, entfaltet gar Stanwyck’sche Boshaftigkeiten bei der Durchsetzung ihrer Ziele – „Sie wissen nicht, was Liebe zu einem Mann bedeutet, aber ich weiß es. Und ich nehme ihn mit, wohin ich auch gehe.“ Ihr Part verliert zum Ende, wenn sie seit dem Mord an ihrem Gatten ein Trauma durchlebt, das sich Bahn bricht, wann immer sich eine Tür öffnet. Das erinnert sie an die Garagentür beim Mord an Ed, bleibt aber aufgesetzt, denn weder hat sie vergessen, dass sie ihren Mann getötet hat (was ein situationsbedingt ausgelöstes Trauma erklären würde), noch hatte sie vorher Schwächen dieser Art angedeutet.

Unvermittelt wird aus der Geschichte zweier Männer die Geschichte zweier Frauen, die die oben skizzierten Lebensanschauungen verkörpern („Heirate sie, aber verlass mich nicht, Joe!“). Ida Lupino gibt dieser Lana diabolische Züge, ohne ins Alberne abzudriften. Ihre Motivation ist klar. Ann Sheridan spielt ihren Gegenentwurf. Ihre Cassie Hartley ist wie ihr Name: liebenswert, sanft, aber cool mit beiden beinen im Leben. Wenn ihr Joe arbeiten muss, ist das okay, signalisiert ihr Gesicht; sie kann – und will – warten. Die dritte im Reigen, Pauls Ehefrau Pearl spielt Gale Page als duldsame Geliebte ihres Mannes, die niemals lauthals Forderungen stellen würde, aber mit Leidensmine fordernd gucken kann.

Der Film, der seine pessimistisch getönte Geschichte als Absage an den Optimismus amerikanischer Prägung versteht, gehört zu den Klassikern unter den rund 200 Filmen von Raoul Walsh.

Wertung: 4 von 6 D-Mark