Kinoplakat: Quellen des Lebens
Eine deutsche Familiengeschichte
Eruptiv, plakativ, berührend erzählt
Titel Quellen des Lebens
Drehbuch Oskar Roehler + Klaus Richter
nach Oskar Rohlers durch die eigene Biografie inspirierten Roman „Herkunft“
Regie Oskar Roehler, Deutschland 2013
Darsteller Jürgen Vogel, Meret Becker, Moritz Bleibtreu, Lavinia Wilson, Lisa Smit, Leonard Scheicher, Sonja Kirchberger, Margarita Broich, Ilyes Moutaoukkil, Alexandros Gehrckens, Annika Becker, Marie Becker, Kostja Ullmann, Thomas Heinze, Wilson Gonzalez Ochsenknecht u.a.
Genre Drama, Biografie
Filmlänge 174 Minuten
Deutschlandstart
14. Februar 2013
Website quellendeslebens.x-verleih.de
Inhalt

Dies ist die Geschichte von Robert. Robert kam in den 1960er Jahren zur Welt, im fränkischen. Seine Kindheit war nicht glücklich. Ach was, sein ganzes bisheriges Leben, aus dem er uns erzählt, ist scheiße.

Der Vater, Klaus, ein verkrachter Möchtegern-Autor, der sich nie um seinen Sohn gekümmert hat, nicht kümmern wollte, darin nur übertroffen von seiner Mutter, Gisela, die zwar wenigstens schreiben konnte und zur gefeierten Literatur-Diva wird, sich aber noch viel weniger für ihren Robert erwärmt; der war ja ohnehin nur ein Unfall, zustande gekommen bei einem Quick Fick, nachdem ihre reichen Eltern sie rausgeschmissen hatten, weil sie ein Verhältnis mit diesem Sohn eines … Gartenzwerg-Produzenten hatte.

Dieser Gartenzwerg-Produzent, Roberts Großvater Erich, war Ende der 1940er Jahre aus russischer Kriegsgefangenschaft heimgekehrt und hatte die Fabrik quasi aus dem Nichts aufgebaut und zum bescheidenen Erfolg geführt – damals wollten alle ihre Gärten originell aufhübschen und Gartenzwerge galten als originell. Erich war nicht glücklich, als Klaus ihm sagte, er wolle die Firma nicht übernehmen, sondern Literat werden, Bücher schreiben, und als er dann auch noch mit dieser überkandidelten, egomanischen Gisela um die Ecke kam, war der Ofen ganz aus.

Roberts Kindheit besteht aus sich ankeifenden Eltern, Milch und dem Befehl, ins Bett zu gehen. Und als die Mutter verschwunden ist und Vater Klaus sich als frustrierter Lektor eine hoffnungsfrohe Jungliteratin nach der anderen ins Bett holt und sich als unfähiger Vater erweist, holen ihn erst Großvater Erich und Oma Elisabeth und später die anderen Großeltern, Giselas Eltern Martin und Hildegard zu sich.

Bei Erich und Elisabeth, immerhin, lernt er schon als Dreikäsehoch Laura kennen, mit Zahnspange und großer Brille, die Tochter der Nachbarn; bei Laura und ihren Eltern fühlt sich Roberts Leben anders an …

Was zu sagen wäre

Drei Generationen, (fast) drei Filmstunden, vier Jahrzehnte Deutschland nach dem Krieg. Dazu ein Regisseur, der ein Drehbuch nach seinem eigenen Roman schreibt und der die eigene, alles andere als einfache Familiengeschichte erzählt – Oskar Roehler ist dieser Robert; das kann nur schief gehen.

Und das tut es auch; jedenfalls, wenn wir streng katholisch sind und den Spannungsbogen des klassischen Familiendramas erwarten, eine irgendwie große Überbau-Geschichte. Aber so schreibt Roehler keine Drehbücher und so filmt er auch nicht („Elementarteilchen“ – 2006; „Der alte Affe Angst“ – 2003; Suck My Dick – 2001).

Wunderbarer Blick auf Wirtschaftswunder, 68er und deren Opfer

„Quellen des Lebens“ stolpert mehrfach, zieht sich bisweilen zäh und ist auch nicht in allen Rollen gut besetzt. Aber ich täte dem Film unrecht, ihn damit in die Tonne zu treten. Denn das Gegenteil stimmt auch – zumindest für Verteter meiner Generation: Der Film liefert einen großartigen Einblick in die deutsche Nachkriegsgesellschaft, in der die Großeltern die Zähne zusammenbissen, ihre Schmerzen, Enttäuschungen und Verwerfungen runterschluckten und das Land wieder aufbauten. Er lässt deutlich werden, warum die Kinder dieser Wiederaufbauer auf die Barrikaden mussten und als „die 68er“ in die Geschichte eingingen – bei Roehler sind diese Kinder – augenscheinlich plakativ – Künstler, die auf Handwerker-Eltern folgen; das war aber nun mal seine Welt.

Er macht aber auch die Folgen dieser 68er-Gesellschaft deutlich, wenn sich herausstellt, dass die als Eltern, als die Gestalter der nächsten Generation, kläglich versagen, weil sich bei ihnen alles nur um sich dreht. Roehler, der nicht ohne Grund mit Brachial-Regisseur John Waters („Serial Mom“ – 1993; Cry-Baby – 1990; „Hairspray“ – 1988) vergleichen wird, schreit sich … filmt sich seinen Furor über diese Eltern aus der Seele, ist plakativ, grell bunt, lässt Figuren zu Chargen verkümmern, hält seinen Faden aber immer in der Hand.

Roehler will alls rauslassen

In seinem Roman, Herkunft aus dem Jahr 2011, funktioniert das besser. Das klingt nach einer Binse, ist es auch. Aber der Roman lässt seinen Figuren auch mehr Tiefe, mehr lebendige Facetten, und mit seinem offenen Ende und dem zuvor eingeleiteten Erzählerwechsel schafft der Roman auch die berührendere Lebensgeschichte; hier bleibt der Film zum Schluss zu eng fokussiert.

Es wäre ein kurzweiligerer, packenderer Film geworden, wenn Roehler die drei Generationen mit Zeitsprüngen verschachtelt hätte, wenn er historische Linien verbunden, Parallelen verdeutlicht hätte. Damit hätte er aber seine Intention verraten: Roehler will alles rauslassen, nicht kunstvoll Filmakzente setzen; bei ihm explodiert auf Szenen einer Kindheit im poetischen Weichzeichner-Pastell der elterliche Ehekrach, auf rührende Großeltern-Miniaturen grob gezimmerte, feuchte Pennälerklischees.

Schauspieler auf hohem Niveau

Auf seine Schauspieler kann sich Roehler dabei immer verlassen. Jürgen Vogel (Hotel Lux – 2011; „Die Welle“ – 2008; Nackt – 2002) und die wunderbare Meret Becker („Kokowääh“ – 2011; Comedian Harmonists – 1997; Rossini, oder die mörderische Frage, wer mit wem schlief – 1997), die die Aufbaugeneration spielen, haben den schwierigsten Part, müssen um vierzig Jahre altern, Moritz Bleibtreu (Schutzengel – 2012; Soul Kitchen – 2009; „Der Baader Meinhof Komplex“ – 2008) als Versagervater Klaus spielt souverän diese durch und durch unsympathische Figur und Lavinia Wilson gibt als neurotische, manisch schreibende Mutter Gisela hier eine Glanzleistung ab – sie reißt mit, im Guten wie im Schlechten. Das ist um so bemerkenswerter, weil Roehler seine Mutter (die Schriftstellerin Gisela Elsner) zum zweiten Mal porträtiert; 2000 spielte Hannelore Elstner die an Roehlers Mutter angelehnte Hanna Flanders in Die Unberührbare. Lavinia Wilson stellt der Elstner-Diva eine sehr eigene, sehr komplexe Figur gegenüber.

Am farblosesten bleibt die Generation Robert, also Roehlers Generation. Roberts blonder Freundin Laura gibt die Niederländerin Lisa Smit ein süßes Gesicht mit strebsam schüchterner Ausstrahlung. Leonard Scheicher müht sich mit dem ziellos umhertreibenden Robert erkennbar ab – was soll er aber auch spielen, wenn dieser Robert nichts hergibt?

Roehler will kein kein Mitleid

Das ist am Ende das Erstaunlichste: Mit dieser konsequent subjektiven Robert-Inszenierung hält sich der Erzähler aus seiner Generationen-Geschichte raus, will weder gesellschaftspolitische Zusammenhänge erklären, noch fordert er Mitleid für seine (auf enervierende Weise langweilige) Figur ein. Sein Robert sagt nur, was ist – aus seiner Sicht. Dazu gehört Mut als Autor und Mut als Regisseur.

Wertung: 7 von 8 €uro